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Gewalt, Sex und Schriftsteller(innen)

Gewalt ist ein Reizwort. Schon wer es zwischen seinen Lippen hervorbringt, wird verdächtigt, etwas mit dem Wort zu beabsichtigen. Doch gemach – Gewalt auszuüben bedeutet, einen anderen Menschen nicht mehr in einer Weise schalten und walten zu lassen, die er selbst bestimmen kann. Legen Sie zwei Menschen zusammen ins Bett, die miteinander Lüste austauschen wollen. – und sie werden sehen, dass einer von beiden das freie „Schalten und Walten“ des anderen für eine kurze Zeit außer Kraft setzt. Man nennt dieses Verhalten "Hingabe". Niemand kann walten, wie er will und sich zugleich dem anderen hingeben.

Wer immer über Penetration geschrieben hat, sei es zum ersten Mal oder zum oder zum hundertsten Mal, hat über Gewalt geschrieben. Er sagt es nur nicht, weil es ungehörig ist und weil es bösartige Menschen auf den Plan rufen könnte.

Verteufelt wegen unnötiger Nötigungsszenen

Wer dennoch darüber schreibt, läuft Gefahr, verteufelt zu werden. Nicht von jedem und von jeder, aber von einigen. Die SM-beeinflusste Deflorationsszene der „Shades of Grey“ war so ein Beispiel. Die einen sagten, es sei eine heftig-romantische Liebesgeschichte, die anderen meinten, es handele sich dabei um psychische, häusliche und sexuelle Gewalt, Nötigung und Körperverletzung. Die Aufregung darüber ist verflogen, aber das heißt nicht, dass sie morgen nicht wieder aufflammen könnte.

Was passiert eigentlich, wenn jemand das "Walten" aufgibt?

Gehen wir einmal die Skala von „ganz gewöhnlich“ über „etwas heftiger“ bis zu „extrem“ durch, so kann derjenige Teil, der das Opfer darstellt, immer weniger beeinflussen, was geschieht. Seine einzige Chance, die Szenerie zu verlassen, besteht in der „offiziellen“ BDSM-Szene im Abbruch. Bei privaten Spielen kann man sich dagegen nie so sicher sein, wann und wie abgebrochen werden kann, zumal, wenn nichts Genaues vereinbart wurde. Das heißt, dass der Opfer-Darsteller zwar theoretisch die Szene beherrscht, weil es ja sein Wunsch war, sich zu unterwerfen, dass er sich aber praktisch in die Gewalt eines anderen begibt, der die Spielregeln einhalten oder aber auch verletzen kann.

Nun haben wir es: Der oder die Geliebte gibt die Gewalt über seinen Körper für einige Zeit, möglicherweise auch ohne Zeitgrenze oder bis zum Erklingen des Sicherheitswortes ab. Dazwischen liegen die kalten oder heißen Gefühlsmomente, die meist als Wechselbäder dargestellt werden.

Farbig geschilderte, ergibt sich ein heftiges emotionales Bild

Was hier so nüchtern geschildert wird, liest sich in den erotischen Romanen, in denen es vorkommt, natürlich deutlich sensationeller. Der Leser will ja nicht einen Katalog der Möglichkeiten, sondern eine Schilderung der aktuellen Situationen, sodass es ihm möglichst selbst heiß und kalt den Rücken herunterläuft.

Lösungen für Szenen, in denen "gewaltige" Gefühle ausgelöst werden

Wie kann man nun die Sprache oder die Situationen so anpassen, dass die Gewalt zurückgedrängt, die Situation aber plastischer dargestellt wird?

