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Ist S/M-Land ein Wunderland?

Etwas zu sehen heißt nicht, etwas zu fühlen
Ist S/M-Land ein Wunderland? Und was hat dieser Artikel mit dem Schreiben von sinnlichen Geschichten zu tun? Lies bis zum Ende, an dem ich die Realität verlasse und dir beim Schreiben helfen möchte.

Unweigerlich muss ich an den Fall ins Kaninchenloch denken, wenn ich lese, was Frauen über S/M Beziehungen schreiben, und so darf ich wohl eine ganz andere Quelle zitieren, die recht bildhaft Auskunft gibt (1):

Entweder musste der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr langsam; denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und sich zu wundern, was nun wohl geschehen würde.


Falsche Fragen und sinnvolle Fragen - was willst du eigentlich?

Die Frage, die ihr euch stellen solltet, ist nicht: Will ich S/M, will ich mich unterwerfen fessel oder peitschen lassen?

Denn die eigentliche Frage ist wirklich: Trau ich mich, mich fallen zu lassen? Will ich „hinunter ins Kaninchenloch“, will ich wirklich einen Teil meines Bewusstseins opfern, und sie es nur für einige Viertelstunden? Was passiert, wenn ich langsam falle, aber dann immer schneller? Wie werde ich aus diesem Zustand erwachen?

Sich fallen lassen ist eine Reise ...

Du musst nicht zwangsläufig S/M praktizieren, um dich fallen zu lassen, zu schweben und einen Tausch des Bewusstseins gegen den wundersamen Zustand der Leere in deinen Gedanken zu spüren. Wenn du wissen willst, was dir passiert, wenn du ins „Wunderland“ eintauchst (wir reden immer „vom Guten“), kannst du im autogenen Training, bei asiatischen Konzentrationsübungen, beim Psychotherapeuten oder in einer Selbsthilfegruppe erleben. Und manchmal auch beim Sex, wenn du erkennst, wie das Natürliche, das Animalische über deine Bedenken siegt.

Oh, du willst deine Figur ins S/M-Wunderland schicken?

Falls du über S/M schreiben willst … oh ja, das wolltest du? Dann schreib bitte nicht das auf, was du in einschlägigen Filmchen siehst. Schreib nicht ab, was du auf Domina-Seiten findest. Der Weg „hinunter ins Kaninchenloch“ ist der Weg einer Reise, die dich verändern kann. Und falls du scheibst, wird sie deine Figur verändern. Und deshalb: Erinnerst du dich an das letzte Mal, an dem du dich „hast fallen lassen"? Dann schleiß die Augen und lass es noch einmal an die vorüberziehen. Und dann erschaffe deine Figur, die sich ganz tief fallen lässt und am Ende einen sinnlichen Gewinn davon hat.

Lass von dir hören, wenn du es schaffst.

Weitere Gedanken dazu hat eine Bloggerin - nachdenklich und informativ. Zitat (1) Lewis Carroll, AiW, erstes Kapitel.

Gleichgeschlechtliche Liebe – einfach hineinschlittern?

Verführerin, Verführer, Verführte? Frau oder Mann? Übertragen Sie diese Zweifel auf Ihre Figuren!
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ihre Figur „einfach so“ in die gleichgeschlechtliche Liebe hineinschlittern zu lassen? Ohne je zuvor einen Gedanken daran verschwendet zu haben, und entgegen der eigenen wertkonservativen Einstellung?

Wenn beide Frauen sind

Ihre Heldin wird kaum mehr brauchen als eine sanfte, aber konsequente Verführerin … Sie kommt als Vertreterin, Journalistin, Demoskopin oder Raumgestalterin … ganz egal. Und Ihre Heldin? Sie ist irritiert von irgendetwas an dieser Person – es kann die Kleidung sein, ein Schmuckstück, aber auch nur eine Geste. Sie wird die Zärtlichkeit der Verführerin spüren, aber auch ihre Konsequenz. Beides zusammen, ein paar Cocktails obendrauf und die alles in einer lauen Sommernacht – das müsste reichen.

Wenn Männer sinnlich mit Männern werden

Würde ein Mann auch einfach einem anderen Mann verfallen? Ich verrate Ihnen ein Geheimnis; er wird umso faszinierter sein, je weniger er sich bewusst ist, dass er „eigentlich“ von einem Mann verführt wird. Ein hübscher Transvestit wird nicht gleich zeigen, dass er eigentlich ein Mann ist. Und er wird zunächst eine Lust schenken, die der Mann nur von einer Frau erwartet: Augen verbunden, den Kopf voller Champagner, die Sinne zusätzlich benebelt von einem weiblichen Abendparfüm. Der Zauber eines perfekten Fellatios.

Der Morgen danach - was ist passiert?

Sollten Sie das zweite Beispiel nehmen, wird der „Morgen danach“ schwerer zu beschreiben sein als bei der verführten Frau. Für Männer gibt es sie nicht, diese wundervolle Leichtigkeit, endlich einmal über den Zaun gesprungen zu sein, der die Geschlechter trennt. Und wenn sich der Verführer nicht offenbarte? Wenn es bei den Zärtlichkeiten blieb? Sie haben die Wahl, Ihre Figuren zu verwirren.

