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Zwiespältige Gefühle einer Erotik-Schriftstellerin

Nicht nur Leserinnen von Erotika haben zwiespältige Gefühle. Auch die Autorinnen beschleicht bisweilen das Gefühl, dass zwischen Begierden und Realitäten eine mentale Schranke liegt. Zwar will die Fantasie sich heftig Raum schaffen, doch andererseits kommt die Realität dazwischen und sagt: „Hey, du willst das nicht wirklich, oder?

Hier ein kurzer Text, der uns übermittelt wurde (ich haben den Text anonymisiert).

Wenn mich etwas erregen soll, darf es nicht so bildlich sein, wie in der Pornografie. Ich liebe es, wenn Männer danach gieren, meine Heldin vögeln wollen. Dadurch wird sie extrem begehrenswert – und wer will nicht wirklich begehrenswert sein? Ich werde niemals von der Handlung selbst erregt, wenn ich schreibe, aber mich erregt das, was sich in der Handlung ausdrückt. Meine Heldin soll sich stark fühlen, weil sie begehrt wird, auch wenn sie an einer Orgie teilnimmt und du vielleicht denkst, sie würde gedemütigt. Nein, ich mag das Bild nicht, das eine Orgie in mir auslöst, aber ich liebe das Gefühl, wenn die Männer meine Heldin begehren.

Wie geht es euch? Kämpft ihr auch mit der „inneren Schranke“, wenn ihre eure Fantasien befeuert und die Realität eigentlich dagegen spräche, die Szene jemals zu erproben?

Erotisch schreiben – ist Unwissen wirklich sexy?

„Wissen ist Macht – nichts wissen macht nichts.“ So viel kann man über moderne erotische Groschenroman-Schreiber im Buchformat sagen. Und doch will ich versuchen, dies loszuwerden: Schreibt über Dinge, bei denen ihr euch auskennt - oder ihr fliegt auf als Unwissende.

Nein, den Großen der Erotik-Szene macht es nichts, wenn sie Stuss schreiben, genauso wenig wie den „gestandenen“ Literaten, wenn sie sich über die Liebe, die Lust oder den Sex auslassen. Jedes Jahr wird wieder klar: Selbst, wer das Schreiben „von der Pike auf“ gelernt hat, versagt bei der Schilderung der Sexualität oft kläglich (1). Und ich verrate euch: Nicht einmal Wissenschaftler schrecken davor zurück, Nichtwissen, Vermutungen und plakative Behauptungen abzumixen und zu veröffentlichen.

Verdammt - schreibt kein dummes Zeug!

Und dann sage ich armes Würstchen euch, ihr sollt mal gefälligst gucken, ob es im Vereinigten Königreich wirklich 1-Pfund-Noten gibt? Oder euch klar zu machen, in welcher Position ein Mann liegen sollte, um „Pegging“ zu praktizieren? Oder wie sich eine Rosette überhaupt für Sex öffnet?

Das ist erst der Anfang. Je weiter du dich in Welten begibst, in die du nie einen Fuß hineingesetzt hast, umso besser solltest du dich informieren. Sicher, du wirst wissen, dass es im 19. Jahrhundert noch keine Mobiltelefone gab. Aber gab es Telefone? Man könnte auch fragen: Wurde in preußischen Internaten für höhere Töchter die Prügelstrafe aufs nackte Gesäß appliziert?

Fragen über Fragen. Wie verheiratete eigentlich ein Bürger seine Tochter? Oder suchte sie sich den Bräutigam selbst? Wie freizügig war das Mittelalter? Oder noch früher: Hatten germanische Frauen Geschlechtsverkehr mit römischen Soldaten? Und, verflixt noch mal, wie trieben es eigentlich die Steinzeitmenschen?

Die letzte Frage haben irrsinnigerweise sogar Wissenschaftler beantworten wollen – und haben dabei alles verkannt, was über die Zeit bekannt ist – zum Beispiel auch, in welcher Steinzeit? Die teilt sich nämlich sehr deutlich durch die Neolithische Revolution.

Plausibel schreiben schadet nicht

Wir sehen daran, dass keine Bevölkerungsgruppe vor Oberflächlichkeit sicher ist. Und wer schreibt, sollte wenigstens ein plausibles Bild von dem haben, über was er schreibt.

Dummheit ist nicht wirklich sexy – und Nicht-Wissen ist zumindest peinlich, wenn du Szenen schilderst, die eigentlich „wahnsinnig aufreizend“ sein sollen, die aber anatomisch oder historisch fragwürdig sind.

Und in diesem Sinne: Schreibt über das, was ihr kennt, ergänzt und erweitert es um das, was lustvoll für eure Leser ist, und prüft (wenigstens gelegentlich) ob das, was ihr schreibt, plausibel ist.

