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Lebendige Erotik schreiben: der Selbstversuch mit einer Kleinigkeit

Selbst fühlen?
Vielleicht kennst du das ja: Du willst etwas richtig Frivoles schreiben, und dir fehlt die Erfahrung … na ja, dann frage dich doch mal: Wie wäre es denn mit dem Gefühl, richtig hautnah?

Ja, klar. Das funktioniert nicht immer, vor allem nicht, wenn’s wirklich zur Sache geht. Doch dann gibt‘s den kleinen Trick: irgendeinen Nebeneffekt ziemlich plastisch zu schildern.

Nimm mal an, du willst darüber schreiben, wie der Meister seine neue Sklavin in ihre Aufgaben einführt. Er schenkt ihr ein Halsband, das sie nun immer tragen muss. Und er führt sie an der Leine. Siehst du, das kannst du hautnah beschreiben. Kauf dir einfache einmal selbst ein Halsband, ein wirklich schönes, sehr feminines Halsband, damit die Illusion perfekt ist.

Trage es beim Schreiben und probiere aus, wie es sich anfühlt, wenn du eine Leine am O-Ring befestigst und daran ziehst. Du wirst sehen, wie viel Lebendiger deine Heldin wirkt, wenn du genau das beschreibst, was du selbst fühlen kannst.

Der Trick funktioniert so gut wie immer. Du kannst probieren, wie es ist, längere Zeit zu knien oder auf allen Vieren über den guten Orientteppich zu gehen. Und wenn du Lust hast, kannst du ausprobieren, wie der Sekt schmeckt, wenn er auf eine Untertasse gegossen wird und du ihn schlabberst wie eine Katze.

Schau, niemand beobachtet dich dabei. Du verlierst nichts. Und der Rest? Den kannst du aus Versatzstücken zusammenbauen. Siehst du, welche Perspektiven dir diese Methode eröffnet?

Bild: Comicdarstellung, ohne Datum.

Dialoge in erotischen Geschichten und anderwärts

Schlechter Dialog? Sie sehen doch, ich lerne noch!

„Wir man Dialoge schreibt“ ist eine Erfindung spitznasiger Deutschlehrer und naseweiser Lektoren. In Wahrheit existiert keine Anweisung dazu. Auf der Grundschule lernen wir den Gebrauch der wörtlichen Rede, und man lehrt und, wie wir unsere Schulaufsätze damit erleuchten können. Tatsächlich lernen wir gar nichts außer Zeichensetzung dabei, und auch unsere Schulaufsätze werden damit nicht erhellt, sondern verunstaltet.

Sehen wir uns einmal an, was wirklich geschieht, wenn wir einen Dialog führen:

1. Unsere Sätze kommen „in Kladde“ aus uns heraus, teils unvollständig, teils grammatikalisch fehlerhaft, teils stockend. Manchmal überhöhen wir das, was wir eigentlich sagen wollten, manchmal vulgarisieren wir es.
2. Menschliche Kommunikation folgt Regeln, aber nicht den Regeln, die wir in der Schule lernen. Daraus ergibt sich eine unglaubwürdige Kommunikation, die wir überall in der Literatur wiederfinden können.
3. Kommunikation ist mehr als Sprache, sie ist in Wahrheit „Verhalten“. Das heißt: Wir kommunizieren auch dann, wenn wir vorgeben, nicht zu kommunizieren.
4. Unsere Körpersprache sagt mehr als unsere Worte. Unser Augen sprechen mit, und selbstverständlich spielt auch der Tonfall eine Rolle.
5. Viele der Dialoge, die wir in der Literatur vorfinden, wirken konstruiert, weil sie „an einem roten Faden“ entlang aufgebaut werden. Das ist lebensfremd. Wir können nicht erwarten, dass Gesprächspartner exakt auf unsere Frage antworten. Im Dialog weichen Menschen aus, antworten auf etwas, das wir gar nicht fragten, werden sprachlos.
6. In Deutschland so gut wie unbekannt ist die Umsetzung von Gedanken in Worte, die erhebliche Tücken hat. Was nützt es uns, wenn wir nur Sätze schreiben, aber nie darüber, wie sie aus uns „herausgerutscht“ sind und was wir eigentlich meinten?
7. Auch die Rückübersetzung hat ihre Tücken. Woher wollen Sie im wirklichen Leben wissen, dass sie „wirklich“ verstanden wurden? Gehen Sie im Roman einfach davon aus, dass Ihre Figuren einander verstehen? Oder dass Ihre Leserschaft versteht, worüber Ihre Figuren reden?

