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Die Leserin als Zuschauerin von Lust und Schmerz

Die Emotionen der Zuschauer(innen) - alle Schattierungen
Diejenigen unter euch, die noch über „traditionelle Körperstrafen“ schreiben, können ihre Schilderungen mit wesentlich mehr Erotik anreichern, wenn sie einen etwas vergessenen Aspekt wiederbelebten: Die Scham, Lust oder auch die unbestimmten Gefühle, die Zuschauer dabei empfinden.

Ein Beispiel aus alter Zeit, das mindestens manchem als Literatur gilt, ist „Schwester Monika“. Die jungen Näherinnen, die der Züchtigung beiwohnen, „hefteten starr die ihre Blicke auf das Geschäft ihrer Hände“, während eine reife Zuschauerin vom Anblick der Gezüchtigten sexuelle Gelüste bekommt – allerdings sagt sie, sie „schäme sich dabei zu Tode“. Wie in dieser Novelle zeigt sich nahezu überall in der „besseren“ Literatur, was sowohl in den unmittelbar Beteiligten wie auch bei den Zuschauern vorgeht. Die Stimmung heizt sich in eigenartiger Weise auf, wird immer verwirrender, das Schweigen wird beredt, während die Rede verkümmert und nur noch vor Lust oder Schmerz bebende Leiber sprechen. In „Schwester Monika“ wird diese Schilderung relativiert: Am Ende herrscht wieder „Wohlanstand“, und man tut so, als sei nichts geschehen.

Die Schmerzen und Lüste vergangener Tage

Vor Zeugen herabgesetzt zu werden, ist einer der wesentlichen Elemente der Erniedrigung, die eine Strafe an sich darstellt. Dieses Element wird in pseudo-viktorianischen Schilderungen und anderen Flagellations-Romanen aus vergangenen Tagen gerne benutzt. Mal ist es eine kleine Gruppe, mal ein großes Auditorium, das die vollzogene Strafe bestätigen soll. Wobei klar sein dürfte, dass es nur vordergründig um eine „Bestrafung“ geht. Tatsächlich geht es entweder um den Lustgewinn, den die Zuschauer daraus ziehen, oder aber um „gemischte Gefühle“, wenn suggeriert wird: „Der/die Bestrafte könntest auch du sein.“

Zuschauer(innen) werden hochgradig erregt

Wer die Sache rein literarisch sieht, wird sofort erkennen: jeder der Zuschauer(innen) wird ein eigenes Bild vor dem inneren Auge malen, was geschähe, wenn er/sie an der Stelle einer der beiden Protagonisten wäre. Wer nun voyeuristisch denken kann, wird den Genuss schildern, der sich für Voyeure und Voyeusen aus der Betrachtung der Ereignisse ergibt – und dazu gehört mit einiger Sicherheit auch die erotische Erregung der Zuschauer(innen).

Wie schon vielfach geschrieben wurde, übernehmen Frauen sehr oft die Rolle der „Maitresse de Plaisir“, also der Herrin über das Mal sinnliche, mal zweifelhaft Vergnügen. Die Tendenz dazu ist nicht neu – sie resultiert aus dem späten 19. Jahrhundert.

Die Chance, jemanden nackt zu sehen - und seine Gefühle zu teilen

Bekannt dürfte sein, dass ein unverheirateter Mann so gut wie niemals eine Frau nackt sah – selbst die Beine blieben züchtig verhüllt. Doch weitgehend unbekannt ist, dass dies auch umgekehrt galt: Kaum jemals sah eine ledige Frau einen nackten Mann – dabei war das Interesse groß sich wenigstens einmal das bloßgelegte Gesäß anzusehen. Nun, die Züchtigungen der jungen Männer boten dazu willkommene Anlässe, denn während Frauen niemals öffentlich in völlre Blöße gezüchtigt wurden, galt die für junge Männer nicht überall. Dabei spielt vorrangig keine Rolle, ob es sich um reine Fiktion oder Realität handelte – Ziel war, sich einmal völlig ungestört den Unterleib eines (möglichst hübschen) jungen Mannes ansehen zu dürfen. In den 1920er/1930er Jahren, aber auch noch später, gab es zahlreiche Schilderungen von jungen Männern, die unter einem Vorwand entkleidet und anschließend „vorgeführt“ wurden. Es handelte sich nicht immer um Flagellationen, sondern auch um pseudo-medzinische Untersuchungen und dergleichen.

