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Das essenzielle Wissen für angehende Erotik-Autorinnen

Die Buchstaben werden zu Wörtern, die Wörter werden zu Sätzen, und die Sätze werden zur puren Lust
Mit diesem Artikel wende ich mich an alle diejenigen unter euch, die ganz bewusst Blümchensex (auch Vanille-Sex genannt) in ihre Romane, Novellen oder Kurzgeschichten einbauen wollen.

Ich gehe dabei davon aus, dass es sich bei deinem Werk um eine Art Liebesroman handelt, in dem Sex ein wichtiges Element darstellt. Der Moment, indem deine Figur die größtmögliche Erfüllung erlebt, ist zwar einer der Höhepunkte deines Werks, aber nicht das zentrale Thema.

Wie bei anderen Liebesthemen auch, steht im Vordergrund, auf welche Art und Weise ihre Heldinnen und Helden einander begegnen und wie sich ihre Liebe, ihre Lust oder ihr Verlangen entwickelt. Bei den meisten „Sex-Storys“ kommt dieser Bereich zu kurz, denn zumeist umkreisen die Menschen einander, bevor es zu intimen Begegnungen kommt. Ein wichtiges Spannungselement ist dabei, den Zeitpunkt der ersten „echten“ sexuellen Begegnung hinauszuschieben, besonders dann, wann deine Leserinnen und Leser schon etwas ungeduldig werden und meinen: „Jetzt muss es doch passieren.“

Körperliche Nähe vermitteln

Um Nähe zu deinen Figuren zu erzeugen, solltest du wenigstens all das ausführlich beschreiben, was „auf der Haut und unter der Haut“ passiert. Die Haut als „äußere Hülle“ bietet sich geradezu an, um sinnlich zu schreiben, ohne auf die Emotionen einzugehen. Ich sage dies, weil die meisten Autorinnen und Autoren selbst nach langjähriger Erfahrung mit erotischen Schriften nicht in der Lage sind, emotionale Gefühle plastisch zu beschreiben. Die Empfindungen, die auf der nackten Haut ausgelöst werden, sind hingegen wesentlich leichter in Worte zu fassen. Du musst nicht gleich an die Lippen oder gar Schamlippen, Penisse oder Hodensäcke denken – die Haut ist ein riesiges Körperorgan, das reichlich mit Nervenenden bestückt ist. Ein Thema, in das du die „Gefühle auf der Haut“ bestens einringen kannst, ist das Ausziehen oder das entkleidet Werden. Nehmen wir mal an, du (die Autorin) kannst die vorstellen, wie deine (oder seine, ihre) Hände beim Entkleiden über deinen Körper streichen, dann kannst du es auch schreiben. Falls du dich selber dabei schämst, kannst du auch deine Figur mit dieser Schamhaftigkeit ausstatten.

Je mehr Blümchensex, umso intimer solltest du werden

Besonders, wenn du über „Vanillesex“ schreibst, sollten du so intim werden, wie es dir möglich ist. Viele der heutigen Autorinnen weichen auf spektakuläre Themen wie S/M oder Fetische aus, weil es auf diesen Gebieten mehr Äußerliches zu beschreiben gibt. Doch sobald sie „intim“ werden, kann auch der oft belächelte abgetane Blümchensex sehr spektakulär werden.

Ich hoffe, dass dir der folgende Absatz nicht peinlich ist. Ich habe ihn deshalb in diesen Artikel aufgenommen, weil eine große Anzahl von Frauen im Internet bestätigte, dass sie sehr selten oder gar noch nie eine zutreffend erotische Schilderung über „ganz gewöhnlichen Sex“ gelesen hätten. Die Frage eines Mannes war: Wie fühlt sich der Penis aus der Sicht der Frau eigentlich in der Vagina an?