(1) ... und wird als Schlechtschreiber "honoriert".

Drei Arten von Erotik-Schreiber(innen)

Es gibt sicher mehr als diese drei Arten von Erotik-Autoren (und Autorinnen) aber ich will sie einfach mal katalogisieren:

1. Die echten Literaten, die unter Pseudonym schreiben
Sie können wirklich Literatur schreiben, und das zeigen sie uns auch. Ihre Geschichten sind interessant, ihre Details lebensnah, und die ausgesprochen anregenden Details sind mindestens in Fragmente einer Geschichten eingebettet. Es gibt zahllose Beispiele dafür – die „Geschichte der O“ ist dabei ausgesprochen spektakulär, weil die Autorenschaft über Jahrzehnte unbekannt blieb. Üblicherweise erkennt man eine literarisch vorgebildete Autorin daran, ungewöhnliche Dialoge zu schreiben und die Leserin „ins Geschehen hineinzuziehen“.

2. Die kundigen Vielschreiber, die „geile“ Texte verfassen
Diese Leute können schreiben, weil sie Journalisten sind oder waren und sie schreiben mindestens nur das, was sie aufgrund ihrer Erfahrung selber für denkbar halten – mit einem geilen Sahnehäubchen oben drauf. Meist gelingt es Ihnen deshalb, die Realität durch die Schilderung überschwängliche Lust zu übertreffen – das macht ihre Texte so „lüstern“. Manche schreiben „am Fließband“, und das merkt man ihren Texten auch an.

3. Die „Dahinschreiber“ mit engem Horizont
Sie schreiben, weil sie eine sexuelle Praxis besonders lieben oder ständig dieselbe Fantasie in neuem Kleid vermarkten. Dabei nutzen sie eine Fähigkeiten, die sie seit der neunten Schulklasse besitzen: Die Technik des Aufsatzschreiben. Das Paar ist da und da, sie tun dann dies und das, und am Ende wird mit einem der üblichen Larifari-Sätze abgeschlossen. Allerdings muss „dies und das“ unbedingt vor Aktivitäten überlaufen, genau so, wie es einen beständigen Fluss von Vaginalsekreten und Sperma geben muss.

Selbstverständlich gibt es Zwischenstufen – und wenn man differenzieren will, auch noch mehr Kategorien.

Sage uns bitte , was du darüber denkst.

Me Too … was geht (noch) und was geht nicht mehr?

„Non Consensual“ heißt der Begriff aus dem Englischen, den du immer häufiger hören wirst, wenn du erotisch schreibst. Übersetzt heißt er „nicht im Einverständnis“ und ist (leider) ein Gummibegriff.

Festere Regeln hat dieser Begriff nahezu ausschließlich in der SM-Szene (Sadomaso für die einfachen Gemüter). Dort unterscheidet man sozusagen die „Bösen Übergriffe“ (Tunnelspiele, Rack, Nocon), von den „Übergriffen im Einverständnis“ (SSC).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur die Idee des SSC, nämlich „Sicher, bei klarem Verstand und in Übereinstimmung“ zu handeln. Weil auch die Grenzen für die Übereinstimmung fließend sind, vereinbart man ein Sicherheitswort, das alle Aktivitäten beendet.

Man kann diese durchaus auf ganz gewöhnliche Liebes, Lust- und Sexaffären übertragen. Tatsächlich gibt s für ein Paar, das sich zur körperlichen Lust entschlossen hat, keine „wirklichen“ Grenzen. Das Paar kommt zusammen in der Überzeugung, dass beiden die Lust als solche gefällt, aber nicht in dem Bewusstsein, bestimmte Handlungen auszuführen. Man kann auch sagen: Es gibt kein Drehbuch. Meist entscheiden beide Partner spontan, was „noch geht“ und „was nicht mehr geht.“

Ich denke, es ist bekannt, dass es keine „eindeutigen“ Regeln mehr gibt: Küssen, leichtes Petting ohne Ausziehen, heftiges Petting mit Ausziehen, Oralverkehr, PiV – werde die Reihenfolge ist vorgegeben noch die Intensität. Welcher „innere Widerstand“ überwunden werden muss, welche sorgsam gepflegten Normen und Ansprüche überwunden werden müssen, und wie dies alles vonstattengeht – es ist „Sache des Paares“ geworden.

Im Zusammenhang mit der #MeToo-Bewegung ist aber die Frage entstanden, welche Handlung (oder gar welche Frage) bereits einen Übergriff oder gar eine Nötigung beinhaltet.