Die Neugierde lässt niemanden los - auch heute nicht

In der erotischen Literatur waren Züchtigungen die ideale Umgebung, um dies zu ermöglichen. Andere Themen, vor allem solche aus jüngerer Zeit, war die Neugier der jungen Frauen in den 1950er und den 1960er Jahren. Ein Teil der Geschichten ist reine Fiktion, ein anderer Teil durchaus glaubwürdig. In dieser Epoche, in der eine „Neue Prüderie“ aufkam, griffen tatsächlich viele junge Frauen zur „Selbsthilfe“, um junge Männer zu überreden, sich vor ihnen nackt zu zeigen, ohne dass es zu geschlechtlichen Berührungen kam. Da in dieser Zeit auch die Züchtigungen neue Triumphe feierten, könnte es durchaus sein, dass Frauen heimlich zeugen wurden, wenn die jungen Männer dafür „die Hosen herunterlassen“ mussten.

Fazit - der Voyeur als emotionaler Helfer der Leser(innen)

Das „voyeuristische“ im Bereich der körperlichen Züchtigung entstand in einer Zeit, als es noch keine echte „voyeuristische Position“ gab, aus der man Züchtigungen betrachten konnte. Geschah alles in der „Privatheit“, so gab es auch keine Zuschauer – der Leser war der einzige Voyeur. Um seine Vorstellungen realistischer zu gestalten, wurden feminine Teegesellschaften und andere rein weibliche Gemeinschaften erdacht, die dann einen jungen Mann oder eine junge Frau „vorführten“. Die möglichen Emotionen, die dabei zum Ausdruck kamen, waren entweder die Lust daran, an der Stelle des Züchtigers oder des Gezüchtigten zu sein, oder die Frucht davor. In vielen Fällen konnte man von „sowohl als auch“ sprechen.

Die beste Idee für Autorinnen dürfte sein, Züchtigungen mit Publikum in die Vergangenheit oder in geheime Zirkel zu verlegen, um diese Zeiten wieder aufleben zu lassen.

Schmerzlust statt "strenge Erziehung"?

Das Thema ist aufgebraucht -. aber nicht ganz
Ist Schmerzlust noch ein Thema? Sind Themen, in denen Körperstrafen vorkommen, überhaupt noch populär?

Ja und nein.

Ja, weil sie durch die „Shades of Grey“ vor einigen Jahren eine Renaissance erlebten, und nein, will die „alten Formate“ solche Geschichten heute reichlich „abgeblüht“ sind.

Das Schema "alter weißer Mann" schlägt "naive junge Frau" ist obsolet

Ein Format, das im Vereinigten Königreich äußerst populär war und mit dem sich enorme Umsätze erzielen ließen, waren junge Frauen, von denen der größte Teil zu Anfang der Geschichte Schul- oder Dienstmädchenuniformen oder ähnliche Formalkleidung trugen. Sie wurden dann zum Vorgesetzten oder Direktor gebeten, um dort meist entblößt und dann mit einem Rohrstock gezüchtigt zu werden. Es ist erstaunlich, dass dieser einfache Plot so viele Jahre überlebt hat.

Die Konstellation „abhängige junge Frau“ und „perverser alter Chef“, der angeblich nur Gutes im Sinn hat, gilt heute als Altenherrenfantasie und sozial völlig inkorrekt, auch als reine Fiktion.

Wie denken die Menschen heute darüber?

Die Lust am Schmerz hat sich, ebenso wie die Lust an der Unterwerfung, in der Fantasie verfestigt, auch dann, wenn sie nie praktiziert wurde. Mit ihr kokettieren zwischen zwischen zwei Dritteln und ein Drittel der Bevölkerung – je nachdem, wie die Konstellation aussieht, unter der dominiert wird.

Worüber können heutige Autorinnen noch schreiben?

Wenn sie überhaupt Handschläge Rutenschläge, Rohstockhiebe oder gar Peitschenhiebe erwähnen, dann stets so, dass sie die Lust an Unterwerfungen, Fesselungen und Schlägen in den Vordergrund stellen. Manche der Bestraften erleben durch die Strafe Orgasmen oder Ejakulationen, andere masturbieren als Folge des aufgeheizten Körpers.

Was sich aber vor allem geändert hat, ist das Rollenverhalten:

1. Gestraft werden ausschließlich Menschen im Erwachsenenalter.
2. Die zu Strafenden werden nicht mehr genötigt, sondern ergeben sich aus anderen Gründen „in ihr Schicksal“ – oftmals, weil sie die Züchtigung sexuell erregt.
3. Sie Strafenden sind zumeist Frauen, die sowohl andere Frauen wie auch Männer bestrafen.
4. Die Züchtigung wird nicht mehr angedroht, sondern der/die zu züchtigende verlockt den Züchtigenden zur Bestrafung.
5. Oftmals ist von vornherein klar, dass es sich um ein Rollenspiel handelt.

