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Wie wird deine Geschichte eigentlich erotisch?

Erotik ist das, was du schreibst, sondern was deine Leserin dabei empfindet
Die Autorin Ines Witka sagt es kühl: „Erotik findet vorher statt.“ Vor dem Vögeln. Oder vor der Züchtigung, wenn es um eine solche geht.

Ich drücke es gerne anders aus, aber auch dies fällt in dasselbe Meinungsbild:

Eine sinnliche Geschichte ist erotisch, bevor gevögelt wird. Währenddessen ist sie bestenfalls sexuell, und hinterher ist sie emotional. Das ist die stark vereinfachte Wahrheit.


Anhand vieler bekannter und unbekannter Romane und Erzählungen lässt sich diese Behauptung belegen, und Ines Witka meint noch dazu: „Für mich ist Erotik ein Versprechen, das die Sexualität umspielt.

Ich denke, wir müssen nun Tacheles reden, nicht wahr? Wenn du so schreibst, wie in der Schule, dann bist du gewohnt, Sätze in Folge zu verfassen, die aneinandergereiht eine Geschichte ergeben. Man nennt so etwas auch eine „Erzählung“ oder spricht von „narrativem Schreiben.“

Keine Gebrauchsanweisung für den Geschlechtsverkehr schreiben

Das Problem dabei: Die meisten Schreibanfänger und überraschend viele Schreibprofis begnügen sich mit den technischen Vorbereitungen und Abfolgen eines Geschlechtsakts. Das lässt sich so erzählen, als ob jemand zum Metzger geht und ein paar Sorten Aufschnitt kauft, schafft aber normalerweise keine erotische Atmosphäre. Es gibt Hunderte von Beispielen im Internet dafür, wie BHs geöffnet, Höschen heruntergezogen, Brüste, Vulven, Hoden oder Penisse getätschelt wurden. Und stets folgt auf diese Aktion eine neue und wieder eine neue. Und so weiter … am Ende glaubt der Leser dann, ihm sei ein pornografischer Film nacherzählt worden.

Zum Sex verführen statt einfach den Sex abzuwickeln

Die Lösung ist ebenso einfach, aber mit ihr berühren wir ein ethisches Problem: Wir müssen unsere Figur nämlich dazu bringen, jemanden zu verführen oder verführen zu lassen. Das wird sie kaum tun können, ohne zu beschreiben, wie das detailliert vor sich gegangen ist, welche Dialoge beide dabei führten und wie es sich emotional anfühlte, Wenn du aus der Sicht der Verführerin (oder des Verführers) schreibst, kannst du die Macht nutzen, die der Verführerin zuwächst. Sollte deine Hauptfigur die Verführte sein, kannst du das gesamte Spektrum der Sinnlichkeit nutzen – körperlich wie emotional.

Beschreibe lange und ausführlich, wie die Sinnlichkeit angefacht wird

Du kannst sehr lange darüber schreiben, wie sich die Augen am Körper des/der anderen sattsehen. Dann wird aus dem Satz: „Schließlich spreizte sie die Beine ein wenig mehr“ ein Feuerwerk von Beobachtungen, von Aufspreizen der Schamlippen bis zu einer verführerischen Präsentation ihrer Vagina. Das könnte sich dann so lesen:

Ich ahnte, dieser Blick forderte mehr, und nicht nur ein wenig mehr. Ihre Augen zwangen meine Beine auseinander, und ich spreizte sie ein wenige mehr, als es angesichts der Situation angemessen war. Die katzenhaft blinkenden Augen der Fremden vertieften sich in meine Schenkel, und bevor ich es verhindern konnte, begann ihre Hand, mich zart zu streicheln, während ihr Körper sich sonst nicht zu bewegen schien. Ich reagierte spontan, wollte meinen hochgerutschten Rock wieder herunterziehen, versuchte, einen Satz zu formulieren. Doch mein Körper wollte etwas anderes. Mich durchzog ein heißer Schauer aus der Mitte meines Körpers, der bald meine Schamlippen erreichte. Ich stöhnte, und meine Nerven tanzten Boogie-Woogie.


