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Erotisch schreiben: Aufsatz, Groschenroman oder Literatur?

Comic, Groschenroman oder Literatur? Der Trivialroman wurde salonfähig
Seit wir mit dem Erfolg der „Fifty Shades of Grey“ erlebt haben, wie ein im Groschenroman-Stil verfasstes Machwerk Millionen Frauen begeistern kann, erscheint die Frage müßig, ob wir Groschenromane oder Literatur schreiben wollen. Gut ist, was Ruhm einfährt.

Tatsächlich entsteht das lustvolle Prickeln zwischen zwei Personen sowohl im trivialen Groschenheftchen, das heute zumeist E-Book heißt, wie auch in etwas anspruchsvolleren Romanen. Während aber die Serienschreiber sozusagen „durch die Augen auf die Muschi“ zielen, bezieht sich die erotische Literatur auf ein menschliches Wesen, das durch Erotik entweder angerührt wird oder aber von ihr durchdrungen ist.

Die meisten Autorinnen wählen den Mittelweg zwischen Kitsch und Kunst

Der folgende hocherotische Beitrag handelt von einer lesbischen Verführung. Die Autorin, Anne Félix (1) greift nach unseren Gedanken und lässt uns nicht mehr los:

Die dunklen Augen, die sich zwischen ihre Schenkel vertieften, rüttelten sie wach. Cora untersuchte sie genau … Sie schob ihr Kleid zurück. Der Satinslip changierte geheimnisvoll im Lampenschimmer. Sie näherte ihre Hand, bis fast an die Schenkel.


Literarisch gibt diese Stelle nicht viel her – sie baut aber auch nicht auf sattsam bekannten, kitschigen Mustern einer lesbischen Verführung auf. Damit hätten wir einen Standard: Lüstern darzustellen, was lüstern gelebt wird. Eine Verführung kann nicht beschrieben werden, wenn Sie als Autor nur flüchtig beobachten, was geschieht.

Ganz ähnlich verführt uns Ms. James in den bekannten „50 Shades of Grey zum Weiterlesen (2):

Meine Brüste schwellen an und meine Brustwarzen werden hart unter seinem unverwandten Blick. Mein BH schnürt mich ein wie ein Geschirr. „sehr schön“ flüstert er anerkennend, und meine Brustwarzen werden noch härter.


Auch diese Stelle ist nicht wirklich interessant geschrieben, führt aber zum gleichen Ergebnis: Wir spüren, was in der Protagonistin vorgeht, obgleich bereits recht klischeehaft geschildert wird, wie sich die Brustwarzen verhärten.

Um beide Beispiele zu verstehen, sollten wir noch wissen, dass die Ereignisse das Ergebnis einer langen Kette von Begegnungen und Ereignissen sind, also nicht plötzlich und isoliert in den Büchern vorkommen. Bei Kurzgeschichten (7) müssen wir aber unmittelbar ins Geschehen einsteigen – und daher ist umso wichtiger, die Gefühle in den Mittelpunkt der kurzen Handlungen zu stellen.

Ohne Gefühlsnähe nur stumpfe, spröde Sätze

Die Beispiele, die ich bisher anführte, sind also brauchbar, um etwas für den eigenen Umgang mit erotischer Literatur zu lernen. Ich vergleiche sie nun bewusst mit schlecht geschriebenen Textstellen. Die Autoren erreichen die Gefühle der Leser nur unvollkommen - wenn überhaupt.

Dieser Autor (3) kann trotz der Icherzählung keine Gefühle übermitteln:

Ihre Nähe sorgte dafür, dass ihre hervorstechenden Brüste auf meinem Brustkorb ruhten, wie versehentlich, aber durchaus mit Absicht, wie ich inniglich hoffte. Das Gefühl ihrer sanften Wärme war so erotisch, dass mein Kopf durchdrehte …


Auch in dem folgenden Beispiel fehlt die erforderliche Nähe zu den Gefühlen der Person – die Nähe zu einem Schulaufsatz (4) ist deutlich zu spüren:

Ich drehte mich um und konnte es kaum glauben. Sie stand fast nackt vor mir. Ihre Brüste waren mit einem roten Push Up in Form gebracht. Ihre Beine steckten in roten Lackstiefeln, die bis zu den Oberschenkeln reichten … Blut schoss schlagartig durch meine Adern und mir wurde heiß.


Das Gegenteil von zu wenig Einfühlungsvermögen: triefender Gefühlskitsch

Reiner Kitsch hingegen wird durch Klischees bestimmt, wie in diesem Fragment, das einer der Autoren der Liebeszeitung (5) schrieb, um ein Negativbeispiel zu geben. Hier werden zwar Gefühle geschildert, aber dabei wir maßlos übertrieben:

Meine Haut brannte unter seinen Händen, als ob die Finger Flammen darauf setzen wollten. Meine Brustwarzen streckten sich ihm entgegen, und aus ihrer Mitte drang das Feuer in meine Adern. Es ergoss sich wie ein Lavastrom durch meinen Körper, brachte meinen Bauch zum Erzittern und erreichte meine Vagina, die sich sofort entschloss Feuchtigkeit zu spenden, um das Feuer zu löschen.


Heute werden zahllose ähnliche Geschichten verfasst, die auf bestimmte Kreise zugeschnitten wurden, zumeist mit der Absicht, Interessenten auf Webseiten zu locken. Üblicherweise werden dabei Klischees aus Verführungen, Rollenspielen und SM-Aktvitäten (6) verwendet.

Literatur geht anders, doch erfordert sie Mut. Erotik ist nicht klinisch rein, sie hat nicht nur ihre schönen Seiten und sie transportiert und hinterlässt Körperflüssigkeiten. Auch die Geilheit ist nicht einfach blumig, sondern sie überkommt die Menschen, spielt mit ihnen, lässt sie Dinge tun, die sie vielleicht bereuen.

Wenn Sie vorhaben, eine erotische Geschichte zu schreiben, und wenn sie die Freiheit haben, zu schreiben, was sie möchten, dann beherzigen Sie bitte den folgenden Rat.

1. Schreiben Sie lebensnah, nicht idealisierend.
2. Stellen Sie Gefühle in den Mittelpunkt.
3. Benutzen Sie die Verführung des Wortes.
4. Versuchen Sie, Klischees zu vermeiden.
5. Wechseln Sie zwischen Wollust und Zärtlichkeit, wie im richtigen Leben.


Hat Ihnen dieser Artikel irgendwie geholfen? Ich hoffe es für Sie – und für mich.

(1) "Fuchsia", Paris 1981.
(2) "50 Shades of Grey", Australien, 2011.
(3) "Older Woman", Anonym (Sammelband), Waterlooville, 1999.
(4) Web: Erozuna
(5) Ubomi Ulobi: "Übertreibungen und Untertreibungen in erotischen Geschichten" (noch unveröffentlicht).
(6) Sado-Masochistischer Kitsch wird beispielsweise benötigt, Um Kunden auf Domina-Seiten aufmerksam zu machen.
(7) Ich gehe in anderen Artikel ausführlich auf das Thema ein, deshalb wurde es hier ausgelassen.

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