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Wenn du eine Story über Dominanz schreiben willst …

Seit Jahren die alte Thematik ... udn doch immer neu
Ich beginne normalerweise nicht mit einem Zitat (1), aber in diesem Fall will ich es tun.

Was diese hoch spezialisierten Treffpunkte eint, von einem dunklen S/M-Verlies bis zum Schönheitssalon für Transvestiten, ist die Vorliebe für das Rollenspiel. Hier wandelt sich die Sex-Branche in ein Theater.


Die sexuelle Abweichung, die Dominanz und das Theater im Kopf

Es ist gut, en Gedanken eines Bühnenstücks oder einer Aufführung im Kopf zu behalten – gleich, über welche Art der sexuellen „Abweichungen“ du schreiben willst. Die Sichtweise hat den Vorteil, dass du dich zurücklehnen und entspannen kannst, wenn auf deiner Bühne ein Mensch Lust und Schmerz im Wechsel oder auch manchmal zugleich durchlebt, während ein anderer dafür sorgt, dass die Show problemlos und konsequent abläuft. Du kannst natürlich auch intensiv mitfühlen. Aber immerhin: Es steht dir frei, die Szene aus jeder beliebigen Perspektive zu beleuchten.

Drei Szenarien, die häufig genannt werden

Generell gibt es drei Szenarien, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

1. Die professionelle Herangehensweise: Die Person „A“ (Klient) bezahlt dafür, dass die Person „B“ (Fachkraft) die Prozeduren nach nach festgelegten Regeln ausführt.
2. Die zufällige Begegnung: Die Person „A“ (naiv, aber offen) lässt sich darauf ein, dass die Person „B“ (Enthusiast) sie nach recht flexiblen Regeln in allerlei „sexuelle Abweichungen“ einführt.
3. Der Wunsch eines Ehepartners, der andere möge sie/ihn im Rollenspiel dominieren.

Es gibt andere Szenarien – sie sind aber entweder deutlich unglaubwürdiger als die genannten, oder sie gleiten in ein Milieu ab, in dem kriminelle Machenschaften die Freiheit einer Person nachhaltig beschneiden. Daran sollte sich nur versuchen, wer ganz bewusst für die einschlägige Szene schreibt und weiß, was dort gefordert wird.

Spektakulär - Lebenshunger trifft auf Verführungskunst

Die spektakulärsten Geschichten entstehen aus der Situation, die ich unter (2) geschildert habe. Dabei tritt eine Person als neugierige, lebenshungrige und recht naive Person auf, während die andere über Erfahrung, Ideenreichtum und Verführungskunst setzt. Üblicherweise wird nach der „Salamitaktik“ verführt, also scheibchenweisen, wobei nach und nach immer „größere Stücke“ von der Salami gefordert und geschenkt werden. Mit anderen Worten: Mit jeder vollzogenen „Perversion“ wird die Rückkehr zur Normalität schwieriger. Das Thema wird sowohl literarisch verbrämt (9 ½ Wochen. SoG, Secretary) behandelt, wie auch pornografisch aufbereitet. Doch im Grunde verbietet es sich, das Thema ausschließlich pornografisch zu behandeln, denn dadurch entstehen zumeist nur die üblichen „Anreihungen anzüglicher Ereignisse“. Eine typische Leserin will aber vom Thema fortgetragen werden und mit deiner Figur – sei sie „oben“ oder „unten“ – mitfühlen oder mitleiden.

Die Recherche ist nicht leicht - aber historsiche Romane geben viel her

Das Schwierigste am Thema ist die Recherche – und dies, obgleich sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestenfalls das Umfeld geändert hat, aber kaum die psychische und physische Raffinesse. Die Hauptkomponenten, also Grenzüberschreitungen, fetischistische Handlungen, Entwürdigungen, Körperstrafen. Geschlechterverwirrungen und daraus folgend gleichgeschlechtliche Lüste sind heute wie gestern die Hauptkomponenten. Die Literatur bietet dafür hinreichend plausible Beispiele.

