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Lasst uns von vielen Dingen reden …

Ob sie bald abheben?
Die Welt der Erotik ist erschreckend einseitig, selbst dann, wenn sie gar nicht einseitig ist. Doch sobald du (wie ich es oft tue) erotische Geschichten analysierst, und sie nicht einfach auf eine Geilheitsskala von eins bis zehn setzt, wirst du dich an deine Grundschulzeit erinnern.

Du hast Sätze aneinandergereiht, hast häufig den Satzbeginn „und dann“ oder eine Variante dessen benutzt, und am Ende las sich alles wie eine Aufzählung von Ereignissen, die recht belanglos klangen.

Und dann ... wurde alles ein bisschen frivoler ... und dann ...

Du kannst im gleichen Stil erotische Geschichten schreiben. Was er getan hat, wie er es getan hat, wann sein Sperma floss und wohin … und dann schreibst du, was in der nächsten Nacht geschah, oder wann er von der vorderen Lustöffnung auf die hintere wechselte. Und jedes Mal wird die Sache ein bisschen frivoler. Und dann ... ja, das war es dann. Falls deine Geschichte zu mehr als zwei Dritteln von Sex und von kaum etwas anderem handelt, bist du gezwungen, die Geilheit, den Schmerz oder die Heftigkeit der Orgasmen von Seite zu Seite zu steigern.

Wir müssen von vielen Dingen sprechen ...

Vor einigen Tagen las ich einen Internetbeitrag, es sei nun Zeit, von etwas anderem zu sprechen, und zitierte dabei Lewis Carroll, von dem ich diese Zeilen gerne wiederholen will:

"The time has come," the Walrus said,
"To talk of many things:
Of shoes--and ships--and sealing-wax--
Of cabbages--and kings--
And why the sea is boiling hot--
And whether pigs have wings".


Sollten wir die Schweine beflügeln?

Ja, warum sollten Schweine Flügel haben? Weil sie keine haben, und es wäre deshalb auch höchst unwahrscheinlich, dass Schweine fliegen könnten. Und ich sage dazu mal: Solange du die Schweine nicht beflügelst, bleiben auf dem Boden, lesen aneinandergereihte Sätze und suhlen sich darin.

Die Geschichte vom Walross und dem Zimmermann endet im Übrigen so, dass die Ressourcen (Austern) restlos weggefressen wurden und ein paar Krokodilstränen darüber fielen.

Geht es uns nicht auch so, wenn wir im Internet die zahllosen „erotischen Geschichten“ lesen, die alle Ressourcen ausbeuten, ohne jemals etwas Neues zu produzieren? Abhaken, ein paar Tränen darüber verlieren und zur Tagesordnung übergehen? Ich meine: Nein.

Wenn wir heute über „Erotische Schriften“ oder „erotisches Schreiben“ reden, dann sind wir genau an dem Punkt: „Wir müssen über viele Dinge reden.“

Weg von den Klischees über Frauen und Männer

Zum Beispiel darüber, wie wir unsere Figuren als Frauen und Männer darstellen wollen: Frei und gleich, selbstverantwortlich und mit nahezu beliebigen Eigenschaften, Wünschen und Sehnsüchten ausgestattet, die nicht auf das Geschlecht bezogen sind? Und mit einigen wenigen Eigenschaften, die eben doch geschlechtsspezifisch sind? Und mit vielen Attributen, die einfach als „erotisch“ gewertet werden können, ohne zu fragen: An wen richtet sich denn die Botschaft? Und: Werden wir wagen, Frauen und Männer in unseren Schriften auch dann gleichzubehandeln, wenn wir sie „gleich rücksichtslos“ darstellen wollen?

Ich erfinde derzeit kein Flugschwein

Gut – vielleicht frage ich zu viel. Vielleicht sollte ich zur imaginären Feder greifen und meine Tastatur traktieren. Und vielleicht würde ich dann doch ein paar Schweine erfinden, die vom Boden abheben und sich in die lustvolleren Gefilde der erotischen Fantasien erheben würden.

Vorläufig allerdings hoffe ich darauf, dass es andere tun. Übrigens wären Austern kein schlechter Anfang … schon mancher ist vom herb-salzigen Geschmack der Schalentiere auf den Wunsch nach oralen Lüsten gekommen.

