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Er war gutaussehend, sie spürte Begehren

Fällt Ihnen etwas auf? Nein, nicht das „gut aussehend“, das wäre schnell korrigiert. Aber als ich weiterlas, kam noch der Satz „Sie war in vorfreudiger Stimmung“. Nun ja, und später „spürte sie ein gewisses Begehren“.

Sagen wir’s mal kurz und knapp:

„Gut aussehend“ wird gelegentlich als plakative Selbstbeschreibung genutzt, sagt aber nichts darüber aus, wie jemand aussieht, geschweige denn, wie er auf die Heldin wirkt.

„In vorfreudiger Stimmung“ geht gar nicht, nicht weil eine Stimmung beschrieben werden muss – sie kann nicht „vorfreudig“ sein. Sie freute sich auf die Begegnung, den Termin, die Präsentation. Wenn Freude vor dem Ereignis eintritt, auf das sie sich bezieht, ist sie automatisch „Vorfreude“, und man muss nicht besonders erwähnen, dass „Freude“ eine Stimmung ist.

Am Ende „verspürte sie ein gewisses Begehren“ – und das gibt mir Gelegenheit Ihnen erneut ans Herz zu legen, mit dem Wort „spüren“ höchst vorsichtig umzugehen, zumal, wenn es sich um ein „Begehren“ handelt. Die Unsitte „Ich spüre“ … verbunden mit einem Substantiv (ich spürte Schmerz, Glück, Freude, Angst)“ ist eine erbärmliche sprachliche Krücke, die ein Schriftsteller niemals verwenden sollte.

Ein guter Lektor hätte solche Probleme natürlich entdeckt.