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Sinnlich Schreiben – ein besonderer Beitrag für Frauen

Das erotische Leben hinter dem Spiegel
Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein Geringes … jedenfalls (ist) das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht (eine) abnorme Erscheinung.

Richard Freiherr von Krafft-Ebing(1) (1912)

Warum wird der Großteil erotischer Erfolgsromane von Frauen für Frauen geschrieben? Weil Frauen die Lust aus den Wörtern saugen, sich dabei an die Stelle der Heldin setzen und weil sie versuchen, all das nachzuempfinden, was sie durchlebt, von der aufsteigenden Geilheit bis zum Orgasmus. Oh, du zweifelst?

Dazu musst du eines wissen: „Der Verstand der Frauen leugnet die Vagina“ (2). Das ist kein Macho-Spruch, sondern ein zuverlässiges Forschungsergebnis. Dazu wurden Frauen verschiedene Szenen gezeigt, in denen Menschen Geschlechtsverkehr hatten: Heterosexuelle wie Homosexuelle. Die Frauen hatten die Möglichkeit, ihre Erregung selbst einzuschätzen, sie wurde aber parallel durch einen Pletyhsmographen aufgezeichnet, mit dessen Hilfe man die körperliche sexuelle Erregung maß. Die Genitalien verrieten dabei, dass die tatsächliche sexuelle Erregung ungleich höher war als die Selbsteinschätzung.

Im 21. Jahrhundert innerlich mit den Maßstäben des 19. Jahrhunderts leben?

Man hat seither viel darüber diskutiert, warum dies so sein könnte. Ganz allgemein kam man später zu dem Schluss, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht „gestattet wird“, sexuelle Wesen zu sein – so wie vor über 130 Jahren (1). Sie müssten daher immer behaupten, nicht „geil zu werden“, auf Kaffeetafel-Deutsch vornehm „nicht sexuell erregt zu werden“.

Die "andere Realität", in der alles möglich wird

Nehmen wir an, diese Frau würde ein Buch lesen. Offenbar ist es der Figur im Buch gestattet, bei einer Begegnung „feucht zu werden“, dabei nervös auf dem Jugendstil-Sessel im Kaffeehaus hin- und herzurutschen und dabei zu hoffen, dass die Feuchtigkeit nicht bis zum Bezug des Polsters durchschlägt. Möglicherweise nimmt sich die Frau im Buch noch viel mehr heraus … und all dies rauscht durch das Hirn deiner Leserin, die nach und nach in die Figur hineinkriecht. Der Verstand? Hat sie zuvor jemals gefragt, ob ein Liebesroman „logisch schlüssig“ ist? Warum also sollte sie sich nun fragen, ob die folgende aktive oder passive Verführung jetzt realistisch, logisch oder lebensnah ist?

Der Verstand hier, die Gefühle dort

Der Verstand, die reine Logik erfasst keine Gefühle. Wer die Geschlechtsteile und ihre Funktionen akademisch korrekt zu benennen weiß und sie dann im Zusammenwirken erläutert, kann genauso gut beschreiben, wie ein Schuko-Stecker in die Schuko-Steckdose kommt. So ähnlich wie beim Sexualkundeunterricht.

Der Trick, den Autorinnen (und manche Autoren) mit dem erotischen Roman verfahren, ist ganz einfach: Die Situation wird von der Realität entbunden, wie es auch im Liebesroman geschieht. Dann wird eine neue, märchenhafte Pseudo-Realität unter völlig anderen Gesichtspunkten aufgebaut. Die Figur, gleich ob Femme fatale oder Mauerblümchen, wandelt in einem Märchenland der Gefühle, in dem alles erlaubt und nichts unmöglich ist.