Herantasten an das Undenkbare

Ihr könnt auch versuchen, wahre Geschichten zu finden, eigene Versuche mit Freundinnen und Freunden zu unternehmen oder euch an die Lüste und Schmerzen durch Beispiele anderer Art herantasten, die nicht-erotischer Natur waren. (Zum Beispiel psychische, soziale und körperliche Grenzerfahrungen).

Nur ein solltet ihr meiden: Videos darüber anzuschauen. Sie geben nicht nur ein falsches Bild, sondern sind fast immer auch „auf das äußerliche“ (Schläge, Tritte, Striemen und schmerzverzerrte Gesichter) ausgerichtet. In Wahrheit beginnt und endet das, was du eigentlich beschreiben willst, im Gehirn, dort, wo die Gefühle zusammenlaufen, sich ineinander verschlingen und wieder aufgelöst werden.


(1) "Red Light", New York, 1996
Bild: Historischer Buchtitel, ca. 1920, vereinfacht

Die Sprache des Fühlens in der Erotik

Für Autorinnen und Autoren sollte die „Sprache des Fühlens“ eigentlich die Sprache der Wahl sein. Doch leider ist sie eine jener Fremdsprachen, die ausgesprochen schwer erlernbar sind. Und während wir an andere Fremdsprachen emotionslos herangehen, ist die „Sprache des erotischen Fühlens“ weitgehend mit Schamnestern durchsetzt, die uns behindern. Ob wir daran etwas ändern können? Ich hörte, dass es möglich sein soll – sogar schon in der Schule. Und es ginge dabei darum, eine „Sprache für den Körper und die Gefühle“ zu entwickeln. Ziel sei dabei, dem jeweiligen Sexualpartner (aber auch anderen gegenüber) die eigenen Wünsche und Grenzen zu vermitteln.

Das zitiere ich mal wörtlich:

Kindern und Jugendlichen – egal welcher sexuellen Orientierung oder Identität – muss eine Sprache für ihren Körper und ihre Gefühle gegeben werden. Wer lernt, offen über seine Sexualität zu reden, kann über Wünsche und Grenzen sprechen.


Die Sprachlosigkeit der Erwachsenen

Kindern und Jugendlichen? Ich denke eher an die Erwachsenen. Im Alltag finden wir eine Dreiteilung, sowohl, was die Ausdrücke für die Körperteile betrifft wie auch, was wir über die Handlungen erfahren können.

Die Unterschicht sagt, was sie denkt - aber sie schreibt nicht

Die erste, öffentlich sprachlose, aber im inneren Kreis recht offene Gruppe finden wir dort, wo sich Friseurin, Wurstverkäuferin und Arbeiterin befinden. Sie wissen, worauf es ankommt, was sie tun oder unterlassen müssen und was sie richtig heißmacht. Über die Gefühle werden nicht viel Worte gemacht, aber jede Frau weiß, was sie geil macht und was sie eklig findet. Fremdwörter werden kaum benutzt, und gelegentlich greift man in die unterste Schublade des erträglichen Vokabulars. Aber – man versteht einander.

Die Oberschicht kennt keine Grenzen - bleibt aber unter sich

Schauen wir nach „ganz oben“, dann findet man zwar ein anderes Vokabular, doch wenn die Akademikerin mal „so richtig notgeil“ ist, nutzt sie auch die „schmutzigen“ Wörter der anderen. Gebildete Frauen und Männer sind allerdings ebenso wenig gewohnt, ihr Gefühlsleben verbal auszudrücken. Kurz: sowohl „oben“ und „unten“ wird nicht lange gefackelt, wenn es um das „Benennen“ von Körperteilen und Emotionen geht – nur die Namensgebung variiert. Und die etwas raffinierteren Lüste, wie etwa SM, treten hier mehr zutage als in der Unterschicht.