Vielleicht erkennen Sie jetzt, warum sogar Bestseller-Autorinnen keine brauchbaren Dialoge schmieden können, zumal dann nicht, wenn dabei die Gefühle wogen.

In diesem Artikel bin ich nicht explizit auf erotische Dialoge eingegangen. Das ist auch gar nicht nötig, denn hier soll nur ein Dilemma aufgezeigt werden, das sich von der Grundschule bis in angeblich „hochwertige“ literarische Elaborate fortsetzt: Die Sprachlosigkeit, sobald es um Dialoge geht.

Foto: Historisch, montiert und nachkoloriert.

Verführungen im erotischen Roman

Wer verführt hier wen?

Ob Roman, Essay, Novelle oder Short Story: Entweder die erotische Geschichte beginnt mit einer Verführung oder sie beinhaltet mindestens eine Verführung.

Da ergibt sich doch die Frage: Welche Verführungen gibt es eigentlich, wie spektakulär sind sie, und wie kann ich sie in Worte fassen?

Hetero-Verführungen und homosexuelle Verführungen

Verführungen unter Heterosexuellen sind generell nicht so spektakulär wie Verführungen zu homosexuellen Handlungen. Letztere interessieren auch ein allgemeines Publikum, besonders, wenn es sich um Bi-Kontakte handelt.

Hetero: Mann verführt Frau kontra Frau verführt Mann

„Mann verführt Frau gegen ihren anfänglichen Widerstand“ ist als Thema restlos ausgelutscht, findet aber immer wieder Liebhaber. Das konträre Thema scheitert oft an der Annahme, bei Männern müsste die Frau nur Strapse tragen und drei Worte flüstern, dann hätte sie den Mann schon im Bett. In einem Satz: Jede Verführung, die sofort und reibungslos klappt, ist entweder langweilig, oder bewusst so gewählt oder die reine Masturbationsvorlage.

Homosexuell: Frau verführt Frau oder Mann verführt Mann?

Klar – das Thema „Frau verführt Frau“ ist beliebter, ob unter lesbischen Frauen, unter Bi-neugierigen Frauen oder unter lesenden Männern. „Mann verführt Mann“ ist heikel, jedenfalls für Ihr Mainstream-Publikum. Abhilfe: Entweder romantisch verklären oder aber einen der Männer als Frau in die Geschichte einführen. (Transsexueller oder Transvestit, Sissy oder dergleichen).

„Alt verführt Jung“ gegen „Jung verführt Alt“

Üblich ist „Alter verführt Jugend“, aber das Thema ist schrecklich abgedroschen, vor allem in der Version „älterer Herr verführt junge Frau“. Spektakulärer ist es, wenn die ältere Frau den jüngeren Mann verführt. Noch interessanter: wenn die jüngere Person die ältere verführt.

Reich verführt Arm oder Arm verführt Reich?

Na klar, im „Groschenroman“ herrscht das Cinderella-Prinzip: Generöser, meist älterer Mann verführt jugendliche Naive. Oder reicher Gay verführt armen Hetero. Oder … oder … aber wie sieht es aus mit „Arm verführt Reich?“ Es darf ruhig ein wenig Berechnung dabei sein, wie im richtigen Leben.

Gruppen: Mehr Personen, mehr Probleme

„Paar verführt Mann“ ist ganz anders als „Paar verführt Frau“ und die jeweiligen Konterpartien, „Mann verführt Paar“ oder „Frau verführt Paar“ müssen schon ausgezeichnet aufgebaut sein, um sich interessant beschreiben zu lassen. Je größer die Gruppe, umso komplizierter wird die Beschreibung. Von erotischen „Herrenrunden“ und „Damenkränzchen“ sowie von allen anderen Orgien sollte man ganz die Finger lassen.

Mehr als eine Verführung? Geht das?