Das heißt nun nicht, dass unser gesamtes Geschehen auf „Wolke Sieben“ abläuft, denn nun kommt der zweite Trick: In der veränderten, märchenhaften Umgebung wird eine neue, durchaus detaillierte Realität aufgebaut, die sich nicht mehr am „Erlaubten“, sondern am „Möglichen“ orientiert. Dieses „Mögliche“, so unwahrscheinlich es auch sein mag, kann dann realistisch (und äußert frivol) geschildert werden, denn wir sind längst in einem Land „hinter den Spiegeln“, in dem die „echte Realität“ nicht mehr zählt. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel ist die „Geschichte der O“, ein Roman, in dem die einzelnen Szenen äußert detailgetreu geschildert werden, während sie als märchenhaft empfunden werden.

(1) Der gute alte Richard Freiherr von Krafft-Ebing, seines Zeichens Nervenarzt und damals als äußert kompetent angesehen, schrieb und veröffentlichte diese Zeilen gegen 1886. Sein Buch „Psychopathia Sexualis“ erschien in mindestens 17 Auflagen – zitiert wurde aus der 14. Auflage von 1912.
(2) Bergner: Die Versteckte Lust der Frauen, New York 2013
Bild nach einer anonymen Zeichnung, kleiner Ausschnitt.

Wie entsteht eigentlich Erotik?

Die Umgebung, das Fühlen und das Schreiben ...
Nehmen wir mal an, du bist eine Software-Instruktorin, und du trägst Bluse, Blazer und einen passenden halblangen Rock, wenn du unterrichtest. Natürlich bist du selbstbewusst, freundlich, zuvorkommend und ansprechbar.

Nun stell dir vor, du begegnest am Abend deinem Lover – völlig nackt, aber ansonsten so, wie du auch am Morgen deine Schüler(innen) unterrichtet hast – selbstbewusst, freundlich, zuvorkommend und ansprechbar.

Was ist der Unterschied? Du bist die gleiche Person. Weder ist der Blitz in deinen Körper gefahren noch hat der Teufel von deinem Hirn Besitz ergriffen.

Sehen wir die Sache mal umgekehrt: Stell dir vor, du würdest demnächst nackt vor deinen Schülerinnen und Schülern stehen. An was würdest du zuerst denken?

Der Unterschied liegt darin, was du empfindest

Wahrscheinlich, dass es befremdlich, despektierlich, absurd oder erschreckend wäre. Wenn du dem Gedanken noch ein wenig nachhängst, zum Beispiel, weil du so etwas tatsächlich nachts geträumt hast, dann wirst du die Gefühle nachempfinden. Die Blicke, die auf die ruhten, der Windzug, der im Schulungsraum stets vorhanden ist, der nun aber deine Brüste trifft. Die Panik, die Scham … und du weißt nun, dass es deine Gefühle und Befürchtungen wären, die den Unterschied verursachen würden.

Genauso so ist es in erotischen, frivolen oder gar harten sexuellen Geschichten, die viele als „Pornografie“ bezeichnen. Die Person bleibt, was sie ist, aber die Umstände, unter denen wir sie beschreiben, ändern sich. Nicht nur die Orte, die Umstände und die Bekleidung ändert sich, vor allem ändern sich die Empfindungen der Person, die nun die Handlung durchlebt.

Der Mann und die Furcht vor dem Unbekannten

Ich habe ein anderes Beispiel aus der Männerwelt, das dir noch drastischer zeigen mag, wie aus Situationen Gefühle entstehen – und wie sie sich deutlich unterscheiden, obgleich rein sachlich gesehen etwas Ähnliches passiert. Vergleichen wir also eine Realität mit einer häufig geschilderten erotischen Fantasie, die ebenfalls zur Realität werden könnte.

