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Sinnvoll und sinnlich schreiben über Lust und Schmerz

Lust, Schmerz, Beides?

Wer über Lust und Schmerz schreiben will, sollte sich frei davon machen, alle sinnlichen Gefühle dieser Erde zu kennen und sie auch beurteilen zu können.

Lesen wir zunächst ein paar Zeilen des Philosophen John Locke, der im 17. Jahrhundert feststellte:

Etwas heißt ein Gut, was die Lust in uns zu wecken oder zu steigern oder den Schmerz zu mindern oder uns sonst den Besitz eines andern Gutes oder die Entfernung eines Übels zu verschaffen oder zu erhalten vermag. Umgekehrt nennt man das ein Übel, was den Schmerz veranlasst oder steigert oder die Lust mindert oder uns ein anderes Hebel bereitet oder ein Gut entzieht.


Die gemeinsame Ächtung von Lust und Schmerz als Indiz

Will man auf einer geistigen, eher historischen Ebene vermitteln, wie Lust und Schmerz zusammenwirken, könnte man wie folgt argumentieren: Wenn die sexuelle Lust geächtet wird, wie es lange Zeit der Fall war, dann fällt sie, wie der Schmerz, in die Kategorie des Übels. Damit ist die geistige Verbindung hergestellt: Wenn Schmerz und Lust in die gleiche Kategorie fallen, dann ist Schmerzlust eine logische Kombination von Empfindungen körperlicher und psychischer Art.

Die Gehirnforschung als Argument

Die Forschung am menschlichen Gehirn ergibt darüber hinaus, dass Lust und Schmerz nahe beieinanderliegen, und dass sowohl der Schmerz wie auch die Lust körpereigene Drogen freisetzen, die unsere Wahrnehmung vorübergehend einschränken.

Der Schmerz als natürlicher Vorgang beim Sex

Darüber hinaus wird oftmals das Eindringen eines anderen Körpers in den eigenen (vor allem beim ersten Vaginal- oder Analverkehr) als schmerzhaft empfunden, sodass eine gewisse Verbindung von Lust und Schmerz bei vielen Menschen durchaus gegeben ist.

Warum alle Erklärungen unbefriedigend sind

Wollen wir nun allerdings erotisch schreiben, so wird uns keine der vielen Erklärungen befriedigen, denn das körperlich-psychische Geflecht ist wissenschaftlich kaum erklärbar, weil es in jedem Menschen anders wirkt. Erinnern sie sich an das Zitat des Philosophen John Locke? Er sagte uns, eine Gunst sei, den Schmerz zu mindern und die Lust zu steigern, während Schmerz zu veranlassen und die Lust zu mindern ein Übel sei. Wir können daraus erkenn, wie steinig der Weg sein muss, auf dem sowohl die Lust wie auch der Schmerz gesteigert wird, ja, wie beide einander ergänzen können.

Gefühlskälte kombiniert mit Psychologie - ein hinterhältiger Trick

In einem Buch der Autorin Gigi Martin (Die Herrin) wird ein Trick angewandt, um die Gefühle ganz zu umgehen: Die Heldin, ein abgehalftertes Model, schildert nahezu unbarmherzig und so gut wie gefühllos, wie sie unfreiwillig zur Domina wird. Damit umgeht sie die Schilderung der Gefühle ihres „Kunden“, die sie ohnehin kaum versteht, aber kaltherzig zum eigenen Vorteil ausnutzt. Indessen bewegt ihre Leserschaft natürlich die Frage „warum ist der Mann so?“ und eben diese Frage wird klischeehaft im siebten Kapitel behandelt. Es ist – wie könnte es anders sein – ein Erlebnis aus der Jugend ihres Kunden:

Zum einen Teil aus der Angst vor weiteren Schlägen, zum anderen aus der Faszination der Jugend heraus, mit einer schönen Frau ein Geheimnis zu teilen, nickte er zögernd.


