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Die Genauigkeit – an der Grenze zwischen Zensur und erotischer Bereicherung

Wo ist dein Platz? Denke daran, dass er auch auf der Fläche sein kann
Jede Autorin, die, wenn auch nur sanft, die Grenzen zu sexuellen Handlungen berührt hat, wird dies bestätigen: Werden die Handlungen mit sinnlicher Genauigkeit beschrieben, gelten sie als frivol. Werden sie hingegen ausreichend verschleiert, so gelten sie als romantisch. Übertreibt die Autorin in Richtung „Sinnliche Genauigkeit“, das heißt, geht sie zu sehr ins Detail, dann gelten sie darüber hinaus als pornografisch. Übertreibt sie hingegen beim „Verschleiern“, so driftet sie schnell in den Erotik-Kitsch ab.

Ganz generell ergibt sich darauf ein Viereck, bestehend aus „detailliert“ oder „verschleiert“ in der Grafik neutraler als „ungenau“ bezeichnet und „sachlich“ oder „sinnlich“.

Details in der Erotik können tückisch sein

Einer der bekanntesten und verrufensten „Pornografen“, der Brite Henry Spencer Ashbee (aka Pisanus Fraxi), dem das erotische Monumentalwerk „Walter“ (1) zugeschrieben wird, war detailvernarrt. In einem Vorwort heißt es, er könne sich zwar nicht mehr an alle Motive seines Handelns erinnern, doch erinnere er sich genau an die Frauen, die er beschlief: „ihr Gesicht, Teint, Figur, Schenkel, Hintern, Muschi …“, Ebenso wie an die Details der Räume, in dem beide ihre Lust vollzogen, zum Beispiel die „Anordnung von Bett und Möbeln.“ (2)

Die Liebe zum Detail lockt den Zensor

Die Liebe zum Detail ruft stets den Zensor auf den Plan, vor allem dann, wenn sie das sinnliche Erleben oder den sinnlichen Kontakt zu Penissen, Vulven, Brüsten oder dergleichen beschreibt und dabei die erotische Fantasie anheizt. Dies ist zum Beispiel auch der Grund, warum die „Gynecocracy“ (Deutsch meist; „Die Herrschaft der Frauen) ständig auf dem Index landete. In ähnlicher Weise werden die erotisch-flagellantischen Szenen in der „Geschichte der O“ so detailliert beschrieben, dass sich jede Leserin sofort in die Lage der „O“ begeben konnte, um ihre Lüste und Schmerzen nachzuempfinden. Auch dies war dem Zensor ein Dorn im Auge, und daran änderte auch der literarische Wert des Romans nichts. Ich kann mir nicht verkneifen, dabei auf die Oberflächlichkeit der „Shades of Grey“ hinzuweisen.

Wie gehst du mit den Details um?

Wie gehen nun die Autoren damit um? Verklärte Erotik finden wir sogar in Märchen, in denen sie eigentlich keinen Platz hat – weil aber viele Märchen in romantisch behauchten Zeiten entstanden sind, haben selbst die Grimms „verklärte“ sinnliche Szenen in ihre Märchen eingebaut.

Verschleiert wird die Erotik auch im „Hohelied des Salomon“ (3):

Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. Bis es Tag wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.


Versachlicht und gänzlich von der Erotik befreit würde es heißen:

Deine Brüste stehen unter deinen Dessous hervor. Ich will noch vor dem Morgen dein Schamhaar berühren und deine Vulva.

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Wir können aus beiden Texten entnehmen: Sinnliche Verklärungen und detaillierte Versachlichungen werden vom Leser (und der Zensur) hingenommen. Doch sobald du sinnliche Details beschreibst, zum Beispiel, wie sich die Schamlippen öffnen und welches Bild sich dem Liebhaber oder der Geliebten dabei zeigt, werdet ihr beargwöhnt, Pornografie zu schreiben. Die vierte Möglichkeit, sachlich zu verschleiern, wird selten genutzt, weil sie nichts nützt. Ältere „Aufklärungsbücher“ sind voll davon, und früher wurde im Kino „abgeblendet“, sobald Heldin und Held „zur Sache kamen“ – das mögen zwei Beispiele für „verklärende Sachlichkeit“ sein.

Einfach schreiben ... wie man atmet, wie man träumt ...

