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Materialien: Huren und Zuchthausstrafen vor Publikum Fiktion und Realität

Eigentlich nichts Besonderes: Die Rute gehörte damals zum Internat wie die Butter aufs Brot

Fiktion und Realität - die Bestrafung von Huren in England durch Rutenschläge

Schon im 19. Jahrhundert mischten sich Fantasie und Realität, wenn es darum ging, besonders spektakuläre Schriften über Wollust, Prostitution und Körperstrafen zu scheiben.

Im ersten Teil beschreiben wir eine an die Realität angelehnte Fiktion, die nicht als Fantasie, sondern als realitätsnahe Schilderung vermarktet wurde (aus dem Englischen, hier etwas umgeschrieben).

Die Fiktion – Voyeure bei öffentlichen Auspeitschungen der Huren

Von der Epoche an, in der der Shakespeare lebte, erhielten Huren das, was sie nach Meinung der Zeit verdienten: Eine Auspeitschung vor Publikum, die sie in Zukunft daran hindern sollte, ihr fragwürdiges Tun weiterhin zu betreiben. Üblicherweise wurden sie, wie die männlichen Häftlinge, auf den nackten Rücken geschlagen (1), aber die jüngeren Huren erhielten ihre Schläge auf das nackte Gesäß. Die geschah ausschließlich, um die Prozedur interessanter für die Zuschauer zu gestalten, die sich zu derartigen Ereignissen zahlreich in den Zuchthäusern einfanden. (2)

Der Mythos der Strafbank

Die Beschreibung der Strafbank zieht sich durch die gesamte Literatur
Normalerweise verwendete man für sie eine spezielle Strafbank, die man in die Mitte der großen Halle im Untergeschoss des Zuchthauses stellte. Diese Bank hatte auf beiden Seiten hölzerne Fesselungsmöglichkeiten, die dem Pranger sehr ähnlich waren, sogenannte „Stocks“. Auf der einen Seite befanden sich die Öffnungen für den Hals und die Handgelenke, auf der anderen Seite wurden die Beine in Höhe der Fesseln befestigt. (3)

Rund um diese Strafbank, aber in sicherer Entfernung, versammelten sich die Damen und Herren der guten Gesellschaft, um sich an dem nun folgenden Spektakel zu ergötzen.

Es begann damit, dass zwei kräftig gebaute Wärterinnen die junge Hure hereinbrachten, um sie dann bäuchlings auf die Strafbank zu legen und an Händen und Füßen mithilfe der „Stocks“ zu fesseln (3). Sodann kam der Moment, nach dem das Publikum gierte: Der Rock wurde bis über die Schultern hochgeschlagen, sodass jedermann das nackte, noch weiße und ungezeichnete Gesäß betrachten konnte. Zu dieser Zeit trug die Frauen noch keinerlei Unterwäsche, sondern verdeckten die Scham und das Gesäß ausschließlich mit Unterröcken. (4)


Auspeitschungen zum Vergnügen der guten Gesellschaft?

Geschlagen wurde mit Ruten, die aus Birkenzweigen hergestellt waren. Sie wurden zuvor in eine Mischung aus Essig und Salz gelegt (5), um nun in einem großen Korb auf ihre Verwendung zu warten. Man brauchte recht viele solcher Birkenruten, denn die Bestrafung dauerte sehr lang und wurde so heftig ausgeführt, dass die Ruten oftmals auf den Hintern der Frauen zerbrachen. Es wird behauptet, dass die Zuschauer erst wirklich zufrieden waren, wenn Blut floss und die Frauen aus Leibeskräften schrien. Anderen Berichten zufolge konnte man die Schreie der jungen Huren überall im Zuchthaus hören. Ganz offensichtlich waren es nicht die Birkenruten allein, die den Schmerz verursachten, sondern auch die Mischung aus Essig und Salz, die immer tiefer in die geröteten oder gar wundgeschlagenen Hintern eindrangen. Man rechtfertigte die Behandlung der Ruten übrigens auch damit, dass man sie mit Salz und Essig deinfiziert habe.

Die Damen und Herren der Gesellschaft vergnügten sich an den rot geschlagenen Gesäßen, an den Wunden und vor allem an den Schreien und den Tränen, die die Frauen vergossen. (6)


Die angebliche „Besserung“ als Vorwand für Schläge

Die jungen Huren, so glaubte die damalige Gesellschaft offiziell, würden das Zuchthaus geläutert verlassen und sich zwei Mal überlegen, ob sie ihrem fragwürdigen Beruf wieder nachgehen würden, wenn sie entlassen wurden. Allerdings war eher zu erwarten, dass die Bordellbesitzerinnen und Zuhälter schon vor dem Gefängnistor auf sie warteten. (7)

Tatsächliche öffentliche Auspeitschung von Huren

In anderen Ländern, vermutlich auch in Schottland, wurden Frauen mit unsittlichem Lebenswandel ebenfalls öffentlich auf den weitgehend nackten Körper geschlagen - dann allerdings in öffentlichen Auspeitschungen. Verbürgt ist ein Ereignis aus Schottland (Inverness) von 1817. (8) zudem gibt es zahllose ähnliche Berichte aus ganz Europa.

