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Er war gutaussehend, sie spürte Begehren

Fällt Ihnen etwas auf? Nein, nicht das „gut aussehend“, das wäre schnell korrigiert. Aber als ich weiterlas, kam noch der Satz „Sie war in vorfreudiger Stimmung“. Nun ja, und später „spürte sie ein gewisses Begehren“.

Sagen wir’s mal kurz und knapp:

„Gut aussehend“ wird gelegentlich als plakative Selbstbeschreibung genutzt, sagt aber nichts darüber aus, wie jemand aussieht, geschweige denn, wie er auf die Heldin wirkt.

„In vorfreudiger Stimmung“ geht gar nicht, nicht weil eine Stimmung beschrieben werden muss – sie kann nicht „vorfreudig“ sein. Sie freute sich auf die Begegnung, den Termin, die Präsentation. Wenn Freude vor dem Ereignis eintritt, auf das sie sich bezieht, ist sie automatisch „Vorfreude“, und man muss nicht besonders erwähnen, dass „Freude“ eine Stimmung ist.

Am Ende „verspürte sie ein gewisses Begehren“ – und das gibt mir Gelegenheit Ihnen erneut ans Herz zu legen, mit dem Wort „spüren“ höchst vorsichtig umzugehen, zumal, wenn es sich um ein „Begehren“ handelt. Die Unsitte „Ich spüre“ … verbunden mit einem Substantiv (ich spürte Schmerz, Glück, Freude, Angst)“ ist eine erbärmliche sprachliche Krücke, die ein Schriftsteller niemals verwenden sollte.

Ein guter Lektor hätte solche Probleme natürlich entdeckt.

Erotisch schreiben oder Klischees aneinanderreihen?

Einem voll bekleidenden Mann rückwärtig Handschellen anzulegen, und ihn dann nach Strich und Faden zu verführen, ist ein guter Ansatz für eine erotische Geschichte. Doch leider wird dieser Gedanken, der manche Träume erweckt, niedergemacht, wenn dann alles viel zu schnell geht oder ein Klischees auf das nächste folgt.

Gerade hat die Heldin die Handschellen angelegt, schon rubbelt sie durch die Jeans an seinem Gemächt. Es war „offenkundig, dass sie bemerkte, was da unten passierte“. Ja, was denn sonst? Folgt sofort ein gängiges Klischee: Ihr Nachthemd fällt. Erstaunlicherweise trägt sie darunter die volle Verführausrüstung: einen schwarzen Spitzen-BH, ein Höschen, Strapse und - Schuhe. Da ist der Mann hin und weg.

Viel Zeit hat der Kerl aber nicht, vor Erregung zu sterben, da bleibt er doch lieber am Leben, denn schon geht sie auf die Knie, um seinen Reißverschluss zu öffnen. Ein weiteres Klischee. Und so geht es gerade weiter … und weiter … und weiter …

Ich weiß, dass man erotische Romane schreiben kann, indem man Klischees aneinanderreiht. Aber ich kann Ihnen nicht raten, es zu tun, denn es ist wirklich öde, wenn Autorinnen oder Autoren nichts anderes können als ein paar Sätze aneinanderzureihen.

Aber wenn ich Sie bitten darf: Tun Sie’s nicht. Versuchen Sie, wie eine Erwachsene zu schreiben.

Das Beispiel lesen Sie hier in englischer Sprache.

Erotisch schreiben: bringen Schreibtechniken Sie wirklich voran?

Sie wissen wahrscheinlich, dass viele Frauen erotische Novellen beginnen, aber die meisten nach ein paar Seiten aufgeben. Die Schreibschulen haben dann diese tollen Vorschläge, was Autorinnen alles ändern könnten: bessere Plots entwickeln, Gerüste bauen, rote Fäden einweben und als Krönung „Clustering“. Letzteres wird angeboten wie Sauerbier, aber es bedeutet kaum mehr, als ein paar Gedanken zu verketten. So etwas als „kreatives Schreiben“ zu vermarkten, erfordert eine Menge Chuzpe.

Mag sein, dass es manchmal funktioniert. Sicher ist aber auch, dass damit lediglich eine Ideenkrücke geschaffen wird, an der man sich festhalten kann, wenn’s beim Gehen mal hapert.

