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Saisonthema: selbstlos schenkende Könige – und Königinnen

Ob nun Saisonthema oder literarische Idee, ob Liebe oder Erotik: Das Schenken ist das geeignete Thema für den „Dreikönigstag“, auch „Heilige drei Könige“ oder „Erscheinungsfest“ („Epiphanias“) genannt. Was Epiphanias angeht, so beruht das Fest auf einer Interpretation der christlichen Kirchen. Dem Volk hingegen ist Epiphanias weitgehend geleichgültig, weil das Fest zu abstrakt ist – umso mehr werden die „Heiligen Drei Könige“ als selbstlose Überbringer von wertvollen Geschenken gefeiert.

Wie Sie sicher wissen, waren sie in der biblischen Überlieferung weder heilig, noch drei, noch Könige. Ich übernehme diese Formulierung hier nur aus dem Volksmund. Doch wahrscheinlich ist: Sie waren farbige, ungewöhnliche Gestalten, mit Reichtum, Wissen und Können gesegnet und sie gaben Geschenke, deren Wert bei der schriftlichen Niederlegung der Evangelien unglaublich hoch war.

Das selbstlose Schenken aus vollem Herzen ist selten geworden. Ob materielle Güter, Dienstleistungen oder Liebesdienste – die meisten Menschen schenken nicht einmal mehr, was sie entbehren können.

Verpönt: Eine Gunst verschenken

Noch problematischer ist es heute, eine Gunst zu verschenken, sich jemandem hinzuschenken oder gar seinen Körper zu schenken. Seit der Frauenemanzipationswelle der 1970er Jahre gilt es unter Frauen als ehrrührig, sich erotisch "einfach hinzugeben". Das hat einerseits etwas mit dem neuen Selbstbewusstsein zu tun, andererseits aber leider auch mit einem zunehmenden Egoismus, der seinerseits wieder dazu führt, über Liebe, Erotik, Sex und Beziehungen zu verhandeln. Die Frage ist nicht mehr: „Wie ist das Gefühl, sich einfach hinzugeben (wahlweise: einzulassen)?“ Sondern: „Was habe ich davon, wenn ich mich hingebe (oder einlasse)?“

Hingabe ist nicht Hergabe

Man kann diese Frage aus unterschiedlichsten Sichtweisen behandeln. Allein das Wort „Hingabe“ löst oft heftige Reaktionen aus, dabei ist es von Grund auf positiv: „Ich geben mich ihm hin“ bedeutet nicht „ich gebe nicht her für ihn“, sondern beruht auf dem Wunsch, sich nunmehr ganz fallen zu lassen, sicherlich auch ins Ungewisse. Dazu gehört – man glaubt es kaum – Selbstbewusstsein und Risikobereitschaft. Hingabe ist eben kein Handel (wenn ich dich befriedige, musst du mich auch befriedigen), sondern eine Gunst.

Sich jemandem hinschenken und sich hingeben als Thema

In der Realität unseres Lebens gibt es weiterhin die Gunst als Geschenk, als offenkundigen Handel (Geld oder Geschenke gegen Sinnlichkeit, Lust und Sex) und als verdeckten Handel (tu’s an mir, dann tu ich’s an dir). Indessen ist die reine Hingabe an den anderen, die ausschließlich dazu dient, ihm zu gefallen und mit der keine anderen Absichten verbunden sind, sehr selten geworden.

In dem Maße, in dem die pure Hingabe in der Liebe aus der Realität verschwindet, wird sie allerdings literarisch interessant. Dabei könnten Sie den Konflikt herausarbeiten, der sich aus der Furcht ergibt, sich ganz „fallen zu lassen“, oder sich „bedingungslos einzulassen“. Sie dürfen sich ziemlich sicher sein, dass es in der Fantasie Ihrer Leserinnen, einen Punkt gibt, der, einmal geweckt, ein Feuer entfaltet. Eine recht typische Frauenfantasie besteht ja darin, sich einem geheimnisvoll Fremden an einem unsicheren Ort vorbehaltlos hinzugeben, ohne dass zuvor „verhandelt“ wurde. Diese Fantasie wird selten das Licht der Realität erblicken, weil sie als zu unwahrscheinlich gilt, und wo sie wahrscheinlicher wird, gilt sie als zu gefahrvoll. Doch in der Literatur ist nichts unmöglich – sie führt die Leserin an die Schnittstelle zwischen Fantasie und Realität heran. Bei diesem Thema können sie kräftig in die Wunderkiste der starken Emotionen greifen. Gefahr, Misstrauen und Angst auf der einen Seite, die Lust am Abenteuer, die Freude, sich ganz hinzuschenken und die Freude daran, dem Partner ein wollüstiges Erlebnis zu bereiten, das einzigartig ist – das alles ist ihr Spielmaterial.

Für das reale Leben, wie auch für die Literatur gilt: Königinnen, im Sinne von selbstbewussten Frauen, verhandeln nicht, bevor sie schenken. Aber wenn sie sich schenken, dann tun sie es ohne Pfandscheine. Es wird nichts erlöst, und es gibt nichts zurück.

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