Vielleicht … ja vielleicht wärst du ja diejenige oder derjenige, die/der sich mit der geflügelten Sau so gut auskennt wie mit dem geflügelten Eber. Dann beginne möglichst bald, alles auszuschreiben, was dir dazu einfällt. Und möglichst noch zu etwas anderem.

Und schönen Dank, dass ihr bis hierher gelesen habt.

(1) Laut „The Red Kings Dream“ sollten damit übrigens der Kunsthistoriker John Ruskin und der Essayist Walter Pater karikiert werden.
Foto: © 2018 by Liebesverlag.de

Das Spiel mit der Erotik - und die Realität

Wenn die Hüllen einmal gefallen sind ...
Der Beitrag "Das Spiel mit der Erotik - und die Realität" soll dazu dienen, dir eine Möglichkeit zur Darstellung von Halbweltdamen, Stripperinnen, Prostituierten, Escorts, Dominae und anderen erotischen Dienstleisterinnen vor Publikum und Einzelpersonen zu geben. Er könnte dir auch dabei helfen, deine Figuren lebendiger zu gestalten.

Das Zitat, mit dem ich euch heute auf mein Thema einstimmen werde, stammt von Adrianna Taylor (1) . Deren Einstellung und Vorbild ist in vieler Hinsicht typisch für Frauen, die „erotische Darstellungen“ vermarkten. Und es ist darüber hinaus interessant für dich, wenn du erotische Literatur schreiben willst:

Als Kind war ich ein Mauerblümchen, und ich musste Schauspielunterricht nehmen, um aus diesem Schneckenhaus zu entfliehen. Ich lernte, Charaktere zu erfinden und ihnen eine Persönlichkeit wie auch einen Lebenszweck zu geben.


Ich hörte und las diese Art von Lebensgeschichte, die im Übrigen real ist, schon häufig in ähnlicher Art, und ich weiß, dass sie viele von euch befremdet. Ist nicht das Lebensziel nahezu aller Menschen, authentisch zu sein?

Authentisch sein - die Illusion der Oberschicht

Ja, wenn man Psychologieprofessor ist oder einen einschlägigen Bestseller geschrieben hat. Vielleicht, wenn man viel Mut hat und das Lebensschiff beherzt durch hohe Wogen zu lenken vermag. Nein, wenn die Gespenster des Alltags jeden Morgen mit dir aufstehen.

Die Wahrheit: Rollenspiele wechseln mit authentischen Phasen

Die meisten von uns Menschen spielen jeden Tag irgendeine Rolle – natürlich auch der Psychologieprofessor. In den Armen seiner Geliebten ist es ein anderer als in der Vorlesung, und wenn er ein größeres Darlehen aufnehmen will oder gerade bei einer Charity-Organsisation um Spenden wirbt, noch mal eine dritte oder vierte Rolle. Die Frage ist lediglich, mit welcher Rolle er sich am besten identifizieren können. Dann sagt er: Oh ja, in dieser Rolle bin ich authentisch.

Die erotische Dienstleisterin, und "seriöse" Berufstätige

Eine erotische Dienstleisterin ist niemals authentisch, jedenfalls nicht in der Rolle, in die ihr Klient sie sieht. Sie vermittelt ihr Rollenbild, passt es an die Wünsche ihrer Kunden an und sie kann dies auch für längere Zeit durchhalten. Dies teilt sie übrigens mit vielen Angehörigen der “seriösen“ Berufe, insbesondere solchen mit Publikumsverkehr. Es ist gut, das zu wissen. Und sicher kennst du auch eine Person, die schon mal im echten Leben glühende Leidenschaft geheuchelt hat. Oder einen „Orgasmus gefakt“, wie man heute sagt.

Die Figuren erotischer Romane - auf Rollen reduziert

Auch die Personen in erotischen Romanen sind nicht authentisch. Sie werden noch mehr auf ihre Rollen reduziert als jeder reale Mensch. Ihr werdet schnell herausfinden, dass die weiblichen Figuren mit ihrem Slip auch sehr schnell ihre Überzeugungen von Orientierung, Liebe oder Treue ablegen. Und die Männlichen tun es ihnen gleich, sobald ihnen ein paar nackte Brüste angeboten werden oder ihre Hose auf Halbmast gezogen wird. Dann geht alles nur noch darum, den Vollzug voranzutreiben, bis die Spermaflüssigkeit auf Bauch und Laken spritzt – möglicherweise auch in eine feuchte Höhlung. Die Figuren sind im Ausnahmezustand, wie in der Realität, aber dennoch merkwürdig reduziert auf ihr Handeln, auf Hände, Zungen, Lippen, Penisse und Vaginen. Gewiss, das müsste nicht so sein - aber das wäre ein anderes Thema, das mehr Platz einnehmen würde.

