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Deine Figur – etwas Psycho gefällig?

Psychologie - was bewirkt sie für deine Figuren?
Eine Figur ohne Ecken und Kanten wird schnell langweilig. Und weil das so ist, werden die Protagonisten oftmals mit kleinen, dann aber auch wieder mit schweren Macken ausgestattet. Die Vornehmen sehen den Knick in einem Ereignis im Erwachsenenalter – ich habe aufgehört, die Roman-Kommissare zu zählen, die Angehörige durch Unfälle oder Verbrechen verloren haben, und danach unter schweren psychischen Störungen litten. Im Bereich der Liebes- oder Erotikromane wird der „Tick“ entweder (nach Sigmund Freud) in die frühkindliche Entwicklung verlegt oder aber mit einem Ereignis wehrend der Pubertät in Verbindung gebracht.

„Man weiß es ja“ – nein, „man“ weiß gar nichts

All dies ist überwiegend angelesen und weder allgemeingültig noch sonderlich authentisch. „Man“ weiß ja, wie schwer ein Trauma sein kann, wie empfindsam die Kinderseele ist und wie leicht sich pubertierende Jugendliche ins Abseits führen lassen. Und „man“ weiß es, weil es viel Tausend Mal behauptet, geschrieben und erneut abgeschrieben wurde.

Keine Psychoklempnerei

Mit Verlaub – das ist keine Psychologie – das ist Psychoklempnerei mit der Rohrzange. Das Prinzip beruht auf dem eher seltenen Fall, dass es ein einzelnes, oft mit Geheimnissen verhülltes Ereignis war, das den Knick in der Seele hervorgerufen hat, und das genau dieses Ereignis für die heutigen Macken entscheidend war.

Warum die Psyche vielleicht zu kompliziert ist

Wenn du das bisher auch geglaubt hast, dann solltest du wissen: Die menschliche Psyche ist weitaus komplizierter, und ihre Facetten entstehen nicht durch ein einzelnes Ereignis. Sie kann vielmehr durch ein Geflecht von Grundlagen beschrieben werden, auf deren Basis Ereignisse aller Art gewisse Prägungen hinterlassen haben.

Musst du "Psycho" einbeziehen?

Aber das passt nun so gar nicht zu einer Romanschreiberin, nicht wahr? Und damit ergibt sich die Frage: Musst du deine Person überhaupt „psychisch“ darstellen?

Maßnahmen und Ereignisse bewegen das „Psychische“

Ich habe eine sehr interessante Stelle im kriminalistisch-erotischen Roman „E.R.O.S“ (1) gefunden. Ich zitiere

Das Leben ist einfach.
Für je komplizierter Sie das Ihre halten, desto weniger wissen Sie über Ihre wirklichen Lebensumstände. … Wir beklagen uns über komplizierte Zustände, über moralische Grauzonen, aber wir suchen Zuflucht in diesen Dingen. Komplexität bietet Zuflucht vor Entscheidungen und damit auch davor, Maßnahmen ergreifen zu müssen.


Die verwendbaren Plots für das „auf und ab“ der Psyche

Eine gute Story beschreibt zumeist den Versuch, aus diesen Verwicklungen herauszukommen oder aber in derartige Verwicklungen hineinzugeraten. Nahezu alle Plots von Aufstieg – Abstieg und erneutem Aufstieg (und dem Gegenteil davon) können dazu verwendet werden. Die Läuterung eines psychischen Konflikts wird am besten mit „Reise und Rückkehr“ erreicht.

Der Weg hinaus ist durch die Tür

Manchmal wird der psychische Zustand mit einer Tür verglichen: Der Mensch mit vielen Konflikten will einfach nicht durch die geöffnete Tür gehen, weil er sich „draußen“ fürchtet. Der Mensch, der keinen Konflikt scheut, wenn er nur ein aufregenderes Leben haben kann, bricht hingegen Türen auf, auch wenn sie verschlossen sind. Das gilt auch für das Verhalten in erotischen Situationen.

