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Was die Augen mit uns machen können

Ob ihr Auge oder sein Auge - die Schokolade träufelt über ihren Körper ...
Ich habe euch neulich darüber berichtet, wie man ein „Date“ einmal völlig anders beschreiben kann. Wenn ihr euch daran erinnert, werdet ihr feststellen, dass sich im ersten Beispiel die Augen des Konterparts der Heldin „selbstständig“ gemacht“ haben.

Das zitiere ich einfach noch einmal, bevor ich über eine ähnliche Schreiberfahrung berichte:

Diese Augen sahen sich kurz um, um sich dann auf mich zu richten. Sie kamen auf mich zu und setzen sich abrupt hin, sahen mich an, um sich dann zu senken, wie jemand, der etwas Böses getan hat.


Nun interpretiere ich eine andere Geschichte:

Erste Version:

Er hatte hübsche brauen Augen. Sie lagen auf mir und scannten meinen nackten Körper ab, verharrten kurz auf meinen Brüsten und verfingen sich schließlich in meinem Schritt.


Zweite Version:

Seine sinnlichen, schokoladenbraunen Augen überstrichen meine Haut mit der Verführungskraft verflüssigter Chilischokolade. Sie wanderten über meinen erregten Körper und hinterließen überall ein paar Tropfen heißer, flüssiger scharf gewürzter Schokolade, die mich besonders heftig erregten, als sie meine Brüste trafen. Doch die Schokoladenaugen wanderten weiter, verfingen sich schließlich in m einem Schritt und versuchten, mit all ihrer Süße, Wärme und Schärfe in die Schamlippen vorzudringen.


Möglicherweise bekommt ihr für die zweite Version Anmerkungen wie „Ganz schön kitschig, oder?“ Aber eines ist sicher: Wer sich vorstellen kann, von seinem (seiner) Geliebten mit den Augen entkleidet, bewundert oder berührt zu werden, wird von der Geschichte begeistert sein.

Mehr Lust durch alternative Lust

Stell dir vor, du präsentierst deinen Körper vor einer Gruppe von Männern
Eine Frage, die viele Autorinnen bewegt, die sich mit Erotik beschäftigen: Wie funktioniert eigentlich all das Zeug, das so „frech“ oder gar „unanständig“ ist, dass niemand so recht darüber reden mag? Kann ich trotzdem darüber schreiben, und wenn ich es tue, werde ich dann akzeptiert? Wie reagieren die Blümchensexliebhaber einerseits und die exotischen Kreise der „Adepten“ anderseits?

Mach es niemandem "recht" - mach deine Leserinnen an!

Ich gebe zunächst mal eine simple Antwort: Die „Blümchenleute“ sind begierig, und den Exoten kannst du es sowieso nicht recht machen. Denn: SM-Kreise wissen oft nicht, welche Rollenspiele und sonderbare sexuelle Praktiken in „gewöhnlichen“ Beziehungen vorkommen. Sie wissen nur von dem, was sie selber spielen. Und das ist – qualitativ und quantitativ – etwas anderes.

Beginne bei deinen eigenen Fantasien

Beginne bei deinen eigenen Fantasien. Denk nach, was du tun, genießen und erleiden könntest. Denk auch an Praktiken, vor denen du Angst hast und die dennoch gerne probieren möchtest. Bevor du entsetzt aufstöhnst – du musst sie nicht „wirklich“ durchführen. Versuche einfach, dir unterschiedliche Szenarien vorzustellen. Wenn du es bei den gewöhnlichen erotischen Situationen schaffst, dann kannst du es auch bei den „besonderen“ Aktivitäten. Ich sag’s mal so: Wenn du dich selber langsam und sinnlich ausziehst, dann kannst du dir auch vorstellen, wie es ist, auf diese Weise ausgezogen zu werden. Und wenn du dir das vorstellen kannst, dann kannst du auch darüber schreiben, wie die Kleider deiner Figur zerrissen oder durchschnitten werden. Nun fehlt nur noch die Idee, dass deine Figur momentan gerade nicht in der Lage ist, dies irgendwie zu verhindern. Schon bist du mitten in der „alternativen Lust“.

Nimm zuerst, was dich selber anmacht

Such die einen Punkt, ein „One Thing“, das dich anmacht. Sag deiner Figur, sie soll es ausprobieren. Nimm zunächst einen Rahmen, den du dir vorstellen kannst: eine Party, die auch ein bisschen zur Orgie wird. Eine Begegnung mit einem frivolen Pärchen, das am Samstagabend einen Dreier vorschlägt. Einen keck entblößten Hintern, auf dem spielerisch eine kleine rote Lederpeitsche erprobt wird. Noch zu viel? Stell dir vor, du präsentierst deinen Körper vor einer Gruppe von Männern, die hinter einer Absperrung stehen – du kannst alles wagen, weil Bodyguards dich schützen.