Der Text ist an eine heftige lesbische Verführung angelehnt. Die raffinierte exotische Verführerin wickelt eine lustvolle und begierige, aber ansonsten naive junge Frau in ihr Spinnennetz ein, und sie fürchtet sich davor und genießt es zugleich, weil sie nichts tun muss, als sich ihrer Verführerin hinzugeben. Frauen sind in der Beschreibung des sinnlichen Körpers klar im Vorteil, weil sie ihre intimen Körperstellen sehr gut kennen, während viele Männer noch niemals eine erregte Vulva oder Vagina aus der Nähe gesehen haben.

Ganz sicher können auch Männer sinnlich verführt werden

Willst du beschreiben, wie eine Frau einen Mann verführt, kannst du ganz ähnlich vorgehen: Statt den „Kasper aus der Hose“ fluppen zu lassen, kannst du beschreiben, wie sein Penis halb steif darauf wartet, liebkost zu werden.

Hier haben wir mal eine Situation gewählt, in der eine Verführung narrativ beschrieben wird. Es ist ein Beispiel dafür, dass du auch rein erzählerisch an erotische Themen herangehen kannst – du musst nur intim genug schreiben. Nimm daran Teil, wie eine Töpferin von ihren Erlebnissen mit jungen Männern erzählt:

Den Penis eines Mannes zu streicheln, ihn zu bearbeiten, um seine schöne rosa Spitze hervorzubringen, und das alles sehr liebevoll, damit er nicht erschrickt – das ist so, als würde ich den weichen Ton bearbeiten. Manchmal zittern die Körper der Kerle eine wenig, wenn sich meine Hand dem bereits entblößten, halbsteifen Penis nähert und der Mann noch recht unerfahren ist. Wahrscheinlich denkt der Mann vorher „Du musst jetzt tapfer sein, die Frau kennt sich damit aus“, und er wartet,auf den nächsten Schritt. Doch dann merkt er, wie wundervoll es ist, wenn sein Penis von einer erfahrenen Hand gestreichelt wird und er jede meiner sanften und sinnlichen Bewegungen genießen kann. Oh ja, es wird noch heftiger, mein Süßer … und du bekommst deine Belohnung. Aber erst einmal gehörst du in meine Hand …


Und die Verführung selbst, nun ohne Handverkehr?

Auch dazu haben wir eine schöne Schilderung, die ganz und gar nicht pornografisch ist:

Er versuchte, mich zu küssen und tat das, was er offenbar von einer gleichaltrigen Frau gelernt hatte: Vorsichtig zu prüfen, ob die Zahnbarriere geschlossen bleibt, oder ob die Zunge ihren Weg findet, sich in meinen Mund zu schlängeln. Offenbar war er überrascht, dass ich seine Zunge ansog. Sein Körper begann daraufhin zu zittern, was mir deutlich zeigte, wie schnell er sich erregte – ein junger Mann eben. Ich legte meine Hand prüfend auf seine feine Baumwollhose, wie zufällig, und stellte fest, dass sein Penis inzwischen etwas angeschwollen war. Nun war es an der Zeit, einen lustvollen Kreis zu bilden zwischen dem Küssen und saugen, wo sich unsere Zungen schon intim berührten, und meiner Hand, die vorsichtig seinen Penis zu streicheln begann. Und es funktionierte. Er begann, leise und unterdrückt zu stöhnen, während ich weiter an seiner Zunge sog.



Ich denke, ich habe euch nun gezeigt, wie man durch Intimität und Sinnlichkeit erotische Gedanken erzeugen kann. In der „großen“ Literatur findet ihr solche Beispiele kaum. Ich erinnere mich an eine Passage, in der es lapidar hieß: „Sie nahm meinen Penis die Hand und küsste mich auf die Lippen.“ Wer nicht vorhat, erotische Erlebnisse lustvoll zu beschreiben, sollte es lieber gleich ganz lassen.

Die Tipps

1. Alles, was auf der Haut, unter der Haut und im Gehirn passiert, kann verwendet werden, um erotische Spannung zu erzeugen. Daran können alle Sinne beteiligt sein.
2. Das, was vor dem „Eintauchen“ des Penis in die Vagina geschieht, ist sinnlicher als das, was danach passiert.
3. Du solltest wissen, wie eine Vulva, eine Vagina oder eine Klitoris aussieht, wenn die Frau erregt ist. Und du sollest die Gefühle der Frau verstehen, wenn das passiert.
4. Wenn du über Männer schreibst, solltest du wissen, wie sich ein Penis anfühlt, wenigstens, wenn er in deiner Hand liegt und wie ein Mann reagiert, wenn du ihn sanft verführst.
5. Versuche, alle Beschreibungen möglichst „hautnah“ an deine Leser(innen) zu bringen, und zwar so, wie es Menschen tatsächlich erleben.