Die Psyche nicht beschreiben, sondern handeln lassen

Ob es dunkle Flecken in der Psyche deiner Figur gibt? Das zeigst du am besten in aktuellen Handlungen. Um ein simples Beispiel zu nennen: Während sich deine Figur in die kleine, einsame Waldhütte locken ließ, um neue Lüste kennenzulernen, erinnert sie sich, einmal ind er Waschküche eingesperrt worden zu sein. Oder: Bevor sie eine ungewöhnliche Lust erproben will, erinnert sie sich daran, wie starr und bereitwillig sie vor einem medizinischen Eingriff war. Und überhaupt – alle Arten von Peinlichkeiten von der Kindheit über die Pubertät bis hin zu Ereignissen in späteren Jahren eignen sich vorzüglich, um psychische Konflikte darzustellen, die in der Jetztzeit geschehen.

Auf dem Weg dazu, Psycho-Klischees zu vermeiden

Wenn ich Bücher lese, in die krampfhaft Textstellen hineingepfropft werden, warum die Figur so oder so geworden ist, so denke ich immer: Ach bitte, doch nicht bei Dr. Freud abschauen. Und auch nicht bei Menschen, die psychotherapiert wurden und deshalb das einschlägige Vokabular benutzen.

Wenn ein Mensch sich selbst erklären will, und wenn er anderen vermitteln möchte, warum er in dieser oder jener Weise handelt, dann sind die eigenen Worte gerade gut genug. Sie sind unmittelbarer, direkter und freier von Klischees. Und zudem zeugen die eigenen Aussagen davon, dass jemand (sei es die Figur oder die Autorin) etwas „wirklich verstanden“ hat und nicht etwas Angelesenes geistlos nachplappert.

foto © 2019 by Liebesverlag.de
(1) 1997 als "Mortal Fear", 1999 als "E.R.O.S", Bergisch Gladbach.

Wie ordnet die Literaturszene Frauenerotik ein?

lesen, anschauen, abwenden?
Die Literaturbranche wurde ganz offensichtlich von der weiblichen Erotik-Welle überrollt – was einerseits nicht verwundert, wenn man die Prüderie der Branche in Betracht zieht. Andererseits jedoch folgt genau diese Erotikwelle einer Tradition, denn Frauen haben ihre Informationen über die Sexualität auch schon in vergangenen Zeiten überwiegend oder gar ausschließlich aus der erotischen Literatur bezogen. Dies behauptet jedenfalls Werner Fuld in seinem Buch „Die Geschichte des sinnlichen Schreibens“.

Doch weder Literaturkritiker, noch Verleger, noch Buchhändler würden zugeben, dass die erotische Literatur noch (oder wieder?) eine so große Rolle für die Frauen des 21. Jahrhunderts spielt. Schließlich fühlt man sich als Kulturelite und redet auch so. Und Kultureliten sprechen nicht über „Schweinkram“.

Immerhin versuchte Wikipedia (englisch), die Sache anzugehen:

Viele Leserinnen sind inzwischen von Pornografie begeistert, sei es traditionelle Pornografie oder maßgeschneiderte Frauenerotik. Liebesromane werden manchmal als „Erotik“ vermarkte – und umgekehrt. Erotische Liebesromane sind ein relativ neues Genre der Liebesromane mit einem betont erotischen Thema und eindeutigen Sexszenen. Im Kern folgen sie jedoch dem Genre der Liebesromanze.


(Nur im englischen Wikipedia, frei übersetzt)

Die Sache hat durchaus Brisanz, denn wenn wer lebensnahe und begeisternde erotische Literatur will, darf im Grunde nicht erwarten, dass die Liebesschnulzen-Fließbandschreiberinnen die richtigen Autorinnen für diese Aufgabe sind. Möglicherweise muss der Weg zu wirklich sinnlicher, unverkitschter Erotik-Frauenliteratur noch gefunden werden.