All dies erlaubt den Autorinnen und Autoren, völlig neue, ungewöhnliche Plots zu entwickeln. Beispielsweise kann man als Autor(in) heute auf die mühselige psychologische Begründung verzichten, die noch vor wenigen Jahren (und auch noch bei den SoG) als „Rechtfertigung“ eingebaut wurde. Schmerzlust wird dann als eigenständiges Lust-Element der Erwachsenen-Sexualität erlebt und nicht mehr als Folge von Jugenderinnerungen.

Die neue Ausrichtung hat durchaus emanzipatorische Züge: Jedem der Beteiligten wird die Eigenverantwortung für Lust und Leid zugewiesen, und was daraus entsteht, entscheidet jeder für sich selbst.

Zwiespältige Gefühle einer Erotik-Schriftstellerin

Nicht nur Leserinnen von Erotika haben zwiespältige Gefühle. Auch die Autorinnen beschleicht bisweilen das Gefühl, dass zwischen Begierden und Realitäten eine mentale Schranke liegt. Zwar will die Fantasie sich heftig Raum schaffen, doch andererseits kommt die Realität dazwischen und sagt: „Hey, du willst das nicht wirklich, oder?

Hier ein kurzer Text, der uns übermittelt wurde (ich haben den Text anonymisiert).

Wenn mich etwas erregen soll, darf es nicht so bildlich sein, wie in der Pornografie. Ich liebe es, wenn Männer danach gieren, meine Heldin vögeln wollen. Dadurch wird sie extrem begehrenswert – und wer will nicht wirklich begehrenswert sein? Ich werde niemals von der Handlung selbst erregt, wenn ich schreibe, aber mich erregt das, was sich in der Handlung ausdrückt. Meine Heldin soll sich stark fühlen, weil sie begehrt wird, auch wenn sie an einer Orgie teilnimmt und du vielleicht denkst, sie würde gedemütigt. Nein, ich mag das Bild nicht, das eine Orgie in mir auslöst, aber ich liebe das Gefühl, wenn die Männer meine Heldin begehren.

Wie geht es euch? Kämpft ihr auch mit der „inneren Schranke“, wenn ihre eure Fantasien befeuert und die Realität eigentlich dagegen spräche, die Szene jemals zu erproben?

Drei Arten von Erotik-Schreiber(innen)

Es gibt sicher mehr als diese drei Arten von Erotik-Autoren (und Autorinnen) aber ich will sie einfach mal katalogisieren:

1. Die echten Literaten, die unter Pseudonym schreiben
Sie können wirklich Literatur schreiben, und das zeigen sie uns auch. Ihre Geschichten sind interessant, ihre Details lebensnah, und die ausgesprochen anregenden Details sind mindestens in Fragmente einer Geschichten eingebettet. Es gibt zahllose Beispiele dafür – die „Geschichte der O“ ist dabei ausgesprochen spektakulär, weil die Autorenschaft über Jahrzehnte unbekannt blieb. Üblicherweise erkennt man eine literarisch vorgebildete Autorin daran, ungewöhnliche Dialoge zu schreiben und die Leserin „ins Geschehen hineinzuziehen“.

2. Die kundigen Vielschreiber, die „geile“ Texte verfassen
Diese Leute können schreiben, weil sie Journalisten sind oder waren und sie schreiben mindestens nur das, was sie aufgrund ihrer Erfahrung selber für denkbar halten – mit einem geilen Sahnehäubchen oben drauf. Meist gelingt es Ihnen deshalb, die Realität durch die Schilderung überschwängliche Lust zu übertreffen – das macht ihre Texte so „lüstern“. Manche schreiben „am Fließband“, und das merkt man ihren Texten auch an.

3. Die „Dahinschreiber“ mit engem Horizont
Sie schreiben, weil sie eine sexuelle Praxis besonders lieben oder ständig dieselbe Fantasie in neuem Kleid vermarkten. Dabei nutzen sie eine Fähigkeiten, die sie seit der neunten Schulklasse besitzen: Die Technik des Aufsatzschreiben. Das Paar ist da und da, sie tun dann dies und das, und am Ende wird mit einem der üblichen Larifari-Sätze abgeschlossen. Allerdings muss „dies und das“ unbedingt vor Aktivitäten überlaufen, genau so, wie es einen beständigen Fluss von Vaginalsekreten und Sperma geben muss.

