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Verbal an die Lust heranführen

Die beste Lektion, die Sie sich antun können (und sicherlich keine Lektion für Furchtsame), besteht darin, einmal das Gespräch zwischen dem Antihelden aus „Cracker“, dem Psychologieprofessor Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald und dem Verdächtigen zu verfolgen. „Fitz“ redet dabei hautnah auf ihn ein, schildert sein Verbrechen in allen Details, wird extrem direkt, so als kenne er das geheime Innenleben des Täters genau. Schrecklich genau, schrecklich hautnah, geradezu so, als wolle er den Zuschauer ansprechen und sagen: „Du könntest es auch getan haben – aber du hättest Skrupel gehabt.“ Am Ende sagt der Verdächtige: „Ich glaube, Sie brauchen einen Psychiater.“

Der Film heißt „Mord ohne Erinnerung“. Und warum empfehle ich, den Dialogen in diesem Krimi zu lauschen?

Sehen Sie – Fitz kann sozusagen detailliert auslesen, was im Gehirn eines Gewaltverbrechers vorgeht. Und Sie? Sie können detailliert beschreiben, was im Gehirn ihrer zögernden Jungfrauen, widerlichen Lustmolchen, selbstsüchtigen Verführerinnen und lernbegierigen Jünglingen vorgeht. Bleiben sie eng an der Wollust dran, aber auch der Scham, dem Zögern und den Widersprüchen. Die Gedanken der Menschen sind oft schamloser als ihr Handeln, als legen sie offen, was ihre Figuren wirklich denken – nicht nur, was aus ihren Mündern herausquillt.

Ja sicher – sie können die erotischen Gedanken Ihrer Leserinnen und Leser auch einfach „antriggern“, sodass sie Fantasien in den Hirnen der Leserschaft erzeugen, von denen sie gar nicht geschrieben haben. Falls Sie das können – Chapeau. Der gewöhnliche Autor erotischer Literatur kann es nämlich nicht.

Er war gutaussehend, sie spürte Begehren

Fällt Ihnen etwas auf? Nein, nicht das „gut aussehend“, das wäre schnell korrigiert. Aber als ich weiterlas, kam noch der Satz „Sie war in vorfreudiger Stimmung“. Nun ja, und später „spürte sie ein gewisses Begehren“.

Sagen wir’s mal kurz und knapp:

„Gut aussehend“ wird gelegentlich als plakative Selbstbeschreibung genutzt, sagt aber nichts darüber aus, wie jemand aussieht, geschweige denn, wie er auf die Heldin wirkt.

„In vorfreudiger Stimmung“ geht gar nicht, nicht weil eine Stimmung beschrieben werden muss – sie kann nicht „vorfreudig“ sein. Sie freute sich auf die Begegnung, den Termin, die Präsentation. Wenn Freude vor dem Ereignis eintritt, auf das sie sich bezieht, ist sie automatisch „Vorfreude“, und man muss nicht besonders erwähnen, dass „Freude“ eine Stimmung ist.

Am Ende „verspürte sie ein gewisses Begehren“ – und das gibt mir Gelegenheit Ihnen erneut ans Herz zu legen, mit dem Wort „spüren“ höchst vorsichtig umzugehen, zumal, wenn es sich um ein „Begehren“ handelt. Die Unsitte „Ich spüre“ … verbunden mit einem Substantiv (ich spürte Schmerz, Glück, Freude, Angst)“ ist eine erbärmliche sprachliche Krücke, die ein Schriftsteller niemals verwenden sollte.

Ein guter Lektor hätte solche Probleme natürlich entdeckt.

Pegging ist eine mentale Frage

Nicht die Nacktheit ist wichtig, nicht die Technik - sondern allein das Gefühl
Pegging (1) ist ein beliebtes Thema – und die Frage ist nicht nur: Wie kann ein Mann erreichen, dass die Frau ihn mithilfe eines Analdildos penetriert. Die Frage kann auch sein, warum sie es will – und natürlich, wie sich beide zuvor, währenddessen und hernach fühlen.

Was Sie tun können: Schildern Sie die Machtgelüste, die sich in der Frau aufbauen, ihren Stolz, endlich einmal der aktive Teil in der Penetration zu sein, und sich nicht allzu viel um „seine Gefühle“ zu scheren. So, wie es die meisten Männer tun, wenn sie Frauen penetrieren. Wenn Sie für Frauen schreiben: Sorgen sie dafür, dass in Ihren Worten „rüberkommt“, wie toll das Gefühl der Macht ist, und wie es sich „anfühlt“ jemanden völlig zu beherrschen. Selbstverständlich muss der Mann all dem zustimmen, beispielsweise, weil er sich ein lustvolles Erlebnis davon verspricht.