Hinweis; Umschreibungen und Textbeispiele nach dem "Satzfetzen-Prinzip" von Isidora. Zitat von Ines Witka aus "Dirty Writing", Tübingen 2015.

Die Fallen des narrativen Schreibens – am Beispiel

Nackt im Garten
Wenn du eine erotische Geschichte schreiben willst, solltest du dir vorher gut überlegen, ob du den „Erzählmodus“ wählen solltest, den wir alle einmal in der Schule gelernt haben.

Ich will euch zunächst ein Textbeispiel aus dem Internet zeigen. Im Original (1) zeigt es sich so:

Die Frau lag dort und schlief. Sie war splitternackt. Ich war wie vom Blitz getroffen, denn erstens war ich überrascht und zweitens hatte sie einen wunderschönen Körper.


Er ist ein Beispiel, wie mit einem Thema erzählerisch, also narrativ umgegangen wird. Ein Mann erzählt, wie er seine Nachbarin überraschenderweise im Garten vorfand: auf einer Liege, schlafend und splitternackt.

Daraufhin berichtet der Mann, er sei „wie vom Blitz getroffen“, bleibt aber offenbar bei Sinnen und seine angedeutete Ohnmacht wandelt sich in die „Überraschung“, gefolgt von „und zweitens hatte sie einen wunderschönen Körper.“

Mir geht es nicht darum, die dahinterstehende Geschichte zu kritisieren. Ich will euch nur zeigen, wie die sogenannte „narrative“ Schreibweise, zum „Aneinanderreihen von Sätzen“ führt, statt zu einer lebendigen erotischen Geschichte.

Das beginnt schon bei dem Satz: „Sie war splitternackt.“ Er beschreibt einen Zustand, aber nicht das Gefühl, das der Erzähler hatte, als er diese Frau plötzlich nackt im Garten sah. Das Wort „splitternackt“ wird zudem plakativ. Der Autor will die Gefühle im nächsten Satz nachliefern, begeht aber wieder den gleichen Fehler.

Wieder ist es ein plakativer Begriff, die in keiner Weise das ausdrückt, was die Person empfindet: „Er war wie vom Blitz getroffen.“ Diese Redensart steht normalerweise für einen emotionalen Zustand, in dem kein klares Denken mehr möglich ist: Der Blitz zerstört die Wahrnehmung, und man konzentriert sich auf das psychische Überleben. Ist das hier der Fall? Nein, offenbar nicht. Denn indem uns der Erzähler mitteilt, dass er völlig paralysiert vor der Nackten steht, wertet er den Zustand im nächsten Satz ab: Er war überrascht. „Überrascht sein“ ist sicherlich der korrektere Ausdruck, denn er hat nicht erwarten, die Nachbarin nackt zu sehen. Aber auch dieser Satz sagt nicht über seine Gefühle aus. Kombiniert mit „denn sie hatte einen wunderschönen Körper“ wird sein Zustand der Verwirrung erneut verflacht: „Ach, sie hat einen wunderschönen Körper.“ Ungefähr der Gedanke, der viele Männer befällt, wenn sie sich Aktfotos ansehen: „Guck, die hat einen schönen Körper.“

Wie ich schon sagte, greife ich ich den Autor damit nicht an. Er orientiert sich, wie so viele andere, an dem, was er gelernt hat: „Schreiben heißt erzählen.“

Wie würde diese Situation nun auf uns wirken, wenn wir „Show, don’t Tell“ verwenden würden und den „Passivmodus“ dabei auch verließen?


Ihr schöner Körper lag völlig nackt vor mir, und ihre Brüste hoben und senkten sich, während sie atmete. Ich war so überrascht, dass ich sie eine Weile anstarrte, bevor mir bewusst wurde, was ich da eigentlich tat. Erst dann lockerte sich mein Blick und ich sah, wie schön sie war. Eine reine, makellose Haut, wunderschöne Brüste … und schließlich der leicht geöffnete Schritt, um den sich feine blonde Schamhaare kräuselten.

Obgleich der Text erweitert wurde, ist er kürzer als der Originaltext (2), in den zahllose „Füllsätze“ eingebaut wurden, die für eine Kurzgeschichte nicht notwendig sind.