Es ist einfach. Statt die Ereignisse zu schildern, geht man auf die Gefühlsebene über. Nun werden plötzlich Gedanken aller Art, Empfindungen unterschiedlicher Intensität und emotionale Reflexionen vorausgegangener Ereignisse erkennbar, und alles andere tritt in den Hintergrund. Schildern Sie die Gefühle unmittelbar und so glaubwürdig wie möglich. Doch vergessen Sie auch nicht, dass die Gedanken bei langen Szenen zu wandern beginnen. Plötzlich werden Gänge in dunkle Gewölbe, Keller, Waschküchen und Höhlen wieder hervorgerufen, vielleicht auch das Eingesperrtsein und die Schläge, die ihre Heldin früher einmal empfangen hat. Selbst beim ganz gewöhnlichen, einvernehmlichen und deshalb völlig vanillearomatischen Geschlechtsverkehr kann es passieren, dass die Gefühle nicht mit der sexuellen Betätigung synchron gehen. Der Partner oder die Partnerin entschwindet im Hirn, und an seine oder ihre Stelle tritt ein kräftigerer, besser bestückter Partner oder eine verruchte Hure.

Das Gefährlichste: Frau und Mann im Klischees

Etwas sei noch am Schluss gesagt: Klischees sind am Gefährlichsten. Wenn der starke, mächtige und gewaltbereite Mann auf die schüchterne und unsichere Frau trifft, die alles „mit sich machen“ lässt, müssen Sie ihre männliche Figur später physisch oder psychisch verletzen, um die Gemüter zu kühlen. Ist die Frau jedoch stark und herrisch, der Mann hingegen weich und unterwürfig, wird die Gewalt der Frau automatisch neutralisiert. Ähnlich neutral sehen Leserinnen und Leser auch die Nötigungen und ähnliche Regelverletzungen, die von einer Frau an einer anderen Frau vorgenommen werden.

Männer - Erotik zwischen knallhart und eiweich

Männliche Klischees in der Erotik: Dominant, herrisch, frauenverachtend

Wenn Männer mutig sind, sagt man wohl: Die haben Eier. Möglichst harte Eier, die Papageien nicht fressen. Fehlen ihnen die harten Eier, so sind sie Weicheier. Auch die Erotik, der sich Männer zuwenden, liegt zwischen knallhart und eiweich.

Wer die männliche Erotik verstehen will, sollte wissen, dass sich die Männer mit erotischen Fantasien ganz grob in drei Gruppen teilen lassen:

- Solche, die Frauen lieben, aber selten die Gelegenheit bekommen.
- Solche, die Frauen einfach als „vorhanden“ ansehen.
- Solche, die Frauen als Objekte zur Lusterfüllung betrachten.

Für welche dieser Gruppen wird Erotik produziert? In erster Linie wohl für die Männer, die Frauen im Prinzip lieben, die aber nicht so geliebt werden, wie sie es sich wünschen. Sie trauen sich auch nicht, von „anständigen“ Frauen mehr zu fordern. Wirkliche Lust erleben sie nur bei Huren und was ihnen gleichkommt – oder eben in der Fantasie.

Dann – selbstverständlich – für solche Männer, die Frauen als „Objekte der Begierde ansehen. Da es „sozial inkorrekt“ ist, etwas „Frauenverachtendes“ zu sagen, ist die harte Art der Erotik das, auf was sie abfahren. Dabei ist ihre Realität kaum anders als bei den Männern, die Frauen lieben.

Kaum an Erotik interessiert ist die Gruppe, die bekommt, was sie will und die jederzeit Frauen findet, die Vergnügen am Sex haben.

Was sagt uns das nun?

Männer und in Liebesromane „eingebettete“ Erotik

Vor alle, dass die meisten Männer nicht daran interessiert sind, „gewöhnliche Liebesgeschichten“ zu lesen. Wie sie unschwer feststellen können, ist „Liebesromantik“ für die meisten Männer kein Thema, und das auch dann nicht, wenn sie gelegentlich romantischen Ideen folgen. Aus genau diesem Grund ist es sinnlos, für Männer erotische Romane zu schreiben, in denen die Romanze im Mittelpunkt steht.

