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Mind The Gap – schreiben über den Busen

Moderne Zurschaustellung der Brüste
Ein „Gap“ ist ein Zwischenraum, der zumeist ein Gefälle beinhaltet. Man könnet ihn auch eine „Spalte“ nennen, aber das will ich aus verständlichen Gründen hier vermeiden. Sie werden sich sicherlich fragen, was „Mind the Gap“, mit dem Busen zu tun hat. Nun, wenn Sie einmal London besucht haben und dort U-Bahn gefahren sind, schallt es Ihnen entgegen: „Mind The Gap“ – achten Sie auf die Vertiefung, die zwischen ihrem Ausstieg und dem Bahnsteig besteht.

Und damit sind wir exakt beim Busen. Selbiger ist, wie wenige wissen, eigentlich ein Phantom. Denn er ist im Grunde genommen nur die Vertiefung zwischen den weiblichen Brüsten. Da sagen jedenfalls die Busen-Puristen. Das Problem ist nur: ohne Brüste keine Vertiefungen, und so existiert der weibliche „Busen“ nicht wirklich, sondern nur als eine Vorstellung, gebildet von den inneren Hälften beider Brüste, und öffentlich nur sichtbar, wenn diese Brüste entsprechend zur Schau gestellt werden.

Die Welt des Dekolletés

Womit wir beim Dekolleté wären. Vergegenwärtigen wir uns, dass es Zeiten gab, in denen man den weiblichen Körper so gut wie von Hals bis Fuß verdeckte, und ihm sogar noch Handschuhe mitgab, sodass es nur die Gesichtshaut zu besichtigen gab.

Sehen sie, und genau in diese Lücke, sticht dann der Busen. Je nach Mode wurden die Brüste entweder züchtig verdeckt oder leicht betont, und wenn eine Dame ein Dekolleté trug, dann zunächst nur, um die Brustansätze zu zeigen, aber keinesfalls den Busen. Dennoch wagten es einige Damen, wie wir aus einer Predigt von Abraham a Sancta Clara entnehmen können, ein Kruzifix tatsächlich so tief „im Busen“ zu tragen, dass dieser wetterte (1,2):

Viele von euch haben den bösen Gebrauch, daß sie zwischen den nackten Brüsten Demantkreuzlein oder güldene, geätzte Kurzifixlein herabhängend tragen. Heißt das nicht Christentum noch heutigen Tages zwischen zwischen zweien Mördern hängen?


Nun, soweit der Prediger, den ich nur zitiere, weil die Damen in Wien, wo die Predigt gehalten wurde, ganz offensichtlich so zu sehen waren. Das Kruzifix hing also erkennbar zwischen den Brüsten, also im Busen.

Schöner "Busen"

Sobald das Dekolleté also den Spalt zwischen den Brüsten sichtbar präsentierte, sorgte der „Einschnitt“, also der Busen, für Aufmerksamkeit. Es dürfte kein Geheimnis sein, dass moderne „Büstenhalter“, die dazu dienen, die Brüste in den Vordergrund der Betrachtung zu ziehen, nicht nur die Brüste anheben, sondern sie auch zusammendrücken, sodass der Zwischenraum nahezu verschwindet und die Brüste besonders voluminös wirken.

Die Erotik des Busens

Da wäre noch die Erotik des Busens, namentlich jenes Teils, der nun wirklich den Zwischenraum darstellt. Einst diente er, wie wir schon hörten, wirklich dazu, die Neugierde auf den umschließenden Teil zu wecken. Dabei hatte das „Tiefe Dekolleté“ noch den sinnlichen Effekt, die Linie nackter Haut gedanklich zu verlängern, was den Herren gelegentlich die Röte ins Gesicht schießen ließ, wenn sie sich bei dem Gedanken ertappten. Die Damen wussten dies sehr wohl und ließen den hängenden Schmuck schon deshalb möglichst tief „im Busen“ baumeln.

Wunschbild aus dem 1900 Jahrhundert
Um schließlich noch sehr intim zu werden: Große Brüste mit einem entsprechend tief eingeschnittenen Busen raubten schon manchem Mann den Atem. Nicht nur symbolisch, sondern durchaus auch dann, wenn seine Nasenspitze auf dem Brustbein ruhte und die Dame ihre Brüste fest zusammendrückte. Nun ja, Männer haben eben manchmal seltsame Gedanken und ich erspare Ihnen allen heute wirklich, noch tiefer in die Materie einzusteigen.

Zurück zur Literatur: Wann immer wir in der erotischen Literatur den „Busen“ finden, klingt das Wort etwas „angekitscht“. Der wogende Busen, der schneeweiße Busen, der „Busen, dessen süßes Rund sich wie Seide anfasst und wie Elfenbein glänzt" – das alles wirkt etwas schwülstig. Eines der frühen Lobesgedichte auf die Brüste, den Busen und die Brustwarzen stammt übrigens von Clément Marot, der 1535 eine der schönsten Oden an die weibliche Brust verfasste. Wer dies heute tut, wird vermutlich verdächtigt, ein chauvinistisches Schwein zu sein. Ach, doch nicht? War da nicht das Hohelied Salomons?

Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein,
Wie die Zwillinge einer Gazelle,
Die in den Lilien weiden.


Nun gut lassen wir es für heute. Versuchen Sie, den Busen aus ihrem Wortschatz zu entfernen. Schon das Wort fühlt sich merkwürdig an, und ich denke, dass sich der Busen für ihre Leser(innen) dann genau so anfühlt.

(1) Demantkreuz – mit Diamanten besetztes Kreuz, aber kein Kruzifix. (2) Zitiert nach "Sittengeschichte des Intimen" Wien/Leipzig ohne Datum

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