Das Schämen und Verweigern der Mittelschicht - ein Dilemma

Ich erzähle euch das alles, weil beide Gruppen nicht zu denen gehören, die sich ihrer Sexualität oder ihrer Handlungen schämen. Das „Schämen“ haben die Frauen (und leider auch viele Männer) der Mittelschicht für sich gepachtet, und sie kultivieren es auf unterschiedliche Arten. Die meisten tun „manchmal etwas“, dessen sie sich ganz offensichtlich schämen, und die Beschämung verschlägt ihnen die Sprache. Es ist nicht einmal das Vokabular, das ihnen fehlen würde, um die Körperöffnungen und Lustpunkte zu beschreiben. Es ist die Verbindung der Körperfunktionen, der Gefühle, die sie daraus ziehen und der Worte, in die man dergleichen fassen könnte. Unter höchster Geheimhaltung erzählen sie ihrer intimsten Freundin, dass sie „neulich mit einem Mann richtig nass geworden“ sind. Die Sextoys werden im Versandhandel diskret bestellt und unauffindbar gelagert, die erotischen Bücher werden, wenn vorhanden, hinter Kleist und Schiller versteckt – und dergleichen mehr. Neugierde darf sich durchaus mit Geilheit paaren – nur hat man sich gefälligst zu schämen, nachdem der Vibrator seinen Dienst verrichtet hat.

Verbal völlig offen „sexuell“ zu sein – lohnt es sich?

Wer die Entwicklung von erotischen Blogs verfolgt, weiß um diese Probleme. Nur wenige Frauen und Männer gaben sich sozusagen „der Öffentlichkeit hin“, sodass ihr Publikum sie verbal „nackt und von innen“ erleben konnten. Die meisten, die es früher einmal versuchten, haben sich in die Privatheit zurückgezogen. Es gibt einige junge Frauen, die sich trotz aller Zweifel noch verbal entblößen – doch finde ich immer mehr Bemerkungen, dass sie sich nicht wirklich wohlfühlen bei alledem. Einige von ihnen wurden (und werden) ständig mit Dreckkübeln überschüttet – und das macht wirklich keine Freude.

Die eigene Schamhaftigkeit und die deiner Figur

Es ist leicht einzusehen, dass sich kaum noch jemand an den Straßenrand des Internets stellen will, und sagen: „Schau auf meinen Körper, sie in ihn hinein – na, gefällt dir, was du siehst und fühlst?“Doch was ist mit all jenen, die nicht sich selbst ausziehen und dabei Einblicke in Körper und Psyche freilegen, sondern die Figuren erfinden, die es an ihrer Stelle tun? Autorinnen und Autoren?

Ich wiederhole mal den einen Satz, den ich las:

Wer lernt, offen über seine Sexualität zu reden, kann über Wünsche und Grenzen sprechen.

Ja, wenn es so wäre, dann könnte es so sein. Du kannst es benennen, sagen, was du damit machst (oder was dein Lover damit tun oder unterlassen soll). Und es ist ein Fortschritt, wenn wenigstens das funktioniert. Aber diese verbalen Fähigkeiten zu erlernen oder zu vervollkommnen, um Literatur zu schreiben, erfordert Übung und – zu einem großen Teil – auch Selbstüberwindung.

Wer die Sprache des Körpers und der Gefühle zuerst als „igitt“, oder „Schweinkram“ kennengelernt hat, wird kaum morgen fähig sein, sie in lustvolle Sätze umzuwandeln.

Ein Trick für dich, um die Schamhaftigkeit abzulegen

Voraussetzung ist, dass du dich von deiner Hülle aus Vorurteilen, Scham und inneren Widerständen befreien möchtest. Stell diese Person einfach neben dich – ich verspreche dir, du kannst in sie zurück, wenn du wieder in den Alltag abtauchst. Und nun wechsle zu der Person, die kein Schutzschild trägt. Das darfst du, denn nun kannst du in deinen Fantasien schwelgen, ohne etwas befürchten zu müssen. Und am Ende – nun, dann ist deine Figur wieder deine Figur – und du bist du. Sei lieb zu deiner Figur – sie ist ein Teil von dir, auch wenn du nicht daran erinnert werden willst.