Nein, du gehst nicht auf die Bühne, ich weiß. Aber die Figur, die du erschaffst? Eine Studentin, die sich daran ergötzt, „die Kerle lechzen zu sehen?“

Alle Macht für deine Figur

Versuch mal, deine ganze Energie in deine Figur zu legen – statte sie mit Mut und Furcht aus, gib ihr die Kraft zu Leiden und zu Lüsten. Mach aus ihr ein wollüstiges Wesen, das sich bewusst in der Lust suhlt oder ein scheues Rehlein, das sich seiner verborgenen Lüste schämt. Denke dran, dass die Figur alles sein kann.

Wenn du sie als „Femme fatale“ aufbaust: Sieh ihr zu, wie sie die Kerle beherrscht und ins Verderben führt. Sie tut dabei nichts anderes als das, was auch du könntest, wenn du ihre Energien und Rücksichtslosigkeit hättest.

Das ist überhaupt das Geheimnis erotischer Literatur: Auch du könntest … aber du tust es nicht. Du schickst eine Marionette ins Rennen, die sich alsbald von den Fäden befreit und ein Eigenleben entwickelt.

Ein wichtiger Satz über die Lust – für Autorinnen

Völlig von Sinnen - Lust im Delirium
Ich habe einen Satz in „Delirium“ gefunden, den ich im Original nicht einmal wiedergeben kann – einmal wegen der möglichen Zensur und zweites, weil jetzt ja alles „sozial korrekt“ sein muss. Also –wenn ihr ihn im Original lesen wollt, dann bliebt auch nichts anderes übrig, als das Buch zu kaufen – 1977 erschienen, in Deutschland erst zwei Jahre später.

Nun, ich will den Satz gerne so wandeln, dass er für dich passt, wenn du Autorin bist.

Diese Geschichten sind die Besten: Wenn deine Figur zittert, immer etwas verstört ist, wenn ein Mann in sie eindringt. Das genießt diene Leserin mehr als alles andere, weil sie jedes Mal glaubt, dass etwas Verbotenes geschieht.

Wie ich bereits sagte, es ist nicht der Originaltext. Aber es ist der Geist des Textes. Wenn die Heldin zugleich nach der Erfahrung lechzt und davor zittert, dann sind wir an dem Punkt angelangt, an dem Gefühle überschäumen. Und weil wir gerade dabei sind: Es muss ich nicht zwangsläufig um einen Mann und eine Frau handeln, und es muss nicht der Penis sein, der ängstigt.

Du kannst überall nachlesen, dass es nichts Langweiligeres gibt, als wenn alles „wie am Schnürchen“ flutscht. Nicht beim „ersten Mal“ und nicht beim ersten Mal mit dem/der Neuen. Und natürlich nicht bei einem der späteren ersten Male, wenn deine Figur neue Szenarien erprobt.

Der beste Mix: Mut, Geilheit und etwas Furcht

Am besten ist, deine Figur mit Mut, Geilheit und etwas Furcht auszustatten. Dann gelingt das, was du erreichen willst. Irgendwann gibt sich deine Figur nach vielen kleinen Widerständen und zwiespältigen Gefühlen endgültig und restlos hin. Und bei etwas sprachlichem Geschick wird deine Leserin glauben, sie habe sich gerade selbst der Lust hingegeben.

Zuvor las sich einen anderen Satz an einem anderen Ort. Die Sprache, so heißt es dort, würde uns viel mehr verstören als das Bild. Ich versuche das mal in „anständigem Deutsch“: eine erlebnisbereite Vulva oder ein heftig erigierter, begehrenswerter Penis, ins Bild gesetzt, mag „anmachen“ oder „erschrecken“, beides mag den Blick auf sich ziehen oder befremdet woanders hin lenken. Bist du eine Voyeuse (oder ein Voyeur), so guckst du hin und es macht dich vielleicht geil. Wenn du es nicht bist, ärgern dich diese Bilder oder sie lassen dich kalt.

Aber wenn du darüber liest, dann kannst du dich nicht gegen die Worte wehren, die deine Psyche behacken wie ein Specht die Rinde eines Baumes. Diese lustvollen, unverschämten, direkten Worte …

Die muss sie natürlich erst einmal finden. Dazu fällt mir ein, dass du deine Figur ruhig einmal animieren kannst, einen völlig schlaffen Penis durch bloßes Liebkosen aufzurichten – und sich dabei ein bisschen zu schämen.

Nun, dir fällt wahrscheinlich noch viel mehr dazu ein.

Delirio erschien zuerst 1977 in Mailand. Die deutsche Ausgabe heißt "Delirium"

Advent: Schreiben über die Lust am Kerzenwachs

Wachsspuren auf der Haut ...
Ich weiß ja nicht, wie es dir ergeht, aber fast jedes Mädchen und jeder Junge erinnert sich an harmlose Mutproben im Advent. Kerze anzünden, einen Moment warten, bis sich das Wachs verflüssigt hat und dann dir selbst oder deinem Cousin einen der heißen Tropfen tropfen davon auf den Handrücken fallen lassen. Das Gefühl, das der Tropfen auf der weichen haut, hinterlässt, vergisst du nie: Halb schmerzhaft, halb erregend, und vor allem so schrecklich verboten … selbst der Onkel Doktor hob warnend den Finger, als er davon hörte.

