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Warum ist das Verbotene so erotisch?

Warum ist das Verbotene so erotisch?


Wir leben in einer relativen Sicherheit. Wir wünschen uns, dass unser Partner morgen wieder neben uns aufwacht, wir wünschen uns Treue von ihm, und wir erwarten von der Beziehung Zuverlässigkeit und Kontinuität. Aber – wir haben auch dieses verborgene Verlangen nach Abenteuern, dem Neuen, dem Unbekannten, dem Unerwartete. Wir schieben diese Wünsche ganz nach hinten in unsere Preziosen-Schatulle, die wir nur öffnen dürfen, wenn wir allein sind. Manche dieser Wünsche sind so exotisch, dass wir uns gar nicht trauen dürfen, ihre Umsetzung zu planen, vor anderen fürchten wir uns selbst zu sehr, um sie zu realisieren. Nur ganz wenige dieser Fantasien werden in Realszenerien oder Rollenspielen jemals verwirklicht - und nicht immer wird unser Ehepartner auch unser Gespiele/unsere Gespielin sein, wenn es um die Ausführung geht.

Sehen sie, hier setzen Sie als Autorin oder als Autor an. Was Sie schreiben, ist das Vehikel, um die Fantasien aus der verborgenen Schatzkiste zu befreien und sie mit jemandem teilen zu können – mit ihrer Heldin oder Ihrem Helden.

Das Verbotene, das Verfemte - unglaublich erotisch

Warum ist das Verbotene oder Verfemte so erotisch? Weil wir es vermutlich niemals tun werden, aber glauben, dass es uns den Atem rauben würde, wenn wir es täten. Ungewöhnliche Umstände mit sexuell unersättlichen Fremden,, die uns gewaltige Orgasmen bescheren, und in denen die Lust in Wollust umschlägt. Lustvolle Dreier mit allen Varianten und ungeplanten Überraschungen. Dem Fremden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Sich verantwortungslos hingeben oder in Schmerzlust suhlen.

Es ist keine Schande. Natürliche Geilheit und eher eingeschränkte, zivilisierte Sexualpraktiken existieren im Denken parallel, und wir haben das Recht auf unser Eckchen im Hirn, in dem wir die schlafenden Bestien ungebändigter Wollust gefangenhalten.

Fantasien: Wir tun es nicht - es ist aber im Hinterkopf

Wir kopulieren nicht mit gefährlichen Fremden, lassen uns nicht in einsamen Hütten fesseln, verirren uns nicht in Gay- oder Lesbenbars, und laden werde Paare noch dritte Einzelpersonen nein, um mit ihnen Orgien zu feiern. Wir hassen Schmerzen und gehen zum Arzt, wenn wir sie empfinden – und suchen sie nicht auf, um daran Lust zu gewinnen.

Obgleich dies alles so ist, könnte es sein, dass wir uns heimlich danach sehnen, davon träumen und darüber fantasieren. Unsere menschlichen Gehirne verfügen über ein enormes Abstraktionsvermögen und können uns Dinge „erleben“ lassen, die wir niemals ausführen würden.

Was hat das alles mit dem erotischen Roman zu tun?

Im erotischen Roman lechzen, lieben und leiden wir mit den Heldinnen und Helden, werden zu verführerischen Schurken oder naiven, bedrängten Jungfrauen. Wir nehmen den Rohstock gedanklich in die Hand und ergötzen uns an noch weißen, ungezeichneten Pobacken. Oder wir präsentieren den nackten Hintern und bangen oder lüstern in Erwartung der kommenden Schläge. Die Protagonistinnen und Protagonisten leben die Erfahrungen aus, die in unsere hintersten Kämmerlein schlummern. Sie sind die Stellvertreter auf der Bühne eines Lebens, das wir nicht führen wollen und können.

Wenn Sie Autorin oder Autor sind und gerade hingebungsvoll in sich hinein gelauscht haben, dann werden Sie nun wissen, was ihre Leserschaft erwartet: Sie sollen das aus streng-moralischer Sicht Verbotene, Unerhörte und absolut Verwerfliche in Ihren Zeilen Wirklichkeit werden lassen. Ihr Roman ist der Ort, an dem sich die höchst frivolen Begegnungen ereignen, die ansonsten vom Verstand blockiert werden.

Nutzen Sie diese Möglichkeit. Auch wenn uns Elisabeth Benedcit dies sagt:

Über den ehelichen Sex zu schreiben, kann genauso prickelnd sei wie wie das Entwerfen einer stürmischen Begegnung zwischen Liebenden, die sich seit Jahrzehnten nacheinander verzehren.