Du - das Privileg, als Autor(in) nicht auf nackt auf der Bühne zu stehen

Was bedeutet das für dich? Der Hauptunterschied zwischen dir und deiner Figur besteht darin, dass du den Slip anbehältst oder der Hosengürtel verschlossen bleibt. Und doch musst du in deine Figur hineinkriechen und erfühlen, wie sie denkt und handelt. Und wenn sie dich auf Abwege führt (was sollte sie sonst tun?), dann musst du ihr folgen. Am Ende geht es dir dann so, wie einer Schauspielerin, die gerade eine Schlampe oder Mätresse gespielt hat: Du bist wieder du selbst und nimmst den Beifall entgegen.

Die Realität selbst? Denk erst gar nicht daran. Du zerstörst dir, deiner Figur und deiner Leserin die Illusion, dass alles möglich ist. Und das wäre wirklich Schade für jemanden, der Erotik schreiben will.

(1) The Story of Control, Berkshire 2014

Wenn du eine Story über Dominanz schreiben willst …

Seit Jahren die alte Thematik ... udn doch immer neu
Ich beginne normalerweise nicht mit einem Zitat (1), aber in diesem Fall will ich es tun.

Was diese hoch spezialisierten Treffpunkte eint, von einem dunklen S/M-Verlies bis zum Schönheitssalon für Transvestiten, ist die Vorliebe für das Rollenspiel. Hier wandelt sich die Sex-Branche in ein Theater.


Die sexuelle Abweichung, die Dominanz und das Theater im Kopf

Es ist gut, en Gedanken eines Bühnenstücks oder einer Aufführung im Kopf zu behalten – gleich, über welche Art der sexuellen „Abweichungen“ du schreiben willst. Die Sichtweise hat den Vorteil, dass du dich zurücklehnen und entspannen kannst, wenn auf deiner Bühne ein Mensch Lust und Schmerz im Wechsel oder auch manchmal zugleich durchlebt, während ein anderer dafür sorgt, dass die Show problemlos und konsequent abläuft. Du kannst natürlich auch intensiv mitfühlen. Aber immerhin: Es steht dir frei, die Szene aus jeder beliebigen Perspektive zu beleuchten.

Drei Szenarien, die häufig genannt werden

Generell gibt es drei Szenarien, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

1. Die professionelle Herangehensweise: Die Person „A“ (Klient) bezahlt dafür, dass die Person „B“ (Fachkraft) die Prozeduren nach nach festgelegten Regeln ausführt.
2. Die zufällige Begegnung: Die Person „A“ (naiv, aber offen) lässt sich darauf ein, dass die Person „B“ (Enthusiast) sie nach recht flexiblen Regeln in allerlei „sexuelle Abweichungen“ einführt.
3. Der Wunsch eines Ehepartners, der andere möge sie/ihn im Rollenspiel dominieren.

Es gibt andere Szenarien – sie sind aber entweder deutlich unglaubwürdiger als die genannten, oder sie gleiten in ein Milieu ab, in dem kriminelle Machenschaften die Freiheit einer Person nachhaltig beschneiden. Daran sollte sich nur versuchen, wer ganz bewusst für die einschlägige Szene schreibt und weiß, was dort gefordert wird.

Spektakulär - Lebenshunger trifft auf Verführungskunst

Die spektakulärsten Geschichten entstehen aus der Situation, die ich unter (2) geschildert habe. Dabei tritt eine Person als neugierige, lebenshungrige und recht naive Person auf, während die andere über Erfahrung, Ideenreichtum und Verführungskunst setzt. Üblicherweise wird nach der „Salamitaktik“ verführt, also scheibchenweisen, wobei nach und nach immer „größere Stücke“ von der Salami gefordert und geschenkt werden. Mit anderen Worten: Mit jeder vollzogenen „Perversion“ wird die Rückkehr zur Normalität schwieriger. Das Thema wird sowohl literarisch verbrämt (9 ½ Wochen. SoG, Secretary) behandelt, wie auch pornografisch aufbereitet. Doch im Grunde verbietet es sich, das Thema ausschließlich pornografisch zu behandeln, denn dadurch entstehen zumeist nur die üblichen „Anreihungen anzüglicher Ereignisse“. Eine typische Leserin will aber vom Thema fortgetragen werden und mit deiner Figur – sei sie „oben“ oder „unten“ – mitfühlen oder mitleiden.

