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Sinnlich Schreiben – ein besonderer Beitrag für Frauen

Das erotische Leben hinter dem Spiegel
Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein Geringes … jedenfalls (ist) das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht (eine) abnorme Erscheinung.

Richard Freiherr von Krafft-Ebing(1) (1912)

Warum wird der Großteil erotischer Erfolgsromane von Frauen für Frauen geschrieben? Weil Frauen die Lust aus den Wörtern saugen, sich dabei an die Stelle der Heldin setzen und weil sie versuchen, all das nachzuempfinden, was sie durchlebt, von der aufsteigenden Geilheit bis zum Orgasmus. Oh, du zweifelst?

Dazu musst du eines wissen: „Der Verstand der Frauen leugnet die Vagina“ (2). Das ist kein Macho-Spruch, sondern ein zuverlässiges Forschungsergebnis. Dazu wurden Frauen verschiedene Szenen gezeigt, in denen Menschen Geschlechtsverkehr hatten: Heterosexuelle wie Homosexuelle. Die Frauen hatten die Möglichkeit, ihre Erregung selbst einzuschätzen, sie wurde aber parallel durch einen Pletyhsmographen aufgezeichnet, mit dessen Hilfe man die körperliche sexuelle Erregung maß. Die Genitalien verrieten dabei, dass die tatsächliche sexuelle Erregung ungleich höher war als die Selbsteinschätzung.

Im 21. Jahrhundert innerlich mit den Maßstäben des 19. Jahrhunderts leben?

Man hat seither viel darüber diskutiert, warum dies so sein könnte. Ganz allgemein kam man später zu dem Schluss, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht „gestattet wird“, sexuelle Wesen zu sein – so wie vor über 130 Jahren (1). Sie müssten daher immer behaupten, nicht „geil zu werden“, auf Kaffeetafel-Deutsch vornehm „nicht sexuell erregt zu werden“.

Die "andere Realität", in der alles möglich wird

Nehmen wir an, diese Frau würde ein Buch lesen. Offenbar ist es der Figur im Buch gestattet, bei einer Begegnung „feucht zu werden“, dabei nervös auf dem Jugendstil-Sessel im Kaffeehaus hin- und herzurutschen und dabei zu hoffen, dass die Feuchtigkeit nicht bis zum Bezug des Polsters durchschlägt. Möglicherweise nimmt sich die Frau im Buch noch viel mehr heraus … und all dies rauscht durch das Hirn deiner Leserin, die nach und nach in die Figur hineinkriecht. Der Verstand? Hat sie zuvor jemals gefragt, ob ein Liebesroman „logisch schlüssig“ ist? Warum also sollte sie sich nun fragen, ob die folgende aktive oder passive Verführung jetzt realistisch, logisch oder lebensnah ist?

Der Verstand hier, die Gefühle dort

Der Verstand, die reine Logik erfasst keine Gefühle. Wer die Geschlechtsteile und ihre Funktionen akademisch korrekt zu benennen weiß und sie dann im Zusammenwirken erläutert, kann genauso gut beschreiben, wie ein Schuko-Stecker in die Schuko-Steckdose kommt. So ähnlich wie beim Sexualkundeunterricht.

Der Trick, den Autorinnen (und manche Autoren) mit dem erotischen Roman verfahren, ist ganz einfach: Die Situation wird von der Realität entbunden, wie es auch im Liebesroman geschieht. Dann wird eine neue, märchenhafte Pseudo-Realität unter völlig anderen Gesichtspunkten aufgebaut. Die Figur, gleich ob Femme fatale oder Mauerblümchen, wandelt in einem Märchenland der Gefühle, in dem alles erlaubt und nichts unmöglich ist.

Das heißt nun nicht, dass unser gesamtes Geschehen auf „Wolke Sieben“ abläuft, denn nun kommt der zweite Trick: In der veränderten, märchenhaften Umgebung wird eine neue, durchaus detaillierte Realität aufgebaut, die sich nicht mehr am „Erlaubten“, sondern am „Möglichen“ orientiert. Dieses „Mögliche“, so unwahrscheinlich es auch sein mag, kann dann realistisch (und äußert frivol) geschildert werden, denn wir sind längst in einem Land „hinter den Spiegeln“, in dem die „echte Realität“ nicht mehr zählt. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel ist die „Geschichte der O“, ein Roman, in dem die einzelnen Szenen äußert detailgetreu geschildert werden, während sie als märchenhaft empfunden werden.

(1) Der gute alte Richard Freiherr von Krafft-Ebing, seines Zeichens Nervenarzt und damals als äußert kompetent angesehen, schrieb und veröffentlichte diese Zeilen gegen 1886. Sein Buch „Psychopathia Sexualis“ erschien in mindestens 17 Auflagen – zitiert wurde aus der 14. Auflage von 1912.
(2) Bergner: Die Versteckte Lust der Frauen, New York 2013
Bild nach einer anonymen Zeichnung, kleiner Ausschnitt.

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