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Bringt Sinneslust in die Literatur

Sinnliche Lust um 1900 - Catulle Mendés


Der Erfolg schimmert hinter 50 Schattierungen von Grau – das meinen jedenfalls derzeit viele Autorinnen und deutlich weniger Autoren.

Schon merkwürdig, dass es ausgerechnet graue Schatten sind, die über der Liebe liegen, nicht wahr? War die Liebe nicht rosa, rosig oder gar rot? Die Katzen konnten bei Nacht noch so grau sein, doch wenn sich ihr feuchtes rosa Mäulchen öffnete, stiegen die Hormone der Männer nahezu sichtbar in ihre Augen auf.

Fragen wir uns also, was sexuell motivierte Literatur heute bedeutet, und ob wir den Schatten von Grau wirklich folgen sollten.

Dazu machen wir einen kleinen Ausflug in die Möglichkeiten – ganz unabhängig von der Farbe Grau.

Die beiden Extreme - Sex-Szenen aneinanderreihen oder lustvoll schreiben

Es gibt mehrere Methoden, Sex in eine Erzählung einzubinden. Der Sex kann beispielsweise Nebensache innerhalb einer Handlung sein, die ganz anders angelegt ist. Dann begnügen sich die Autoren möglicherweise mit dem Satz „dann schliefen sie miteinander, aber dadurch änderte sich nichts.“ Autorinnen, die so schreiben, versuchen, das Thema der Lust zu bagatellisieren.

Das Gegenteil finden wir in der niedergeschriebenen Pornografie. In ihr werden die Charaktere und Handlungen auf die möglichen Varianten des Geschlechtsakts reduziert, was Autorinnen wie Autoren stets in Verlegenheit bringt. Das liegt hauptsächlich daran, dass ein Geschlechtsakt „als solcher“ ungefähr so aufregend und facettenreich beschrieben wird wie das Einstecken eines Steckers in eine Haushalts-Steckdose. Aber selbst dies spricht noch manche Leserinnen und Leser an.

Das etwas angejahrte Urteil von Dr. Paul Englisch (1) über die erotische Literatur mag uns helfen, den Unterschied zu verdeutlichen:

Geistlose Schmierereien, die lediglich „Unzucht“akt an „Unzucht“akt reihen, reizen nicht oder doch nur die misera plebs.(2)


Wie er weiter ausführt, macht den Reiz einer erotischen Erzählung nicht die „Häufung der Wollustszenen“, sondern die Steigerung der Lust von Satz zu Satz oder von Kapitel zu Kapitel den Reiz aus. Andernfalls würde sehr schnell eine Einförmigkeit auftreten, die den Sinnen zunächst schmeicheln mag, aber die Lust auf das Weiterlesen eher hindert. Heute würde man sagen: Diese Art von Literatur dient lediglich als Masturbations-Vorlage.

Der Lust und des Meeres Wellen

Erotische Literatur setzt also voraus, dass die Sinneslust von Zeile zu Zeile, Seite zu Seite oder Kapitel zu Kapitel gesteigert wird. Je umfassender das erotische Werk, das man plant, umso mehr sollte man allerdings darauf achten, die erotischen Wallungen so zu beschreiben, als würde das Meer eine Welle ans Ufer treiben. Ich nehme an, sie haben dies schon gelegentlich beobachtet. Zu Anfang sehen sie nur, wie sich in der unendlichen Weite des Meeres ein leichtes Kräuseln zeigt. Getrieben von der Kraft des Windes bäumen sich die Wellen auf, werden bisweilen übermächtig, reißen alles mit, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Wellenkamm schwillt bedrohlich, doch die allgegenwärtige Schwerkraft sorgt dafür, ihn wieder zu Boden zu bringen. Die Welle stürzt in sich zusammen oder bricht sich in lautem Getöse an den Felsen.

Wenn Sie im vorausgegangenen Absatz einige Wörter durch erotische Begriffe ersetzen, werden Sie sofort wissen, wie erotische Literatur „funktioniert“.

Schreiben mit der Wollust eines Jazz-Quintetts

Wenn Sie ausschließlich erotisch schreiben wollen, aber auf keinen Fall Langeweile oder Wiederholungen aufkommen lassen wollen, dann folgen Sie mir einfach in ein Jazzlokal. Sehen Sie die Band auf der Bühne? Nehmen wir an, wir hätten dort ein Quintett, bestehend aus Saxofon, Trompete, Klavier, Bass und Schlagzeug.

Üblicherweise wird das Thema dadurch eingeleitet, dass Trompete und Saxofon einander umspielen, wobei sie das „Thema“ verdeutlichen. Dann wechseln sich Trompete und Saxofon ab: Der Trompeter wird seinem Instrument beispielsweise klare, scharfe, jubelnde Töne entlocken. Der Saxofonist wird sein Instrument zum Schmeicheln, Locken und Umgarnen bringen. Irgendwann werden beide schweigen, und ein Pianist wird sinnliche Tasten anschlagen, die im Gemüt nachklingen. Bald wird man den eindringlich zupfenden Ton des Bassisten hören, dessen tiefe Lagen unseren Körper zum Mitschwingen und Nachklingen bringen. Schließlich werden wir vielleicht noch ein eindringliches Solo des Schlagzeugers hören, der mit einem ganzen Arsenal von Instrumenten den Rhythmus in uns zum Pochen bringt.

Die Lust am Knacken wie am Verspeisen der Nuss

Erotisches Schreiben ist nicht immer sinnliches Schreiben – und umgekehrt. Aber erotisches Schreiben ohne Sinnlichkeit wirkt wie eine Wallnuss, die man zu heftig geknackt hat. Am Ende liegt der Tisch voller Bruchstücke, und weder die Lust am Knacken noch am Verspeisen der süßen Nuss will sich einstellen.