Die Recherche ist nicht leicht - aber historsiche Romane geben viel her

Das Schwierigste am Thema ist die Recherche – und dies, obgleich sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestenfalls das Umfeld geändert hat, aber kaum die psychische und physische Raffinesse. Die Hauptkomponenten, also Grenzüberschreitungen, fetischistische Handlungen, Entwürdigungen, Körperstrafen. Geschlechterverwirrungen und daraus folgend gleichgeschlechtliche Lüste sind heute wie gestern die Hauptkomponenten. Die Literatur bietet dafür hinreichend plausible Beispiele.

Herantasten an das Undenkbare

Ihr könnt auch versuchen, wahre Geschichten zu finden, eigene Versuche mit Freundinnen und Freunden zu unternehmen oder euch an die Lüste und Schmerzen durch Beispiele anderer Art herantasten, die nicht-erotischer Natur waren. (Zum Beispiel psychische, soziale und körperliche Grenzerfahrungen).

Nur ein solltet ihr meiden: Videos darüber anzuschauen. Sie geben nicht nur ein falsches Bild, sondern sind fast immer auch „auf das äußerliche“ (Schläge, Tritte, Striemen und schmerzverzerrte Gesichter) ausgerichtet. In Wahrheit beginnt und endet das, was du eigentlich beschreiben willst, im Gehirn, dort, wo die Gefühle zusammenlaufen, sich ineinander verschlingen und wieder aufgelöst werden.


(1) "Red Light", New York, 1996
Bild: Historischer Buchtitel, ca. 1920, vereinfacht

Schreiben - Teil fünf: Was ist eigentlich ein Schreibstil?

Finde (d)einen Stil - oder mehrere
Falls du ins Internet schaust, wenn du etwas über den Schreibstil wissen willst, wirst du erschlagen von sogenannten „Tipps“ oder „Thesen“, wie du deinen Schreibstil in fünf, sieben oder 10 Schritten verbessern kannst.

Wenn du jetzt sagst: Ja, aber ich habe doch noch gar keinen Schreibstil, dann sind wir da, wo wir hinwollen: Was ist eigentlich ein Schreibstil, wodurch zeichnet er sich aus und wie wird er wirklich individuell?

Was ist ein Schreibstil?

Zunächst einmal ist ein Schreibstil nichts als die Art, in der jemand schreibt. Dazu setzt du … (Zitat) (1):

sprachliche Mittel bewusst so ein … dass … (du) … durch sie, also durch die Art der Formulierung, Wirkung ... (erzielst.)


Das bedeutet natürlich auch, die Fähigkeit zu erwerben, solche Stilmittel in Variationen einzusetzen – das heißt, du solltest viele Stilebenen kennen und wissen, wie du sie am besten benutzen kannst. Aus dem Bereich der Edelliteratur wird oft abgeleitet, du müsstest einen „eigenen, unverwechselbaren Schreibstil“ entwickeln.IIn Wahrheit kannst du verschiedene Schreibstile nutzen, die zu den Umgebungsfaktoren deiner Geschichte passen: Milieu, Zeitalter, Genre. Und du kannst (wenn du viel schreibst oder eben auch erotisch schreibst) für jedes deiner Pseudonyme einen eigenen Schreibstil zurechtlegen.

Es gibt kein „Richtig“ im Schreibstil

Kein Schreibstil ist „richtig“. In der Schule haben wir gelernt, keine „Bandwurmsätze“ zu verwenden, weil sie sich nur schwer lesen lassen. Doch E.T.A Hoffmann schrieb halbe Seiten in einem einzigen Satz. Wir haben auch gelernt, keine Satzfragmente zu verwenden, doch eine Fülle von Kurzgeschichtenautoren begeistert gerade dadurch.

Nachdem wir darüber soviel erfahren haben, schauen wir mal nach den Stilmitteln, die es gibt.

Wörter aneinanderreihen – nicht wie jede(r) andere

Rein formal ist Schreiben das Aneinanderreihen von Wörtern nach bestimmten Regeln. Es geht also um die Wahl der Wörter, die typisch für deinen Schreibstil werden, und um den Aufbau der Sätze. Dabei gilt: Deine Leserin muss verstehen, was du sagen willst – es heißt aber nicht, dass jedes Wort „gebräuchlich“ sein muss – ja, es muss nicht einmal im Duden stehen. Und in gleicher Weise muss nicht jeder Satz „grammatikalisch korrekt und vollständig“ sein.