Wie sieht es aus mit deinen Leserinnen? Wenn sie nicht vor Lust und Begierde die Stelle deines Romans aufschlagen, die bereits markiert ist, werden sie langsam und bedächtig in die Lust hineingezogen, bis sie sich der Faszination deiner Worte nicht mehr entziehen können. Was bleibt dir also übrig, als dich detailliert und bewusst sinnlich in ihr Hirn hineinzuarbeiten? Schau noch mal auf die Grafik: Du musst dich nicht in der unteren rechten Ecke einnisten, sondern hast die gesamte rechte Hälfte zur Verfügung, um dich zu positionieren.

Wahrscheinlich wirst du diesen Weg gehen müssen – und dich an die Worte der Autorin der „O“ erinnern (4):

Ich könnte auch Geschichten schreiben, die Ihnen gefallen …“ … und dann schrieb sie, „zum ersten Mal in ihrem Leben, ohne zaudern, rastlos … sie schrieb, wie man atmet, wie man träumt.“

Vielleicht – solltest du das auch einfach tun?

(1) Walter - Mein geheimes Leben. Ein erotisches Tagebuch aus dem Viktorianischen England.
(2) (Zitiert nach Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens) , Berlin 2014
(3) In mehreren Bibelübersetzungen zu finden, oft auch in prachtvoll gestalteten Büchern.
(4) Wer es tat: Anne Desclos (bekannter als Dominique Aury), die unter dem Pseudonym Pauline Réage im Juni 1954, gut 50 Jährig, den Roman „Geschichte der O“ schrieb. Erst 40 Jahre später, 1994, bekannte sie sich zu diesem großen Werk der Weltliteratur. In verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich. Daraus ist auch das Zitat entnommen.

Sinnlich Schreiben – ein besonderer Beitrag für Frauen

Das erotische Leben hinter dem Spiegel
Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein Geringes … jedenfalls (ist) das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht (eine) abnorme Erscheinung.

Richard Freiherr von Krafft-Ebing(1) (1912)

Warum wird der Großteil erotischer Erfolgsromane von Frauen für Frauen geschrieben? Weil Frauen die Lust aus den Wörtern saugen, sich dabei an die Stelle der Heldin setzen und weil sie versuchen, all das nachzuempfinden, was sie durchlebt, von der aufsteigenden Geilheit bis zum Orgasmus. Oh, du zweifelst?

Dazu musst du eines wissen: „Der Verstand der Frauen leugnet die Vagina“ (2). Das ist kein Macho-Spruch, sondern ein zuverlässiges Forschungsergebnis. Dazu wurden Frauen verschiedene Szenen gezeigt, in denen Menschen Geschlechtsverkehr hatten: Heterosexuelle wie Homosexuelle. Die Frauen hatten die Möglichkeit, ihre Erregung selbst einzuschätzen, sie wurde aber parallel durch einen Pletyhsmographen aufgezeichnet, mit dessen Hilfe man die körperliche sexuelle Erregung maß. Die Genitalien verrieten dabei, dass die tatsächliche sexuelle Erregung ungleich höher war als die Selbsteinschätzung.

Im 21. Jahrhundert innerlich mit den Maßstäben des 19. Jahrhunderts leben?

Man hat seither viel darüber diskutiert, warum dies so sein könnte. Ganz allgemein kam man später zu dem Schluss, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht „gestattet wird“, sexuelle Wesen zu sein – so wie vor über 130 Jahren (1). Sie müssten daher immer behaupten, nicht „geil zu werden“, auf Kaffeetafel-Deutsch vornehm „nicht sexuell erregt zu werden“.

Die "andere Realität", in der alles möglich wird

Nehmen wir an, diese Frau würde ein Buch lesen. Offenbar ist es der Figur im Buch gestattet, bei einer Begegnung „feucht zu werden“, dabei nervös auf dem Jugendstil-Sessel im Kaffeehaus hin- und herzurutschen und dabei zu hoffen, dass die Feuchtigkeit nicht bis zum Bezug des Polsters durchschlägt. Möglicherweise nimmt sich die Frau im Buch noch viel mehr heraus … und all dies rauscht durch das Hirn deiner Leserin, die nach und nach in die Figur hineinkriecht. Der Verstand? Hat sie zuvor jemals gefragt, ob ein Liebesroman „logisch schlüssig“ ist? Warum also sollte sie sich nun fragen, ob die folgende aktive oder passive Verführung jetzt realistisch, logisch oder lebensnah ist?

