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Der Liebesroman, die Verliebtheit und die Leidenschaft

Die Anatomie beforschen ...
Der Liebesroman hat so viel mit der Liebe zu tun wie ein Science-Fiction Roman mit der Raumfahrt. Denn Liebesromane handeln überwiegend nicht von der Liebe, sondern von einem Zustand, den wir für Liebe halten: Verliebtheit. Diese wird dabei sorgfältig entschärft, äußerlich verniedlicht und vor allem emotional weißgewaschen.

Biologie? Ach, die gibt es auch bei Menschen?

Man darf nicht erwarten, dass unsere Liebesroman-Autorinnen biologische Grundkenntnisse haben – sie sind wahrscheinlich eher hinderlich. Hätten sie solche, so wüssten sie, wie Verliebtheit funktioniert und warum sich die Illusion der „schwebenden Verliebtheit“ nicht auf ewig und immer ausdehnen lässt. Und falls es jemandem tatsächlich so gehen sollte, wer der Gang zum Arzt zu empfehlen.

Wenn Liebe zu einem unbestimmten, rauschhaften Gefühl hochstilisiert wird, sollten wir uns nicht wundern, warum Autorinnen sich weigern, der Verliebtheit ganz reale, heftige Lüste folgen zu lassen. Man müsste vom Liebesmärchen zur lustvollen Realität übergehen, und die Realität – nun ja, sie ist eben so schrecklich real.

Anatomie – pfui vor „ganz unten“

Zudem ist fraglich, ob die Autorinnen ihre Figuren mit einer vollständigen weiblichen Anatomie ausstatten, inklusive einer Klitoris, die tatsächlich so „funktioniert“, wie es eine Klitoris eben tut. Sei es die sanfte Berührung eines Fingers, der Kontakt mit einer Eichel oder das Gefühl, einen Penis „eingeführt“ zu bekommen - das alles kann zur sexuellen Erfüllung gehören. Wenn dies alles nicht stattfindet, dann wird ein „Liebes-Zombie“ ohne Unterleib geschildert – und zu einer Person gehört nun mal der Körper.

Soweit ich die Romane der etwas sinnlicheren Art gelesen oder angelesen habe, werden die Details der sinnlichen körperlichen Berührung weitgehend ausgespart. Die weibliche Figur darf einfach nicht sagen, wie es ist, „gevögelt zu werden“, wie immer sie dies auch ausdrücken will. Ich hatte vor einigen Tagen gelesen, Autorinnen Frauen sollten doch bitte auf „eigene Erlebnisse“ zurückgreifen. Und indem ich dies las, kamen mir zwei Gedanken: Entweder war da nicht viel mit „eigenen Erlebnissen“ oder aber dir Autorinnen schämen sich, in die Tiefen der eigenen sinnlichen Empfindungen abzutauchen.

Der Mann – ein Wesen mit Penis und Hoden dran

Was ist mit männlichen Protagonisten? Es gibt kaum Männer, die Liebesromane schreiben, und deshalb werden auch die männlichen Gefühle von Frauen geschildert. Doch wie liebt der Mann wirklich? Während der Phase der ersten Verliebtheit tut er es der Frau gleich: Er fällt in eine Art Trance, in der sein Gehirn lahmgelegt wird, und in dem seine Triebe (aha, nun kommt der Penis ins Spiel) körperliche Realität werden. Dann nimmt der Mann, was seine Geliebte ihm schenkt … was sonst? Und wenn sie sich ihm verweigert, dann hilft ihm später die eigene Hand, gepaart vom Gedanken an sie.

Das ist Realität – alles andere ist ein schöner, rosaroter Unsinn.

Und selbst, wenn unsere Liebesroman-Autorinnen schon einmal bis hierher gedacht haben: Da wäre immer noch die männliche Anatomie, die sich nicht nur in Penis und Hodensäcken manifestiert und sich auch nicht ausschließlich mit dem „finalen Schuss“ der Sperma-Kanone beschreiben lässt.