Clustering als Gehirnschmiere?

Behauptet wird ja, dass Clustering dafür sorge, dass sich Emotionalität (die Gefühlswelt) und Rationalität (Vernunft, Logik) jederzeit verbinden könne. Ich sag mal: Das ist eine nette Idee, aber mehr nicht. Denn die meisten Autorinnen und Autoren, berühmte Dichter durchaus eingeschlossen, versagen bei der Darstellung der sinnlichen Gefühle.

Schreiben ist Arbeit - und auch an Gefühlen muss gearbeitet werden

Schreiben ist Arbeit. Und gefühlvoll zu schreiben, ist entweder problematisch, weil wir Klischees verwenden, oder kritisch, weil wir bestimmte Gefühle nicht zulassen wollen. An einem einzigen Gefühlsmoment, sei es ein Kuss, eine Penetration oder eine Ohrfeige, kann man als Autorin oder Autor stundenlang arbeiten, um das Wesentliche hervorzuheben.

Na klar – man könnte dies auch anders schreiben: Trivial, versachlicht, verkitscht. Das passiert, wenn man für wenig Geld viel schreiben muss. Aber ich sage Ihnen wahrscheinlich auch nichts Neues, wenn ich behaupte: Die meisten erotischen „Erfolgsautorinnen“ schreiben schon dann oberflächlich und ideenlos, wenn sie die Verbindung von Klitoris und Psyche schildern sollen, die man allgemein „Lust“ nennt. Vom Schmerz ganz zu schweigen. Da lässt man die Protagonistin schon mal „Au“ schreien oder „einen tiefen Schmerz fühlen“ und das war’s dann.

Aus der Situation heraus fühlen, denken und handeln

Wenn’s nicht läuft – legen Sie ihr Manuskript einfach mal weg. Erfinden Sie die Situation noch einmal – und lassen sie die Zügel der Gedanken und Empfindungen frei. Beispielsweise solche, die ihre Protagonistin entwickelt, wenn sie in einem billigen Stundenhotel mit verbundenen Augen auf ihren neuen Liebhaber wartet und mit jeder Minute unsicherer und furchtsamer wird, wer da wohl den Raum betreten wird. Denken Sie dabei zum Beispiel auch an die Geräusche, die durch die Wände dringen.

Wenn Sie das nicht schaffen, dann bringt Ihnen auch Trick 17 mit Stern nichts mehr. Schreiben können Sie trotzdem – denn wie ich schon oft sagte: Mal wird jeder Mist veröffentlicht, weil Leserinnen gerade danach gieren, und dann wieder verschwinden erstklassige Manuskripte, weil sie nicht marktfähig sind.

Warum logisch, warum konsequent?

Sagte irgendjemand, dass ihre Geschichte logisch und konsequent sein muss? Warum sollte Sie? Sind Gefühle logisch oder konsequent? Nein, niemals. Wer von Lust getrieben wird, fühlt, denkt und handelt ganz selbstverständlich irrational. Und das darf Ihre Figur natürlich auch.

Mein Rat: Vertrauen Sie der Begierde ihrer Figur. Sie will Lust – und diese Lust saugt Sie aus ihnen heraus. Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und Ihrer Figur: Die Protagonistin darf alles, was Sie sich niemals zutrauen würden.

Wenn die Sex-Szene deinen Roman ruiniert …

Oh Sex ... und so plötzlich ...
Ja, wenn dies so ist, dann lässt du am besten bleiben, Sexszenen in Roman einzubauen. Falls du sie doch einbaust und die Szene passt überhaupt nicht, bist du in der erlauchten Gesellschaft angesehener Autorinnen und Autoren: Die können es nämlich auch nicht. Und manche von ihnen gewinnen sogar den bekannten „Bad Sex Writing Award“, also eine Schmähung mieser Sex-Texte.

Doch du willst sicher wissen, wie sich da vermeiden lässt. Dazu musst du wissen, dass Sex die Beziehung der Menschen beeinflusst, bisweilen sogar erheblich verändert. Veränderungen sind keine Risiken, sondern Alltag, und sie beinhalten Chancen.

