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Fantasie, Schreiben, die Schammauer und der Genuss

In deinen Fantasien kannst du tun, was du willst. Wann immer du es willst und und wie auch immer es vor sich gehen soll. Du kannst es mit jedem tun, mit dem du es tun möchtest und wie immer es dir gefällt. Niemand verurteilt dich.

Gefahren beim Schreiben - Fantasien und Öffentlichkeit

Vielleicht setzt du manche Gedanken in Worte um. Nimm die in acht, wenn du sie aufschreibst und damit an die Öffentlichkeit gehst. Die Alltagsmenschen sind böswillig, wenn es darum geht, ihren schönen Schein zu zerstören. Sie werden sagen, dass du derjenige bist, der solche Gedanken hegt, und sie werden dich bezichtigen, in deinen Inneren selbst so zu sein wie deine Figuren.

Versöhnung, die Schammauer und Genuss

Wenn du deine Leserinnen mit extremen Gedanken versöhnen willst, bette sie in erotische Märchen ein. Wie heißt es doch: „Mit einem Stückchen Zucker schlucken sie die bittere Medizin.“ Sorge dafür, dass beide Partner irgendeinen Gewinn davon haben – beherzige den Satz „das Vergnügen war ganz auf meiner Seite“. Und wenn du das kannst: Sorge dafür, dass du zu der geheimen Geilheit vordringst, die in den Köpfen deiner Leserinnen schlummert. Wenn du die Schammauer durchbrichst, treten sie hervor, und dann können sie – nach einer Weile – alles, was du schreibst, so genießen, als würden sie es selbst erleben.

Der Liebesroman, die Verliebtheit und die Leidenschaft

Die Anatomie beforschen ...
Der Liebesroman hat so viel mit der Liebe zu tun wie ein Science-Fiction Roman mit der Raumfahrt. Denn Liebesromane handeln überwiegend nicht von der Liebe, sondern von einem Zustand, den wir für Liebe halten: Verliebtheit. Diese wird dabei sorgfältig entschärft, äußerlich verniedlicht und vor allem emotional weißgewaschen.

Biologie? Ach, die gibt es auch bei Menschen?

Man darf nicht erwarten, dass unsere Liebesroman-Autorinnen biologische Grundkenntnisse haben – sie sind wahrscheinlich eher hinderlich. Hätten sie solche, so wüssten sie, wie Verliebtheit funktioniert und warum sich die Illusion der „schwebenden Verliebtheit“ nicht auf ewig und immer ausdehnen lässt. Und falls es jemandem tatsächlich so gehen sollte, wer der Gang zum Arzt zu empfehlen.

Wenn Liebe zu einem unbestimmten, rauschhaften Gefühl hochstilisiert wird, sollten wir uns nicht wundern, warum Autorinnen sich weigern, der Verliebtheit ganz reale, heftige Lüste folgen zu lassen. Man müsste vom Liebesmärchen zur lustvollen Realität übergehen, und die Realität – nun ja, sie ist eben so schrecklich real.

Anatomie – pfui vor „ganz unten“

Zudem ist fraglich, ob die Autorinnen ihre Figuren mit einer vollständigen weiblichen Anatomie ausstatten, inklusive einer Klitoris, die tatsächlich so „funktioniert“, wie es eine Klitoris eben tut. Sei es die sanfte Berührung eines Fingers, der Kontakt mit einer Eichel oder das Gefühl, einen Penis „eingeführt“ zu bekommen - das alles kann zur sexuellen Erfüllung gehören. Wenn dies alles nicht stattfindet, dann wird ein „Liebes-Zombie“ ohne Unterleib geschildert – und zu einer Person gehört nun mal der Körper.

Soweit ich die Romane der etwas sinnlicheren Art gelesen oder angelesen habe, werden die Details der sinnlichen körperlichen Berührung weitgehend ausgespart. Die weibliche Figur darf einfach nicht sagen, wie es ist, „gevögelt zu werden“, wie immer sie dies auch ausdrücken will. Ich hatte vor einigen Tagen gelesen, Autorinnen Frauen sollten doch bitte auf „eigene Erlebnisse“ zurückgreifen. Und indem ich dies las, kamen mir zwei Gedanken: Entweder war da nicht viel mit „eigenen Erlebnissen“ oder aber dir Autorinnen schämen sich, in die Tiefen der eigenen sinnlichen Empfindungen abzutauchen.