Ich gehe noch einen kleinen Schritt darüber hinaus: Wie das Körperliche bis ins Detail in Farbe und Bewegung funktioniert, kann heute jede Frau im Internet sehen. Aber wie es sich anfühlt, wie die Sinne dabei mitgehen oder sich verweigern - das kann sie nicht sehen. Das muss sie lesen und dabei erfühlen. Natürlich könnet man nun sagen: „Bei Männern ist das aber auch so“. Aber die Männer wollen es zumeist nicht vorab wissen, sondern einfach nur erleben.

Hinzu kommt noch, dass sich Frauen viel intensiver vom geschriebenen Wort tragen lassen als Männer. Sie erwarten also auch von der Literatur über erotische Fantasien, dass sie „mitgenommen“ werden.

Was das alles bedeutet?

Vor allem dies: Wir müssen erotische Literatur viel ernster nehmen.

Die Fassaden des Bürgerlichen - und die Leserinnen

schämen oder fasziniert sein?
Die Damen und Herren,
die Du hier siehst,
sie tragen so ganz nebenbei...
... ein Engelsgesicht,
doch die Sünde besticht.


Musical Jekyll & Hyde - "Fassade"

Ich lese gerade ein einem Magazin aus dem Jahre 1988 (1) warum Frauen ihre heftigen erotischen Fantasien unter Verschluss hielten – und ich dachte mir: dreißig Jahre später oder dreißig Jahre früher was das nicht wesentlich anders.

Damals ging es um Pornografie, aber es hätte ebenso gut um „erotische Schriften“ gehen können. Die auf Forschungen basierende Behauptung ging davon aus, dass sich die Frauen von Pornografie „zugleich abgestoßen und angezogen“ fühlten. Was letztlich hieß: Heimlich wurde schon mal in ein Pornoheft geglotzt, und wenn es möglich war, wurde schon mal geguckt, was denn im Bücherregal hinter Schillers gesammelten Werken in zweiter Reihe stand.

Erotische Schuldgefühle sind am Erregendsten

Die Forscher damals nannten „Schuldgefühle und Sexualängste, die die Abwehrreaktion (auf Pornografie) auslösen.“ Übrigens nicht ausschließlich bei Frauen, auch bei Männern. Je moralfester sie im Vordergrund taten, umso mehr interessierte sie das „Schmutzige“.

Noch etwas präziser wird Dr. P. Gorssen in seinem Buch „Das Prinzip Obszön“ (2), übrigens bereits 1969:

In jedem für obszön gehaltenen Objekt … steckt ein Stück von uns selber, die wir es ablehnend oder zustimmend verstanden haben.


Wie die Bürger ihre Fassaden hochhielten

Der wirklich aufgeklärte Mensch kann etwas sehen, beschreiben und einordnen – unabhängig davon, ob es seinem Geschmack entsprechen mag oder ob er darin eine Lust oder eine Gefahr sieht. Doch das Bürgertum, von der Blütezeit bis zum Kleinbürgertum in der Bundesrepublik Deutschland, handelte anders. Es sah in allem, was seine Fassade störte, eine Gefahr für das mühsam zusammengezimmerte Gebäude der Wohlanständigkeit. Nicht, dass es sie nicht gab, die bösen Verführungen: In Antiquariaten wurde historische Pornografie unter dem Ladentisch gehandelt, der Toilettenmann im erotischen Cabaret belieferte seien Kundschaft mit verbotenen (echt frivolen) Fotobänden. Und der wahre Pornograf schrieb damals auf klapprigen Vorkriegsschreibmaschinen erotische Texte - teils auch auf Wachsmatrizen, die sich dann vervielfältigen ließen und im Freundeskreis verteilt wurden.

Nur: das alles ging still und heimlich vonstatten, ebenso wie die Bordellbesuche des Hausherrn oder die Aktivitäten der Damen, die hinausgingen, um sich das Nadelgeld aufzubessern. So hieß jedenfalls die vornehme Umschreibung für die Hausfrauenprostitution. Übrigens benannte man niemals die Geschlechtsteile oder sprach auch nur über das Geschlechtliche - „es gehörte sich nicht", darüber zu reden.