(1) Falls ihr die Original-Geschichte aufruft, aus der ich zitierte: Sie enthält mehrere Passagen, die eine ausgesprochen „direkte“ Sprache verwenden. Das ist übrigens auch eine Folge der Unsitte, Sätze aneinanderzureihen statt sich sich in die Situation der Figuren einzufühlen. Meine Warnung: Nicht am Arbeitsplatz lesen und möglichst gar nicht, wenn du Bedenken gegen „harte“ Sexszenen hast. Hier der Link zu Orion.
(2) Die zitierte Textpassage ist kürzer als der Absatz, aus dem sie stammt.

Was ist denn eigentlich „Schreiben“?

Was ist eigentlich "Schreiben"?
Was ist denn eigentlich „Schreiben“? Ach, das wisst ihr schon lange? Ich bezweifle es. Und ihr seid in jedem Fall schlauer, wenn ihr bis zum Ende lest.

Die Beziehungen zwischen Schreiben und Denken sind vielfältig und wechselseitig. Um das Verhältnis zwischen beiden zu verstehen, muss man verschieden Funktionen des Schreibens und die Art der dabei involvierten kognitiven Prozesse betrachten.


Sylvie Molitor-Lübbert

Wem das Wissenschaftsdeutsch zu kompliziert ist, der kann es auch so ausrücken:

Zwischen Schreiben und Denken besteht eine Wechselbeziehung. Um dieses Verhältnis zu verstehen, muss man wissen, was dabei zwischen Feder und Gehirn abläuft.

Warum fangen wir so an? Weil das angebliche „Wissen“ über das Schreiben total veraltet ist. Die Literaturpäpste haben – ebenso wie die Deutschlehrer – eine eigene, im Grunde nicht mehr tragfähige Einstellung zu Wort und Schrift. Sie beruht auf Traditionen, in denen der Wandlungsprozess vom Denken ins Schreiben ein Mysterium ist. Und viele Jahre, nachdem Norbert Wiener, Paul Watzlawick und viele andere erklärt haben, wie Regelkreise, dynamische Prozesse und Kommunikation vor sich gehen, haben sie davon weder etwas gehört noch haben sie es verstanden.

Was letztlich bedeutet: Schreiben bedeutet nicht, sich etwas zu erdenken, um es dann niederzuschreiben. In Wahrheit bedeutete es, mit dem Geschriebenen zu kommunizieren. Ich erklär es einmal für alle, die sich davon ein Bild machen wollen:

Schreiben bedeutet mehr als Wörter aneinanderzureihen

Unsere Gedanken bestehen aus einem Gemisch aus analoger Sprache und digitaler Sprache. Ist nicht so kompliziert, wie es scheint. Denn es bedeutet nur, dass ein gewaltiger Teil in unvollkommenen, bildhaften Vorstellungen im Gehirn steht, während nur ein kleiner Teil bereits „in Worte gefasst“ ist. Wenn wir schreiben, müssen wir aber oft auch den „bildhaften Teil“ in Zeichen setzen, sehr schwer fällt uns dies vor allem, wenn wir über Gefühle schreiben wollen. Auch im besten Fall sind die ausgeschriebenen Gefühle nicht wirklich authentisch. Nun lesen wir also, was wir geschrieben haben, und denken: Oh, das ist eigentlich nicht genau das, was ich ausdrücken wollte. Heißt: Erst beim Wiederlesen erkennen wir, was wir tatsächlich geschrieben haben – und das würde zu einem Prozess ohne Ende führen, wenn wir nicht irgendwann sagen würden: „Ja, nun stimmt alles für mich.“

Lass deine Figuren von der Leine

Aus ähnlichen Gründen empfehlen viele moderne Schreibtrainer, die Figuren „von der Leine zu lassen“, sodass sie „selbstständig handeln“ können. Auf den ersten Blick wird euch das vielleicht ein wenig entsetzen, denn „wie kann eine Figur, die ich erschaffen habe, selbstständig werden?“

Wir lesen zunächst einmal bei Christine Pepersack:

Wir unterscheiden bei der Figurenkonzeption zwischen solchen Charakteren, die aktiv handeln und entscheiden, und solchen, die durch äußere Ereignisse bestimmt werden und Entscheidungen vermeiden. Unsere Figuren sind dafür verantwortlich, dass die Handlung vorangeht, kurzum: Sie sorgen dafür, dass etwas passiert.