Später verstehst du unter „sinnlicher Lust“ wahrscheinlich erstmal etwas ganz anderes: Du willst die wilden Schauer spüren, die Orgasmen, die dich so hübsch quälen, bis sie, auf die Spitze getrieben, dann in Entspannung ausfließen.

Eines Tages im Bad ... kommt die Erinnerung

Und eines Tages, wenn du allein bist, wirst du dich vielleicht an die alten Zeiten zurückerinnern, ein hübsches Schaubad einlassen und eine Kerze anzünden … du hast ja Zeit. Das Wachs kann verlaufen, und schließlich ergreifst du die Kerze und und tropfst dir ein wenig Wachs auf die Brust. Nun ein paar Tropfen. Da ist es wieder, das alte Gefühl, und auch noch ein Neues: je näher du deinen Brustwarzen kommst, umso mehr kribbelt die Lust in deinem Körper hoch … na ja, und vielleicht lässt du ihr dann freien Lauf.

Das Spiel mit dem Wachs

Das nächste Mal fragst du ganz unschuldig deinen Lover, ob ihr nicht einmal ein bisschen mit Wachs spielen könntet … und dann kann es wirklich etwas sinnlicher werden – und heftiger. Eine Augenbinde? Ein paar Handschellen? Vielleicht ein paar Eiswürfel zwischendurch?

Und nun ... mach deine Geschichte daraus ...

So – und nun packst du all dies in eine wunderschöne erotische Geschichte mit Düften, flackerndem Kerzenlicht, dem brennenden verlangen und dem süßen Ausgeliefertsein. Deine Figur, de es sinnlich erlebt, kann Frau oder mann sein – spielt keine Rolle. Und du kannst beschreiben, wie das Wachs auf diese oder jene Stelle tropft … und natürlich auch auf ein paar äußerst delikate Stellen.

Solche Szenen lassen sich leicht schreiben, wenn du schon einmal irgendwo und irgendwie einen Wachstropfen gespürt hast. Dann kannst du deine Figur das heiße Wachs spüren lassen – nur etwas intensiver, brennender und nachhaltiger. Die Fantasie ist immer etwas heftiger als die Realität, und „Verbrennungen“ mag es im wirklichen Leben schon mal geben, aber im Erleben deiner Figuren gibt es es nur den lustvollen Schmerz, und den in vielen Variationen.

Realität und Fantasie haben eines gemeinsam: Am sinnlichsten wird die Prozedur, wenn du dir (und also auch deiner Figur) Zeit lässt. Also wenn die Tropfen gezielt von den weniger empfindlichen Körperteilen auf die empfindlicheren fallen, und dazwischen immer eine Pause liegt, um den Genuss in vollem Bewusstsein von (viel) Lust und (ein wenig) Schmerz zu erleben.

Im Buch wirkt alles intensiver als im Video

So etwas zu schreiben macht viel Freude – und diese Freude erleben auch deine Leserinnen. Denn anders als in entsprechenden Filmchen fällt jeder Tropfen über die Haut direkt in das Hirn deiner Leserin. Und wenn sie es einmal selber erlebt hat, und sei es nur auf dem Unterarm, dann spürt sie den Tropfen genau dort auf der Haut, wo du ihn hinfallen lässt. Na schön, ganz sicher bin ich darüber nicht … aber so wurde es mir jedenfalls beschrieben.

Was machst du daraus? Im Advent wirken solche Themen natürlich besonders intensiv …

Fantasie, Schreiben, die Schammauer und der Genuss

In deinen Fantasien kannst du tun, was du willst. Wann immer du es willst und und wie auch immer es vor sich gehen soll. Du kannst es mit jedem tun, mit dem du es tun möchtest und wie immer es dir gefällt. Niemand verurteilt dich.

Gefahren beim Schreiben - Fantasien und Öffentlichkeit

Vielleicht setzt du manche Gedanken in Worte um. Nimm die in acht, wenn du sie aufschreibst und damit an die Öffentlichkeit gehst. Die Alltagsmenschen sind böswillig, wenn es darum geht, ihren schönen Schein zu zerstören. Sie werden sagen, dass du derjenige bist, der solche Gedanken hegt, und sie werden dich bezichtigen, in deinen Inneren selbst so zu sein wie deine Figuren.

Versöhnung, die Schammauer und Genuss

Wenn du deine Leserinnen mit extremen Gedanken versöhnen willst, bette sie in erotische Märchen ein. Wie heißt es doch: „Mit einem Stückchen Zucker schlucken sie die bittere Medizin.“ Sorge dafür, dass beide Partner irgendeinen Gewinn davon haben – beherzige den Satz „das Vergnügen war ganz auf meiner Seite“. Und wenn du das kannst: Sorge dafür, dass du zu der geheimen Geilheit vordringst, die in den Köpfen deiner Leserinnen schlummert. Wenn du die Schammauer durchbrichst, treten sie hervor, und dann können sie – nach einer Weile – alles, was du schreibst, so genießen, als würden sie es selbst erleben.