Das Obszöne und die Damen der 1950er Jahre

Bei Frauen scheint der Ekel beim Lesen von Pornografie, der in der Presse immer gerne angeführt wurde, überwindbar gewesen zu sein. Von den viktorianischen Damen bis hin zur Hausfrau der 1950er Jahre wussten viele, welche Stellen in verfügbaren und nicht indizierten Büchern die Lust anregten.

Heimlich verschlungen: Strafen und Internats-Erotik

Und heute? Es ist erst wenige Jahrzehnte her (3), als im Vereinigten Königreich die Flagellationsliteratur wiederentdeckt wurde – und sie war durchaus in seriösen Buchhandlungen zu haben. Allerdings ging es dabei überwiegend um die erotischen Fantasien aus Internaten. Dabei lebten die Schilderungen aus viktorianischer Zeit wieder auf – offenkundige oder verdeckte lesbische Beziehungen sowie heftige oder sinnliche Körperstrafen waren die Themen.

Mütterchenpornografie

Und erst im neuen Millennium kamen die „50 Shades of Grey“ auf den Markt, die abermals einen Dammbruch auslösten. Plötzlich wurde eine bestimmte Art von Pornografie zum Zeitgeist, die man später „Mütterchenpornografie“ nennen sollte. Und nun war etwas möglich, woran kaum jemand geglaubt hätte: Wenigstens untereinander und im kleinen Kreis bekannten sich Frauen zu diesen und anderen Fantasien.

Die Lust am Obszönen ist noch nicht vorbei

Solange bestimmte Themen immer noch sowohl Ablehnung als auch Zustimmung auslösen, machen sie neugierig und mischen die Farben der chargierenden Fantasien. Nach wie vor wird das Heftige im Schönen gesucht, das vorgeblich Schmutzige im Natürlichen, die Begierde am sauren Beigeschmack im Süßen. Mögen die Themen inzwischen auch „irgendwie“ akzeptiert werden, so werden sie nach wie vor nicht in Büchern mit eindeutigem Einband im ICE gelesen.

(1) DER SPIEGEL, online verfügbar.
(2) Das Prinzip Obszön, Reinbek 1969.
(3) Die meiste Bücher dieser Art erschienen zwischen 1990 und 1999.

Wie glaubwürdig sind die Zahlen über sexuelle Fantasien?

Das Thema gab es immer - die Akzeptanz allerdings nicht
Bei der Bewertung erotischer Fantasien taucht immer wieder die Frage auf: Wie zuverlässig sind denn eigentlich die Zahlen, die wir einzelnen Forschungen entnehmen können?

Zahlen zu Erotik-Fantasien sind nur bedingt glaubwürdig

Die erste Antwort: Nur ganz wenige Projekte wurden von seriösen Forscherinnen und Forschen durchgeführt. Die meisten Zahlen stammen aus Erhebungen, die sozusagen „quick and dirty“ von Mitgliedern erotischer Foren oder erotischer Dating-Plattformen erhoben wurden. Manche Studien wurden auch von Herrenmagazinen und Frauenzeitschriften in Auftrag gegeben. Einige stammen sogar von Besuchern spezifischer Pornografie-Seiten. Von einigen Befragungen darf angenommen werden, dass sie von vornherein einen bestimmten Zweck erfüllen sollten und dass die Fragen deshalb manipuliert wurden.

Die vereinfachte Antwort: Die Zahlen sind so unterschiedlich, weil die Methoden der Befragung höchst unterschiedlich waren.


Eine zweite Antwort ist noch weitaus überraschender: Bei besonders heiklen Themen spielt der Zeitgeist oder der „Mainstream“ in die Ergebnisse herein. Ist ein Thema noch nicht „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen, so leugnen die Teilnehmer von Befragungen gerne, jemals selbst betroffen gewesen zu sein.

Die vereinfachte Antwort: Wenn’s alle tun, geben Befragte eher zu, dass es auch sie betrifft.


Ich gebe dazu ein Beispiel: Laut einer seriösen britische Erhebung von 2006 fantasierten 58 Prozent der Männer über eine Dreierkonstellation, während es bei einer kanadischen Befragung 2014 fast 85 Prozent waren. Das allein aber wäre noch kein Grund, den veränderten Zeitgeist zu bemühen. Die Zahlen sollen nur als Vergleich dienen. (Frauen 2006 - 28 Prozent, 2014 – 37 Prozent).