Ist damit schon die Frage beantwortet, warum sie überhaupt selbstständig handeln können, also, ohne dass sie von uns geführt werden?

Selbstverständlich, denn unsere aktiven Figuren müssen ständig handeln. Und sobald es um eine neue Handlung geht, vielleicht um eine Entscheidung, macht sich deine Figur selbstständig und entscheidet anders, als du es im Leben tätest. Sie zeigt dir den Weg, den sie gehen muss, will du ihn ja nicht gehen wolltest. Das liegt daran, dass jede Figur ein Teil von dir ist (du hast sie ja erschaffen), aber auch ein Teil der Welt, in die du sie hineinsetzt. Der britische Psychiater Roland D. Laing hat sehr viel zu diesem Thema gesagt, und leider ist es schwer zu verstehen – aber er sagt letztendlich, dass in deinem Kopf außer dem, was du denkst, auch noch das rotiert, was andere denken.

Sind wie alle Meschugge, weil wir schreiben?

Oh Schreck – da kommen wir in den Bereich, dessen, was Psychiater „Bipolare Störungen“ nennen. Das solle eigentlich eine Krankheit sein, aber es ist eben auch ein Zustand, in dem viele Schriftsteller leben. Wer Welten erschafft, wer Figuren in seinem Hirn tanzen lässt, die es gar nicht gibt – der hat in der Denkweise der Lieschen Müllers eben nicht „alle Tassen im Schrank“.

Und du? Du schreibst einfach, siehst dann deinen Figuren nach und folgst ihren Spuren … mal kreidebleich und mal errötend, mal lächelnd und mal besorgt.

Das essenzielle Wissen für angehende Erotik-Autorinnen

Die Buchstaben werden zu Wörtern, die Wörter werden zu Sätzen, und die Sätze werden zur puren Lust
Mit diesem Artikel wende ich mich an alle diejenigen unter euch, die ganz bewusst Blümchensex (auch Vanille-Sex genannt) in ihre Romane, Novellen oder Kurzgeschichten einbauen wollen.

Ich gehe dabei davon aus, dass es sich bei deinem Werk um eine Art Liebesroman handelt, in dem Sex ein wichtiges Element darstellt. Der Moment, indem deine Figur die größtmögliche Erfüllung erlebt, ist zwar einer der Höhepunkte deines Werks, aber nicht das zentrale Thema.

Wie bei anderen Liebesthemen auch, steht im Vordergrund, auf welche Art und Weise ihre Heldinnen und Helden einander begegnen und wie sich ihre Liebe, ihre Lust oder ihr Verlangen entwickelt. Bei den meisten „Sex-Storys“ kommt dieser Bereich zu kurz, denn zumeist umkreisen die Menschen einander, bevor es zu intimen Begegnungen kommt. Ein wichtiges Spannungselement ist dabei, den Zeitpunkt der ersten „echten“ sexuellen Begegnung hinauszuschieben, besonders dann, wann deine Leserinnen und Leser schon etwas ungeduldig werden und meinen: „Jetzt muss es doch passieren.“

Körperliche Nähe vermitteln

Um Nähe zu deinen Figuren zu erzeugen, solltest du wenigstens all das ausführlich beschreiben, was „auf der Haut und unter der Haut“ passiert. Die Haut als „äußere Hülle“ bietet sich geradezu an, um sinnlich zu schreiben, ohne auf die Emotionen einzugehen. Ich sage dies, weil die meisten Autorinnen und Autoren selbst nach langjähriger Erfahrung mit erotischen Schriften nicht in der Lage sind, emotionale Gefühle plastisch zu beschreiben. Die Empfindungen, die auf der nackten Haut ausgelöst werden, sind hingegen wesentlich leichter in Worte zu fassen. Du musst nicht gleich an die Lippen oder gar Schamlippen, Penisse oder Hodensäcke denken – die Haut ist ein riesiges Körperorgan, das reichlich mit Nervenenden bestückt ist. Ein Thema, in das du die „Gefühle auf der Haut“ bestens einringen kannst, ist das Ausziehen oder das entkleidet Werden. Nehmen wir mal an, du (die Autorin) kannst die vorstellen, wie deine (oder seine, ihre) Hände beim Entkleiden über deinen Körper streichen, dann kannst du es auch schreiben. Falls du dich selber dabei schämst, kannst du auch deine Figur mit dieser Schamhaftigkeit ausstatten.