Sachlichkeit, Furcht und Einsicht

Unsere Figur geht zu einem Urologen, um die Prostata-Routineuntersuchung mit einer IGEL-Zusatzleistung durchführen zu lassen. Ein weißer, kühl anzusehender Raum, ein Mann im weißen Kittel, den du bei der Prozedur kaum siehst. Wenige, kurze Dialoge, kühl und mit der nötigen Distanz. Da ist die Furcht vor der Prozedur und die Einsicht, sich ihr dennoch zu unterwerfen. Unerlässlich sind Gleitgel, ein behandschuhter Finger, eine Ultraschallsonde und die Bereitschaft, beides in den Anus aufzunehmen. Das kann Überwindung kosten, und manchmal entsteht ein höchst merkwürdiges Gefühl dabei, das den meisten Männern unangenehm ist. Die sind froh, wenn die Sache endlich beendet ist.

Das ist die ganz und gar unerotische Variante.

Furcht, Neugierde und Lust

Nun nehmen wir mal die hocherotische Variante:

Der Raum kann alles sein: ein speziell eingerichteter Pseudo-Klinkbereich ebenso wie dein Schlafzimmer. Wichtig ist, dass eine aufgeladene erotische Einstimmung vorausgeht – eine angespannte, von Lust und Furcht geprägte Atmosphäre. Nun tritt eine Frau auf – je nach Rolle aus dem medizinischen Beruf oder einfach eine Frau, die deiner Figur nun zeigen will, was aus der Kombination „schöne Frau, Anus und Eindringen“ erwachsen kann. Dann geht es weiter wie schon geschildert: Gleitgel, ein behandschuhter Finger, eine „Sonde“ aus dem Erotik-Shop und die Bereitschaft, beides in den Anus aufzunehmen. Und wie zuvor kann es Überwindung kosten – doch nun geht es um die Gefühle – nicht für einen winzigen Moment, sondern für viele Minuten. Und weil es eine erotische Geschichte werden soll, geht es noch um vieles mehr … Lüste, sexuelle Regungen anderer Art, Befürchtungen, Dialoge, Scham und vielleicht gar Zweifel an der Identität.

Erotische Geschichten analysiert – Gefühle und Dialoge punkten

Wenn du Geschichten dieser Art analysierst, wirst du feststellen: Der Unterschied liegt in erster Linie in den Empfindungen der Figuren, dann erst in ihren Handlungen. Deine „passiv empfindende“ Figur kann ohnehin nichts an den Prozeduren ändern – das Einzige, was der Mann schildern kann, sind seine Empfindungen, vielleicht noch die Dialoge, die im zweiten Fall deutlich drastischer und teils extrem frivol ausfallen können.

Wenn wir uns darüber klar sind, dass Gefühle und Dialoge die erotische Geschichte beherrschen sollten, damit sie „erotisch“ gelesen werden können, ist viel gewonnen. In dem meisten anderen Fällen laufen die Geschichten wir ein „Pornofilm“ vor uns ab. Du das ist wirklich schade, wenn ich an den Aufwand denke, der beim Schreiben betrieben wird.

Bild: Ca. 1950/1960 anonym veröffentlicht

Lasst uns von vielen Dingen reden …

Ob sie bald abheben?
Die Welt der Erotik ist erschreckend einseitig, selbst dann, wenn sie gar nicht einseitig ist. Doch sobald du (wie ich es oft tue) erotische Geschichten analysierst, und sie nicht einfach auf eine Geilheitsskala von eins bis zehn setzt, wirst du dich an deine Grundschulzeit erinnern.

Du hast Sätze aneinandergereiht, hast häufig den Satzbeginn „und dann“ oder eine Variante dessen benutzt, und am Ende las sich alles wie eine Aufzählung von Ereignissen, die recht belanglos klangen.

Und dann ... wurde alles ein bisschen frivoler ... und dann ...

Du kannst im gleichen Stil erotische Geschichten schreiben. Was er getan hat, wie er es getan hat, wann sein Sperma floss und wohin … und dann schreibst du, was in der nächsten Nacht geschah, oder wann er von der vorderen Lustöffnung auf die hintere wechselte. Und jedes Mal wird die Sache ein bisschen frivoler. Und dann ... ja, das war es dann. Falls deine Geschichte zu mehr als zwei Dritteln von Sex und von kaum etwas anderem handelt, bist du gezwungen, die Geilheit, den Schmerz oder die Heftigkeit der Orgasmen von Seite zu Seite zu steigern.