Die wichtigsten Stilmittel

Nun kommen die Stilmittel, die eine große Rolle spielen:

1. Die Erzählweise (historische Zeit, Person, die erzählt.(2).
2. Die Art und Häufigkeit, in der du Handlungen schilderst.
3. Wie du deine Figuren beschreibst.
4. Dein Umgang mit den Gefühlen deiner Figuren.
5. Der Einsatz von Kommunikation und Dialogen.

Was du an „Tipps“ im Internet liest, hat zum allergrößten Teil nichts mit einem eindringlichen literarischen Schreibstil zu tun, sonder orientiert sich an „Content-Kriterien“, wie sie Werbetexter verwenden.

Nicht unbedingt ein "erotischer Schreibstil" ...
Der erotische Roman - die Nähe zur Figur

Im erotischen Roman spielt normalerweise die „Nähe zur Figur“, die wichtigste Rolle – das entspricht etwa dem Entwurf von Liebesromanen. Daher empfiehlt sich, deine Figuren möglichst so transparent darzustellen, dass sie deine Leser(innen) in sie völlig hineinfühlen können. Das gilt für ihre Gefühle (Lüste, Begierden) ebenso wie für ihre Körper (Berührungen, Eindringen in den Körper).

Lebendige, direkte Sprache und Zensur

Weil nun aber das Schwert der Zensur über dir als Autorin schwebt, kommst du in eine Zwickmühle: Du musst versuchen, die Gefühle so zu verklären, dass sie diene Leserin nachempfinden kann, der Zensor aber keinen Anstoß nehmen wird. Dazu werden üblicherweise bildhafte Umschreibungen benutzt.

Womit wir wieder beim Zitat wären, das ich hier einmal abwandele: Die Wirkung wird durch die Art der Formulierung der Handlungen erzielt und auf keinen Fall dadurch, dass etwas „stattfindet“. Und somit hätten wir auch gleich einen Anfängerfehler entdeckt: Die Handlung in den Vordergrund zu stellen, während die Gefühle verdrängt werden.

In eigener Sache - wir wollen dir nichts verkaufen

Natürlich kann „Sinnlich Schreiben“ auf diese Probleme im Detail eingehen. Aber „Sinnlich Schreiben“ ist nicht kommerziell und unsere Autoren schreiben deshalb nicht, um ihre Bücher und Kurse zu verkaufen. Und deshalb: Schreibt uns, was ihr denkt, wo wir uns irren, wo es bei euch hakt und wie ihr eure Schreibprobleme löst. Wir freuen uns darüber.


(1) Zitatenquelle: Was ist Stil?
(2) Dieses Thema ist unerschöpflich und soll hier bewusst nicht weiter ausgeführt werde.
Foto: Historisch, möglicherweise aus einem "Herrenmagazin" der 1950er Jahre.

Peinlichkeiten, Schmerzgrenzen und Denkverbote

Sex ist normalerweise nicht tabuisiert - oder etwa doch?
Die eigentliche Pornografie in den Medien findet dort statt, wo man sie nicht vermutet: in Kriminalromanen und Fernsehkrimis. Der Tod und der Sex scheinen zwei der Komponenten zu sein, aus dem sich eine heiße Suppe kochen lässt. Und dies natürlich besonders dann, wenn sich entweder der Kommissar und das Opfer kannten oder der Kommissar die Hauptverdächtige intensiv vögelt. Ganz moderne Autoren verbinden sogar den neuen, ansonsten sexresistenten Sherlock Holmes mit einer Domina – ähnlich wie sich die Autoren von „Professor T.“ eine solche einfallen ließen.

Die Autorin Ines Witka schreibt:

Erotik … wird gepaart mit Aggressivität, Sadismus, mit Wahn, mit Religiosität, mit Spiritualität, mit Tragik, mit Schmerz … (es folgen weitere Begriffe).


Gut, war es das schon?

Nein, Frau Witka hat festgestellt:

Gewalt und Sexualität werden häufig in der Genre-Literatur der historischen Romane, der Horrorgeschichten, Science-Fiction- und Fantasy-Romane miteinander verbunden.