Schreiben Sie lieber über das Ungewöhnliche

Ja – aber es kommt drauf an, in welchem Zusammenhang. In einem nicht-erotischen Roman, in dem man eine erregende Sex-Szene benötigt, vielleicht. Doch die Leserinnen und Leser erotischer Romane langweilen sich, wenn sie etwas lesen, was sie „beinahe“ erlebt haben oder morgen problemlos erleben könnten. Sie wollen das „eigentlich Verbotene“, das Geheimnisvolle, das in ihren Hinterköpfen wohnt.

Vielleicht denken Sie einfach mal daran, dass die meisten Menschen ihre geheimen erotischen Fantasien niemals wirklich erfüllend verwirklichen können – zum Teil auch deshalb, weil sie in der Realität gar nicht wirklich lustvoll wären.

Also – Sie sind dran. Schreiben sie ihr erotisches Märchen, und erfüllen Sie Ihren Leserinnen und Lesern die Fantasien, die sie selbst niemals erfüllen würden oder können.

Dumm-Erotik: Wie der Pfahl in die Eingeweide eindringt

Nicht jeder Pfahl ist ein Phallus, und gepfählt wird hier auch nicht
Offenbar schreiben Autorinnen und Autoren heute Erotik, als würde ein Fließband laufen. Immer dieselben Versatzstücke zusammenpusseln, und wenn ein Stückchen vom Puzzle fehlt, macht es auch nichts: Hauptsache der Penis fluppt aus den Jeans, als ob er ein Kastenteufel wäre.

Ob professionelle Autoren oder wichtigtuerische Jünglinge: Da wird Erotik ebenso ausgespart wie Realitätssinn, und Gefühle dürfen bei den meisten Autorinnen und Autoren sowieso nicht vorkommen, weil sie damit nichts anfangen können. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man sich im Internet umsieht.

Er pfählt sie, sie pfählt sich

Gerade bin ich über den Begriff des „Pfählens“ gestolpert. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass der historische „Dracula“ auch als „Vlad, der Pfähler“ bekannt war. Er wurde von Historikern so bezeichnet, weil er die unangenehme Eigenschaft hatte, seine Feinde bei lebendigem Leib zu „pfählen“ – eine Prozedur, bei der sie langsam und qualvoll starben. Ich erlaube mir, Ihnen Einzelheiten zu ersparen.

Das Wort wird begierig aufgegriffen, wenn es darum geht, das Harte in das Weiche zu bringen. Da wird eine Dame nach der Entnahme des Penis aus der Hosenfalle, sogleich „gepfählt von der pulsierenden … Härte, die er mir bis in die Eingeweide gestoßen hat.“ Hübsches Bild, nicht wahr? Man sieht sie so richtig quietschen und spritzen, die Eingeweide. Weniger bildhaft sieht das ein Jüngling, der schreibt: „Er pfählte mich im wahrsten Sinne des Wortes.“ Wer mit dem Wort "pfählen“ gar nichts anzufangen weiß, der schreibt: „Er pfählte sich in mich“. Ansonsten wir gepfählt, was der Phallus hergibt:

Er pfählte mich auf seinem heißen (harten, steifen) … Penis.
Ich pfählte mich auf seinem Glied.
So … pfählte mich sein Glied besonders tief.
Pfählte mich gleichsam, spießte mich unerbittlich auf …
Pfählte mich wie ein Schwein, das man abschlachtete.


Pfählen von vorn, pfählen von hinten

Nun kommt es noch ein bisschen drauf an, ob die empfindsamen Stellen einer Dame gepfählt werden (was zu zu Zeiten des Vlad Dracul selten vorkam), oder ein Herr, oder anders ausgedrückt: ob der Pfahl von hinten und von vorne eindringt.

Vorab gesagt: Von hinten kommen die wirklichen Brutalos zu Wort, und dann heißt es: „Erbarmungslos pfählte mich sein Stecher“ Oder in einer englischen Geschichte: „Sie stieß hart zu pfählte meinen Anus mit dem ersten Stoß“. Nun, es geht noch schlimmer – ich erspare Ihnen dies, jedenfalls für heute.

Nun kann Lust heftig sein – vor allem im erotischen Roman. Sie kann bis an die Grenze der Brutalität gehen und sogar darüber hinaus. Nur muss dies alles irgendwie in einem Sinnzusammenhang stehen, um noch als erotisch zu gelten. Und wenn dies so wäre, dann könnte man sicherlich auch einmal das Wort „pfählen“ verwenden – aber bitte nicht für einen ganz gewöhnlichen Vaginalverkehr, der nur ein wenig heftiger ausfällt als sonst.

Übrigens fand ich in keinem der von mir untersuchten Beiträge eine Schilderung der heftigen Schmerzen, die beim sexuellen „Pfählen“ entstehen, was mich nicht wundert: Gefühle sind ja so schwer zu beschreiben …