Wenn Sie sich die Literatur durchsehen, gib es zwei wesentliche Richtungen: Ein Paar, bei dem einer den anderen zu immer neuen Abenteuern verführt, und oder eine Person, die immer wieder neue Partner verführt. Selbstverständlich können Sie auch eine Antiheldin wählen, die immer wieder verführt wird.

Wer verführt wen zu was?

Nichts ist so langweilig wie eine Verführung zu „ganz normalem Sex“. Eine Hetero-Frau zu Bi-Abenteuern zu bringen, ist für das Lesepublikum wesentlich interessanter. Oder eine sehr bürgerliche Studentin zu einem BDSM-Rollenspiel zu überreden? Das gab es zwar gerade erst, aber bevor es den einschlägigen Bestseller gab, hat sich kaum jemand herangetraut. Das liegt einerseits daran, dass die Autorinnen zumeist nur darüber schreiben, was sie selbst näherungsweise nachvollziehen können. Und wenn sie’s nicht können dun auch sonst nicht viel drauf haben, dann „assimilieren“ sie irgendwelche Szenen aus dem Internet. Extreme Verführungsszenen werden selten beschrieben, so, als hätten die Autorinnen nie etwas von stofflichen und körperlichen „Fetischszenen“ gehört. Und was immer wieder fehlt: Wenn es keinen latenten „inneren Widerstand“ gäbe, würde sich niemand verführen lassen wollen.

Szenen der Verführung: Sie dürfen lang und widersprüchlich sein

Wie langweilig, wenn ihr Höschen so feucht ist, dass der Liebessaft schon durch den Rock schlägt, und sich sofort die berühmte Beule in den Jeans zeigt. Verführungen schreiten oft über viele Etappen mit unterschiedlichen Ergebnissen voran. Klar kann es mal sein, dass der ungeduldige, stark erigierte Penis schon aus der Hose fluppt, wenn sie „den Zipp öffnet.“ Aber das ist, mit Verlaub, auch dann keine Verführung, wenn sie zuvor auf dem harten Baumwollstoff herumgerubbelt hat. Viel interessanter ist eine Geschichte, in der die Frau erst das ganze Feuerwerk ihrer Künste abbrennen muss, bevor der Mann bereits ist … physisch wie psychisch. Entsprechen ergeht es vielleicht ihrem Helden, der unendlich lange versucht, der Damen „Lust auf Lust“ zu machen, bis diese schließlich sagt: „Worauf wartest du eigentlich noch?“

Und wie verführen?

Verführungen sind Kompositionen aus Gesten, Worten, Berührungen und Umgebungsvariablen. Je nachdem, wie und wo die Verführung stattfindet, und wie intensiv die Person agiert, die als Verführer(in) vorgesehen ist, können Gesten, Worte oder Umgebung dominieren. Die Berührungen sind letztendlich lediglich Handlungsabläufe, die nicht zu sehr in den Vordergrund gestellt werden sollten. Gemeinhin bevorzugen Verführer die „AIDA“-Formel: Aufmerksamkeit, Interesse, Verlangen (Desire), Aktion. Das können sie recht lange ausbauen. Andere Formeln eignen sich weniger. Zwischen Interesse und Verlangen, aber auch zwischen Verlangen und Aktion können noch retardierende Momente eingebaut werden. Meist tritt zwischen Interesse und Verlangen noch eine Phase auf, in der die psychischen und physischen Konditionen abgeklärt werden, teils spielerisch, teils sehr konkret (Kondome? Wie wirst du über mich denken, wenn …? Wie würde ich mich hernach fühlen, falls ...?). Zwischen Verlangen und Aktion sind es dann die „letzten Zweifel“, die insbesondere seitens der/des Verführten eingebracht werden. Falls Sie aus der Sicht des Verführers / der Verführerin schreiben, können Sie ebenfalls letzte Skrupel oder Befürchtungen einbauen, ob sie lustvoll/potent/skrupellos genug sind, um die Verführung zu vollenden.

„Stille Verführungen“ ohne Dialoge kommen vor, sind aber äußerst schwierig darzustellen, weil Sie dann alle physischen Prozesse, aufkommende Gefühle und ins Leere gehende Gedanken beschreiben müssen.

Sie wollen mehr, viel mehr?

Stellen Sie Fragen – wir beantworten sie.