Zitat: "Augsburger Allgemeine"

Advent: Schreiben über die Lust am Kerzenwachs

Wachsspuren auf der Haut ...
Ich weiß ja nicht, wie es dir ergeht, aber fast jedes Mädchen und jeder Junge erinnert sich an harmlose Mutproben im Advent. Kerze anzünden, einen Moment warten, bis sich das Wachs verflüssigt hat und dann dir selbst oder deinem Cousin einen der heißen Tropfen tropfen davon auf den Handrücken fallen lassen. Das Gefühl, das der Tropfen auf der weichen haut, hinterlässt, vergisst du nie: Halb schmerzhaft, halb erregend, und vor allem so schrecklich verboten … selbst der Onkel Doktor hob warnend den Finger, als er davon hörte.

Später verstehst du unter „sinnlicher Lust“ wahrscheinlich erstmal etwas ganz anderes: Du willst die wilden Schauer spüren, die Orgasmen, die dich so hübsch quälen, bis sie, auf die Spitze getrieben, dann in Entspannung ausfließen.

Eines Tages im Bad ... kommt die Erinnerung

Und eines Tages, wenn du allein bist, wirst du dich vielleicht an die alten Zeiten zurückerinnern, ein hübsches Schaubad einlassen und eine Kerze anzünden … du hast ja Zeit. Das Wachs kann verlaufen, und schließlich ergreifst du die Kerze und und tropfst dir ein wenig Wachs auf die Brust. Nun ein paar Tropfen. Da ist es wieder, das alte Gefühl, und auch noch ein Neues: je näher du deinen Brustwarzen kommst, umso mehr kribbelt die Lust in deinem Körper hoch … na ja, und vielleicht lässt du ihr dann freien Lauf.

Das Spiel mit dem Wachs

Das nächste Mal fragst du ganz unschuldig deinen Lover, ob ihr nicht einmal ein bisschen mit Wachs spielen könntet … und dann kann es wirklich etwas sinnlicher werden – und heftiger. Eine Augenbinde? Ein paar Handschellen? Vielleicht ein paar Eiswürfel zwischendurch?

Und nun ... mach deine Geschichte daraus ...

So – und nun packst du all dies in eine wunderschöne erotische Geschichte mit Düften, flackerndem Kerzenlicht, dem brennenden verlangen und dem süßen Ausgeliefertsein. Deine Figur, de es sinnlich erlebt, kann Frau oder mann sein – spielt keine Rolle. Und du kannst beschreiben, wie das Wachs auf diese oder jene Stelle tropft … und natürlich auch auf ein paar äußerst delikate Stellen.

Solche Szenen lassen sich leicht schreiben, wenn du schon einmal irgendwo und irgendwie einen Wachstropfen gespürt hast. Dann kannst du deine Figur das heiße Wachs spüren lassen – nur etwas intensiver, brennender und nachhaltiger. Die Fantasie ist immer etwas heftiger als die Realität, und „Verbrennungen“ mag es im wirklichen Leben schon mal geben, aber im Erleben deiner Figuren gibt es es nur den lustvollen Schmerz, und den in vielen Variationen.

Realität und Fantasie haben eines gemeinsam: Am sinnlichsten wird die Prozedur, wenn du dir (und also auch deiner Figur) Zeit lässt. Also wenn die Tropfen gezielt von den weniger empfindlichen Körperteilen auf die empfindlicheren fallen, und dazwischen immer eine Pause liegt, um den Genuss in vollem Bewusstsein von (viel) Lust und (ein wenig) Schmerz zu erleben.

Im Buch wirkt alles intensiver als im Video

So etwas zu schreiben macht viel Freude – und diese Freude erleben auch deine Leserinnen. Denn anders als in entsprechenden Filmchen fällt jeder Tropfen über die Haut direkt in das Hirn deiner Leserin. Und wenn sie es einmal selber erlebt hat, und sei es nur auf dem Unterarm, dann spürt sie den Tropfen genau dort auf der Haut, wo du ihn hinfallen lässt. Na schön, ganz sicher bin ich darüber nicht … aber so wurde es mir jedenfalls beschrieben.