Der Verstand hier, die Gefühle dort

Der Verstand, die reine Logik erfasst keine Gefühle. Wer die Geschlechtsteile und ihre Funktionen akademisch korrekt zu benennen weiß und sie dann im Zusammenwirken erläutert, kann genauso gut beschreiben, wie ein Schuko-Stecker in die Schuko-Steckdose kommt. So ähnlich wie beim Sexualkundeunterricht.

Der Trick, den Autorinnen (und manche Autoren) mit dem erotischen Roman verfahren, ist ganz einfach: Die Situation wird von der Realität entbunden, wie es auch im Liebesroman geschieht. Dann wird eine neue, märchenhafte Pseudo-Realität unter völlig anderen Gesichtspunkten aufgebaut. Die Figur, gleich ob Femme fatale oder Mauerblümchen, wandelt in einem Märchenland der Gefühle, in dem alles erlaubt und nichts unmöglich ist.

Das heißt nun nicht, dass unser gesamtes Geschehen auf „Wolke Sieben“ abläuft, denn nun kommt der zweite Trick: In der veränderten, märchenhaften Umgebung wird eine neue, durchaus detaillierte Realität aufgebaut, die sich nicht mehr am „Erlaubten“, sondern am „Möglichen“ orientiert. Dieses „Mögliche“, so unwahrscheinlich es auch sein mag, kann dann realistisch (und äußert frivol) geschildert werden, denn wir sind längst in einem Land „hinter den Spiegeln“, in dem die „echte Realität“ nicht mehr zählt. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel ist die „Geschichte der O“, ein Roman, in dem die einzelnen Szenen äußert detailgetreu geschildert werden, während sie als märchenhaft empfunden werden.

(1) Der gute alte Richard Freiherr von Krafft-Ebing, seines Zeichens Nervenarzt und damals als äußert kompetent angesehen, schrieb und veröffentlichte diese Zeilen gegen 1886. Sein Buch „Psychopathia Sexualis“ erschien in mindestens 17 Auflagen – zitiert wurde aus der 14. Auflage von 1912.
(2) Bergner: Die Versteckte Lust der Frauen, New York 2013
Bild nach einer anonymen Zeichnung, kleiner Ausschnitt.

Erotische Geschichten einmal „ganz anders“?

Das ungewöhnlich gewöhnliche Ungewohnte, leicht genommen
Nehmen wir mal an, du hättest allerlei erotische Storys im Internet gelesen und auch einige Bücher aus den erotischen Schmollwinkeln der Buchhandlungen hervorgezogen. Nicht zu vergessen, das kleine bisschen an optischem „Anschauungsmaterial“, das dir nötig erschien, um zu wissen, was wer wie in Hand, Mund, Vagina und Anus versinken lässt oder aufnimmt. Weiterhin nehmen wir mal an, du hättest ein Buch über „das Schreiben“ gelesen oder gar eines über „erotisches Schreiben“. Vielleicht hast du gar eine Schreibschule besucht und weißt, was ein „Plot“ ist oder wie man „kreativ schreibt.“

Keine Geschichte wie tausend andere zuvor?

Jetzt kannst du deine Geschichte schreiben. Und nun glaube ich beinahe zu wissen, dass es nicht „deine“ ist. Sondern du fügst den vielen bestehenden Storys ein weitere hinzu, die so ähnlich ist wie alle anderen zuvor.

Geht es dir so? Suchst du nach neuen, ungewöhnlichen Modellen für deine Geschichte?

Es gibt einige Schriften, die völlig von dem abweichen, was du im Internet lesen kannst, und die dennoch voller Sinnlichkeit, Erotik und absonderlichen sexuellen Ereignissen stecken.

Mische Musik mit Erotik

Trotz des lange Kleides galt dieses Bild als erotisch
Ich beginne mal mit E.T.A. Hoffmanns „Schwester Monika“. Das Werk ist nicht durchgehend gelungen, und es wirkt bisweilen befremdlich, aber es enthält einen Kunstgriff, der nicht oft verwendet wird: die Kombination von Musik und heftiger Erotik. Dabei erinnere ich mich beispielsweise an eine Cellistin, die mir von den erotischen Fantasien berichtete, die ihr Cello bei ihr und anderen auslöst – nur, weil es zwischen die Beine geklemmt wird.

