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Wenn Lippen auf Lippen treffen und Zungen auf Zungen

Lassen Sie sich von Küssen faszinieren

Hallo, Sie wollen also einen Kuss beschreiben? Da höre ich schon das Seufzen: „Einen Kuss kann man nicht beschreiben“ oder „wenn man einen Kuss beschreibt, ist doch der Zauber dahin.“

Das ist nun allerdings die gleiche Argumentation, als wenn Sie behaupten würden „Gefühle kann man nicht beschreiben, oder, in Anlehnung an Goethe, „wenn man Gefühle beschreibt, dann beschreibt man keine Gefühle mehr.“

Oh, Sackgasse? Nein, natürlich nicht. Wir sind nur auf einen Kardinalfehler gestoßen, dem viele der jungen Autorinnen verfallen: Wir sind von der Schule gewohnt, in Abläufen zu denken. Und immer, wenn wir etwas beschreiben sollen, was uns fremd ist, dann verfallen wir wieder in Variationen von „und dann, und dann und dann“. Oder wir verlassen uns auf das, was wir auch einmal gelernt haben: Wir unterfüttern unsere Sätze mit elegant klingenden, aber reichlich überflüssigen „Füllseln“. Etwa so:

Der Hergang, nüchtern:

Ich küsste Eva, und es war für mich überwältigend.

Und hier die Schilderung (1):

Meine Lippen trafen auf Evas Mund, und ich gab ihr einen langen, feuchten Kuss. Ich spürte eine enorme, atemberaubende Lust, die wie Knallfrösche zu Silvester in mir explodierte.


An dieser kurzen Sequenz wirkt oberflächlich nichts falsch. Die Analyse zeigt aber, dass hier nur Sätze zusammengebracht wurden, statt eine Geschichte zu erzählen. Der Ansatz „Meine Lippen trafen auf …“ mag noch akzeptabel sein, aber der Übergang „gab ihr einen langen, feuchten Kuss“ wertet ihn ab. Sowohl „ihr geben“ passt hier nicht, und der „lange Kuss“ wirkt eher kurz und oberflächlich. Wie aus diesem Kuss ein so überwältigendes Gefühl entstehen konnte, bleibt dem Leser unbegreiflich. Und einen Satz mit „ich spürte“ zu beginnen, erübrigt sich so gut wie immer. Es ist normal, etwas zu spüren, und die Frage sollte sein: Was ist es eigentlich? Wie wirkt es und was macht es mit mir? Natürlich lächeln Sie über die Knallfrösche – aber leider stammen sie von unserem Texter, der die Geschichte für uns umschrieb.

Wie können Sie diese Klippen nun umschiffen?

Wir hangeln uns am Beispiel entlang, aber dieser Text gilt für alles Kuss-Situationen und viele andere Schilderungen der Lust.

1. Authentizität
Verharren Sie solange wie möglich bei den Gefühlen ihrer Figuren. Stellen Sie sich vor, selbst zu küssen oder geküsst zu werden. Was geschieht also wirklich, wenn „die eigenen Lippen einen fremden Mund treffen?“

2. Stilsicherheit und Stilbruch
Bleiben Sie solange in dem von Ihnen erwählten Stil, wie sie können. Wenn „Lippen auf einen Mund treffen“, dann treffen sie dort etwas, das sie anregt – und jemanden, dem diese Lippen gehören. Sie können erst einen Stilbruch riskieren, wenn sich die Stimmungslage erheblich verändert.

3. Das Erspürte beschreiben, nicht plakativ darstellen
In vielen erotischen Internetgeschichten wird „gespürt“. Vermeiden Sie das Wort, solange sie die Gefühle aktiv erleben können, also nicht darauf angewiesen sind, etwas zu „erspüren.“

4. Vermeiden Sie Superlative
Sparen sie sich Worte wie „enorm“, „ungeheuer“ „überwältigend“ für die Momente auf, in denen Sie wirklich etwas Ungewöhnliches ausdrücken wollen, das sich nicht anders beschreiben lässt. Kurz nach einem nichtssagend Satz („gab ihr einen langen Kuss“) etwas „Enormes“ zu spüren, ist albern. Ihre Leser wollen wissen, was es denn war, das da in Ihrer Figur hochkam und wie Sie damit umgegangen sind.

5. Beschreiben Sie das Geschehen aus erotischer Sicht
Lesen Sie die Schilderung noch einmal. Da ist ein Text, aber er ist nicht erotisch, ja nicht einmal sinnlich. Ein „feuchter Kuss“ kann in allen Details beschrieben werden, wenn er erotische Brisanz bekommen soll. Denn nachdem die Lippen auf den „Mund trafen“, gab es bei der geschilderten Figur und ihrer Freundin ja zunächst einmal Reaktionen, die sich aus dem Kuss ergaben, dun aus diesen erwuchsen dann neue Aktivitäten und Gefühle.

Hat Ihnen dies geholfen? Ich hoffe doch. Bringen sie Ihre Leserin dazu, dass sie unter dem Kuss erschauert und sich dabei fühlt, als würde sie selber Teil des Geschehens sein. Dann liegen Sie richtig.

(1 - Das Beispiel wurde einem Original nachempfunden, und dort steht es noch wesentlich unausgegorener.)

Eine Diskussion über die Beschreibung eines Kusses fanden wir in der Schreibwerkstatt..

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