Was machst du daraus? Im Advent wirken solche Themen natürlich besonders intensiv …

Fantasie, Schreiben, die Schammauer und der Genuss

In deinen Fantasien kannst du tun, was du willst. Wann immer du es willst und und wie auch immer es vor sich gehen soll. Du kannst es mit jedem tun, mit dem du es tun möchtest und wie immer es dir gefällt. Niemand verurteilt dich.

Gefahren beim Schreiben - Fantasien und Öffentlichkeit

Vielleicht setzt du manche Gedanken in Worte um. Nimm die in acht, wenn du sie aufschreibst und damit an die Öffentlichkeit gehst. Die Alltagsmenschen sind böswillig, wenn es darum geht, ihren schönen Schein zu zerstören. Sie werden sagen, dass du derjenige bist, der solche Gedanken hegt, und sie werden dich bezichtigen, in deinen Inneren selbst so zu sein wie deine Figuren.

Versöhnung, die Schammauer und Genuss

Wenn du deine Leserinnen mit extremen Gedanken versöhnen willst, bette sie in erotische Märchen ein. Wie heißt es doch: „Mit einem Stückchen Zucker schlucken sie die bittere Medizin.“ Sorge dafür, dass beide Partner irgendeinen Gewinn davon haben – beherzige den Satz „das Vergnügen war ganz auf meiner Seite“. Und wenn du das kannst: Sorge dafür, dass du zu der geheimen Geilheit vordringst, die in den Köpfen deiner Leserinnen schlummert. Wenn du die Schammauer durchbrichst, treten sie hervor, und dann können sie – nach einer Weile – alles, was du schreibst, so genießen, als würden sie es selbst erleben.

Was ist ein Flagellationsroman?

Das Sinnliche wurde in Illustrationen durchaus betont
Eigentlich gibt es dieses Genre gar nicht. Aber derartige Romane sind so verbreitet, dass sich die Bezeichnung wirklich lohnen würde. In der Literatur finden wir zwei merkwürdige Anmerkungen:

Die Flagellationsromane, vorzüglich aus England, Österreich und Ungarn, waren schon vor 1914 Legion, die „Süße Kleine Reitpeitsche“ von Lola Montez längst Symbol einer Weiberherrschaft sui generis. (1,2)

Oder:
Die außerordentliche Konjunktur der Flagellationsromane ab 1880 ist der schlagendste Beweis dafür, dass es sich beim Masochismus um ein epochenspezifisches Sozialprodukt handelt. (3)


Hervorgehoben werden in der „seriösen“ Kritik als Flagellationsromane allerdings nur zwei Werke: einmal die sattsam bekannte „Venus im Pelz“ (Sacher-Masoch) und dann „The Mysteries of Verbena House“ (George Augustus Sala).

Doch nun zum Thema: Was zeichnet einen Flagellationsroman aus?

Das Thema Herrin und Zofe wurde oft behandelt
Nach der Definition erotischer Romane handeln sie immer von der „Sexualität und noch etwas Anderem“. Doch dieses besondere Genre handelt in Wahrheit von dreierlei: der Lust, dem Schmerz und noch etwas Anderem. Das „Andere“ hat meist mit „“Entwicklung“, „Zucht“ oder „Erziehung“ zu tun – und allein deshalb spielen viele dieser Romane in Internaten, Erziehungseinrichtungen, Besserungsanstalten oder im Umfeld von bei Privat-Erzieherinnen. Hinzu kommen Geheimgesellschaften mit esoterischem, religiösen oder schmerzbetontem Hintergrund. Dem Wort entsprechend werden dabei „Flagellationen“ (meist mild beginnende und sich später steigernde) Auspeitschungen, Rohrstock- oder Rutenschläge zelebriert. Der Großteil davon wird als „erotische Strafe“ verabreicht..

