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Manifest

Erotisch schreiben – rein „narrativ“ geht es schief

Vom Hals über die Aureolen bis zum Zentrum der Lust: Oft ein langer Weg
Warum sind gute erotische Beiträge im Internet so selten? Der Hauptgrund, so vermute ich, liegt darin, dass die Menschen sich des Handwerkszeugs bedienen, das sie in der Schule gelernt haben. Dort lernt man, „narrativ“ zu schreiben, was nichts anderes bedeutet als eine Geschichte zu erzählen. Geschichten zu erzählen kann wunderschön sein, und jeder kennt ein Beispiel dafür. „Es begab sich aber zu derselbigen Zeit“ klingt dem Christen in den Ohren, „Einst weilte der Erhabene …“ dem Buddhisten, und „Es war einmal …“ den Kindern, die einem Märchen lauschen. Da es überall Beispiele für den erzählerischen Stil gibt, neigen Autorinnen und Autoren dazu, ihn sinnvoll zu finden - auch für erotische Schriften.

Doch schon bald wird deutlich: Das Repertoire eines Erzählers reicht nicht auf, um die erotischen Komponenten einer Geschichte herauszuarbeiten. Von der ersten Berührung über den Zungenkuss bis zum Spreizen der Beine geht alles übergangslos. Was Sie hier lesen, ist ein Muster einer Erotik-Story, die im Grunde nicht übel ist, aber den Nachteil hat, schnell zu verglühen. Das Muster schrieb eine Kollegin nach dem Muster eines Internets-Beitrags, der im Original noch viel "robuster" gestaltet wurde:

«Roger küsste meinen Hals sanft, aber so sinnlich, dass mir kleine Schauer der Lust den Körper hinunter rannen, sich an meinen Brustwarzen verfingen und sich langsam den Weg zu meiner Muschi suchten. Er küsste mich weiter, fand schließlich meine Lippen und erzwang mit seiner fordernden Zunge den Eintritt. Ich spürte ein Ziehen im Bauch, das typische Zeichen dafür, dass ich geil wurde, und ließ das Feuerwerk zu, dass seine unermüdliche Zunge in meinem Mund erzeugte. Ich lockerte meine Beine, weil meine Muschi ihr Recht forderte – sie schien zu bemerken, dass eigentlich sie gemeint war. Dann ging alles blitzschnell: Immer noch sanft und liebevoll zog er mir den Tanga von den Beinen, sagte leise: „Ich glaube, den brauchst du heute nicht mehr“, und zog sich daraufhin selbst wortlos aus. »


Obgleich diese Geschichte manchen Erotikfreund inspirieren dürfte, zeigt sie doch: Ohne wirklich intensive Gefühle, ohne innere und äußere Dialoge wird auch ein an sich gut gestaltete Erotikgeschichte bald enden, wenn sie „narrativ“ aufgebaut wurde.

Wenn Sie diese Geschichte einer Verführung farbiger gestalten, sie verlängern, vertiefen und intensivieren wollen, gibt es fast nur einen Weg, der aus dem Bereich des „Kreativen Schreibens“ kommt: Versuchen Sie, ihre Heldin zu begleiten. Stellen sie sich vor, sie würden dort stehen, sitzen oder liegen, wo ihre Heldin liegt. Sie tragen ein schulterfreies Nachmittagskleid, erwarten sehnsüchtig eine erotische Begegnung, wollen sie aber auch nicht sogleich an den Mann verschenken. Sie recken ihm den Hals entgegen, erwarten, dass er sie zuerst dort küsst. Nun spüren Sie seine Lippen, zugleich seinen Atem und seinen Duft. Selbst unter den saften Küssen, die der Mann ihrer Heldin auf den Hals gibt, erahnt sie die Leidenschaft, zu der er fähig ist.

Ich verlasse Sie und Ihre Heldin hier. Bis die ersten sanften Küsse ihren Weg durch die Nervenbahnen gefunden haben, die Aureolen erreichen und umkreiseln und schließlich einen spürbaren Impuls in der Vagina hinterlassen, wird einige Zeit vergehen. Lassen Sie einfach zu, dass Sie für einen Moment den Platz ihrer Heldin einnehmen, und fordern Sie ihre Heldin erst wieder, wenn Ihre Story vorangetrieben werden soll.

Textbeitrag (Zitat) von Isidor Fecekazi, © 2015 by liebesverlag.de

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