Deine Figur könnte eine Schlagzeugerin (1) sein, die sich damit beschäftigt, in welcher Weise sich das menschliche Gesäß als Resonanzboden eignen könnte, wenn die Haut darüber mehr oder weniger angespannt wird. Alles kann dabei um so skurriler werden, je mehr du das Thema einerseits verwissenschaftlichst, deine Heldin andererseits dazu verleitest, „Feldversuche“ durchzuführen und sie zum Dritten in eine SM-Beziehung einspannst. Falls dir das als zu „weit hergeholt“ erschient, solltet du wissen, dass durch das Schlagen der Haut hervorgerufene Töne in verschiedenen Volksmusikarten durchaus eine Rolle spielen.

Skurril, erotisch … und erfolgreich?

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Ganz anders – und höchst zeitgemäß – geht der Autor Nicholson Baker in seinem höchst skurrilen amüsant-erotischen Roman „Das Haus der Löcher“ mit der Erotik um. Es beschreibt zugleich eine wirre Utopie der Sinnlichkeit und eine Karikatur der herrschenden Verhältnisse in der Massenpornografie. Wem das Buch zu skurril erscheint, der mag sich mit einem anderen „Kaninchenloch“ trösten, in den die Heldin fällt … und fällt … und fällt … bis sie sich selber nicht mehr wiedererkennt in einer absonderlichen Umgebung von Sinnlichkeit und Sinnlosigkeit.

Der dazugehörige Plot heißt „Reise und Rückkehr“, nur mit dem Unterschied, dass alles, was deine Figur auf der „Reise“ erlebt, zunächst völlig absurd erscheint. Statt begehrt zu sein, wird sie gemieden, das Aktive wird ins Passive verkehrt, das Absurde zur Normalität erklärt und die Normalität erscheint absurd. Allerdings kann auch dies ausgesprochen nützlich sein, um die Überzeugungen, Werte und Lüste hernach wieder zu einem neuen Puzzle zusammenzusetzen.

Es gibt noch viel mehr Themen, Ideen, Plots und Absurditäten. Die meisten ruhen noch in den Hirnen, und einige von euch glauben sicher auch jetzt noch nicht, dass sie mit einer absurden Idee Erfolg haben könnten.

Also frage ich mal: Wer will es versuchen?

(1) Ich empfehle eine Schlagzeugerin - also eine Frau. Denn als dies einmal ein Drummer "in der Realität" versucht hatte, wurde er übel beschimpft. (Sexist usw.)
Titelbild: Nach einer Buchillustration, die leider etwas retuschiert werden musste. Nach dem Stil könnte es in die 1920er Jahre fallen.

Wie entsteht eigentlich Erotik?

Die Umgebung, das Fühlen und das Schreiben ...
Nehmen wir mal an, du bist eine Software-Instruktorin, und du trägst Bluse, Blazer und einen passenden halblangen Rock, wenn du unterrichtest. Natürlich bist du selbstbewusst, freundlich, zuvorkommend und ansprechbar.

Nun stell dir vor, du begegnest am Abend deinem Lover – völlig nackt, aber ansonsten so, wie du auch am Morgen deine Schüler(innen) unterrichtet hast – selbstbewusst, freundlich, zuvorkommend und ansprechbar.

Was ist der Unterschied? Du bist die gleiche Person. Weder ist der Blitz in deinen Körper gefahren noch hat der Teufel von deinem Hirn Besitz ergriffen.

Sehen wir die Sache mal umgekehrt: Stell dir vor, du würdest demnächst nackt vor deinen Schülerinnen und Schülern stehen. An was würdest du zuerst denken?

Der Unterschied liegt darin, was du empfindest

Wahrscheinlich, dass es befremdlich, despektierlich, absurd oder erschreckend wäre. Wenn du dem Gedanken noch ein wenig nachhängst, zum Beispiel, weil du so etwas tatsächlich nachts geträumt hast, dann wirst du die Gefühle nachempfinden. Die Blicke, die auf die ruhten, der Windzug, der im Schulungsraum stets vorhanden ist, der nun aber deine Brüste trifft. Die Panik, die Scham … und du weißt nun, dass es deine Gefühle und Befürchtungen wären, die den Unterschied verursachen würden.