Weiche und harte Männererotik

Weiche Sinnlichkeit: Feminisierter Mann
Ja, aber was dann? Die „weichen“ Männer, die Frauen lieben, sehen sich mehrheitlich danach, die Lust intensiver zu erleben, häufiger „in einer Frau zu kommen“, sinnlich verführt zu werden und – nicht zuletzt – von lustvollen Mündern verwöhnt zu werden. In einem Satz: Sie erwarten von erotischem Schrifttum, dass die Frau lustvoll und begeistert Wünsche erfüllt.

Die „harten“ Männer, die sich Ihre Lust erfüllen lassen wollen, gieren hingegen nach „hartem Sex“, wollen Frauen mit allen Mitteln verführen, wünschen sich aktiven Analverkehr mit Frauen und sind bereit, Abenteuer einzugehen und „gewagte“ Rollenspiele anzuregen und durchzuführen. Mit einem Satz: Sie erwarten, dass sich die Frau widerspruchslos den männlichen Lüsten fügt.

Im Allgemeinen sagt man, dass Männer dabei nicht besonders wählerisch wären und ziemlich einseitig immer wieder die gleichen Handlungsabläufe sehen und lesen wollten.

Ist dies der Fall?

Männerfantasien sind nicht das, was Vorurteile aussagen

Kaum. Lediglich beim lustvollen Saugen sind die Männer auf der gleichen Seite wie die Vorurteile über sie, denn nahezu 88 Prozent der Männer fanatisieren über das, was in den Edel-Aufklärungswerken als „Fellatio“ bezeichnet wird und im Huremilieu als „einen Blasen“ genannt wird. Auf den nächsten Rängen aber werden durchaus literaturfähige Fantasien genannt. Dazu gehören etwa „Dreier“, Sex mit geheimnisvollen oder unbekannten Frauen oder gefahrvolle Begegnungen. Über die 50-Prozent-Hürde in den männlichen Wunschvorstellungen kommen immerhin 25 unterschiedlichste Fantasien, unter anderem auch die, zu dominieren oder dominiert zu werden.

Was ist mit den „heftigen“ Fantasien beim Mann?

Zunächst einmal: Es ist ein Irrtum, anzunehmen, Männer würden wesentlich mehr „Perversionen“ nachhängen als Frauen. Sexuelle „Abweichungen“ im Sinne des konservativen bürgerlichen (1) Selbstverständnisses sind bei Frauen und Männer zwar nicht gleich, aber immerhin ähnlich verteilt. So hängen wesentlich mehr Frauen als Männer bi- und homosexuellen Fantasien nach, während sexuelle Unterwerfungs- und Herrschaftswünsche sich zwischen Frau und Mann nahezu ausgleichen. Lediglich beim Thema „jemanden aktiv zu peitschen“ trauen sich Frauen nicht so recht an die Fantasie heran.

Was könnte dies für Sie als Autor(in) bedeuten?

Wenn Sie für Männer schreiben, sollten Sie alle feministischen, sozial korrekten oder andere moralisierenden oder ideologisierenden Aspekte der Sexualität außer Acht lassen. Lustvolle Männer suchen in der erotischen Literatur die Erfüllung ihrer Lüste. Selbstverständlich dürfen diese nicht „separat“ stehen, oder wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht werden: Eine spannende, erregende Story muss schon dahinterstehen. Nur eben keine Romanze.

Betont „harte Männer“ sind – entgegen allen Annahmen – nicht von „knallharten Fantasien“ getrieben, die Macht und Gewalt beinhalten. Eine Frau zu dominieren, ist das „Härteste“, was sie sich mehrheitlich in ihrer Fantasie vorstellen können, während körperliche Gewalt in der Skala der Fantasien weit unter die Zweidrittelmarke fällt.

(1) gemeint das "bügerliche" Selbstverständnis des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, nach dem alles "pervers" war, was nicht zur Zeugung führte.
Hinweis: Die Zahlen liegen dem Autor vor. Sie sind das Ergebnis einer der wenigen seriösen Studien zum Thema.
Illustrationen, historisch, koloriert, oben Topfer zugeschrieben, unten unbekannt