Aus dem interessantesten Beitrag (Netdoktor-Forum) zitiere ich hier einmal kurz:

Wenn ich auch eine der Frauen bin, die nicht unbedingt durch den Geschlechtsverkehr zum Orgasmus kommt, so fühlt es sich doch sehr, sehr aufregend an, wenn er ihn hineinschiebt. Manchmal scheint mir, ich fühle das bis in den Kopf hinauf ... Wenn er den ersten Stoß macht, dann fühle ich das bis hinauf in jene Region des Gesichtes, in der man spürt, dass man rot wird … Was mir ganz einfach auch noch daran gefällt, den Penis in der Vagina zu spüren, ist die Nähe, die in diesem Moment zu meinem Mann besteht.


Die Gefühle im Inneren - nicht nur in der Psyche

Diese kurze, sicherlich nicht literarische Schilderung zeigt, woran es mangelt: Die Zeit zwischen dem Auftauchen des Penis aus der umhüllenden Bekleidung bis zur vollständigen Versteifung kann bereits einige Seiten füllen. Zum Beispiel kannst du beschreiben, wie deine Figur den Penis sieht, wie sie ihn berührt oder gegebenenfalls stimuliert. Leider werden soclhe Abläufe oft nur mit einem einzigen Satz abgehandelt. Weitaus interessanter ist jedoch der Moment, indem sich der Körper deiner Heldin bereit macht, den Penis zu empfangen und wie sich „das anfühlt“ – nicht nur in der Vagina, sondern überhaupt. Besonders der Moment des Einführens wird ja noch bewusst wahrgenommen, selbst dann, wenn die Details später verfließen und in nicht beschreibbaren Gefühlen enden. Auch das „Abkühlen“ nach dem ersten Orgasmus und der wieder einsetzenden Lust kann ausführlich und sehr sinnlich beschrieben werden.

Weil Blümchensex so intim ist, liegen die Schamhürden oft hoch

Einer der möglichen Gründe, warum dieser Teil der Vanille-Erotik selten aufgearbeitet wird, könnte in der Scham liegen, sich diesem Thema zu widmen. Das gilt für die Penetration ebenso wie für Brust-, Hand- und Mundverkehr. Da hilft nur eines: lass deine Heldin von der Leine und überlass ihr, den Penis lieben zu lernen, auch wenn du es dir selbst nicht vorstellen kannst.

Distanziere dich niemals von deiner Figur

Schäme dich nicht für deine Figur - erröte über ihre Handlungen
Manchmal habe ich den Verdacht, dass sich Autorinnen heimlich von ihren Figuren distanzieren. „Weil ich nicht als Schlampe gelten möchte, soll meine Figur auch nicht in den Verdacht geraten“ könnte der Hintergrund-Gedanke sein. Diese Einstellung solltest du überwinden, weil sie nicht zum Schriftstellerberuf (oder zum Schriftstellerhobby) passt. Wer über „die Fremde“ schreibt, muss sich in ein Escort-Girl ebenso hineinversetzen können wie in eine zögerliche Jungfrau, in eine heterosexuelle Frau ebenso wie in eine bisexuelle Frau.

Die Grundlagen und Würzen des erotischen Romans

Ich fasse Ihnen all dies zusammen:

- Die Grundlage des erotischen Romans ist identisch mit der des Liebesromans: Wo und wie kamen beide zusammen, und wie kam es dann zu einer Liebesbeziehung?
- Beim erotischen Roman geht es vorrangig darum, die Erfüllung der Lust ausführlich zu beschreiben. Deine Leserin muss mental die Rolle ihrer Heldin einnehmen können – ob sie es nun ekelt oder anregt.
- „Innere Gefühle“ lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch die Empfindungen bei der Berührung der Haut ersetzen.
- Geschlechtsverkehr, auch Hand- und Mundverkehr, ist ein sinnlicher Prozess, kein mechanischer Vorgang. Er wird von vielen, teils widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken begleitet.
- Wenn du irgendetwas aus Scham vermeidest, kann deine Leserin weder den Genuss noch den Ekel noch das Schamgefühl selbst nachvollziehen. Du entziehst deiner Leserschaft damit eine wichtige Grundlage der Empfindungen deiner Heldin. Es ist allemal besser, die Lust und den Ekel deutlicher zu machen, um deine Leserin am Geschehen zu beteiligen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form ursprünglich als 50. Beitrag zu den Themen des Sinnlichen Schreibens. Wir haben ihn nun an die erste Stelle gestellt, weil die meisten Autorinnen, die „gewöhnliche“ Liebesgeschichten schreiben, mit den Hinweisen zur „Erotisierung“ ihrer Texte am besten bedient sind.

