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Fragen und Antworten zu „Shades of Grey“

Was der Boulevard zu den "Shades of Grey" meint, interessierte unseren Redakteur nicht. Vielmehr waren es die literarischen und psychologischen Hintergründe, die er untersuchte - vom Marquis bis zur Masturbation nach literarischer Vorlage.

Schon im 19. Jahrhundert: die Lüste der Frauen werden durch Bücher geweckt und verstärkt
1. Haben die Shades of Grey etwas mit Sadismus nach dem Marquis de Sade zu tun?
Nein. Erstens war der Marquis ein bedeutender Schriftsteller, der den Finger in die Wunden seiner Zeit legte, und kein Groschenroman-Schreiber, und zweitens hat das Geplänkel zwischen Mr. Grey und Ms. Steele wenig mit Sadismus zu tun.

2. Und wie ist es mit dem Masochismus?
Der Masochismus (nach Leopold von Sacher-Masoch) wurde ausführlich im Roman „Venus im Pelz“ beschrieben. Sicher gib es ein paar Anklänge, aber das ist auch alles. Masochistisch zu sein oder eine solch Neigung zu haben, ist ein sehr kompliziertes innerpsychisches Phänomen, zumal wenn es mit Lust und Leidenschaft verwoben ist. Das Buch „Shades of Grey“ zeigt diese Neigungen nicht einmal in Ansätzen.

3. Wie ist es mit der Psychologie von Mr. Grey?
Die Autorin des Buches verwendet ein billiges Klischee: Wer in der Jugend, insbesondere in der Pubertät, Lust und Schläge kennengelernt hat, wird entweder zum Sadisten oder zum Masochisten oder zum Sadomasochisten. Das hat bisher niemand bewiesen – entsprechende „klinische Fälle“ zählen nicht, da nur Extremfälle beim Psychiater oder Psychotherapeuten landen.

4. Und was bewegt eine Frau wie Mrs. Steele, sich zu unterwerfen?
Die Psychologie von Frau Steele versinkt in dem Grauschleier von Kitsch, der das ganze Buch einnebelt. Dabei wäre sehr interessant, darauf einzugehen. Im Grundsatz ist die Steele im Buch ein Sugar Baby, das genießt, von einem reichen Mann begehrt zu werden – und eben auch ein bisschen unter seien Wünschen leidet. Man könnte dies durchaus als „nuttenhaftes Verhalten“ bezeichnen, was die Autorin allerdings geschickt zu verhindern weiß. Ohne die sogenannte „BDSM“-Einlage und das Brimborium um die Beziehung und den „Kontrollfreak“ Grey würde aber deutlich: Da schläft sich eine Cinderella in die Welt der Reichen.

5. Welche psychologischen Grundlagen hat die Unterwerfung?
Das ist in diesem Fall ganz einfach zu beantworten: Es ist die Lust vieler Frauen, sich in etwas „hinziehen“ zu lassen und sich hernach als „nicht verantwortlich für das Geschehene“ zu erklären. Die Feministinnen lehnen solche Betrachtungsweisen allerdings im Grundsatz ab, sodass sich diese einfache Wahrheit nicht überall durchsetzen kann.

6. Die BDSM-Community kritisiert die Shades of Grey – warum?
Die BDSM-Community kritisiert, dass im Buch nicht alles nach ihren Regeln verläuft und teilweise unsägliche Szene (zum Beispiel der Hieb auf die Vulva) geschildert werden. Die Probleme liegen aber vor allem darin, dass die „Shades of Grey“ ein Flickwerk aus verschiedenen Sex- und SM-Elementen ist – und ein Teil davon ist der Sklavenvertrag. Er ist das Hauptangriffsziel der SM-Leute. Allerdings ist die Frage, warum sich die Szene überhaupt einmischt – sie überschätzt sich offenbar in ihrer Bedeutung.

7. Ist das Buch frauenfeindlich?
Diesen lächerlichen Vorwurf hört man oft – er kommt weitgehend von akademisch-feministischer Seite. Wie kann ein Buch „frauenfeindlich“ sein, dass von einer Frau geschrieben wurde, nahezu ausschließlich von Frauen verschlungen wird und das offensichtlich Gefühle anspricht, die diese Frauen haben?

8. Ist das Buch erotisch oder pornografisch?
Nur sinnliche Bücher können erotisch sein, und nur Bücher, in denn Sexszenen aneinandergereiht werden, sind pornografisch. Beides trifft auf die „Shades of Grey“ nicht zu. Das Buch ist, im Gegenteil kitschig-romantisch – echte Emotionen, gleich, welcher Art, werden kaum deutlich. Insofern ist das Buch nicht einmal „begrenzt erotisch“ – und selbstverständlich kein Soft-Porno, wie man oft liest.

9. Warum regt das Buch dann Frauen dazu an, sich in SM-Szenen hineinzuträumen und über den Inhalt zu masturbieren?
Ganz einfach – weil das Buch manche verdeckte Fantasie freilegt, so absurd sie auch sein mag. Man Frauen jahrhundertelang eingeredet, dass keine Frau dieser Erde Unterwerfungsfantasien hat. Die Feministinnen haben die fantasievolle Bereitschaft zur Unterwerfung sogar als eine bösartige Männererfindung bezeichnet. Sie ist aber da - auch wenn sie unerwünscht ist.

10. Versuchen Frauen, die Fantasien in die Realität umzusetzen?
Manchmal – und je intellektueller und selbstbewusster die Frauen sind, umso mehr. Aber das alles hat nicht viel mit den „Shades of Grey“ zu tun. Dieser Wunsch war schon vorher da. Ein Aschenbrödel wie Ms. Steele passt eher nicht in die Rolle einer Frau, die versucht, SM-Szenen zu realisieren.

Bild: Antoine Wiertz, Die Lesende, unterer Ausschnitt, in dem der Teufel der nackten Lesenden die wollüstigen Bücher anreicht, unter anderem die "Antonine" (1849)von Alexandre Dumas, das damals als höchst unsittlich galt.