Interessant ist auch, die Gefühle zu schildern, wenn alles vorbei ist. Aus der Sicht des Mannes: Er hat soeben etwas erlebt, das im vorher ausgesprochen entehrend erschien, und er entwickelte dabei heftige Gefühle aller Art, die er erst einmal verarbeiten muss. War er eben noch „befüllt“ und mit seiner Geilheit beschäftigt, so fühlt er sich nun leer, und er schämt sich vielleicht, weil es ihm so viel Freude gemacht hat.

Die meisten Männer glauben, sie könnten Frauen auf die eine oder andere Art beherrschten, und sich Lust und Sex erschleichen. Wenn Sie beherrscht werden, oder Frauen ihre Lüste oder Bedürfnisse mit ihrer Hilfe befriedigen, werden Männer verwirrt.

Allein diese Frage erlaubt Ihnen, das Thema seitenlang aus der reinen Perspektive von Wünschen, Gefühlen und Nachgedachten über die eigene Rolle auszubreiten.

Sie werden feststellen, dass der „aktive sexuelle Teil“ keine allzu große Rolle spielt – viel wichtiger sind Vorbereitungen, Überraschungseffekte und Nachgedanken. Egal, ob Sie eine Frau oder ein Mann sind - schreiben Sie über das, was sie empfinden würden, wenn Sie eine der Figuren wären. Denn das wissen Sie wahrscheinlich. Und legen sie jede Faser ihrer Fantasie frei, um die Geschichte eindringlich wirken zu lassen.

(1) Pegging: Penetration des Mannes durch eine Frau mit Hilfe eines geeigneten Instruments.

Erotisch schreiben: bringen Schreibtechniken Sie wirklich voran?

Sie wissen wahrscheinlich, dass viele Frauen erotische Novellen beginnen, aber die meisten nach ein paar Seiten aufgeben. Die Schreibschulen haben dann diese tollen Vorschläge, was Autorinnen alles ändern könnten: bessere Plots entwickeln, Gerüste bauen, rote Fäden einweben und als Krönung „Clustering“. Letzteres wird angeboten wie Sauerbier, aber es bedeutet kaum mehr, als ein paar Gedanken zu verketten. So etwas als „kreatives Schreiben“ zu vermarkten, erfordert eine Menge Chuzpe.

Mag sein, dass es manchmal funktioniert. Sicher ist aber auch, dass damit lediglich eine Ideenkrücke geschaffen wird, an der man sich festhalten kann, wenn’s beim Gehen mal hapert.

Clustering als Gehirnschmiere?

Behauptet wird ja, dass Clustering dafür sorge, dass sich Emotionalität (die Gefühlswelt) und Rationalität (Vernunft, Logik) jederzeit verbinden könne. Ich sag mal: Das ist eine nette Idee, aber mehr nicht. Denn die meisten Autorinnen und Autoren, berühmte Dichter durchaus eingeschlossen, versagen bei der Darstellung der sinnlichen Gefühle.

Schreiben ist Arbeit - und auch an Gefühlen muss gearbeitet werden

Schreiben ist Arbeit. Und gefühlvoll zu schreiben, ist entweder problematisch, weil wir Klischees verwenden, oder kritisch, weil wir bestimmte Gefühle nicht zulassen wollen. An einem einzigen Gefühlsmoment, sei es ein Kuss, eine Penetration oder eine Ohrfeige, kann man als Autorin oder Autor stundenlang arbeiten, um das Wesentliche hervorzuheben.

Na klar – man könnte dies auch anders schreiben: Trivial, versachlicht, verkitscht. Das passiert, wenn man für wenig Geld viel schreiben muss. Aber ich sage Ihnen wahrscheinlich auch nichts Neues, wenn ich behaupte: Die meisten erotischen „Erfolgsautorinnen“ schreiben schon dann oberflächlich und ideenlos, wenn sie die Verbindung von Klitoris und Psyche schildern sollen, die man allgemein „Lust“ nennt. Vom Schmerz ganz zu schweigen. Da lässt man die Protagonistin schon mal „Au“ schreien oder „einen tiefen Schmerz fühlen“ und das war’s dann.

Aus der Situation heraus fühlen, denken und handeln

Wenn’s nicht läuft – legen Sie ihr Manuskript einfach mal weg. Erfinden Sie die Situation noch einmal – und lassen sie die Zügel der Gedanken und Empfindungen frei. Beispielsweise solche, die ihre Protagonistin entwickelt, wenn sie in einem billigen Stundenhotel mit verbundenen Augen auf ihren neuen Liebhaber wartet und mit jeder Minute unsicherer und furchtsamer wird, wer da wohl den Raum betreten wird. Denken Sie dabei zum Beispiel auch an die Geräusche, die durch die Wände dringen.

