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Erotisch schreiben? Das bedeutet: Verführen mit Worten

Erotische Geschichten sind Fantasien, sicherlich. Aber sie können mehr als das sein. Sie können uns auch ein Stück des Weges weisen, und uns dazu ermutigen, unser erotisches Selbst zur Blüte zu bringen. Deshalb die Frage: Worin liegt meine Verantwortung als erotische Schriftstellerin, meine Geschichten ethisch und verantwortlich zu schreiben?

Sinclair Sexsmith, Autorin und Sexualberaterin

Verführen mit Worten in erotische Träume hinein


Erotische Literatur ist nicht nur verpönt, weil man „so etwas nicht schreibt“. Sie gilt auch nach wie vor als ethisch fragwürdig, wenn nicht gar unkorrekt. Sowohl Autoren/Autorinnen wie auch Leser/Leserinnen nehmen dies billigend in Kauf, und nicht nur das Internet ist voll von erschreckenden, literarisch wertlosen, aber aufgeilenden Storys. Nein, auch was in den Buchhandlungen und E-Book-Shops herumliegt, ist oftmals dazu geeignet, ethische Fragen aufzuwerfen, weil den Schreiberinnen und Schreibern der erotische Gaul durchging.

Doch in einem Punkt müssen wie uns einfach abheben: Wir schreiben für Menschen, die in Träume und Fantasien hineingezogen werden wollen, die sie selbst niemals körperlich erleben werden – und dies teilweise gerade deshalb, weil wir an ihren Grenzen kratzen. Die Furcht vor Grenzüberschreitungen ist eines der bevorzugten Themen in der erotischen Literatur – eben gerade, weil es ethisch so „inkorrekt“ ist, sich hinzugeben, verführen zu lassen oder einfach der Wollust nachzugeben.

Erotische Schriftsteller verführen mit Worten

Wer erotisch schreibt, verführt mit Worten. Wie alle realen Verführerinnen und Verführer auch ist er ebenfalls begierig, seine Ziele zu erreichen, was nur gelingt, wenn er tief in ihre Gefühlswelt eindringt und den Verführten ein klein wenig das Steuer aus der Hand nimmt. Und wie bei realen Verführungen, werden die Verführten zu Komplizen der Verführer.

Wenn Sie nun denken, Verführungen seien immer unethisch, weil ein Mensch etwas durchzusetzen versucht, während sich der andere widersetzt, dann muss ich Ihnen diese Meinung lassen. Aber ich weise Sie darauf hin, dass eine Verführung unmöglich ist, wenn der Partner nicht eine latente Bereitschaft in sich spürt, dem anderen zu verfallen – in unserm Beispiel also den Schilderungen des erotischen Romans.

Als Autorinnen und Autoren folgen wir dem Verlangen der Leserinnen und Leser, wenigstens einmal in ihren Fantasien tief einzutauchen in die Wollust, die ihnen ihr Glaube, ihr Stand, ihre Position oder ihr Gewissen verbietet. Sie sollten uns dankbar sein.

Ethisch verantwortungsvoll schreiben - die Angst vor der Lust nehmen

Ethisch verantwortungsvoll zu schreiben, heißt also nicht, ethische Grenzen unberührt zu lassen. Das könnten Autoren auch gar nicht, weil jeder Mensch seine eignen ethischen Grenzen hat und wir deshalb ständig mit „Grenzübertritten“ zu tun haben.

Aber wir können sagen: Wir schreiben für Sie, weil wir Sie erfreuen wollen. Und auch, weil wir Ihnen erklären wollen, dass Sie keine Angst davor haben müssen, sich einmal wirklich zu verlieren – sei es an unsere Worte oder an einen wundervollen Menschen, der Ihnen Lust schenkt. Übrigens vertrauen wir Ihnen, dass Sie verantwortlich handeln, denn wir halten Sie für erwachsen.

Ich hoffe, Sie halten sich auch dafür.