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Deine Figur – dein Thema: psychischer Wandel

Psycho-Faktoren: Handeln, Verhalten, Kommunizieren und Fühlen ergeben ein Bild
In der Psychotherapie, ja sogar in der Beratungspraxis, lautet die erste Frage, die sich der Therapeut oder Berater stellen wird: „Was bewegt diese Person?“ Falls du nie Therapeut oder Berater warst oder auch nie einen aufgesucht hast, hilft dir die Frage eines Arztes an einen Patienten, der ein "Knacken" im Kopf hört: „Stört Sie das, was Sie mir gerade geschildert haben?

Etwas stört, jemand verstört - oder auch die Suche nach Alternativen

Nun haben wir das Thema ungefähr fokussiert: Du kannst kaum eine vollends zufriedene, psychisch absolut intakte Person als Figur in deinen Werken verwenden. Etwas muss sie stören, und zwar so, dass sie es verändern will. Die andere Variante wäre natürlich, dass sie sich durch etwas (ver-) stören lässt. Es gäbe noch eine dritte Variante: Sich suchend auf die Spur eines Lebens zu beginnen, dass eine Veränderung mit sich bringt, ohne konkret zu wissen, wohin der Weg gehen soll. Das Thema klingt zeitlos, doch sollten wir nicht vergessen, dass es solche Möglichkeiten nicht für immer für alle Menschen gab – genau genommen ist die freie Wahl der Lebensform ein relativ junges Phänomen.

Wenn du dir darüber klar bist, weißt du auch, wie viel „Psycho“ du brauchst, um deine Person in die Geschichte einzubringen, kann ich dir helfen.

Nicht psychologisch einordnen, sondern die Figur handeln und reden lassen

Im Gegensatz zur psychologischen Literatur, die ja auf bestimmten Beobachtungen beruht, die anschließend beurteilt und/oder katalogisiert werden, beruht die Psychologie in der Literatur auf der aktuellen Beobachtung deiner Figur. Das heißt, der Leser beobachtet, wie sich deine Figur verhält, wie sich ihre Aktionen „anfühlen“ oder einfach, wie deine Figur zu sich selbst oder zu anderen spricht. Jeder deiner Leserinnen oder Leser kann dann entschieden, welches „psychische“ Bild er daraus entnimmt.

Bereichernd: Veränderungen durch das bewusste Erleben

Falls deine Figur aktiv etwas verändern will, kannst du sie begleiten, wie sie positive und negative Erfahrungen mit bekannten oder alternativen Handlungen durchlebt und was daraus resultiert. Normalerweise ist dies äußert bereichernd für deine Leserschaft. Und wenn es dann auch noch ethisch klug und motivierend ist, könntest du auch als erotische motivierte Autorin ein „gutes Werk für die Menschheit“ tun.

Passiv veranlasste Veränderungen ergeben ein anderes Menschenbild

Die Sache mit dem „Verändern durch äußere Umstände“ beinhaltet ein wesentliches Problem: Deine Figur kann jederzeit behaupten, nicht für ihre Handlungen verantwortlich zu sein, wie sie ja nicht von ihr initiiert wurden. Fragt sich natürlich, warum sie nicht „gegengesteuert“ hat, um zu verhindern, dass ihr gerade das Widerfährt, was von außen aus sie zukam. Wenn du das zulässt, mag deine Geschichte sehr schicksalhaft wirken und viele „Loser“ ansprechen, zumal, wenn deine Figur am Ende doch noch „errettet“ wird. Doch die Frage ist natürlich: Willst du auf Dauer „Loser“, „Träumerinnen“ und „Möchtegern-Prinzessinnen“ ansprechen? Ist es nicht wesentlich spektakulärer, nach Münchhausens Theorie zu verfahren und sich „selbst wieder aus dem Dreck zu ziehen?“

Schon im 21. Jahrhundert angekommen?

Wir leben im 21. Jahrhundert. Wer da noch darauf wartet, dass die Mami, der Papi, der edle Ritter oder die verständnisvolle Gönnerin schon alles wieder „richten“ wird, ist auf dem Holzweg.

Ob das Leben an sich oder das erotische Leben: Ein selbstbestimmtes Leben kann nur führen, wer sich ökonomisch, emotional und auch weitgehend sozial unabhängig durchs den Alltag schlängelt. Zum erfüllten Leben führt normalerweise immer wieder „Versuch und Irrtum“ - mit der Maßgabe, dass es auf Dauer mehr Gewinne als Verluste geben sollte.

Und deine Figur? Ist sie schon im 21. Jahrhundert angekommen? Oder ist sie immer noch im Zauberwald der Einhörner, Prinzen und edlen Ritter, die nur neue Namen tragen?

Frag dich: „Was bewegt meine Person wirklich – und auf welche Reise schickst du sie, um das zu ändern, was sie stört?“

Bild: © 2019 by Liebesverlag.de

Deine Figur – etwas Psycho gefällig?

Psychologie - was bewirkt sie für deine Figuren?
Eine Figur ohne Ecken und Kanten wird schnell langweilig. Und weil das so ist, werden die Protagonisten oftmals mit kleinen, dann aber auch wieder mit schweren Macken ausgestattet. Die Vornehmen sehen den Knick in einem Ereignis im Erwachsenenalter – ich habe aufgehört, die Roman-Kommissare zu zählen, die Angehörige durch Unfälle oder Verbrechen verloren haben, und danach unter schweren psychischen Störungen litten. Im Bereich der Liebes- oder Erotikromane wird der „Tick“ entweder (nach Sigmund Freud) in die frühkindliche Entwicklung verlegt oder aber mit einem Ereignis wehrend der Pubertät in Verbindung gebracht.