Je mehr Blümchensex, umso intimer solltest du werden

Besonders, wenn du über „Vanillesex“ schreibst, sollten du so intim werden, wie es dir möglich ist. Viele der heutigen Autorinnen weichen auf spektakuläre Themen wie S/M oder Fetische aus, weil es auf diesen Gebieten mehr Äußerliches zu beschreiben gibt. Doch sobald sie „intim“ werden, kann auch der oft belächelte abgetane Blümchensex sehr spektakulär werden.

Ich hoffe, dass dir der folgende Absatz nicht peinlich ist. Ich habe ihn deshalb in diesen Artikel aufgenommen, weil eine große Anzahl von Frauen im Internet bestätigte, dass sie sehr selten oder gar noch nie eine zutreffend erotische Schilderung über „ganz gewöhnlichen Sex“ gelesen hätten. Die Frage eines Mannes war: Wie fühlt sich der Penis aus der Sicht der Frau eigentlich in der Vagina an?

Aus dem interessantesten Beitrag (Netdoktor-Forum) zitiere ich hier einmal kurz:

Wenn ich auch eine der Frauen bin, die nicht unbedingt durch den Geschlechtsverkehr zum Orgasmus kommt, so fühlt es sich doch sehr, sehr aufregend an, wenn er ihn hineinschiebt. Manchmal scheint mir, ich fühle das bis in den Kopf hinauf ... Wenn er den ersten Stoß macht, dann fühle ich das bis hinauf in jene Region des Gesichtes, in der man spürt, dass man rot wird … Was mir ganz einfach auch noch daran gefällt, den Penis in der Vagina zu spüren, ist die Nähe, die in diesem Moment zu meinem Mann besteht.


Die Gefühle im Inneren - nicht nur in der Psyche

Diese kurze, sicherlich nicht literarische Schilderung zeigt, woran es mangelt: Die Zeit zwischen dem Auftauchen des Penis aus der umhüllenden Bekleidung bis zur vollständigen Versteifung kann bereits einige Seiten füllen. Zum Beispiel kannst du beschreiben, wie deine Figur den Penis sieht, wie sie ihn berührt oder gegebenenfalls stimuliert. Leider werden soclhe Abläufe oft nur mit einem einzigen Satz abgehandelt. Weitaus interessanter ist jedoch der Moment, indem sich der Körper deiner Heldin bereit macht, den Penis zu empfangen und wie sich „das anfühlt“ – nicht nur in der Vagina, sondern überhaupt. Besonders der Moment des Einführens wird ja noch bewusst wahrgenommen, selbst dann, wenn die Details später verfließen und in nicht beschreibbaren Gefühlen enden. Auch das „Abkühlen“ nach dem ersten Orgasmus und der wieder einsetzenden Lust kann ausführlich und sehr sinnlich beschrieben werden.

Weil Blümchensex so intim ist, liegen die Schamhürden oft hoch

Einer der möglichen Gründe, warum dieser Teil der Vanille-Erotik selten aufgearbeitet wird, könnte in der Scham liegen, sich diesem Thema zu widmen. Das gilt für die Penetration ebenso wie für Brust-, Hand- und Mundverkehr. Da hilft nur eines: lass deine Heldin von der Leine und überlass ihr, den Penis lieben zu lernen, auch wenn du es dir selbst nicht vorstellen kannst.

Distanziere dich niemals von deiner Figur

Schäme dich nicht für deine Figur - erröte über ihre Handlungen
Manchmal habe ich den Verdacht, dass sich Autorinnen heimlich von ihren Figuren distanzieren. „Weil ich nicht als Schlampe gelten möchte, soll meine Figur auch nicht in den Verdacht geraten“ könnte der Hintergrund-Gedanke sein. Diese Einstellung solltest du überwinden, weil sie nicht zum Schriftstellerberuf (oder zum Schriftstellerhobby) passt. Wer über „die Fremde“ schreibt, muss sich in ein Escort-Girl ebenso hineinversetzen können wie in eine zögerliche Jungfrau, in eine heterosexuelle Frau ebenso wie in eine bisexuelle Frau.

