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Lust, Schmerz, Du und die Gehirnforschung

Die Lust an der Hölle - die Hölle der Lust
Dies ist eine Kurzfassung meines in der „Liebeszeitung“ veröffentlichten Artikels mit einem Anhang für Autorinnen.

Erst seit kurzer Zeit hat die Forschung ein Fenster geöffnet, durch das wir in das Gehirn „hineinsehen“ können. Dabei haben sie festgestellt, dass sich Lustzentrum und Schmerzzentrum gegenseitig beeinflussen. Vermutet hatte dies schon die Philosophie, die aber als wenig verlässlich gilt, was das Körperliche betrifft. Die Natur jedenfalls hat ihren Lebewesen offenbar eine Art Ur-Gehirn geschenkt, in dem wie wichtigsten Elemente des Überlebens beieinanderliegen: Lust und Schmerz. Wie sich beide durchdringen und welche Verknüpfungen das Gehirn schaffen muss, um sie gemeinsam zu aktivieren, liegt noch im Dunkel. Jedenfalls sagen uns die Gehirnforscher vorläufig, das Lustzentrum würde vor dem Schmerzzentrum angeregt, dann aber würde der Schmerz über die Lust siegen.

Schmerz und Lust sind miteinander verbunden

Was sagt uns das? Nun, vor allem, dass es keine „objektive“ Trennung zwischen Lust und Schmerz gibt, geschweige denn einen Gegensatz.

Die Brücke zwischen Schmerz und Lust ist, wie wir aus der Forschung wissen, fragil, aber immerhin vorhanden. Und ob die Gefühle darüber kriechen wie die Schnecken oder hüpfen wie die Kaninchen, wissen wir nicht. Was wir aber im Kopf behalten sollten: Schmerz und Lust sind „als solche“ keine Gegensätze, sondern Partner, die auf eine merkwürdige Art miteinander ins Geschäft kommen.

Rote Wangen und die Lüste beim Schmerz

Mit etwas geröteten Wangen könnten wir noch weitergehen in diesen Überlegungen. Denn die Brücke vom Schmerz zur erotischen Lust baut sich sehr wahrscheinlich erst auf, wenn wir ins Erwachsenenleben eintauchen. Es ist ja nicht so ungewöhnlich, Schmerzen beim „ersten Mal“ zu empfinden, und „gemischte Gefühle“ bei den ersten Versuchen mit einem Partner sind ja durchaus nichts Ungewöhnliches.

Wenn wir die Literatur anschauen, dann finden wir so gut wie ausschließlich Berichte und Erzählungen über junge Erwachsene, die eine merkwürdige, teils befremdliche, aber durchaus sinnliche Erregung durch Züchtigungen erfahren haben.

Junge Männer berichten, dass es der körperliche Kontakt zur züchtigenden Erzieherin gewesen sei, oder einfach die erotische Empfindung, die sie plötzlich befiel, als eine Züchtigung nach Eintritt der Pubertät anstand. Manchen dieser Berichte können wir nicht recht trauen, aber andere sind wenigstens plausibel.

Schreib über Erwachsene und ihre Schmerzlüste

Im Originaltext gehe ich auf die Literatur ein, die sich mit den üblichen erotisierenden Züchtigungen in Internaten beschäftigt. Hier sollte es reichen, von Erwachsenen zu sprechen.

Wenn es richtig ist, dass Schmerz und Lust eine Brücke bilden, und wenn wir zugleich annehmen, dass Erwachsene ihre Gefühle bewusster erleben können, dann wäre es nur logisch, beides erst in den späteren Jahren, also vielleicht zwischen dem 25. und 50 Lebensjahr, zu entdecken.

Reife, Mut zur Erweiterung der Lüste und Versuche mit dem Schmerz könnten eine sehr bekömmliche Mischung für lustvolle Spiele sein. Und sie wären zugleich eine ideale Kombination für intensives Fühlen, das über die erotischen Sensationen der frühen Jahre hinausgeht. Soweit decken sich Realität und Fantasie. Und damit wären wie bei „Pawlow für Autorinnen“. Ich entwerfe euch eine Kurzgeschichte über eine Züchtigung, die gar nicht stattfindet.