Beispiele aus der erotischen Literatur

Der schon häufiger erwähnte Roman „Gynecocracy“ beispielsweise handelt von fehlender sexueller Aufklärung, aufkeimender Sexualität, Geschlechtsverwirrungen, erotischen Experimenten und Schlägen im Haus einer Gouvernante. "Die Kallipygen" ist ein durch und durch flagellantischer Roman, in dem einige vornehme Damen sich am Schlagen ihrer Bediensteten ergötzen – er wäre deshalb eher als Flagellationsroman zu bezeichnen, weil dies sein nahezu ausschließliches Thema ist.

Solltest du das Thema aufgreifen?

Das erotische Schlagen weiblicher und männlicher Hinterteile hat an Attraktion eingebüßt. Das hat viele Gründe:

1. Einen Menschen zu entblößen oder entblößt zu sehen, war in der Viktorianischen Zeit in England, aber durchaus auch noch in den 1950er Jahren in Deutschland, eine Attraktion besonderer Art. Das galt besonders, wenn es vor Publikum (anderen Zöglingen, Zuschauern) geschah.
2. Sowohl die häusliche wie auch die schulische Erziehung bestand zu einem Teil aus Körperstrafe, an die man sich ungerne, aber dennoch teilweise erregt erinnerte. Diese Intimkenntnisse fehlten späteren Generationen.
3. Bei modernen Menschen erzeugt der Gedanke an das Schlagen zwiespältige Gefühle, weil es als „sozial inkorrekt“ gilt. Das bedeutete: Die Menschen schämen sich nicht mehr, entblößt und geschlagen zu werden, sondern bei dem Gedanken, jemanden zu schlagen.
4. Dem sadistisch geprägten Menschen ist es nicht genug, den Hintern sinnlich mit der Hand zu bearbeiten – er will Blut, Schweiß und Tränen sehen, was zu völlig neuen Formen des erotischen Romans führen wird.
5. Der Masochist will hingegen das tief greifende sinnliche Gefühl echter Schläge durch die Sprache vermittelt bekommen – das fällt außerordentliche schwer.

Das heißt aber nicht, dass eine sinnliche Schilderung solcher Vorgänge auch heute noch lustvolle Gefühle erzeugen und ebensolche Fantasien beflügeln kann, wie die SoG (Shades of Grey) beweisen.

Der Flagellationsroman heute

Was den Autoren heute hilft, ist die Tendenz, Rollenspiele als erotische Abenteuer zu zelebrieren. Dazu gehören auch Demütigungen und Schläge, wenn sie ins Rollenspiel passen.

Die meisten Autorinnen und Kritikerinnen sind sich einig: Dominanz und Unterwerfung sind – mit oder ohne Hiebe – weiterhin absolut sinnliche Themen und sind sie nicht auf devote Frauen und dominante Männer beschränkt. Wer diesen Irrtum überwindet, hat eine Fülle von neuen, sinnlichen Themen gefunden. Beispielsweise die Architektin, die ihren Mann sowohl durch Muschi- wie durch Peitschenmacht dominiert, die Künstlerin, die in intimer Wohngemeinschaft mit ihrer „Lustzofe“ lebt, oder auch ganz klassisch der Meister-Macho, der von sinnlichen und lustvollen jungen Frauen belagert wird, damit er sie unter seinen „Obhut“ nimmt. Alle drei geschilderten Situationen gibt es in der Realität – aber als Märchen wirken sie natürlich noch viel hübscher.

(1) Bea Lundt, ‎Michael Salewski, ‎Heiner Timmermann - Frauen in Europa: Mythos und Realität.
(2) Übersetzung: "Waren Legion" heißt "kamen zahlreich vor", "Lola Montez" - erotische Person der Zeitgeschichte, keine Autorin. "sui generis" - "von ganz besonderer Art."
(3) Häufig verwendetes Zitat von Albrecht Koschorke - leider eine höchst fragwürdige Aussage.
Titelbild: "Das infantile Erlebnis" - Helga Bode zugeschrieben
Bild seitlich: Buchillustration, Anonym, Frankreich 1938