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Manifest

Literatur und Frauen: Sex lernen, Sex genießen

Die These: Junge Frauen wollen über Sex nicht nur wissen, „wie es geht“ – sie sind begierig zu erfahren, „wie man sich dabei fühlt.“ Erotische Literatur könnte dabei helfen, diese Kluft zu überwinden.

Lernen, was Liebe ist und wie sie sich anfühlt


Die erotische Literatur beschäftigte sich bis ins 20. Jahrhundert hinein vor allem mit einem Thema: Was macht ein Mann eigentlich, wenn er mit einer Frau „verkehrt“, und worauf sollte die Frau dabei vorbereitet sein?

Drangen die Schriften etwas tiefer ein in die wundersame Welt des Geschlechtlichen, so behandelten sie ausführlich alles, was die katholische Kirche als „Sünden“ und Psychiater als „Perversionen“ bezeichneten. Als besonders verpönt galt dabei alles, was Lust (oder gar „Wollust“) erzeugen konnte – zumal, wenn der Penis des Mannes nicht etwa stoßend von oben in das „vordere Gefäß“ eindrang, sondern anderwärts auf sinnlichere Art behandelt wurde.

Die These eines modernen Forschers an erotischer Literatur, Werner Fuld,(1) ist nicht von der Hand zu weisen: Die ursprünglichen erotischen Schriften, ob sie nun „anzügliche“ Novellen oder Richtlinien für Beichtväter waren, wurden von Frauen gelesen. Einige von ihnen wurden sogar in Leihbibliotheken ausgelegt, und sie waren so „scharf“ dass manche Dame eine Hausangestellte vorschickte, um sie auszuleihen.

Prüderie und Keuschheitserziehung für Mädchen als Ursache von Erotik-Literatur

Was war der Hintergrund? Der Adel und das gehobene Bürgertum sorgten zu allen Zeiten dafür, dass die jungen Männer in die Hände von Damen gelangten, die sie in der Nutzung ihrer Embola (2) sehr lebensnah unterrichteten. Die Töchter freilich genossen dergleichen Unterweisung nicht. Erwartet wurde, dass sie ihre ersten sexuellen Kontakte mit ihren Ehemännern ohne jegliche Vorbereitung, ja zum großen Teil auch ohne jegliches Wissen über die geschlechtlichen Vorgänge genossen.

Damals: Lehren für die Lust im Ehebett - woher nehmen, wenn nicht lesen?

Da auch die Töchter der damaligen Zeit schon sehr neugierig waren, suchten sie sich Möglichkeiten, beizeiten an die Informationen zu gelangen, die sie voraussichtlich im Ehebett benötigen würden. Dabei standen Informationen durch andere Personen (Dienstpersonal, Freundinnen) an erster Stelle, wo sie jedoch nicht zu bekommen waren, half die einschlägige Literatur aus. Beim Aufkommen bürgerlicher Konversationslexika (Meyers, Brockhaus) wurde es auch üblich, die Grundinformationen aus Lexika zu erwerben, die jedoch niemals den gesamten Informationsbedarf deckten. Töchter mit viel Freiraum wagten gelegentlich, eine voreheliche romantisch-erotische Beziehung zu anderen Frauen einzugehen, doch nur wenige versuchten, wenigstens einmal vor der Ehe herauszufinden, wie es wäre, von einem Mann beschlafen zu werden. Obgleich dazu auch die Freiräume fehlten, war es doch im Wesentlichen die Angst vor Schwangerschaften, die dies verhinderte. Dafür gab es sogar einen Ausdruck, der darauf hindeutet, dass die Liebesnacht mit einem Verehrer vor der Ehe durchaus in oftmals in Erwägung gezogen wurde. Man bezeichnete sie unter Frauen als die Angst vor dem „Lendemain“ (3).

Heute: Nicht wie es geht, sondern wie man sich dabei fühlt

Erotische Literatur hatte also eine Funktion – und wenn wir es genau nehmen, so hat sie diese auch noch heute. Was der Sexualkundeunterricht in den Schulen zeigt, geht zwar weit über das hinaus, was ein Konversationslexikon preisgab, aber es bleibt hinter dem zurück, was selbst historische erotische Schriften preisgeben: die Wonnen der Lust. Denn die Prüderie ist auch heute noch so verbreitet wie die Überzeugung, dass sich junge Frauen sexuell zurückhalten sollten. Sieht man ich die Vorschläge konservativer Kreise zur Sexualerziehung an, so stößt man immer wieder darauf, die Sexualität mit „Werten“ zu veredeln. Auch die angeblich so progressive Gegenseite ist in Wahrheit eher dem konservativen Verständnis einer „Haltung“ zur Sexualität verpflichtet. Der sinnliche Genuss hingegen ist – wenn überhaupt – nur selten ein Thema der Pädagogik.

Blümchensex als Basis - aber plastisch geschildert

Aus dieser Sicht und entgegen allen Bedenken der Moralhüter ist es sinnvoll, auf sogenannten Vanille-Sex (Blümchensex) abzielende Geschichten zu schreiben, in denen die sexuelle Lust im Vordergrund steht. Und obgleich nahezu alle erotischen Romane eher sexuelle Märchen für das Kopfkino sind, lassen sich in ihnen doch authentische Lustgefühle schildern. Erotische Geschichten dienen dazu – und sollen auch dazu dienen – Angst, Scham und innere Abwehr zu überwinden und diese eher negativen Gefühle in Lust umzumünzen. Dazu ist es jedoch nötig, die jungen Heldinnen mit Selbstvertrauen und Experimentierfreude auszustatten und sie nicht in Lotterbetten hineinschliddern zu lassen.

Sollte eine der Leserinnen nach der Literatur eines solchen Werkes sagen „ich bin zwar noch unerfahren, aber selbstbewusst genug, eine wundervolle, erfüllende Sexualität für mich zu entdecken“, so wäre schon viel gewonnen.

(1) Fuld, Werner, "Geschichte des sinnlichen Schreibens", Berlin 2014.
(2) Embulon, (p) Embula - häufig genutzte Bezeichnung für den Penis.
(3) "Der Tag danach" als Synonym für die Furcht, geschwängert worden zu sein.

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