Pawlow für Erotik-Autorinnen

Es ist nicht nötig, dass deine Figur wirklich „gezüchtigt“ wird. Ganz im Sinne der grotesken Erzählung kannst du deine Figur in einen Zustand der Hoffnung und Furcht vor der Erfüllung ihrer Schmerzlüste oder Lustschmerzen stellen. Deine Figur hört harsche Anweisungen, das Rascheln der Kleider, das Klatschen des Rohrstocks, die unterdrückten oder heftigen Schreie - und empfindet dies so, als würde sie selbst gezüchtigt. So weit ist also Pawlow. Mehrere Frauen werden aufgerufen, wie bei einem Arztbesuch, und immer wieder dringen durch die Tür Geräusche unterschiedlicher Art - mal heftiger, mal moderater. Nur deine Figur wird nicht aufgerufen. Ein bisschen Kafka, gefällig? Wie du diese Erzählung „auflöst“, überlassen ich gerne dir.

Wer war eigentlich P.N. Dedeaux?

Zu den Geheimnissen der Autorinnen und Autoren von erotischen Werken, insbesondere von pornografisch anmutender Flagellationsliteratur, gehört ihr Pseudonym. Wer edle Literatur einerseits schreibt, kann durchaus anderseits ein Groschenromanschreiber oder ein pornografischer Schriftsteller sein. Zudem kommt es vor, dass mehrere Schriftsteller das gleiche Pseudonym benutzen. Ja, es soll sogar vorkommen, dass Verlage den Namen eines Goldesels weiterhin nutzen, auch wenn der ursprüngliche Autor längst keine Bücher mehr schreibt. Und letztendlich werden manche Novellen unter neuen Titeln und mit neuen, ebenfalls verschleiernden Autorennamen herausgebracht.

Wenn der Autor seine Identität nicht selber lüftet, ist es kaum möglich, seine Autorenschaft festzustellen oder zu bezweifeln. Dennoch hörte ich, dass die Identität eines bekannten Schriftstellers flagellantischer Literatur, inzwischen gelüftet sein soll.

Es handelt sich um den Flagellations-Romancier P.N. Dedeaux. Angeblich will man Geoffrey Atheling Wagner „mit ziemlicher Sicherheit“ als Autor identifiziert haben. Diesen Namen gibt e tatsächlich. Er soll von 1927 bis 2006 gelebt haben, war nach glaubwürdigen Quellen eigentlich Übersetzer, schrieb aber auch eigene Novellen und Essays, die allerdings in Vergessenheit gerieten. Sofort ergibt sich wieder die Frage, ob alles, was unter dem Namen Geoffrey Wagner veröffentlicht wurde, tatsächlich von ihm stammt, denn darunter sind auch einige Groschenromane zweifelhafter Herkunft.

Angeblich will Dedeaux/Wagner eine ganze Liste von Werken geschrieben haben, die, wie bei erotischen Büchern nicht unüblich, entweder anonym oder unter Fantasienamen veröffentlich wurden und deren Titel ebenfalls variierten. Das erste seiner erotischen Werke soll 1969 erschienen sein: „The Nothing Things“.

Insgesamt soll es sich bei den Werken um folgende erotische Schriften handeln:

1969
The Nothing Things (W)
Tender Burns (W)
The Territory Within (W)
Carols Tribal Costum (X)

1970
The Tutor (D)
Wealed Venus (W)
The Prefect (The Prussian Girls) (D)

1972
Rosie’s Aunt (W)
The Gouverness Goverend (D)

1973
SM – The Last Taboo (Sachbuch, X)

1989 - 1999
1989
Clotilda (X)
1992
The Camp (X)
1999
Aunt Anna – 1999 (X)

Nicht alle literaturkritischen Quellen wollen dem Gedanken folgen, dass Geoffrey Atheling Wagner tatsächlich der Autor oder jedenfalls nicht der alleinige Autor ist, der als P.N. Dedeaux schrieb. Die Liste mag Ihnen zeigen, welche Werke angeblich endgültig Geoffrey Atheling Wagner zugeschrieben werden können. Es sind insgesamt nur fünf erotisch-flagellantische Werke, die zwischen 1969 und 1972 verfasst wurden. (mit „W“ gekennzeichnet). Die mit „D“ gekennzeichneten werden nach wie vor „Dedeaux“ zugeschrieben, und die mit „X“ bezeichneten lassen sich offenbar nicht eindeutig zuordnen – sie werden oft als „Spätwerk“ bezeichnet.

Wie bereist erwähnt, wird auch behauptet, einige von Dedeaux Werken könnten auch von anderen Autoren geschaffen worden sein, zum Beispiel von dem ideenreichen Andrew Jefferson V. Offutt. Er war ein Erotik-und Serienschreiber, der etwa zur gleichen Zeit lebte – die Quelle, die Wikipedia dafür verwendet, ist aber fragwürdig und sie konnte bei einer Nachrecherche nicht bestätigt werden. Freilich ist es ebenso möglich (und in dieser Branche nicht unüblich) dass mehrere Autoren unter ein und demselben Pseudonym schrieben.

