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Erotische Literatur: Den Körper sprechen lassen – mit Gefühl

Diffuse Gefühle ... spricht der Körper?

Da ist Ihr Körper. Er ist durchsetzt von feinen Nervenenden, die alle in der Lage sind, wichtige Informationen ans Gehirn zu übermitteln. Es kann damit umgehen und verarbeitet alles, was zu ihm gelangt, in Bruchteilen von Sekunden. Dann löst es entweder kurzfristig Reaktionen aus oder bereitet längere Prozesse vor.

Wir können festhalten: Der Körper reguliert sich normalerweise selbst. Er sendet selten Signale ans Hirn, die in unser Bewusstsein eindringen. Sollte dies dennoch der Fall sein haben wir es mit einer besonderen Situation zu tun, die unsere Aufmerksamkeit erfordert. Soweit die Theorie.

Den Körper nicht entfremden, sondern als Teil des Selbst behandeln

Doch wie kann man dies alles in Worte umsetzen? Ist es überhaupt erotisch, wenn wir die sinnlichen Empfindungen zurückstellen? Wenn nicht wir aus unseren Gefühlen heraus sprechen, sondern unseren Körper sprechen lassen?

Zuerst in die Giftküche: mein Körper, das Anhängsel

Ich zeige Ihnen an einigen Beispielsätzen, was Sie besser nicht schreiben sollten, wenn Sie lebendig erzählen wollen:

„Als er mich berührte …“
- „zuckte ich am ganzen Körper zusammen.“
- „fühlte ich, wie mein Körper zusammenzuckte,“
- „zuckte mein Körper zusammen“.


Wenn sie diese Sätze „eigentlich ganz gut“ fanden, will ich ihnen nun eine andere Version des Geschehens präsentieren, das keinen Anspruch auf literarische Qualität erhebt, sondern nur zeigen soll, wie Sie Ihren Körper zu Ihrem Selbst machen.

Seine Hände elektrisierten mich. Wie unter einem leichten Stromschlag zuckte ich zusammen, sobald er mich berührte. Während sich seine Fingerkuppen in meinen nackten Rücken pressten, sandten sie winzige Schockwellen in meinen gesamten Leib. Manche verloren sich bereits in meinem Nacken, und andere versiegten auf Bauch und Rücken. Doch dann und wann drangen diese Wellen tief bis zu meiner Vagina (1) vor. Kein Zweifel: Ich wurde geil von dem süßen Schmerz, der er mir bereitete.


In erotischen Geschichten den Körper nicht von der Person trennen

Der Körper sollte also „aus der Person heraus“ sprechen, nicht isoliert von ihr. Im Beispiel:

- Seine Hände elektrisierten MICH.
- Wie unter einem leichten Stromschlag zuckte ICH zusammen.
- … in MEINEN nackten Rücken pressten …
- … (die Schockwellen) verloren sich in MEINEM Nacken … drangen bis zu MEINER Vagina vor.

Selbst in durchaus professionellen Erzählungen werden plötzlich „Knie weich“ und „Körper schwach“ - und manche Anfängerin denkt: "Wenn die Profis dies so formulieren, dann kann ich es auch so schreiben. Um es einmal deutlich zu sagen: Professionelles Schreiben bedeutet nur, dass der Autor aus beruflichen Gründen schreibt. Es bedeutet keinesfalls, dass es sich um eine Meisterin oder einen Meister des Metiers handelt.

Weil gerade Vielschreiber ihre Bücher sozusagen „am Fließband“ produzieren müssen, benutzen sie gerne Formulierungen, die griffig und plakativ sind, aber keine große geistige oder gar schöpferische Anstrengung verlangen. Kritische Leserinnen und Leser bemerken dies immer an der Art, wie Gefühle geschildert werden. Denn alles, was im Körper vor sich geht, kann verdinglicht werden, zum Beispiel, wenn eine Frau schreibt, wie sich „ein Orgasmus in ihr aufbaut“ oder sie „eine Welle von Lust empfindet.“

Wenn die Autorin oder der Autor die Handlung nicht „lebt“, dann werden Gefühle nicht empfunden, sondern durch Verallgemeinerungen abgewertet, etwa so, wie in diesem Satz, in den Sie nahezu beliebige Begriffe einsetzen können:
Achtung - Giftschrank! Niemals verwenden!
Das Gefühl (die Lust, der Schmerz, der Orgasmus) war anders (erniedrigender, erregender, lustvoller) als alles, was sie sich jemals ausgemalt (erdacht, erträumt, vorgestellt) hatte.


Das Beispiel, das in ähnlicher Form durchaus in der Literatur zu finden ist, mag Ihnen zeigen, wie nötig es ist, neue, individuelle, erregende erotische Literatur zu schreiben. Versuchen Sie es einfach.

Denken Sie also daran: Ihre Heldin erlebt die erotischen Momente durch ihren Körper, nicht unabhängig von ihm.

Die Ausnahme: Der Körper soll bewusst ein Eigenleben bekommen

Nachdem dies gesagt ist, habe ich eine kleine, korrigierende Anmerkung für Schreib-Profis parat (2): Der „sprechende Körper“ kann durchaus als Stilmittel verwendet werden.

Hier ein Beispiel:

Mein Penis schien ein Eigenleben zu führen. Er reagierte nicht mehr auf die Eisschollen, die ich mir verkrampft vorzustellen versuchte, sondern er begann mit jenen Zuckungen, die einen Orgasmus ankündigen.


In diesem Text wurde der Körper mit einer Eigendynamik ausgestattet, die sich dem Denken des Helden ganz bewusst entzieht. Diese Möglichkeit eignet sich vorzüglich, um Unterschiede zwischen dem kulturell erwünschten, kotrollierten Verhalten und den unkontrollierbaren, „animalischen“ Vorgängen im Körper der Protagonisten zu schildern.

(1) Diese Textstelle lässt sich selbstverständlich mit Gefühlen anreichern – nur der Kürze halber habe ich Sie mit dem Wort „Vagina“ allein gelassen.
(2) Selbstverständlich ist jeder Stil zulässig - der übrige Artikel reichtet sich aber überwiegend an schreibende Amateure.