Schreiben: Sex-Kitsch oder Härte?

Wer alles schreiben kann, der mag wechseln zwischen einem spermafreien Liebesroman, einer Muschisaft tropfenden Sex-Kitschgeschichte oder der gewissen Härte, die der wirklichen Erotik-Literatur die Schärfe verleiht. Wer allerdings mit Herzblut und bebendem Unterleib schreibt, der tut besser daran, sich gleich mit etwas mehr Pfeffersoße auszustatten.

Bei den härteren Geschichten teilen die Beteiligten – wie im richtigen Leben – zwar die Begierde nach erregenden Orgasmen, aber die Paare liegen zu Anfang nicht auf der gleichen Linie. Das heißt zumeist: Einer verführt den anderen weder bei vollem Bewusstsein, noch tut er/sie es gegen den Willen des anderen. Das ergibt den Stoff, aus dem lustvolle Konflikte entstehen – und damit vermeiden Sie die Suche nach immer neuen Situationen, in denen das Harte mühelos ins Weiche flutscht.

Wer, wie man so sagt, Blümchensex („Vanilla Sex“) beschreibt, gerät schnell in emotionale Zwickmühlen und verfällt dem allseits bekannten Wortmangel. Was sind denn „wirklich schicke Orgasmen“, wie beschreibt man sie? Und wann und wo fanden sie eigentlich statt? Sich beim Sex mal so richtig fallen lassen oder auspowern? Nun haben Sie noch vage Erinnerungen? Selbst, wenn solche Ereignisse noch nicht lange zurückliegen, ist es schwer, sie in Worte zu fassen, ohne alle Klischees durchzugehen, die es darüber gibt.

Nachdem ich dies gesagt habe, was sollten Sie also tun?

10 Vorschläge, Ihrer erotischen Geschichte Pfeffer einzublasen

1. Überhöhen und/oder vertiefen Sie die Realität.
2. Stellen Sie die Konflikte der Frau dar, „brav“ zu sein oder sich ganz der Lust hinzugeben.
3. Führen Sie einige Fantasien ein, die Ihre Figuren vor dem Sex, während der sexuellen Aktivität oder danach befällt.
4. Lassen Sie geschlechtsuntypische Persönlichkeiten, Handlungen und Praktiken zu. Kurz: Entwerfen Sie ihre Männer weicher und Ihre Frauen härter.
5. Seien Sie fantasievoller beim Oralsex. Die meisten Beschreibungen sind schrecklich öde.
6. Lassen Sie sich von ihren eigenen Instinkte und verborgenen Wünschen leiten, und lassen Sie genau diese durch Ihre Heldinnen verwirklichen.
7. Gehen Sie gegebenenfalls in die tiefsten Abgründe ihrer Psyche. Statten Sie Ihre Heldinnen mit dem Profil aus, vor dem Sie sich selbst fürchten.
8. Nutzen Sie eines der traditionellen Elemente erregender Literatur: fremde Menschen, von denen Faszination und Gefahr ausgeht.
9. Wählen Sie einsame oder ungewöhnliche Orte aus, an denen sich Furcht mit Lust paart.
10. Lassen Sie ihren Figuren Freiheit, Freiheit und nochmals Freiheit. Sie dürfen alles, was Sie für sich selbst abgewählt haben.

In der Dunkelheit lauern Lust, Leidenschaft und Abenteuer. Im rosa Schlafzimmer mit Plüschteddy, weißem Nachthemd und Himmelbett eher nicht.