Selbstverständlich gibt es Zwischenstufen – und wenn man differenzieren will, auch noch mehr Kategorien.

Sage uns bitte , was du darüber denkst.

Me Too … was geht (noch) und was geht nicht mehr?

„Non Consensual“ heißt der Begriff aus dem Englischen, den du immer häufiger hören wirst, wenn du erotisch schreibst. Übersetzt heißt er „nicht im Einverständnis“ und ist (leider) ein Gummibegriff.

Festere Regeln hat dieser Begriff nahezu ausschließlich in der SM-Szene (Sadomaso für die einfachen Gemüter). Dort unterscheidet man sozusagen die „Bösen Übergriffe“ (Tunnelspiele, Rack, Nocon), von den „Übergriffen im Einverständnis“ (SSC).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur die Idee des SSC, nämlich „Sicher, bei klarem Verstand und in Übereinstimmung“ zu handeln. Weil auch die Grenzen für die Übereinstimmung fließend sind, vereinbart man ein Sicherheitswort, das alle Aktivitäten beendet.

Man kann diese durchaus auf ganz gewöhnliche Liebes, Lust- und Sexaffären übertragen. Tatsächlich gibt s für ein Paar, das sich zur körperlichen Lust entschlossen hat, keine „wirklichen“ Grenzen. Das Paar kommt zusammen in der Überzeugung, dass beiden die Lust als solche gefällt, aber nicht in dem Bewusstsein, bestimmte Handlungen auszuführen. Man kann auch sagen: Es gibt kein Drehbuch. Meist entscheiden beide Partner spontan, was „noch geht“ und „was nicht mehr geht.“

Ich denke, es ist bekannt, dass es keine „eindeutigen“ Regeln mehr gibt: Küssen, leichtes Petting ohne Ausziehen, heftiges Petting mit Ausziehen, Oralverkehr, PiV – werde die Reihenfolge ist vorgegeben noch die Intensität. Welcher „innere Widerstand“ überwunden werden muss, welche sorgsam gepflegten Normen und Ansprüche überwunden werden müssen, und wie dies alles vonstattengeht – es ist „Sache des Paares“ geworden.

Im Zusammenhang mit der #MeToo-Bewegung ist aber die Frage entstanden, welche Handlung (oder gar welche Frage) bereits einen Übergriff oder gar eine Nötigung beinhaltet.

Die Antwort fällt nicht leicht, denn was jemand als einen mentalen „Übergriff“ wertet, ist abhängig von der Kultur, der Situation und der Spannung, die zwischen beiden herrscht.

Daher zählt das Argument auch nicht, man könne einer Person „so etwas nicht zumuten“. Was für jemanden zumutbar ist, kann nur die Person selbst entscheiden.

Kommen wir zur Literatur. Sie lebt, ob erotisch oder nicht, niemals davon, das „Gute und Richtige“ in Situationen zu beschreiben, die allen geläufig sind und denen alle zustimmen. Dafür findest du keine Leser(innen).

Dir blieibt also gar nicht anders übrig, als scharf an den Grenzen „langzufahren“ und sie dann und wann auch zu überschreiten. Allerdings hat sich eine Art „Kodex der Wohlanständigkeit“ verbreitet, der uns sagt, dass wir unsere weiblichen Figuren niemals durch eine andere Figur „zwingen“ lassen dürfen. Damit einher geht eine Fortsetzung der Doppelmoral unter anderen Vorzeichen – denn alle anderen Nötigungen sind mehr oder weniger weiterhin toleriert:

- Wenn Frauen einzeln oder in Gruppen einen Mann nötigen.
- Wenn ein Mann einen anderen Mann nötigt.
Und auch:
- Wenn eine Frau von einer anderen Frau genötigt wird.


Stark tabuisiert ist hingegen, wenn eine Frau von einem Mann genötigt wird, insbesondere, wenn sie eben nicht bei in einer „sicheren Umgebung“, nicht bei „klarem Verstand“ und – vor allem – nicht restlos einverstanden mit den Handlungen des Mannes ist.

In diesem Zusammenhang wäre wünschenswert, wenn mehr Autorinnen dazu übergehen würden, ihre weiblichen Figuren „selbstbestimmt“ handeln zu lassen, also nicht im Licht, dessen, was Männer von ihnen erwarten.