Genauso so ist es in erotischen, frivolen oder gar harten sexuellen Geschichten, die viele als „Pornografie“ bezeichnen. Die Person bleibt, was sie ist, aber die Umstände, unter denen wir sie beschreiben, ändern sich. Nicht nur die Orte, die Umstände und die Bekleidung ändert sich, vor allem ändern sich die Empfindungen der Person, die nun die Handlung durchlebt.

Der Mann und die Furcht vor dem Unbekannten

Ich habe ein anderes Beispiel aus der Männerwelt, das dir noch drastischer zeigen mag, wie aus Situationen Gefühle entstehen – und wie sie sich deutlich unterscheiden, obgleich rein sachlich gesehen etwas Ähnliches passiert. Vergleichen wir also eine Realität mit einer häufig geschilderten erotischen Fantasie, die ebenfalls zur Realität werden könnte.

Sachlichkeit, Furcht und Einsicht

Unsere Figur geht zu einem Urologen, um die Prostata-Routineuntersuchung mit einer IGEL-Zusatzleistung durchführen zu lassen. Ein weißer, kühl anzusehender Raum, ein Mann im weißen Kittel, den du bei der Prozedur kaum siehst. Wenige, kurze Dialoge, kühl und mit der nötigen Distanz. Da ist die Furcht vor der Prozedur und die Einsicht, sich ihr dennoch zu unterwerfen. Unerlässlich sind Gleitgel, ein behandschuhter Finger, eine Ultraschallsonde und die Bereitschaft, beides in den Anus aufzunehmen. Das kann Überwindung kosten, und manchmal entsteht ein höchst merkwürdiges Gefühl dabei, das den meisten Männern unangenehm ist. Die sind froh, wenn die Sache endlich beendet ist.

Das ist die ganz und gar unerotische Variante.

Furcht, Neugierde und Lust

Nun nehmen wir mal die hocherotische Variante:

Der Raum kann alles sein: ein speziell eingerichteter Pseudo-Klinkbereich ebenso wie dein Schlafzimmer. Wichtig ist, dass eine aufgeladene erotische Einstimmung vorausgeht – eine angespannte, von Lust und Furcht geprägte Atmosphäre. Nun tritt eine Frau auf – je nach Rolle aus dem medizinischen Beruf oder einfach eine Frau, die deiner Figur nun zeigen will, was aus der Kombination „schöne Frau, Anus und Eindringen“ erwachsen kann. Dann geht es weiter wie schon geschildert: Gleitgel, ein behandschuhter Finger, eine „Sonde“ aus dem Erotik-Shop und die Bereitschaft, beides in den Anus aufzunehmen. Und wie zuvor kann es Überwindung kosten – doch nun geht es um die Gefühle – nicht für einen winzigen Moment, sondern für viele Minuten. Und weil es eine erotische Geschichte werden soll, geht es noch um vieles mehr … Lüste, sexuelle Regungen anderer Art, Befürchtungen, Dialoge, Scham und vielleicht gar Zweifel an der Identität.

Erotische Geschichten analysiert – Gefühle und Dialoge punkten

Wenn du Geschichten dieser Art analysierst, wirst du feststellen: Der Unterschied liegt in erster Linie in den Empfindungen der Figuren, dann erst in ihren Handlungen. Deine „passiv empfindende“ Figur kann ohnehin nichts an den Prozeduren ändern – das Einzige, was der Mann schildern kann, sind seine Empfindungen, vielleicht noch die Dialoge, die im zweiten Fall deutlich drastischer und teils extrem frivol ausfallen können.

Wenn wir uns darüber klar sind, dass Gefühle und Dialoge die erotische Geschichte beherrschen sollten, damit sie „erotisch“ gelesen werden können, ist viel gewonnen. In dem meisten anderen Fällen laufen die Geschichten wir ein „Pornofilm“ vor uns ab. Du das ist wirklich schade, wenn ich an den Aufwand denke, der beim Schreiben betrieben wird.

Bild: Ca. 1950/1960 anonym veröffentlicht

Lasst uns von vielen Dingen reden …

Ob sie bald abheben?
Die Welt der Erotik ist erschreckend einseitig, selbst dann, wenn sie gar nicht einseitig ist. Doch sobald du (wie ich es oft tue) erotische Geschichten analysierst, und sie nicht einfach auf eine Geilheitsskala von eins bis zehn setzt, wirst du dich an deine Grundschulzeit erinnern.