Der Mann – ein Wesen mit Penis und Hoden dran

Was ist mit männlichen Protagonisten? Es gibt kaum Männer, die Liebesromane schreiben, und deshalb werden auch die männlichen Gefühle von Frauen geschildert. Doch wie liebt der Mann wirklich? Während der Phase der ersten Verliebtheit tut er es der Frau gleich: Er fällt in eine Art Trance, in der sein Gehirn lahmgelegt wird, und in dem seine Triebe (aha, nun kommt der Penis ins Spiel) körperliche Realität werden. Dann nimmt der Mann, was seine Geliebte ihm schenkt … was sonst? Und wenn sie sich ihm verweigert, dann hilft ihm später die eigene Hand, gepaart vom Gedanken an sie.

Das ist Realität – alles andere ist ein schöner, rosaroter Unsinn.

Und selbst, wenn unsere Liebesroman-Autorinnen schon einmal bis hierher gedacht haben: Da wäre immer noch die männliche Anatomie, die sich nicht nur in Penis und Hodensäcken manifestiert und sich auch nicht ausschließlich mit dem „finalen Schuss“ der Sperma-Kanone beschreiben lässt.

Ja – es ist harte Arbeit, einen erotischen Liebesroman zu schreiben. Frauen und Männer tun es, und sie sind dabei entsetzlich oberflächlich, auch dann, wenn sich ihre Produktion absetzen lässt wie warme Semmeln.

Die Verliebtheit oder Geilheit als Stilmittel benutzen?

Womit man dies alles verbessern könnte? Im Grunde wäre ich froh, wenn sich die Autorinnen und Autoren erinnern würden, dass die Verliebtheit eine Art „geistige Umnachtung“ darstellt, hervorgerufen von körpereigenen Drogen. Wer es wagt, nennt so etwas „einfach bedingungslos geil sein“. Und selbstverständlich sollte jede Autorin (und jeder Autor) wissen, dass die ganze Prozedur dazu dient, Hemmnisse abzubauen um - den Geschlechtsverkehr auszuüben, und zwar ekstatisch und völlig ungehemmt. Und wenn das so ist – warum wagen es dann nur wenige Autorinnen und Autoren, die Lust genau so zu beschreiben?

Wie sich der süße Schmerz wirklich anfühlt

Was du siehst, ist nicht, was du denkst ... oder doch?
Schmerz ist eine Empfindung, so wie auch Lust eine Empfindung ist, doch während es viele Menschen gibt, die uns die Freuden und Laster der Lust zu erklären versuchen, gibt es wenige, die das Gleiche für den Schmerz versuchen würden.

Zu beobachten, wie der Schmerz entsteht und wie er zunimmt, welche Bahnen er sich bricht und wie er abnimmt, ist kaum gefragt. Was dabei in der Psyche tatsächlich geschieht, ist völlig unklar und bleibt deshalb das Geheimnis jeder Schmerzliebhaberin und jedes Schmerzliebhabers. Beschrieben wird – auch in der erotischen Literatur – fast immer nur das, was äußerlich stattfindet, wobei Peitschen und Rohrstöcken eine viel zu große Rolle zufällt.

Die verwirrend schönen Gefühle, die sorgsamen Arrangements, die Erlösung und die Geilheit finden nur selten die Beachtung, die sie verdienen. Noch weniger wird aber die Intimität beschrieben, oder der Genuss, den Schläge auslösen können, oder das „himmlische Gefühl“, das die Partner verzückt. Ich will hier nur kurz sagen, wie beschämend es für einen Erwachsenen ist, sich vor einer Person des anderen Geschlechts zu entblößen, zumal, wenn dazu eine besondere Prozedur erwünscht ist.

Wer in die Welt der lustvollen Schläge eindringen will, muss sich in die Psyche der Personen versetzen, die „oben“ und „unten“ beteiligt sind. Es ist nicht der Hieb, der schmerzend den wonnevollen Po trifft – es sind die Wellen, die sich pfeilschnell in den Nerverbahnen ausbreiten. Und es ist das Gehirn, das daraus schmerzvolle Lust und lustvolle Schmerzen gewinnt. Wer es so sieht, muss nicht schreiben, dass die Heldin „Aua, das tat aber weh“ sagte, als die Peitsche den milchig-weißen Po traf.

Erotisch schreiben – und dabei geil werden oder nicht?