Wir müssen von vielen Dingen sprechen ...

Vor einigen Tagen las ich einen Internetbeitrag, es sei nun Zeit, von etwas anderem zu sprechen, und zitierte dabei Lewis Carroll, von dem ich diese Zeilen gerne wiederholen will:

"The time has come," the Walrus said,
"To talk of many things:
Of shoes--and ships--and sealing-wax--
Of cabbages--and kings--
And why the sea is boiling hot--
And whether pigs have wings".


Sollten wir die Schweine beflügeln?

Ja, warum sollten Schweine Flügel haben? Weil sie keine haben, und es wäre deshalb auch höchst unwahrscheinlich, dass Schweine fliegen könnten. Und ich sage dazu mal: Solange du die Schweine nicht beflügelst, bleiben auf dem Boden, lesen aneinandergereihte Sätze und suhlen sich darin.

Die Geschichte vom Walross und dem Zimmermann endet im Übrigen so, dass die Ressourcen (Austern) restlos weggefressen wurden und ein paar Krokodilstränen darüber fielen.

Geht es uns nicht auch so, wenn wir im Internet die zahllosen „erotischen Geschichten“ lesen, die alle Ressourcen ausbeuten, ohne jemals etwas Neues zu produzieren? Abhaken, ein paar Tränen darüber verlieren und zur Tagesordnung übergehen? Ich meine: Nein.

Wenn wir heute über „Erotische Schriften“ oder „erotisches Schreiben“ reden, dann sind wir genau an dem Punkt: „Wir müssen über viele Dinge reden.“

Weg von den Klischees über Frauen und Männer

Zum Beispiel darüber, wie wir unsere Figuren als Frauen und Männer darstellen wollen: Frei und gleich, selbstverantwortlich und mit nahezu beliebigen Eigenschaften, Wünschen und Sehnsüchten ausgestattet, die nicht auf das Geschlecht bezogen sind? Und mit einigen wenigen Eigenschaften, die eben doch geschlechtsspezifisch sind? Und mit vielen Attributen, die einfach als „erotisch“ gewertet werden können, ohne zu fragen: An wen richtet sich denn die Botschaft? Und: Werden wir wagen, Frauen und Männer in unseren Schriften auch dann gleichzubehandeln, wenn wir sie „gleich rücksichtslos“ darstellen wollen?

Ich erfinde derzeit kein Flugschwein

Gut – vielleicht frage ich zu viel. Vielleicht sollte ich zur imaginären Feder greifen und meine Tastatur traktieren. Und vielleicht würde ich dann doch ein paar Schweine erfinden, die vom Boden abheben und sich in die lustvolleren Gefilde der erotischen Fantasien erheben würden.

Vorläufig allerdings hoffe ich darauf, dass es andere tun. Übrigens wären Austern kein schlechter Anfang … schon mancher ist vom herb-salzigen Geschmack der Schalentiere auf den Wunsch nach oralen Lüsten gekommen.

Vielleicht … ja vielleicht wärst du ja diejenige oder derjenige, die/der sich mit der geflügelten Sau so gut auskennt wie mit dem geflügelten Eber. Dann beginne möglichst bald, alles auszuschreiben, was dir dazu einfällt. Und möglichst noch zu etwas anderem.

Und schönen Dank, dass ihr bis hierher gelesen habt.

(1) Laut „The Red Kings Dream“ sollten damit übrigens der Kunsthistoriker John Ruskin und der Essayist Walter Pater karikiert werden.
Foto: © 2018 by Liebesverlag.de

Wenn du eine Story über Dominanz schreiben willst …

Seit Jahren die alte Thematik ... udn doch immer neu
Ich beginne normalerweise nicht mit einem Zitat (1), aber in diesem Fall will ich es tun.