Die Innere Verführung – schamlos

Die innere Verführung zu beschreiben, fällt vielen Autorinnen schwer. Hier die schamlose Schilderung einer sinnlichen Leidenschaft, nach einer Internetquelle:

Ein Blick, ein Wort, eine Berührung. Der Schalter macht „Klick“. Das Begehren kommt auf, wandelt sich in Verlangen. Mein Körper, eben noch züchtig auf deinem Sofa verharrend, wandelt sich in einen schamlosen, lüsternen Leib. Meine Zurückhaltung schmilzt, mein Anstand ist längst ausgeflossen. Ich spreize mich auf für dich. Mit jedem sinnlichen Gedanken und jedem Wort der Lust, die über deine Lippen kommen, schreit mein Körper nach Lust und mein sündiges Verlangen lechzt nach Erfüllung.


Hier noch einmal eine andere Version, von Isidora:

Dein Blick ruht auf meinen Augen. Er scheint hinter der Retina anzukommen, und tief in das Gehirn einzudringen. Ich müsste meine Augen verschließen, um zu verhindern, dass du meine Geheimnisse ausliest. Ach, es wird mir nichts nützen. Siehst du die Begierde? Mich macht wahnsinnig, dass du nie auf meinen Körper schaust. Du willst nicht nur meinen Körper, nicht wahr? Du willst alles. Das Fleisch, das Hirn, die Seele. Mein Geist kann mich nicht mehr halten, der Körper entgleitet ihm, entspannt sich wie von selbst, öffnet sich dir, will Säfte fließen lassen. Schweiß an den Händen, dieses Zucken im Unterleib. Ich kann nicht mehr ruhig sitzen, spreize die Beine ein wenig zu weit. Die Seele? Du hast sie mir entrissen, als du mich nur geküsst hattest. Ich bin Körper, nichts als Körper, und ich dürste danach, dass du mich endlich berührst.


Späte Begegnung

Gedanken an den ersten Zungenkuss ...

Sie kommt auf mich zu. Sinnliche, tiefblaue Augen hat sie, und sie durchdringt mich damit, als wolle sie direkt in meine bedürftige Seele schauen.

„Du bist allein?“, fragt sie.
Ich antworte nicht.
„Du hast auf jemanden gewartet, nicht?“
Ich nicke.
„Frau oder Mann?“

Ich sollte empört sein, bin es aber nicht. „Mann“, sage ich leise.
„Willst du ein Glas mit mir trinken? Sieh mal, die Flasche ist noch zur Hälfte voll, und ich könnte sie mit dir teilen … wenn du willst.“

Ich trinke mit ihr. Guter Wein. Teuer. Sie hat Geschmack.
Und sie kann sich gut unterhalten. Tolle Stimme, sehr selbstbewusst. Lächelt bei jedem Satz ein wenig.

„Hast du Vorlieben?“, fragt sie plötzlich, so als würde sie sagen: „Weißt du, wie das Wetter morgen wird?“ Ich ahne, was sie meint. Aber ich frage erst mal, unsicher: „Beim Wein?“

Sie lächelt mich an, sehr offen. „Du weißt genau, was ich meine“, sagt sie mit einem ironischen Unterton, „Du hast dir heute Nacht doch etwas erwartet, oder nicht?“

Mir wird heiß. Ja, hatte ich. Aber so etwas gibt man nicht einfach zu. Also sage ich: „Ja, ein bisschen.“

Wieder lächelte sie. „Und ein bisschen mehr auch, wenn’s geklappt hätte, nicht? Man sieht doch, dass du dich für die Liebe angezogenen hast. Und du weißt auch, wie man sich für die Liebe auszieht, habe ich recht?“

Nun wird mir mulmig. Sie hat in allem, was sie sagt, recht. Jemand sollte mein Lover sein, mehr nicht. Und ich habe mich genau dafür hergerichtet. Ich beschließe, das Gespräch zu versachlichen: „Na ja, es war ziemlich aufwendig, mich so aufzubrezeln, da hast du recht.“

„Du kannst meinen Namen sagen“, lacht die Fremde. „Ich heiße Birgit, aber man nennt mich hier Bibi.“

Ich sage ihr meinen Namen, weiß nicht, warum ich ihr den Kosenamen verrate, muss wohl am Wein liegen: Ich bin Margot … und man nennt mich … Muschi.