Ein plötzlicher Wandel, der „vom Himmel fiel“

Zwischen 2006 und 2014 ereignete sich allerdings etwas, das den „Mainstream“ erheblich veränderte: Im Jahr 2011 erschien die erste Ausgabe der „50 Shades of Grey“. Schon kurz nach Erscheinen des Buches war das Thema „Schläge und Unterwerfung“ in aller Munde. Auf Partys und Kaffeekränzchen von Frauen aus dem Mittelstand wurde ganz offen über das Buch gesprochen – und das hatte einen enormen Einfluss auf weitere Befragungen zu sexuellen Fantasien.

Dazu die Zahlen:

18 Prozent der Männer fantasierten 2006 darüber, eine Frau erotisch zu schlagen. 2014 waren es bereits 46 Prozent.

Nur sieben Prozent der Frauen fantasierten 2006 darüber, einen Mann erotisch zu schlagen, doch 2014 waren es schon 24 Prozent.

Geschlagen werden wollten in ihren Fantasien 2006 nur 13 Prozent der Frauen, während es 2014 bereits 36 Prozent waren.

Nur 11 Prozent der Männer erträumten sich 2006, von ihrer Partnerin geschlagen zu werden, 2014 waren es rund 30 Prozent.


Die Verdreifachung der Werte ist höchst ungewöhnlich. Selbst, wenn man unterstellt, dass die Kriterien in der kanadischen Studie etwas toleranter aufgefasst wurden, ist eine Steigerung auf das Dreifache undenkbar – der Zeitgeist hatte also zugeschlagen. (Die Steigerung beim Vergleichsthema betrug nicht einmal das 1,5-fache).

Aus Deutschland liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Das Buch „Sex im Kopf“, dass dieses Thema in deutscher Sprache ventiliert, bringt ausschließlich Interviews mit betroffenen Personen.

Zahlen 2014: What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy?
Christian C. Joyal, PhD, Amélie Cossette, BSc, and Vanessa Lapierre, BSc, Department of Psychology, Université du Québec à Trois-Rivières, Trois-Rivières, Québec, Canada; Philippe-Pinel, Institute of Montreal, Montreal, Québec, Canada.

Zahlen 2006: „Sex im Kopf: Alles über unsere geheimsten Phantasien“, im Original Sex and the Psyche: The Truth About Our Most Secret Fantasies.

Ohne Zahlen: Sex im Kopf – die erotischen Fantasien der Deutschen, Reinbek 2014.

Illustration: nach einer Zeichnung von Herric. (Chéri Hérouard)

Kreatives Schreiben – für Anfänger

Kreativ schreiben - kein Hexenwerk
Es gibt im Netz einige Hunderttausend Artikel über „Kreatives Schreiben“. So, wie ich es hier in Anführungszeichen gesucht habe, findet allein Google fast 1,4 Mio. Ergebnisse.

Die Ergebnisse lesen sich merkwürdig – beinahe so, als würde man in eine geheimnisvolle Welt exotischer Regenwälder eindringen. Es scheint, als ob sich die Autoren die Finger verknotet hätten, um bewusst komplizierte Formulierungen zu finden, und dazu reicht völlig ein Blick in „WIKIPEDIA“ (1):

Kreatives Schreiben ist eine Bezeichnung für Schreibansätze, die davon ausgehen, dass Schreiben ein kreativ-sprachlicher Prozess ist, zu dem jeder Mensch methodisch angeleitet werden kann.


Ich setze dem mal etwas entgegen.

Kreatives Schreiben soll dir dazu dienen, den Lesern Freude, Vergnügen und Lust zu bereiten – vielleicht sogar sein Lebensglück zu finden (2). Um das tun zu können, brauchst du zunächst nur die Lust daran, etwas mitteilen zu wollen, und dann die Technik, mit der Sprache Bilder zu malen, die andere verstehen können.