Was diese hoch spezialisierten Treffpunkte eint, von einem dunklen S/M-Verlies bis zum Schönheitssalon für Transvestiten, ist die Vorliebe für das Rollenspiel. Hier wandelt sich die Sex-Branche in ein Theater.


Die sexuelle Abweichung, die Dominanz und das Theater im Kopf

Es ist gut, en Gedanken eines Bühnenstücks oder einer Aufführung im Kopf zu behalten – gleich, über welche Art der sexuellen „Abweichungen“ du schreiben willst. Die Sichtweise hat den Vorteil, dass du dich zurücklehnen und entspannen kannst, wenn auf deiner Bühne ein Mensch Lust und Schmerz im Wechsel oder auch manchmal zugleich durchlebt, während ein anderer dafür sorgt, dass die Show problemlos und konsequent abläuft. Du kannst natürlich auch intensiv mitfühlen. Aber immerhin: Es steht dir frei, die Szene aus jeder beliebigen Perspektive zu beleuchten.

Drei Szenarien, die häufig genannt werden

Generell gibt es drei Szenarien, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

1. Die professionelle Herangehensweise: Die Person „A“ (Klient) bezahlt dafür, dass die Person „B“ (Fachkraft) die Prozeduren nach nach festgelegten Regeln ausführt.
2. Die zufällige Begegnung: Die Person „A“ (naiv, aber offen) lässt sich darauf ein, dass die Person „B“ (Enthusiast) sie nach recht flexiblen Regeln in allerlei „sexuelle Abweichungen“ einführt.
3. Der Wunsch eines Ehepartners, der andere möge sie/ihn im Rollenspiel dominieren.

Es gibt andere Szenarien – sie sind aber entweder deutlich unglaubwürdiger als die genannten, oder sie gleiten in ein Milieu ab, in dem kriminelle Machenschaften die Freiheit einer Person nachhaltig beschneiden. Daran sollte sich nur versuchen, wer ganz bewusst für die einschlägige Szene schreibt und weiß, was dort gefordert wird.

Spektakulär - Lebenshunger trifft auf Verführungskunst

Die spektakulärsten Geschichten entstehen aus der Situation, die ich unter (2) geschildert habe. Dabei tritt eine Person als neugierige, lebenshungrige und recht naive Person auf, während die andere über Erfahrung, Ideenreichtum und Verführungskunst setzt. Üblicherweise wird nach der „Salamitaktik“ verführt, also scheibchenweisen, wobei nach und nach immer „größere Stücke“ von der Salami gefordert und geschenkt werden. Mit anderen Worten: Mit jeder vollzogenen „Perversion“ wird die Rückkehr zur Normalität schwieriger. Das Thema wird sowohl literarisch verbrämt (9 ½ Wochen. SoG, Secretary) behandelt, wie auch pornografisch aufbereitet. Doch im Grunde verbietet es sich, das Thema ausschließlich pornografisch zu behandeln, denn dadurch entstehen zumeist nur die üblichen „Anreihungen anzüglicher Ereignisse“. Eine typische Leserin will aber vom Thema fortgetragen werden und mit deiner Figur – sei sie „oben“ oder „unten“ – mitfühlen oder mitleiden.

Die Recherche ist nicht leicht - aber historsiche Romane geben viel her

Das Schwierigste am Thema ist die Recherche – und dies, obgleich sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestenfalls das Umfeld geändert hat, aber kaum die psychische und physische Raffinesse. Die Hauptkomponenten, also Grenzüberschreitungen, fetischistische Handlungen, Entwürdigungen, Körperstrafen. Geschlechterverwirrungen und daraus folgend gleichgeschlechtliche Lüste sind heute wie gestern die Hauptkomponenten. Die Literatur bietet dafür hinreichend plausible Beispiele.

Herantasten an das Undenkbare

Ihr könnt auch versuchen, wahre Geschichten zu finden, eigene Versuche mit Freundinnen und Freunden zu unternehmen oder euch an die Lüste und Schmerzen durch Beispiele anderer Art herantasten, die nicht-erotischer Natur waren. (Zum Beispiel psychische, soziale und körperliche Grenzerfahrungen).