Es geht nicht darum, was du schreibst - sondern wie du es nennst, was du schreibst

Und nun kommt es ganz dick: Wenn du einen Sex-Roman schreibst, und dort gewisse Grenzen überschreitest, wirst du beschimpft, diffamiert und möglicherweise auch heute noch zensiert. Schreibst du jedoch über „etwas anderes“, dann „darfst“ du Versklavungen, Nötigungen, Vergewaltigungen und Folter als Stilmittel einbauen.

Wo die Tabus und Stolpersteine liegen

Peinliches, Gewaltsames, Bisexuelles - alles tabu?

Beginnen wir mal bei den Peinlichkeiten: Was dir als Autorin „peinlich“ ist, kann für andere sehr erhellend sei – oder deine Leser(innen) auch anregen – sie müssen nicht das Gleiche fühlen wie du. Dabei kannst du es so halten: Wenn du dich schämst, über etwas zu schreiben, kannst du diese Schamhaftigkeit auch auf deine Figur übertragen. Der kleine Unterschied: Du würdest dich schämen, „es“ zu tun, aber deine Figur wird es tun, nachdem sie ihre Scham überwunden hat. Es ist schreibtechnisch völlig unerheblich, ob es sich dabei um die „Aufnahme“ bei Fellatio oder um den Einsatz von „Natursekt“ handelt.

„Peinlich“ kann alles sein, was einen gewissen Widerstand in uns erzeugt – es kann sich dabei um eine Lappalie im Verhalten handeln oder um eine große Herausforderung. Und unsere Leser(innen)? Sie sind neugierig, wie Scham, Zurückhaltung und Peinlichkeit überwunden und in Lust verwandelt wird.

Geistiger Stacheldraht: Hürden, zu deren Überwindung Mut gehört

Es gibt zwei Tabus, die mit Vorliebe gebrochen und deren Tabubruch teils genossen, und teils verteufelt wird: körperliche Gewalt (auch spielerische) jeder Art und homosexuelle Kontakte unter Heterosexuellen.

Auch für diese Themen gilt: Falls du einen Roman über „etwas Anderes“ schreibst und die eine oder andere sexuelle Gewaltszene darin vorkommt, bist du entlastet. Das Gleiche gilt für zufällige männlich-homosexuelle (im Volksmund auch „bisexuell“ genannte) Aktionen in einem heterosexuellen geprägten Umfeld.

Solltest du aber einen Roman schreiben, in dem du deine Figuren ausschließlich am „sexuellen Abgrund“ wandeln lässt, giltst du als „Pornograf(in)“ und wirst entsprechend abgewertet. Dabei muss dein Roman nicht einmal „Sex- oder Gewaltszenen“ aneinanderreihen. Es reicht völlig aus, wenn deine Kritiker ein paar Haare in der Suppe finden – meistens Schamhaare.

Frauen und Männer – die neue Spaltung mit neuen Tabus

Seit das moderne „Neusprech“ mit seiner sozialen Korrektheit und dem Wort “Sexismus“ in Mode gekommen ist, gibt es Neo-Tabus, die zumindest für hocherotische Liebesromane oder bewusst pornografische Romane gelten. Eines davon ist, weibliche Figuren nicht durch Männer in Körper, Geist und Emotionen verletzen zu dürfen. Sicher gibt es Schlupflöcher, aber zunächst entsteht ein neues Tabu. Im Gegenzug wurden Romane enttabuisiert, in denen Männer durch Frauen geistig, körperlich oder emotional bezwungen werden. Dieser Prozess ist immer noch nicht beendet. Ähnlich kontrovers verhält es sich übrigens mit der homosexuell geprägten Literatur: Was zwischen Männern geschieht, solltest du nicht unbedingt heftig und konsequent schildern – es stört immer och viele Menschen (nicht nur Männer). Hingegen kannst du inzwischen jede Art von lesbischen Begegnungen in hellen und dunklen Farben ausmalen – es stört niemanden mehr.

Bekanntermaßen moralisiere ich nicht – und Tendenzen in der erotischen Literatur gab es schon immer. Es ist einfach so: Das glatteste Parkett, das du gegenwärtig betreten kannst, ist der eindeutig erotische Roman, in dem es um Sadismus, Masochismus, verschiedene Formen körperlicher und emotionaler Gewalt oder um bisexuelle Kontakte geht.

Bild oben: nach einer französischen Zeichnung, retuschiert.
Zitate: Ines Witka: "Dirty Writing", Tübingen 2015.