Was ist nun mit den „The Prussian Girls“?

Es ist schwer zu beurteilen, ob „The Prussian Girls“ tatsächlich aus der Feder von Geoffrey Atheling Wagner stammt. Ursprünglich erscheint dieser Roman unter den Titeln: „The Prefect“ und „The Prefects“. Erst in den Ausgaben von „Blue Moon“ aus den Jahren 1987 und 1998 erschienen die Romane im Rahmen der „Internatswelle“ unter diesem Namen.

Sicher ist hingegen, dass der Roman die komplizierten Beziehungen zwischen Erzieherinnen und Eleven in strengen Internaten nicht ausreichend würdigt. Vielmehr handelt es sich um einen Flagellationsroman einfacher Art, der sich liest, wie „schon einmal gelesen“, nur nicht vom selben Autor. Offenbar wollte der Autor die Strenge, die Pflicht und die Schuldigkeit, die er im alten Preußen vermutete, einfach für eine Variante des erotischen, lesbisch geprägten Flagellationsromans nutzen. Heute gibt es viele Autorinnen , die über lesbisch geprägte Flagellationen in Internaten schreiben, beispielsweise Yolanda Celbridge.

Quellen: Die angebliche Enthüllung und die Bücher sowie ihrer Ausgaben. Andrew Jefferson V. Offutt Biografie und Werk (falsch) und hier richtig. Geoffrey Wagner Werk (ohne "Atheling").

Hintergrund: Reisen in ein Flagellationsbordell des 19. Jahrhunderts

Wir haben schon vielfach darüber geschrieben, wie schwer es ist, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Wie viele Menschen lebten in den Städten und wie lebten sie? Welche Klassenunterschiede gab es und wie wirkte sich das aus? Wie und wo kommunizierte man über was? Wie funktionierte der Transport?

Als wir jüngst über die Bordellbesitzerin Theresa Berkley und ihre Zeit schrieben, wurde uns klar, was man (oder frau) alles über eine Epoche wissen muss, bevor man zum Griffel oder zur Tastatur greift.

Zwei Tatsachen müssen wir sicherlich akzeptieren: Die Zeiten waren nicht so, wie sie uns der Geschichtsunterricht darstellen will. Oder sagen wir es anders: Das Leben der Menschen hatte mit dem, was wir aus der Geschichte „zu wissen bekommen“ haben, eigentlich gar nichts zu tun. Und das Zweite: Die Zeiten gründeten immer tiefer als da, was an der Oberfläche zu erkennen war.

Und die Literatur? Bei den Recherchen stieß ich auf „Gouvernanten“, die ein einsames, auf sich selbst gestelltes Leben führten, oft bei kleinsten Einkommen. Darüber hinaus wurden sie oftmals bezichtigt, Affären mit dem Hausherrn zu haben. In Deutschland wurde – vor allem im 19. Jahrhundert – Ähnliches von den bürgerlichen „Dienstmädchen“ gesagt. Und auf diese Weise wird die Geschichte abermals verfälscht: Gouvernanten wie auch und Dinestmägde wurden gerne in romantische Affären eingesponnen.

Buchillustration eines "schmerzlüsternen Freundes"
Die „falschen Gouvernanten“, also die Besitzerinnen von Hurenhäusern, in denen die Flagellation zu den lustvollen erotischen Standards gehörte, waren im London des 19. Jahrhunderts eine Institution. Und in der Tat wäre es möglich, Ihr Tun erneut zu belebe, wenn man alles Äußere so ließe, wie wir es heute vorfinden. Doch in einem alten Haus in Soho oder anderwärts mag es einen Seiteneingang geben, der in ein viktorianisches Treppenhaus mündet. Männer im Frack oder Smoking schleichen die Treppen empor, und ganz oben empfängt eine moderne Mr. Berkeley diese Herren. Und sobald sich die Tür hinter ihnen schließt, werden sie nach Art des Hauses behandelt. Von Gouvernanten in den Kleidern von damals, mit den Gegenständen, die damals zu Züchtigung verwendet wurden und mit den Arrangements, die damals gegen Geld zu haben waren.

Und Sie haben dann Gelegenheit, die Geschichte jeder und jedes Einzelnen zu erwählen – hinter der geheimen Tür und im wirklichen Leben.