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Späte Begegnung

Gedanken an den ersten Zungenkuss ...

Sie kommt auf mich zu. Sinnliche, tiefblaue Augen hat sie, und sie durchdringt mich damit, als wolle sie direkt in meine bedürftige Seele schauen.

„Du bist allein?“, fragt sie.
Ich antworte nicht.
„Du hast auf jemanden gewartet, nicht?“
Ich nicke.
„Frau oder Mann?“

Ich sollte empört sein, bin es aber nicht. „Mann“, sage ich leise.
„Willst du ein Glas mit mir trinken? Sieh mal, die Flasche ist noch zur Hälfte voll, und ich könnte sie mit dir teilen … wenn du willst.“

Ich trinke mit ihr. Guter Wein. Teuer. Sie hat Geschmack.
Und sie kann sich gut unterhalten. Tolle Stimme, sehr selbstbewusst. Lächelt bei jedem Satz ein wenig.

„Hast du Vorlieben?“, fragt sie plötzlich, so als würde sie sagen: „Weißt du, wie das Wetter morgen wird?“ Ich ahne, was sie meint. Aber ich frage erst mal, unsicher: „Beim Wein?“

Sie lächelt mich an, sehr offen. „Du weißt genau, was ich meine“, sagt sie mit einem ironischen Unterton, „Du hast dir heute Nacht doch etwas erwartet, oder nicht?“

Mir wird heiß. Ja, hatte ich. Aber so etwas gibt man nicht einfach zu. Also sage ich: „Ja, ein bisschen.“

Wieder lächelte sie. „Und ein bisschen mehr auch, wenn’s geklappt hätte, nicht? Man sieht doch, dass du dich für die Liebe angezogenen hast. Und du weißt auch, wie man sich für die Liebe auszieht, habe ich recht?“

Nun wird mir mulmig. Sie hat in allem, was sie sagt, recht. Jemand sollte mein Lover sein, mehr nicht. Und ich habe mich genau dafür hergerichtet. Ich beschließe, das Gespräch zu versachlichen: „Na ja, es war ziemlich aufwendig, mich so aufzubrezeln, da hast du recht.“

„Du kannst meinen Namen sagen“, lacht die Fremde. „Ich heiße Birgit, aber man nennt mich hier Bibi.“

Ich sage ihr meinen Namen, weiß nicht, warum ich ihr den Kosenamen verrate, muss wohl am Wein liegen: Ich bin Margot … und man nennt mich … Muschi.

„Bibi und Muschi“, lacht Bibi nun, „darauf sollten wir noch ein Glas trinken …“

Na ja, warum nicht. Bibi gießt also noch mal nach, beugt sich zu mir rüber und sagt leise: „Da war noch eine Frage offen, oder? Hast du nun Vorlieben oder nicht?“
„Nicht für so etwas“, sage ich ein bisschen aus der Fassung.
„Nicht für so etwas? Dachtest du etwa … dass ich etwas von dir will?“
Wieder diese Verwirrung. Klar denke ich das. Und nein, es könnte ja auch ganz anders sein. Was sage ich jetzt? Ich frage einfach.
„Ja, eigentlich schon … wäre schön, wenn du mir sagen würdest, was du wirklich willst.“
Sie hält einen Moment inne, als wolle sie direkt antworten, doch dann dann fragt sie etwas Merkwürdiges:
„Bei wem hast du das Küssen gelernt?“
Ich erinnere ich sofort, als hätte mich ein Blitz getroffen. Eine Mitschülerin im Internat. Zungenküsse. Nur zum Lernen, eigentlich. Soll ich es sagen?
„Von einer Frau, aber ich war jung und es war nur … zum Lernen.“
„Aber es war schön für dich, nicht wahr?“

Was war es noch einmal? Mein Mund redet schon, bevor ich mir recht überlegen kann, was ich sagen könnte, um mich aus der Affäre zu ziehen.
„Es war … sehr verwirrend. Aber ich mag nicht davon reden.“
„Du musst nicht reden. Willst du mich küssen?“

Wieder diese abrupte Wendung.

Ich stottere ein wenig. Bibi macht eine Handbewegung in Richtung Bar, wischt das Weinglas vom Tisch, das im Bogen auf meine weiße Bluse zufliegt und mir dann in den Schritt fällt. Dort bleibt es liegen.

Bibi sieht das Malheur, wirkt fürsorglich.

„Oh, wie ungeschickt von mir … ich denke, du brauchst trockene Klamotten. Und duschen willst du sicher auch?“

Alles an mir klebt vor Nässe. Bibi tupft mich mit einem Taschentuch ab. Meine Brüste, meinen Schoß. Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, dem ein Missgeschick passiert ist. Oder doch nicht? Woher kommen all diese Gefühle, die gerade auf mich einstürzen? Bibi zahlt, holt ihren leichten Sommermantel von der Garderobe und legt ihn mir um. Sie verabschiedet sich von der Barfrau. Dunkle Stimme, ein bisschen zynisch. „Eine schöne Nacht noch für dich, Bibi“. Wir gehen schnell aus der Bar, draußen wartet schon ein Taxi. Setzen uns auf den Rücksitz, ich will etwas fragen. Sie legt mir den Finger auf die Lippen: „Frag nichts, genieße einfach alles.“ Sie küsst mich sanft auf die Lippen, und ich will sie zurückküssen, wie damals meine Mitschülerin. Sie wehrt mich ab. „Nicht hier. Wir haben die ganze Nacht Zeit, und es gibt noch viel, viel mehr Süßes, wenn du schön brav bist.“ Die Worte „Süßes“ und „brav“ klingen so merkwürdig exotisch aus ihrem Mund. Ich sollte mich fürchten, aber ich bin neugierig auf das Süße. Wir schweigen eine Weile, ohne uns zu berühren. Der Fahrer biegt in ein Villenviertel ein, fährt bis zum Ende der Straße, bis zum letzten Haus am Waldrand.

Wir steigen aus. Das Taxi fährt weg. Bibi wartet, bis es um die Ecke gebogen ist. „Da unten ist das Tal, siehst du die Lichter der Stadt? Es sind ungefähr acht Kilometer zu Fuß …“ Dann wendet sie sich in die andere Richtung: „Und dort ist mein Hexenhaus.“ Sie zieht einen Schlüssel aus der Tasche und geht wortlos in Richtung der Villa. „Warte“ … rufe ich … und laufe ihr nach.

Kurzgeschichte; © 2016 by Liebesverlag.de

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