Vergiss nicht: Deine Heldin ist auch vorher "sexuell"

Du kannst das angstbesetzte Thema „oh plötzlich Sex …“ dadurch vermeiden, dass du deine Figur als natürliche, sexuelle Person einbringst. Das heißt, du erwähnst vor deiner Sexszene, wie deine Heldin zur Liebeslust steht. Denn dann ist Sex kein isoliertes Thema im Leben deiner Figur, sondern Bestandteil ihres Liebeslebens. Er war schon da, bevor sie mit dem Helden deiner Geschichte ins Bett stieg.

Das Geheimnis einer guten Sexszene liegt also darin, die Person schon vorher als sinnlich, erotisch oder sexuell darzustellen. Hat sie nie erotische Romane gelesen? Nie masturbiert? Niemals erotisch fanatisiert?

Hätte sie es, würde sie Wünsche und Sehnsüchte haben, wenn sie in eine Liebesbeziehung eintaucht. Sie würde sich an ihre geheimen Wünsche und Fantasien erinnern, würde ihre Haut wieder so spüren, wie sie es in Erinnerung hatte – auch wenn es nur der Hauch einer Masturbationsfantasie war.

Gehe nicht von dir aus ... lass deine Heldin leben

Machen wir es kurz: Wer einen Roman schreibt, und glaubt, dass sie Sexszene die Liebe ruiniert, der glaubt auch selber, dass Sex die Romantik der Liebe zerstört. Und das wirft ein eigenartiges Licht auf die Autorin selbst, also auf dich.

Wer denkt, Sex im Roman zerstöre die Liebe, sollte sich überlegen, dass Sex die Liebe im „richtigen Leben“ nur verändert, aber üblicherweise eben nicht zerstört. Sonst müssten alle romantischen Paare nach dem ersten Sex voneinander fliehen.

Das Gegenmittel gegen die „Zerstörung durch Sex“ ist deshalb ein einfacher Rat: Du musst deine Heldin „freilassen“. Sie darf sich nicht von dem hemmen lassen, was dich hemmt, sondern muss (meist weit) über das hinausgehen, was du selbst für „angemessen“ hältst.

Und noch ein weiterer Rat: Wenn es einen inneren Konflikt in dir gibt, sobald du das Thema „Sexszene“ berührst, dann verlagere den Konflikt so schnell wie möglich auf die Figur. Sie soll es ausleben, sie soll die Zweifel haben, sie soll darüber hinwegkommen. Nicht du.

Das wäre wirklich alles, was ich dazu zu sagen habe.

Wir werben für uns:

Wir haben für Sie einen kleinen Service, der Ihnen erotische Einfügungen schreibt, wenn Sie uns einige Seiten mit Ihrem persönlichen Stil zur Verfügung stellen und uns grob beschreiben, was geschehen soll. In gleicher Wiese schreiben wir Ihre Texte an den Stellen glatt, vor denen Sie sich fürchten. Einfach alles an die Redaktion schicken - wir erstellen Ihnen einen Vorschlag - unverbindlich:


Erotik - Abschaum der Trivialliteratur, aber erfolgreich?

Warum nur habe ich immer den Eindruck, den Abschaum von Trivialliteratur zu lesen, wenn die Schreiberin ein Profi, das Thema erotisch ist und der Roman „seriös“ verlegt, wurde?

Nun, in der Grabbelkiste eines Leipziger Warenhauses finde ich häufig erotische Romane. Und weil ich bewusst nicht auswähle, sondern einfach nach dem Titel kaufe, bestimmt der Zufall, was in meine Hände gerät. Jedenfalls steht € 3,99 drauf – das ist natürlich noch wesentlich mehr als der Altpapierpreis, aber deutlich weniger als der alte Verkaufspreis.

Wenn Sie jetzt glauben, ich würde den Namen der Autorin nennen oder den Titel: nein danke. Nur dies möchte ich noch erwähnen: sei schreibt sehr, sehr viel. Und sie schreibt ebenso plakativ wie frauenzentriert, dazu pseudo-romantisch und mit angelesenen Erotik-Szenen aus verschiedenen Genres bestückt.

Nun können sei sagen: „Ja, die ganze Branche schreibt doch so“ – na gut. Und Sie können sagen: „Aber bitte, die Frau hat doch Erfolg, was wollen Sie?“ Auch gut. Nur - dann könnten wir auch über andere Groschenromane in Buchform glücklich sein.