Die Antwort fällt nicht leicht, denn was jemand als einen mentalen „Übergriff“ wertet, ist abhängig von der Kultur, der Situation und der Spannung, die zwischen beiden herrscht.

Daher zählt das Argument auch nicht, man könne einer Person „so etwas nicht zumuten“. Was für jemanden zumutbar ist, kann nur die Person selbst entscheiden.

Kommen wir zur Literatur. Sie lebt, ob erotisch oder nicht, niemals davon, das „Gute und Richtige“ in Situationen zu beschreiben, die allen geläufig sind und denen alle zustimmen. Dafür findest du keine Leser(innen).

Dir blieibt also gar nicht anders übrig, als scharf an den Grenzen „langzufahren“ und sie dann und wann auch zu überschreiten. Allerdings hat sich eine Art „Kodex der Wohlanständigkeit“ verbreitet, der uns sagt, dass wir unsere weiblichen Figuren niemals durch eine andere Figur „zwingen“ lassen dürfen. Damit einher geht eine Fortsetzung der Doppelmoral unter anderen Vorzeichen – denn alle anderen Nötigungen sind mehr oder weniger weiterhin toleriert:

- Wenn Frauen einzeln oder in Gruppen einen Mann nötigen.
- Wenn ein Mann einen anderen Mann nötigt.
Und auch:
- Wenn eine Frau von einer anderen Frau genötigt wird.


Stark tabuisiert ist hingegen, wenn eine Frau von einem Mann genötigt wird, insbesondere, wenn sie eben nicht bei in einer „sicheren Umgebung“, nicht bei „klarem Verstand“ und – vor allem – nicht restlos einverstanden mit den Handlungen des Mannes ist.

In diesem Zusammenhang wäre wünschenswert, wenn mehr Autorinnen dazu übergehen würden, ihre weiblichen Figuren „selbstbestimmt“ handeln zu lassen, also nicht im Licht, dessen, was Männer von ihnen erwarten.

Fünf einfache Grundsätze, um Erotik zu schreiben

Einfache Grundsätze, um Erotik zu schreiben
1. Teil – Gefühle, nicht die reine Anatomie


Es ist einfach, ein Skelett zu beschreiben. Doch um einen Menschen zu beschreiben, musst du ihn mit Sehnen und Muskeln ausstatten, musst zeigen, wie er geht, steht und sitzt. Und du solltest – wenigstens manchmal – die Mimik beobachten und beschreiben können.

Fühlen statt Umfang, Wölbung, Farbe und Feuchtigkeit

So und nun mal ans Eingemachte, Autorinnen von Erotika: Es ist wirklich NICHT nötig, intime Körperteile ausführlich zu beschreiben, es sei denn, dieser Teil des Körpers würde die Hauptrolle spielen. Nimm einen Penis: Deine Leserin will nicht wissen, wie er aussieht (wieder mit geringen Ausnahmen) – sie will wissen, wie sich deine Heldin fühlt, wenn er in ihrer Hand liegt. Oder … na ja, dorthin wofür deine Figur ihre erotische Willkommenskultur entwickelt hat. Deshalb ist es auch nicht sonderlich interessant, Schamlippen, Vaginen, Rosetten, Brüste oder Zungen zu beschreiben. Wollte schon jemand wissen, wie lang, breit oder voluminös die Zunge deiner Figur war? Ich glaube nicht.

Denkt dran, wann Erotik uns wirklich interessiert - nämlich dann, wenn sie unser Fantasie anregt, Erinnerungen weckt oder unsere geheimen Wünsche hervorruft.

Zwischen Auge und Klitoris liegt das Gehirn

Ich weiß, wie schwer es sein kann, deine Leserin völlig in die Szene hineinzuziehen. Aber das, was du erreichen willst, nimmt seinen Ausgang im Hirn, nicht in der Klitoris. Und zwischen Hirn und Klitoris liegt die wundersame Welt des Fühlens, des Versinkens, der Hingabe. Deine Leserin „kommt“ mit einem Vibrator wesentlich schneller als mithilfe deiner Novelle – aber dafür ohne surren, mit atemloser Spannung und dieser unglaublichen Steigerung des Verlangens, die nur in der Fantasie gelingt.

Fazit

Körperteile immer so beschreiben, dass die Leserin / der Leser sie erfühlen kann. Die Personen sollten sie entweder als „ihre“ wahrnehmen oder das Wirken in sich selbst erspüren. Vergesst nicht, dass auch Hände, Füße und Ohren „Körperteile“ sind – es müssen nicht immer „die üblichen Zonen“ sein.

(Wenn daraus eine Serie werden soll, bitte ich euch um Feedback und Klicks ohne Ende ...).