Ich habe vermeiden, zu behaupten „kreatives Schreiben ist …“, weil „Schreiben“ immer ein Prozess ist, und niemand kann Prozesse in einzelne, eherne Sätze gießen. Ganz hübsch ist die Formulierung (3):

Die Autoren wollen entweder nützen oder unterhalten - oder zugleich Erfreuliches und für das Leben Nützliches sagen.


Wenn wir dem Satz folgen wollen, und zugleich Nützliches und Erfreuliches vermitteln wollen, dann müssen wir dies unter Einsatz unseres Sinne tun, und zwar so lebendig wir möglich. Das ist der eigentliche Sinn von Prosa, und erst dann kommt all das, was wir als „Techniken“ oder „Verfahren“ bezeichnen.

Prozesse nutzen, um Sinnliches kreativ zu beschreiben

Die beste Methode besteht darin, Prozesse zu nutzen. Prozesse sind die Interaktionen zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Umwelt. Oder noch einfacher: Was machen Menschen mit mir – was mache ich mit Menschen? Wie wirkt die Umwelt auf mich – wie wirke ich auf die Umwelt?

Wir können diese Umstände schnell erweitern: Was passiert in mir, wenn ich … zum Beispiel etwas Seltsames erlebt oder gehört habe. Im sinnlichen Bereich bestehen Prozesse aus allem, was zwischen Körper, Geist und Psyche stattfindet. Noch einfacher?

So läuft ein Prozess ab, den du kreativ umsetzen kannst

Deine Heldin sieht eine betörende, verwirrend Frau. Sie versucht, ihrer Faszination nicht zu erliegen. Ihr innerstes Selbst wehrt sich dagegen, doch ihr Kampf ist vergeblich. Eine kleine, harmlose Berührung elektrisiert ihren ganzen Körper. Ihr Unterleib sendet ein flatterndes Zucken an ihr Gehirn, ihre Hände werden feucht und die Schamlippen schwellen an.

Das ist nicht „kreatives Schreiben“, sondern nur der Prozess, den du nun kreativ beschreiben könntest. Die einzelnen Elemente sind mehrdeutig und enthalten Rückkoppelungen, und sie verlaufen teils parallel, teils entgegengesetzt, und teils kreuzen sie sich miteinander. Und all dies verläuft absolut ohne Planung.

Und nun frage ich dich: Wie willst du geplant über jemanden schreiben, der sich bewegt und selbst gar nicht weiß, in welche Richtung er sich entwickelt? (4)

Die Elemente kreativen Schreibens (Übersicht)

Das heißt also: Du musst einen anderen Weg gehen. Empfohlen werden innere und äußere Dialoge, bildhafte Schilderungen, spontane Erinnerungen und außergewöhnliche Sprachelemente. Beispielsweise wird deine Figur ihre Empfindungen kaum in „vollständigen Sätzen“ formulieren, sondern selbst erst einen Ausdruck für das erfinden müssen, was ihr gerade geschieht. Und du? Du führst sie dahin, lässt ihr die Freiheit, innere Kämpfe auszutragen und von unendlicher Begierde durchzuckt zu werden. Und am Ende der Geschichte oder des Kapitels führst du sie zurück in die Welt, die sie kennt – und die du kennst.

Ich gestehe, dass diese wenigen Sätze nicht ganz erklären, wie du diese Elemente nutzen kannst - und ich gebe dir in einen späteren Artikel gerne einen Überblick.

(1) Wikipedia
(2) Nach einer Aussage eines bekannten Kulturkritikers.
(3) Horaz, Ars poetica, 1. Jahrhundert v. Chr.
(4) Folgt dem Motto: "Lass deiner Figur freien Lauf ..."


Alle Sechs Teile – Schreiben für Einsteiger
Teil 1: Was bedeutet eigentlich Schreiben?
Teil 2: Reich deine Zeit für einen Roman?
Teil 3: Finde deine Idee und deind Figur.
Teil 4: Deine weibliche Figur entsteht.
Teil 5: Was ist eigentlich ein Schreibstil?
Teil 6: Kreatives Schreiben.