Ohne viel Umschweife kommt die Dame, die den jungen Mann damals verführte, dann „zur Sache“: „Und ehe er es verhindern konnte, ergoss sich sein Samen in ihren Mund“.

Ich will ihnen weitere Zitate ersparen, aber aus der gesamten Situation wird eine Konsequenz hergeleitet, die sich so liest:

Bestrafung und erlittene Schmerzen waren von diesem Augenblick an für Burt untrennbar mit erotischem Genuss verbunden.


Der Autorin reichte diese als Erläuterung - und der damaligen Leserschaft offenbar auch.

Der arme verführte Knabe und die gefühlsarme Welt der E.L.James

Einen sehr ähnlichen Trick wendet euch E.L. James in den „Fifty Shades of Grey“. Die an sich sensible Heldin fungiert diesmal als „Opfer“ – sie muss also Lust und Schmerz erleiden. Doch seltsamerweise haben wir das gleiche Phänomen: Weder ihre Gefühle noch die von Mr. Grey werden wirklich transparent, und stattdessen gibt es im zehnten Kapitel die psychologisch motivierte Erläuterung, kurz und knapp:

Eine Freundin meiner Mutter hat mich verführt, als ich 15 war … sie hatte einen sehr eigenwilligen Geschmack – ich war sechs Jahre lang ihr Sklave … in puncto Sex bin ich also nicht gerade auf die übliche Weise sozialisiert worden.


Damit ist dem üblichen sadomasochistischen Erklärungsansatz Genüge getan – aber ist das nun wirklich alles, was sich über Lustschmerz sagen ließe?

Selbstverständlich nicht, denn weder die Lust noch der Schmerz, geschweige denn die Kombination beider Gefühle, werden in derartigen Büchern jemals transparent. Wenn überhaupt von Gefühlen die Rede ist, wirken sie eigenartig blass.

Erfolgreich sein heißt nicht unbedingt, sinnreich zu schreiben

Um sinnreicher (aber wahrscheinlich nicht erfolgreicher) schreiben zu können, gibt es viele Wege:

1. Sie schildern die Lust- und Schmerzempfindungen Ihrer Heldin oder Ihres Helden wirklich nuanciert im Jetzt, und zwar so plastisch wie möglich.
2. Sie lassen alle Empfindungen im Jetzt weg und sinnieren nur über die Folgen, die Ihnen als Lust- und Schmerz in Erinnerung geblieben sind.
3. Sie schildern zwar alles im Jetzt, lassen aber in diesen Momenten die Adoleszenz Ihres Helden/Ihrer Heldin wieder aufleben.

Ich denke, die Hauptgefahr liegt beim Schreiben über Lust und Schmerz darin, gängige Klischees zu verwenden oder gar anderwärts abzuschreiben. Dies wird – mit Verlaub – den tieferen menschlichen Empfindungen, die Lust und Schmerz psychisch wie körperlich auslösen, nicht gerecht.

Eigene Lustschmerz-Erfahrung nötig?

Bei solchen Gelegenheiten taucht immer wieder de Frage auf: „Muss ich all dies selbst erlebt haben, sei es aktiv oder passiv?“

Nein, das müssen Sie nicht. Sie sollten aber Ihre Gabe nutzen, sich eine Vorstellung von der Wirkung eines Rohrstocks oder einer Brustklammer machen zu können, und diese Vorstellung mit Elementen der Lust kombinieren können. Und dieser Satz gilt eben auch für alles andere, was sie sonst noch schildern könnten, aber niemals selbst erlebt haben.

Zitate: John Locke, Nähe im Gehirn, Gigi Martin (Die Herrin), Berlin 1988, E.L James "Fifty Sahdes of Grey" zitiert nach der deutschen Ausgabe, gekürzt, erste Version 2011 in Australien erschienen.

Hinweis; Dieser Artikel wurde unverändert aus der "Liebeszeitung" übernommen.

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