Die Grundlagen und Würzen des erotischen Romans

Ich fasse Ihnen all dies zusammen:

- Die Grundlage des erotischen Romans ist identisch mit der des Liebesromans: Wo und wie kamen beide zusammen, und wie kam es dann zu einer Liebesbeziehung?
- Beim erotischen Roman geht es vorrangig darum, die Erfüllung der Lust ausführlich zu beschreiben. Deine Leserin muss mental die Rolle ihrer Heldin einnehmen können – ob sie es nun ekelt oder anregt.
- „Innere Gefühle“ lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch die Empfindungen bei der Berührung der Haut ersetzen.
- Geschlechtsverkehr, auch Hand- und Mundverkehr, ist ein sinnlicher Prozess, kein mechanischer Vorgang. Er wird von vielen, teils widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken begleitet.
- Wenn du irgendetwas aus Scham vermeidest, kann deine Leserin weder den Genuss noch den Ekel noch das Schamgefühl selbst nachvollziehen. Du entziehst deiner Leserschaft damit eine wichtige Grundlage der Empfindungen deiner Heldin. Es ist allemal besser, die Lust und den Ekel deutlicher zu machen, um deine Leserin am Geschehen zu beteiligen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form ursprünglich als 50. Beitrag zu den Themen des Sinnlichen Schreibens. Wir haben ihn nun an die erste Stelle gestellt, weil die meisten Autorinnen, die „gewöhnliche“ Liebesgeschichten schreiben, mit den Hinweisen zur „Erotisierung“ ihrer Texte am besten bedient sind.

Das neue Sinnlich Schreiben

Lass deiner Figur freien Lauf, und erröte ...
Wenn du mir jetzt sagst: „Oh, ich dachte, du hättest diese Seite aufgegeben“, dann muss ich wirklich ganz demütig sagen: „Ja, und es war eine falsche Entscheidung, die ich nicht vorauszusehen vermochte.“

Der Grund ist ganz einfach: Menschen, die sich für Liebe, Lust und Leidenschaft interessieren, sind selten auch daran interessiert, anspruchsvolle schriftstellerische Inspirationen zu erhalten. Das ist ungefähr so, wie bei einem Mann, der gerne isst, aber auf keinen Fall kochen lernen will.

Ich muss aber auch sagen: Bei der Erstellung dieser Webseite habe ich Fehler gemacht: Zwar steht am Anfang jeder Story die Idee, gefolgt von der Figur, die sich durch Lust und Leid schlängelt. Aber die traurige Wahrheit ist leider; es hapert zumeist an der Formulierungskunst. Oder daran, dass du deine Figur nicht tief genug in die Psyche deiner Leserin eindringen lässt. Ich will versuchen, dich möglichst lustvoll zu ermutigen, daran etwas zu ändern.

Während meiner Streifzüge durch Buchhandlungen, Autorenseiten, Einlassungen von Deutsch- und Schreiblehrern und vielen anderen Quellen habe ich gelernt: Das „Handwerkszeug“, also die Wahl der Worte ist das Hauptproblem, das wirklich zu den Stolpersteinen beim Schreiben zählt. Und unter den Worten ist es vor allem die Kommunikation der Figuren untereinander, die sich als schwierig erweist. Wirklich „haarig“ wird es dann bei den Gefühlen, die wir ohnehin nur unvollkommen über die Lippen bringen können – geschweige denn zu Papier.

Von der Reise durch Realitäten und Fiktionen, Märchen und Meinungen haben ich euch etwas mitgebracht: neue Perlen, die ihr selbst zum Strahlen bringen könnt, indem ihr sie tragt.

Wie immer, ist etwas Theorie dabei, aber ich bin ganz sicher, dass ich für euch auch ein paar Beispiele schreiben (lassen) kann.

Ich hoffe, ihr folgt mir. Und ich beantworte selbstverständlich Fragen, wann immer ich kann.

Ein Teil der Artikel hier werden demnächst gelöscht, und andere werden neu eingeordnet.

Das Motto, das ich dieser neuen Webseite mitgebe, heißt:

Lass deiner Figur freien Lauf, und erröte über das, was sie dann erlebt.


Mag sein, dass du nun stutzt. Aber ich rate dir, in solchen Fällen immer daran zu denken, wie das Gegenteil wohl aussehen würde: „Leg deiner Figur enge Fesseln an, damit sie niemals deine Grenzen überschreitet?

Nein, auf keinen Fall.