Tun Sie es einfach. Viele Leser(innen) fasziniert es unheimlich, weil sie es selbst gerne einmal wagen würden.

Oder beantworten Sie sich doch einfach einmal die Frage: Gehört dieses verführerische Gesicht zu einer Frau oder zu einem Mann?

Wie das Lied der Peitsche wirkt ...

Gedanken, Träume, Realitäten? Nur Ihre Heldin kann Gefühle vermitteln.
Aus einer unserer geheimen Quellen für Autorinnen, die sich unsicher sind, wie sie eine Flagellation beschreiben sollen.

Das Lied der Peitsche folgt einem einzigartigen Rhythmus. Zuerst hörst du ein leichtes Zischen, dann das Geräusch des Knalls, wenn sie die Luft zerschneidet, kurz bevor der pfeilschnelle Lederriemen von der Haut gestoppt wird und sich die gesamte Energie ins Fleisch deines sanften, aufnahmebereiten Hinterns verströmt. Es dauert einen winzigen Moment, bevor du leise stöhnst, um dich danach in einem Reflex aufzubäumen. Ein leichtes Zittern folgt, kaum erkennbar, aber es scheint aus deinem tiefsten Inneren zu kommen. Das Gefühl hält eine Weile an, bevor es sanft abklingt. Nun wartest du auf den nächsten Schlag, und vielleicht bittest du gar darum.

Wie sich der süße Schmerz wirklich anfühlt

Was du siehst, ist nicht, was du denkst ... oder doch?
Schmerz ist eine Empfindung, so wie auch Lust eine Empfindung ist, doch während es viele Menschen gibt, die uns die Freuden und Laster der Lust zu erklären versuchen, gibt es wenige, die das Gleiche für den Schmerz versuchen würden.

Zu beobachten, wie der Schmerz entsteht und wie er zunimmt, welche Bahnen er sich bricht und wie er abnimmt, ist kaum gefragt. Was dabei in der Psyche tatsächlich geschieht, ist völlig unklar und bleibt deshalb das Geheimnis jeder Schmerzliebhaberin und jedes Schmerzliebhabers. Beschrieben wird – auch in der erotischen Literatur – fast immer nur das, was äußerlich stattfindet, wobei Peitschen und Rohrstöcken eine viel zu große Rolle zufällt.

Die verwirrend schönen Gefühle, die sorgsamen Arrangements, die Erlösung und die Geilheit finden nur selten die Beachtung, die sie verdienen. Noch weniger wird aber die Intimität beschrieben, oder der Genuss, den Schläge auslösen können, oder das „himmlische Gefühl“, das die Partner verzückt. Ich will hier nur kurz sagen, wie beschämend es für einen Erwachsenen ist, sich vor einer Person des anderen Geschlechts zu entblößen, zumal, wenn dazu eine besondere Prozedur erwünscht ist.

Wer in die Welt der lustvollen Schläge eindringen will, muss sich in die Psyche der Personen versetzen, die „oben“ und „unten“ beteiligt sind. Es ist nicht der Hieb, der schmerzend den wonnevollen Po trifft – es sind die Wellen, die sich pfeilschnell in den Nerverbahnen ausbreiten. Und es ist das Gehirn, das daraus schmerzvolle Lust und lustvolle Schmerzen gewinnt. Wer es so sieht, muss nicht schreiben, dass die Heldin „Aua, das tat aber weh“ sagte, als die Peitsche den milchig-weißen Po traf.

Erotisch schreiben – und dabei geil werden oder nicht?

Eigentlich sind sich alle Autorinnen einig: Wenn du geil bist, schreibst du besser, und je geiler du wirst, umso intensiver spürt das auch deine Leserin. Die bloggende Erotik-Autorin Isabelle Lauren schreibt:

Um Erotik zu schreiben, muss ich geil werden, während ich sie schreibe. Sonst ist es Müll, jedenfalls nach meiner Meinung. Bestenfalls langweilig schlimmstenfalls peinlich.


Das meinen auch die Lehrmeisterinnen. Elisabeth Benedict (1)lehrt:

Es ist –wirklich! – in Ordnung, wenn Sie beim Schreiben erregt werden.


Am besten ist, du lässt dien Figur einfach los – sie muss so erregt sein, wie du nie wirst, und so geil, dass deine Leserinnen unruhig auf ihren ICE-Sitzen herumrutschen, wenn sie dein Buch auf dem E-Reader lesen. Natürlich nicht durchgehend, aber immer dann, wenn du einen erotischen Höhepunkt beschreibst.

Ich habe dazu noch einen Tipp: Vergiss die Rechtschreibung und jede literarische Überlegung, während du den ersten Entwurf schreibst. Bring alles erst später in eine sinnliche Form, die deinen eigenen Ansprüchen an Stil und Wortwahl gerecht wird. Du wirst schnell herausfinden, wie intensiv deine Geschichten plötzlich werden. Und du darfst ruhig annehmen: Was dich geil macht, reizt auch ein paar Tausend andere Frauen.

(1) Erotik schreiben - wie Sex-Szenen literarisch gestalten, New York 2002.