Nur ein solltet ihr meiden: Videos darüber anzuschauen. Sie geben nicht nur ein falsches Bild, sondern sind fast immer auch „auf das äußerliche“ (Schläge, Tritte, Striemen und schmerzverzerrte Gesichter) ausgerichtet. In Wahrheit beginnt und endet das, was du eigentlich beschreiben willst, im Gehirn, dort, wo die Gefühle zusammenlaufen, sich ineinander verschlingen und wieder aufgelöst werden.


(1) "Red Light", New York, 1996
Bild: Historischer Buchtitel, ca. 1920, vereinfacht

Die Sprache des Fühlens in der Erotik

Für Autorinnen und Autoren sollte die „Sprache des Fühlens“ eigentlich die Sprache der Wahl sein. Doch leider ist sie eine jener Fremdsprachen, die ausgesprochen schwer erlernbar sind. Und während wir an andere Fremdsprachen emotionslos herangehen, ist die „Sprache des erotischen Fühlens“ weitgehend mit Schamnestern durchsetzt, die uns behindern. Ob wir daran etwas ändern können? Ich hörte, dass es möglich sein soll – sogar schon in der Schule. Und es ginge dabei darum, eine „Sprache für den Körper und die Gefühle“ zu entwickeln. Ziel sei dabei, dem jeweiligen Sexualpartner (aber auch anderen gegenüber) die eigenen Wünsche und Grenzen zu vermitteln.

Das zitiere ich mal wörtlich:

Kindern und Jugendlichen – egal welcher sexuellen Orientierung oder Identität – muss eine Sprache für ihren Körper und ihre Gefühle gegeben werden. Wer lernt, offen über seine Sexualität zu reden, kann über Wünsche und Grenzen sprechen.


Die Sprachlosigkeit der Erwachsenen

Kindern und Jugendlichen? Ich denke eher an die Erwachsenen. Im Alltag finden wir eine Dreiteilung, sowohl, was die Ausdrücke für die Körperteile betrifft wie auch, was wir über die Handlungen erfahren können.

Die Unterschicht sagt, was sie denkt - aber sie schreibt nicht

Die erste, öffentlich sprachlose, aber im inneren Kreis recht offene Gruppe finden wir dort, wo sich Friseurin, Wurstverkäuferin und Arbeiterin befinden. Sie wissen, worauf es ankommt, was sie tun oder unterlassen müssen und was sie richtig heißmacht. Über die Gefühle werden nicht viel Worte gemacht, aber jede Frau weiß, was sie geil macht und was sie eklig findet. Fremdwörter werden kaum benutzt, und gelegentlich greift man in die unterste Schublade des erträglichen Vokabulars. Aber – man versteht einander.

Die Oberschicht kennt keine Grenzen - bleibt aber unter sich

Schauen wir nach „ganz oben“, dann findet man zwar ein anderes Vokabular, doch wenn die Akademikerin mal „so richtig notgeil“ ist, nutzt sie auch die „schmutzigen“ Wörter der anderen. Gebildete Frauen und Männer sind allerdings ebenso wenig gewohnt, ihr Gefühlsleben verbal auszudrücken. Kurz: sowohl „oben“ und „unten“ wird nicht lange gefackelt, wenn es um das „Benennen“ von Körperteilen und Emotionen geht – nur die Namensgebung variiert. Und die etwas raffinierteren Lüste, wie etwa SM, treten hier mehr zutage als in der Unterschicht.