„Bibi und Muschi“, lacht Bibi nun, „darauf sollten wir noch ein Glas trinken …“

Na ja, warum nicht. Bibi gießt also noch mal nach, beugt sich zu mir rüber und sagt leise: „Da war noch eine Frage offen, oder? Hast du nun Vorlieben oder nicht?“
„Nicht für so etwas“, sage ich ein bisschen aus der Fassung.
„Nicht für so etwas? Dachtest du etwa … dass ich etwas von dir will?“
Wieder diese Verwirrung. Klar denke ich das. Und nein, es könnte ja auch ganz anders sein. Was sage ich jetzt? Ich frage einfach.
„Ja, eigentlich schon … wäre schön, wenn du mir sagen würdest, was du wirklich willst.“
Sie hält einen Moment inne, als wolle sie direkt antworten, doch dann dann fragt sie etwas Merkwürdiges:
„Bei wem hast du das Küssen gelernt?“
Ich erinnere ich sofort, als hätte mich ein Blitz getroffen. Eine Mitschülerin im Internat. Zungenküsse. Nur zum Lernen, eigentlich. Soll ich es sagen?
„Von einer Frau, aber ich war jung und es war nur … zum Lernen.“
„Aber es war schön für dich, nicht wahr?“

Was war es noch einmal? Mein Mund redet schon, bevor ich mir recht überlegen kann, was ich sagen könnte, um mich aus der Affäre zu ziehen.
„Es war … sehr verwirrend. Aber ich mag nicht davon reden.“
„Du musst nicht reden. Willst du mich küssen?“

Wieder diese abrupte Wendung.

Ich stottere ein wenig. Bibi macht eine Handbewegung in Richtung Bar, wischt das Weinglas vom Tisch, das im Bogen auf meine weiße Bluse zufliegt und mir dann in den Schritt fällt. Dort bleibt es liegen.

Bibi sieht das Malheur, wirkt fürsorglich.

„Oh, wie ungeschickt von mir … ich denke, du brauchst trockene Klamotten. Und duschen willst du sicher auch?“

Alles an mir klebt vor Nässe. Bibi tupft mich mit einem Taschentuch ab. Meine Brüste, meinen Schoß. Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, dem ein Missgeschick passiert ist. Oder doch nicht? Woher kommen all diese Gefühle, die gerade auf mich einstürzen? Bibi zahlt, holt ihren leichten Sommermantel von der Garderobe und legt ihn mir um. Sie verabschiedet sich von der Barfrau. Dunkle Stimme, ein bisschen zynisch. „Eine schöne Nacht noch für dich, Bibi“. Wir gehen schnell aus der Bar, draußen wartet schon ein Taxi. Setzen uns auf den Rücksitz, ich will etwas fragen. Sie legt mir den Finger auf die Lippen: „Frag nichts, genieße einfach alles.“ Sie küsst mich sanft auf die Lippen, und ich will sie zurückküssen, wie damals meine Mitschülerin. Sie wehrt mich ab. „Nicht hier. Wir haben die ganze Nacht Zeit, und es gibt noch viel, viel mehr Süßes, wenn du schön brav bist.“ Die Worte „Süßes“ und „brav“ klingen so merkwürdig exotisch aus ihrem Mund. Ich sollte mich fürchten, aber ich bin neugierig auf das Süße. Wir schweigen eine Weile, ohne uns zu berühren. Der Fahrer biegt in ein Villenviertel ein, fährt bis zum Ende der Straße, bis zum letzten Haus am Waldrand.

Wir steigen aus. Das Taxi fährt weg. Bibi wartet, bis es um die Ecke gebogen ist. „Da unten ist das Tal, siehst du die Lichter der Stadt? Es sind ungefähr acht Kilometer zu Fuß …“ Dann wendet sie sich in die andere Richtung: „Und dort ist mein Hexenhaus.“ Sie zieht einen Schlüssel aus der Tasche und geht wortlos in Richtung der Villa. „Warte“ … rufe ich … und laufe ihr nach.

Kurzgeschichte; © 2016 by Liebesverlag.de