Kitsch as Kitsch can - oder Sinnlichkeit?

Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass ja gerade die „50 Shades of Grey“, also die 50 Varianten der Farbe Grau, ziemlich farblos waren, das Buch aber dennoch zum Welterfolg wurde. Damit haben Sie recht – aber bitte bedenken Sie, dass die Autorin damit sozusagen „erstmalig“ in eine Tabuzone vorgedrungen ist. Denn zuvor waren erotische Werke aus Frauenhand für hochintelligente, sinnliche, neugierige und sicherlich auch emotional belastbare Frauen gedacht. Sie könnten dabei zum Beispiel an die „Geschichte der O“ denken. Die „Shades“ wandten sich aber an die Leserinnen von romantischer Kitschliteratur, die endlich auch auf eine erotische Erlebnisreise mitgenommen werden wollten. Und sie werden wieder in der Versenkung verschwinden, wie so viele andere romantisch—erotische Machwerke.

Wer sich heute mit Kunst (sie betrachten Schreiben doch als Kunst, oder nicht?) beschäftigt, der wir bald wissen: Hier wird gekonnter, geplanter und marketingstrategisch bestens platzierte, mit Geld abgenähte Kunst verkauft – dort entstehen Eruptionen der Sinne, die alles andere als marktgerecht sind.

Ich plädiere sehr dafür, erotische und zugleich sinnliche Literatur zu schreiben, Bilder zu malen, Skulpturen herzustellen und die „Lust an sich“ auf die Bühne oder in digitale Bilder umzusetzen. Wenn Sie das tun wollen, ohne nach Reichtum und Ruhm zu streben, beglückwünsche ich Sie schon jetzt.

(1) Zitat aus: Irrgarten der Erotik. Eine Sittengeschichte über das gesamte Gebiet der Welt-Pornographie.
(2) Misera plebs: Das einfältige Volk
Bild: Nach einer vergilbten Vorlage von Catulle Mendès, aufgehellt und weitgehend entfleckt.

Erfahrung kontra Fantasie – muss ich alles wirklich erlebt haben?

„Wenn du wüsstest, wie wenig Erfahrung ich habe.“
„Vielleicht. Aber an Fantasie hast du ja mehr als genug“


Diese Brust wogt nicht - aber sie regt dennoch die Fantasie an


Der kurze Dialog aus „Fuchsia“ mag Ihnen zeigen, wie wenig sexuelle Erfahrungen Sie benötigen, um erotische Literatur zu schreiben. Denn wie nahezu alle Erotik-Autorinnen, haben Sie vermutlich ein recht begrenztes Repertoire an erotische Erfahrungen, von denen ich hier mal vorsichtig diese zehn Varianten nenne:

1. Lust mit Liebespielzeugen.
2. Sex oder erotische Handlungen an Männern.
3. Sex oder erotische Erlebnisse mit Frauen.
4. Erotische/sexuelle Dreier mit zwei Frauen.
5. Erotische/sexuelle Dreier mit zwei Männern.
6. Partnertausch und Orgien.
7. Sex in gefährlichen Situationen.
8. Willentliche Unterwerfungen.
9. Dominierung des Partners.
10. Fesselungen und Schläge zur Luststeigerung.

Wie kann eine Autorin oder ein Autor über etwas schreiben, was sie/er nicht selbst erlebt hat? Die Antwort ist verblüffend: indem sich der Autor bemüht, ganz in die Person hineinzukriechen, die handelt, und ihre Gefühle in der ganzen Bandbreite nachzuvollziehen versucht.

Was Ihre Erfahrung nicht hergibt, muss also ihre Vorstellungskraft erschaffen. Zwar können Sie fremde Werke oder gar das Internet benutzen, um fehlende Erfahrungen durch „Abkupfern“ zu vervollständigen. Diese Methode führt aber zu wenig lebensnahen Schilderungen. Einer der Hauptkritikpunkte an den „Shades of Grey“ war ja, dass die Flagellationsszene im ersten Band so „aufgesetzt“ wirkte. Den Fehler, anderwärts Halbwissen zu entleihen, unterläuft also auch prominenten Autorinnen und Autoren.

Besser für Sie und ihre Leserschaft ist stets, sich soweit wie möglich „assoziativ“ in das fremde Gehirn hineinzuversetzen und die die körperlichen Vorgänge „von dort aus“ wahrzunehmen.

Es ist eine Art Puzzlespiel. Wenn Sie sich vorstellen können, wie ein Penis in eine Vagina eindringt, und was dabei im Hirn einer Frau geschieht, dann können Sie sich vielleicht auch vorstellen, wie ein Penis in den Anus eines Mannes eindringt. Wenn sie schon einmal vor einer Person des anderen Geschlechts „gekuscht“ haben, dann sollte es Ihnen auch möglich sein, eine sexuelle Unterwerfung nachzuvollziehen. Und die Gefühle, die Metalle, Leder, Pelze, Federn, Stockhiebe, Wachs oder Eis auf der Haut auslösen, können Sie leicht selbst in Erfahrung bringen.

Sehen Sie sich nun noch einmal die zehn Punkte an. Welche können Sie sich davon nicht in ihrem Kopf vorstellen? Über welche haben Sie gar keine Fantasien?

Lasse Sie diejenigen Punkte Weg, bei denen Ihre Fantasie versagt, und konzentrieren Sie sich auf jene, bei denen ihre Fantasie besonders heftig angeregt wird. Damit können Sie Ihre Geschichten auf den Siedepunkt bringen, ohne spezifische Kenntnisse aller sexuellen Lüste und Abweichungen haben zu müssen.