Ob die Dinge sich tatsächlich genauso abgespielt haben, ist allerdings fragwürdig. (Lesen Sie bitte die Anmerkungen). Zumeist haben die Autorinnen und Autoren der damaligen Zeit eine ebenso heftige Fantasie entwickelt wie ihre Nachfolger(innen) in der Jetztzeit. Zudem wurden verschiedene Schilderungen aus dem deutschsprachigen Buch „Lenchen im Zuchthause“ (1840) kurzerhand nach England (9) verlegt, wo Frauen nach verschiedenen Quellen bis 1820 auf den nackten Körper geschlagen werden duften.

Immerhin bekommen Sie einen Einblick in die Realität und die Fantasiewelt der Jahrhunderte vom 17. Bis zum 19. Jahrhundert.

Realität: Die Umgebung, in der die Rute herrschte

Man muss sich dabei vergegenwärtigen, dass die Rute als Züchtigungsinstrument bei der „häuslichen Disziplin“, der Schuldisziplin und gegenüber Bediensteten zum Alltag gehörte.

Zudem wäre daran zu erinnern, dass die Gentlemen jener Zeit nicht nur Gefallen an sadistischen Szenen fanden, sondern sich auch gerne in die Flagellationsbordelle (beispielsweise in London) begaben. Dort wurden sie unter ähnlichen Bedingungen, aber gegen Bezahlung, mit Ruten und Peitschen traktiert, in der Regel, bis Blut floss. Besonders bekannt war das Flagellationsbordell von Mistress Theresa Berkley, die sich damit ein Vermögen erarbeitete. Möglicherweise hat man die Erfahrungen dieser Gentlemen einfach als Vorlage für die Körperstrafen an Huren genommen.

Die Realität der Hurenstrafen – eher ernüchternd

Die Rute war also allgegenwärtig. Doch war es wirklich so in den Zucht- und Arbeitshäusern?
Nein. Zunächst einmal war nur die öffentliche, unsittliche Zurschaustellung verboten, nicht die Prostitution als solche. Wenn Huren dieser Art auf der Straße aufgegriffen wurden, wurden sie in der Regel nach einer Ermahnung am nächsten Tag wieder entlassen. Nur wenige kamen nach Bridewell, eine Art Zuchthaus und Arbeitshaus. Dort verbrachten sie zwischen zwei Wochen und einem Monat. Die Frauen, die Körperstrafen empfingen (ungefähr die Hälfte) wurden sogar früher entlassen. Das Wachpersonal war zudem in hohem Grad bestechlich – teils durch Geld, teils durch „Nettigkeiten“, sodass allerlei Varianten der „Partys“ möglich erscheinen. Üblicherweise wurde aber Sex gegen Alkohol undn Tabak getauscht.


(1) Das Schlagen auf den nackten Rücken galt – trotz aller „Urschicklichkeit“ als sittlicher als das Schlagen auf das Gesäß.
(2) „Flogging Parties“ in Zuchthäusern sind nicht verbürgt – angesichts der Korruption ist aber nicht auszuschließen, dass sie gelegentlich in privaterem Kreis veranstaltet wurden.
(3) Es ist nicht hinreichend belegt, ob diese „Stocks“ tatsächlich so verwendet wurden, oder ob der Körper einfach durch eine der Wärterinnen niedergedrückt wurde.
(4) Verbürgt. „Richtige“ Unterwäsche kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf.
(5) Ob Essig verwendet wurde, ist nicht sicher. Üblicherweise wurden die Ruten dabei in einer Salzlake aufbewahrt.
(6) Es ist, wie bereits erwähnt, nicht sicher, ob dies zutrifft – bei „privaten“ Veranstaltungen, die durch Bestechung möglich waren, könnte all dies jedoch der Fall gewesen sein. Zuschauer gab es bei entsprechenden Ereignissen immer genügend, wie andere Dokumente beweisen, bei denen die Auspeitschungen in der Öffentlichkeit stattfanden.
(7) Nach offiziellen Berichten aus heutiger Zeit bewirkten die Ruten-Peitschungen gar nichts. Sie wurden auch nicht bei allen Huren angewendet.
(8) Nach Zeitungsberichten jener Zeit.
(9) „Nell in Bridewell“.


Bilder:

Oben: Zeitgenössisch, möglicherweise Internatserziehung vor Mitschülerinnen. Mitte rechts: Jean-Baptiste Le Prince, 18. Jahrhundert, Das Bild stellt angeblich die Bestrafung der Maitresse Anna Lopukhina dar. Mitte unten: Helga Bode (Auszug, teils koloriert)