Du hast Sätze aneinandergereiht, hast häufig den Satzbeginn „und dann“ oder eine Variante dessen benutzt, und am Ende las sich alles wie eine Aufzählung von Ereignissen, die recht belanglos klangen.

Und dann ... wurde alles ein bisschen frivoler ... und dann ...

Du kannst im gleichen Stil erotische Geschichten schreiben. Was er getan hat, wie er es getan hat, wann sein Sperma floss und wohin … und dann schreibst du, was in der nächsten Nacht geschah, oder wann er von der vorderen Lustöffnung auf die hintere wechselte. Und jedes Mal wird die Sache ein bisschen frivoler. Und dann ... ja, das war es dann. Falls deine Geschichte zu mehr als zwei Dritteln von Sex und von kaum etwas anderem handelt, bist du gezwungen, die Geilheit, den Schmerz oder die Heftigkeit der Orgasmen von Seite zu Seite zu steigern.

Wir müssen von vielen Dingen sprechen ...

Vor einigen Tagen las ich einen Internetbeitrag, es sei nun Zeit, von etwas anderem zu sprechen, und zitierte dabei Lewis Carroll, von dem ich diese Zeilen gerne wiederholen will:

"The time has come," the Walrus said,
"To talk of many things:
Of shoes--and ships--and sealing-wax--
Of cabbages--and kings--
And why the sea is boiling hot--
And whether pigs have wings".


Sollten wir die Schweine beflügeln?

Ja, warum sollten Schweine Flügel haben? Weil sie keine haben, und es wäre deshalb auch höchst unwahrscheinlich, dass Schweine fliegen könnten. Und ich sage dazu mal: Solange du die Schweine nicht beflügelst, bleiben auf dem Boden, lesen aneinandergereihte Sätze und suhlen sich darin.

Die Geschichte vom Walross und dem Zimmermann endet im Übrigen so, dass die Ressourcen (Austern) restlos weggefressen wurden und ein paar Krokodilstränen darüber fielen.

Geht es uns nicht auch so, wenn wir im Internet die zahllosen „erotischen Geschichten“ lesen, die alle Ressourcen ausbeuten, ohne jemals etwas Neues zu produzieren? Abhaken, ein paar Tränen darüber verlieren und zur Tagesordnung übergehen? Ich meine: Nein.

Wenn wir heute über „Erotische Schriften“ oder „erotisches Schreiben“ reden, dann sind wir genau an dem Punkt: „Wir müssen über viele Dinge reden.“

Weg von den Klischees über Frauen und Männer

Zum Beispiel darüber, wie wir unsere Figuren als Frauen und Männer darstellen wollen: Frei und gleich, selbstverantwortlich und mit nahezu beliebigen Eigenschaften, Wünschen und Sehnsüchten ausgestattet, die nicht auf das Geschlecht bezogen sind? Und mit einigen wenigen Eigenschaften, die eben doch geschlechtsspezifisch sind? Und mit vielen Attributen, die einfach als „erotisch“ gewertet werden können, ohne zu fragen: An wen richtet sich denn die Botschaft? Und: Werden wir wagen, Frauen und Männer in unseren Schriften auch dann gleichzubehandeln, wenn wir sie „gleich rücksichtslos“ darstellen wollen?

Ich erfinde derzeit kein Flugschwein

Gut – vielleicht frage ich zu viel. Vielleicht sollte ich zur imaginären Feder greifen und meine Tastatur traktieren. Und vielleicht würde ich dann doch ein paar Schweine erfinden, die vom Boden abheben und sich in die lustvolleren Gefilde der erotischen Fantasien erheben würden.

Vorläufig allerdings hoffe ich darauf, dass es andere tun. Übrigens wären Austern kein schlechter Anfang … schon mancher ist vom herb-salzigen Geschmack der Schalentiere auf den Wunsch nach oralen Lüsten gekommen.

Vielleicht … ja vielleicht wärst du ja diejenige oder derjenige, die/der sich mit der geflügelten Sau so gut auskennt wie mit dem geflügelten Eber. Dann beginne möglichst bald, alles auszuschreiben, was dir dazu einfällt. Und möglichst noch zu etwas anderem.

Und schönen Dank, dass ihr bis hierher gelesen habt.

(1) Laut „The Red Kings Dream“ sollten damit übrigens der Kunsthistoriker John Ruskin und der Essayist Walter Pater karikiert werden.
Foto: © 2018 by Liebesverlag.de