„Man weiß es ja“ – nein, „man“ weiß gar nichts

All dies ist überwiegend angelesen und weder allgemeingültig noch sonderlich authentisch. „Man“ weiß ja, wie schwer ein Trauma sein kann, wie empfindsam die Kinderseele ist und wie leicht sich pubertierende Jugendliche ins Abseits führen lassen. Und „man“ weiß es, weil es viel Tausend Mal behauptet, geschrieben und erneut abgeschrieben wurde.

Keine Psychoklempnerei

Mit Verlaub – das ist keine Psychologie – das ist Psychoklempnerei mit der Rohrzange. Das Prinzip beruht auf dem eher seltenen Fall, dass es ein einzelnes, oft mit Geheimnissen verhülltes Ereignis war, das den Knick in der Seele hervorgerufen hat, und das genau dieses Ereignis für die heutigen Macken entscheidend war.

Warum die Psyche vielleicht zu kompliziert ist

Wenn du das bisher auch geglaubt hast, dann solltest du wissen: Die menschliche Psyche ist weitaus komplizierter, und ihre Facetten entstehen nicht durch ein einzelnes Ereignis. Sie kann vielmehr durch ein Geflecht von Grundlagen beschrieben werden, auf deren Basis Ereignisse aller Art gewisse Prägungen hinterlassen haben.

Musst du "Psycho" einbeziehen?

Aber das passt nun so gar nicht zu einer Romanschreiberin, nicht wahr? Und damit ergibt sich die Frage: Musst du deine Person überhaupt „psychisch“ darstellen?

Maßnahmen und Ereignisse bewegen das „Psychische“

Ich habe eine sehr interessante Stelle im kriminalistisch-erotischen Roman „E.R.O.S“ (1) gefunden. Ich zitiere

Das Leben ist einfach.
Für je komplizierter Sie das Ihre halten, desto weniger wissen Sie über Ihre wirklichen Lebensumstände. … Wir beklagen uns über komplizierte Zustände, über moralische Grauzonen, aber wir suchen Zuflucht in diesen Dingen. Komplexität bietet Zuflucht vor Entscheidungen und damit auch davor, Maßnahmen ergreifen zu müssen.


Die verwendbaren Plots für das „auf und ab“ der Psyche

Eine gute Story beschreibt zumeist den Versuch, aus diesen Verwicklungen herauszukommen oder aber in derartige Verwicklungen hineinzugeraten. Nahezu alle Plots von Aufstieg – Abstieg und erneutem Aufstieg (und dem Gegenteil davon) können dazu verwendet werden. Die Läuterung eines psychischen Konflikts wird am besten mit „Reise und Rückkehr“ erreicht.

Der Weg hinaus ist durch die Tür

Manchmal wird der psychische Zustand mit einer Tür verglichen: Der Mensch mit vielen Konflikten will einfach nicht durch die geöffnete Tür gehen, weil er sich „draußen“ fürchtet. Der Mensch, der keinen Konflikt scheut, wenn er nur ein aufregenderes Leben haben kann, bricht hingegen Türen auf, auch wenn sie verschlossen sind. Das gilt auch für das Verhalten in erotischen Situationen.

Die Psyche nicht beschreiben, sondern handeln lassen

Ob es dunkle Flecken in der Psyche deiner Figur gibt? Das zeigst du am besten in aktuellen Handlungen. Um ein simples Beispiel zu nennen: Während sich deine Figur in die kleine, einsame Waldhütte locken ließ, um neue Lüste kennenzulernen, erinnert sie sich, einmal ind er Waschküche eingesperrt worden zu sein. Oder: Bevor sie eine ungewöhnliche Lust erproben will, erinnert sie sich daran, wie starr und bereitwillig sie vor einem medizinischen Eingriff war. Und überhaupt – alle Arten von Peinlichkeiten von der Kindheit über die Pubertät bis hin zu Ereignissen in späteren Jahren eignen sich vorzüglich, um psychische Konflikte darzustellen, die in der Jetztzeit geschehen.

Auf dem Weg dazu, Psycho-Klischees zu vermeiden

Wenn ich Bücher lese, in die krampfhaft Textstellen hineingepfropft werden, warum die Figur so oder so geworden ist, so denke ich immer: Ach bitte, doch nicht bei Dr. Freud abschauen. Und auch nicht bei Menschen, die psychotherapiert wurden und deshalb das einschlägige Vokabular benutzen.

Wenn ein Mensch sich selbst erklären will, und wenn er anderen vermitteln möchte, warum er in dieser oder jener Weise handelt, dann sind die eigenen Worte gerade gut genug. Sie sind unmittelbarer, direkter und freier von Klischees. Und zudem zeugen die eigenen Aussagen davon, dass jemand (sei es die Figur oder die Autorin) etwas „wirklich verstanden“ hat und nicht etwas Angelesenes geistlos nachplappert.

foto © 2019 by Liebesverlag.de
(1) 1997 als "Mortal Fear", 1999 als "E.R.O.S", Bergisch Gladbach.