Das Schämen und Verweigern der Mittelschicht - ein Dilemma

Ich erzähle euch das alles, weil beide Gruppen nicht zu denen gehören, die sich ihrer Sexualität oder ihrer Handlungen schämen. Das „Schämen“ haben die Frauen (und leider auch viele Männer) der Mittelschicht für sich gepachtet, und sie kultivieren es auf unterschiedliche Arten. Die meisten tun „manchmal etwas“, dessen sie sich ganz offensichtlich schämen, und die Beschämung verschlägt ihnen die Sprache. Es ist nicht einmal das Vokabular, das ihnen fehlen würde, um die Körperöffnungen und Lustpunkte zu beschreiben. Es ist die Verbindung der Körperfunktionen, der Gefühle, die sie daraus ziehen und der Worte, in die man dergleichen fassen könnte. Unter höchster Geheimhaltung erzählen sie ihrer intimsten Freundin, dass sie „neulich mit einem Mann richtig nass geworden“ sind. Die Sextoys werden im Versandhandel diskret bestellt und unauffindbar gelagert, die erotischen Bücher werden, wenn vorhanden, hinter Kleist und Schiller versteckt – und dergleichen mehr. Neugierde darf sich durchaus mit Geilheit paaren – nur hat man sich gefälligst zu schämen, nachdem der Vibrator seinen Dienst verrichtet hat.

Verbal völlig offen „sexuell“ zu sein – lohnt es sich?

Wer die Entwicklung von erotischen Blogs verfolgt, weiß um diese Probleme. Nur wenige Frauen und Männer gaben sich sozusagen „der Öffentlichkeit hin“, sodass ihr Publikum sie verbal „nackt und von innen“ erleben konnten. Die meisten, die es früher einmal versuchten, haben sich in die Privatheit zurückgezogen. Es gibt einige junge Frauen, die sich trotz aller Zweifel noch verbal entblößen – doch finde ich immer mehr Bemerkungen, dass sie sich nicht wirklich wohlfühlen bei alledem. Einige von ihnen wurden (und werden) ständig mit Dreckkübeln überschüttet – und das macht wirklich keine Freude.

Die eigene Schamhaftigkeit und die deiner Figur

Es ist leicht einzusehen, dass sich kaum noch jemand an den Straßenrand des Internets stellen will, und sagen: „Schau auf meinen Körper, sie in ihn hinein – na, gefällt dir, was du siehst und fühlst?“Doch was ist mit all jenen, die nicht sich selbst ausziehen und dabei Einblicke in Körper und Psyche freilegen, sondern die Figuren erfinden, die es an ihrer Stelle tun? Autorinnen und Autoren?

Ich wiederhole mal den einen Satz, den ich las:

Wer lernt, offen über seine Sexualität zu reden, kann über Wünsche und Grenzen sprechen.

Ja, wenn es so wäre, dann könnte es so sein. Du kannst es benennen, sagen, was du damit machst (oder was dein Lover damit tun oder unterlassen soll). Und es ist ein Fortschritt, wenn wenigstens das funktioniert. Aber diese verbalen Fähigkeiten zu erlernen oder zu vervollkommnen, um Literatur zu schreiben, erfordert Übung und – zu einem großen Teil – auch Selbstüberwindung.

Wer die Sprache des Körpers und der Gefühle zuerst als „igitt“, oder „Schweinkram“ kennengelernt hat, wird kaum morgen fähig sein, sie in lustvolle Sätze umzuwandeln.

Ein Trick für dich, um die Schamhaftigkeit abzulegen

Voraussetzung ist, dass du dich von deiner Hülle aus Vorurteilen, Scham und inneren Widerständen befreien möchtest. Stell diese Person einfach neben dich – ich verspreche dir, du kannst in sie zurück, wenn du wieder in den Alltag abtauchst. Und nun wechsle zu der Person, die kein Schutzschild trägt. Das darfst du, denn nun kannst du in deinen Fantasien schwelgen, ohne etwas befürchten zu müssen. Und am Ende – nun, dann ist deine Figur wieder deine Figur – und du bist du. Sei lieb zu deiner Figur – sie ist ein Teil von dir, auch wenn du nicht daran erinnert werden willst.

Zitat: "Augsburger Allgemeine"