Wenn Sie das nicht schaffen, dann bringt Ihnen auch Trick 17 mit Stern nichts mehr. Schreiben können Sie trotzdem – denn wie ich schon oft sagte: Mal wird jeder Mist veröffentlicht, weil Leserinnen gerade danach gieren, und dann wieder verschwinden erstklassige Manuskripte, weil sie nicht marktfähig sind.

Warum logisch, warum konsequent?

Sagte irgendjemand, dass ihre Geschichte logisch und konsequent sein muss? Warum sollte Sie? Sind Gefühle logisch oder konsequent? Nein, niemals. Wer von Lust getrieben wird, fühlt, denkt und handelt ganz selbstverständlich irrational. Und das darf Ihre Figur natürlich auch.

Mein Rat: Vertrauen Sie der Begierde ihrer Figur. Sie will Lust – und diese Lust saugt Sie aus ihnen heraus. Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und Ihrer Figur: Die Protagonistin darf alles, was Sie sich niemals zutrauen würden.

Erotik - trivial oder doch literarisch wertvoll?

Auf ein Wort: Na schön, da war Buchmesse. Offensichtlich werden Werke ausgezeichnet, die eigentlich niemand mehr lesen will. Es sei denn, spitzohrige Bildungsbürger, die am Ende ihrer Tage die Welt verstehen wollen. Ich will gar nicht meckern – Literatur zu produzieren heißt, dass man unter sich ist. Und „große Literatur“ ist immer da, wo wir niemals sind – weil von ihr jemand „ergriffen“ werden soll. Mal ehrlich – ich will nicht ergriffen werden. Ich will etwas lesen, das in jeder Zeile interessant geschriebenen wurde.

Nichts Neues im Massengeschäft - und wie ist es mit der Erotik?

Wenn Sie heute lesen (und insbesondere sehen), was für die Massen an Büchern geschrieben wird, dann werden Sie feststellen: Da gibt’s nichts Neues. Die Sprache ist altbacken, und wer kann, schreibt so ab, dass es niemand merkt. Oder jedenfalls nicht sofort.

Der Vorwurf trifft die Massenware „Krimis“ ebenso wie die Liebesromane und ganz selbstverständlich auch die erotische Literatur. Die Inhaberin des ebook-Verlages Cupido aus Köln weiß dazu allerdings (Zitat):

Das Genre ist durchaus nicht so schlecht wie sein Ruf! Zwar wird allenthalben behauptet, man könne erotische Texte nach Schema F herstellen, aber das ist zu kurz gedacht. Sicher geht das, und sicher reicht das dann auch für die eine oder andere einhändige Aktion – aber ich glaube, dass Erotik in der Literatur als Teil des Ganzen ernst genommen werden muss.


Ich habe die sso langatmig zitiert, weil es ausgesprochen zutreffend ist – und nicht nur für E-Book-Schreiberinnen und andere Hobbyautorinnen. Gerade die „bekannten“ weiblichen Erotikschreiber kokettieren viel zu oft nur mit den erotischen Vorgängen. Denn die Gefühle, die sie angeblich offenbaren, liegen fast immer an der Oberfläche. Da wird so gut wie niemals hart und kompromisslos an Begierde, Wollust oder Schmerz herangegangen. Und ich meine damit nicht, dass daraus simple Aufsatz-Gedanken wie in der Schule gestrickt werden. Falls Sie einige Negativ-Beispiele brauchen, können Sie gerne selbst suchen, sie beginnen meist mit „Sie fühlte …“ oder „sie spürte“.

Schlechte Beispiele gibt es genug – und doch: Auch wenn Sie noch so gut sind, bleiben Sie damit ewig in der „Schmuddelecke“. Die Spitznasen der Kritiker-Clique lieben schwer Gedanken, die das Gute vom Bösen trennen und aus denen ersichtlich wird, warum das eine oder andere obsiegt.

Kritiker wollen keine Erotik - weil sich keine Moral daraus gewinnen lässt?

Die Kritiker mögen die Erotik nicht wirklich, und die Wollust schon gar nicht. Denn Erotik und Wollust sind Empfindungen, die weder Gut noch Böse kennen, und aus denen sich keine Moral ablesen lässt, die den Menschen zum Besseren verändern könnte.

Ach, noch ein Nachwort? Ja, mir liegt’s am Herzen. Auch das neumodische Geschwafel von „sozialer Korrektheit“ hindert Autorinnen, hart zur Sache zu kommen. Die Sprache der Lust ist niemals sozial korrekt, und die wenigstens der interessanteren sexuellen Handlungen lassen sich „sozial korrekt“ oder „genderneutral“ beschreiben.

Und nun? Nun schreiben Sie, um Himmels und Teufels willen, und lassen Sie ihre Seele dabei überkochen. Schreiben sie so schmutzig, lassen Sie Körperflüssigkeiten fließen und Frauen und Männer so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.