Ja – es ist harte Arbeit, einen erotischen Liebesroman zu schreiben. Frauen und Männer tun es, und sie sind dabei entsetzlich oberflächlich, auch dann, wenn sich ihre Produktion absetzen lässt wie warme Semmeln.

Die Verliebtheit oder Geilheit als Stilmittel benutzen?

Womit man dies alles verbessern könnte? Im Grunde wäre ich froh, wenn sich die Autorinnen und Autoren erinnern würden, dass die Verliebtheit eine Art „geistige Umnachtung“ darstellt, hervorgerufen von körpereigenen Drogen. Wer es wagt, nennt so etwas „einfach bedingungslos geil sein“. Und selbstverständlich sollte jede Autorin (und jeder Autor) wissen, dass die ganze Prozedur dazu dient, Hemmnisse abzubauen um - den Geschlechtsverkehr auszuüben, und zwar ekstatisch und völlig ungehemmt. Und wenn das so ist – warum wagen es dann nur wenige Autorinnen und Autoren, die Lust genau so zu beschreiben?

Zwei erotische Anregungen – Schreiben über unerwartete Lust

Abweisen ist auch keine Lösung - oder doch?
Wie könnte sich eine Freundschaft zwischen einem betagten Herrn und einer sehr viel jüngeren Frau in eine sinnliche Liebesgeschichte verwandeln? Normalerweise würden wir sagen: Indem beide im Grund wünschen, sich erotisch zu nähern, indem sich die Gelegenheit dazu ergibt und indem sie nicht zögern, die Lust auch zu vollziehen.

Die Realität ist oft skurriler als die Fantasie. Dieser Auszug aus dem bereits einmal zitierten Tagebuch von „Monsieur Mathiot“ (leicht gekürzt) mag es beweisen:

(Ein Telefonanruf)

„Sie haben mir … gesagt, dass der Altersunterschied zwischen uns jede Zweideutigkeit unserer Freundschaft ausschließe. Wissen sie, ich hätte gern etwas für Sie bedeutet.“ (… ein Einwand …, dann) …Ich hätte Sie gerne glücklich gemacht, ich bin bereit, viel für Sie zu tun. Einen Mann wie Sie lernt man nicht oft kennen.“


Wenn Freundschaft sich in Lust wandelt

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Obgleich es sich hier um einen Sonderfall mit einem sehr großen Altersunterschied handelt, beschäftigt das Thema an sich viele Menschen im Alltag. Da ist eine gute Freundin, ein guter Freund, manchmal auch nur ein Arbeitskollege, dann wieder ein Jugendfreund. Und plötzlich greift Sie (das ist sehr wichtig) zum Telefon und sagt etwas verbrämt, aber deutlich erkennbar: „Ich möchte dich nicht nur als Freund, ich will dein sinnliches Glück, und ich schenke es dir.“

Wer ein bisschen psychologische und bilogische Kenntnisse hat, der kann sich die Situationen sicher leicht erklären: Da fällt ein Dominostein des Bedenkens, und er reißt andere mit. Denn Sex geht (auch für Frauen) eigentlich immer, sobald sich jemand genügend hineinsteigert. Und sobald die berühmten „Botenstoffe“ durch das Gehirn entsperrt wurden, läuft der Rest fast automatisch.

Und genau das ist der Grund, warum oft ein kleiner Anstoß reicht, um eine große Begierde auszulösen – und aus der großen Begierde wir dann die „Amour fou“.

Wenn eine Frau auf feuchte Art unerhofft „Danke“ sagt

Auf einem ganz anderen Blatt steht ein Thema, das im Zeichen der „sozialen Korrektheit“ fast ausgestorben ist: Das feuchte „Danke schön“ für eine Nettigkeit oder einen Dienst, der mit der Liebe nun so gar nichts zu tun hatte. Meist berührt eine solche Handlung den Empfänger mehr als die Schenkerin, was vor allem daran liegt, dass die Schenkerin dergleichen häufiger vollzieht, während der Beschenkte davon verzückt ist.

Auch dieses Thema kann sehr interessant und überaus sinnlich ausgebaut werden.

Titelbild: Teil einer historischen Buchillustration.