Eigentlich sind sich alle Autorinnen einig: Wenn du geil bist, schreibst du besser, und je geiler du wirst, umso intensiver spürt das auch deine Leserin. Die bloggende Erotik-Autorin Isabelle Lauren schreibt:

Um Erotik zu schreiben, muss ich geil werden, während ich sie schreibe. Sonst ist es Müll, jedenfalls nach meiner Meinung. Bestenfalls langweilig schlimmstenfalls peinlich.


Das meinen auch die Lehrmeisterinnen. Elisabeth Benedict (1)lehrt:

Es ist –wirklich! – in Ordnung, wenn Sie beim Schreiben erregt werden.


Am besten ist, du lässt dien Figur einfach los – sie muss so erregt sein, wie du nie wirst, und so geil, dass deine Leserinnen unruhig auf ihren ICE-Sitzen herumrutschen, wenn sie dein Buch auf dem E-Reader lesen. Natürlich nicht durchgehend, aber immer dann, wenn du einen erotischen Höhepunkt beschreibst.

Ich habe dazu noch einen Tipp: Vergiss die Rechtschreibung und jede literarische Überlegung, während du den ersten Entwurf schreibst. Bring alles erst später in eine sinnliche Form, die deinen eigenen Ansprüchen an Stil und Wortwahl gerecht wird. Du wirst schnell herausfinden, wie intensiv deine Geschichten plötzlich werden. Und du darfst ruhig annehmen: Was dich geil macht, reizt auch ein paar Tausend andere Frauen.

(1) Erotik schreiben - wie Sex-Szenen literarisch gestalten, New York 2002.

Pegging ist eine mentale Frage

Nicht die Nacktheit ist wichtig, nicht die Technik - sondern allein das Gefühl
Pegging (1) ist ein beliebtes Thema – und die Frage ist nicht nur: Wie kann ein Mann erreichen, dass die Frau ihn mithilfe eines Analdildos penetriert. Die Frage kann auch sein, warum sie es will – und natürlich, wie sich beide zuvor, währenddessen und hernach fühlen.

Was Sie tun können: Schildern Sie die Machtgelüste, die sich in der Frau aufbauen, ihren Stolz, endlich einmal der aktive Teil in der Penetration zu sein, und sich nicht allzu viel um „seine Gefühle“ zu scheren. So, wie es die meisten Männer tun, wenn sie Frauen penetrieren. Wenn Sie für Frauen schreiben: Sorgen sie dafür, dass in Ihren Worten „rüberkommt“, wie toll das Gefühl der Macht ist, und wie es sich „anfühlt“ jemanden völlig zu beherrschen. Selbstverständlich muss der Mann all dem zustimmen, beispielsweise, weil er sich ein lustvolles Erlebnis davon verspricht.

Interessant ist auch, die Gefühle zu schildern, wenn alles vorbei ist. Aus der Sicht des Mannes: Er hat soeben etwas erlebt, das im vorher ausgesprochen entehrend erschien, und er entwickelte dabei heftige Gefühle aller Art, die er erst einmal verarbeiten muss. War er eben noch „befüllt“ und mit seiner Geilheit beschäftigt, so fühlt er sich nun leer, und er schämt sich vielleicht, weil es ihm so viel Freude gemacht hat.

Die meisten Männer glauben, sie könnten Frauen auf die eine oder andere Art beherrschten, und sich Lust und Sex erschleichen. Wenn Sie beherrscht werden, oder Frauen ihre Lüste oder Bedürfnisse mit ihrer Hilfe befriedigen, werden Männer verwirrt.

Allein diese Frage erlaubt Ihnen, das Thema seitenlang aus der reinen Perspektive von Wünschen, Gefühlen und Nachgedachten über die eigene Rolle auszubreiten.

Sie werden feststellen, dass der „aktive sexuelle Teil“ keine allzu große Rolle spielt – viel wichtiger sind Vorbereitungen, Überraschungseffekte und Nachgedanken. Egal, ob Sie eine Frau oder ein Mann sind - schreiben Sie über das, was sie empfinden würden, wenn Sie eine der Figuren wären. Denn das wissen Sie wahrscheinlich. Und legen sie jede Faser ihrer Fantasie frei, um die Geschichte eindringlich wirken zu lassen.

(1) Pegging: Penetration des Mannes durch eine Frau mit Hilfe eines geeigneten Instruments.