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Erotik: Und wenn es keine große Literatur werden soll?

Die erotische Geschichte - das erotische Spiegelbild
Wer setzt sich schon hin, spitzt die Feder und sagt: „Ich werde heute einen bedeutenden Beitrag zur Literatur schreiben?“ Kaum jemand. Doch bei der erotischen Literatur heißt es immer wieder, die Autoren müssten literarischen Ansprüchen genügen. Ob Paul Englisch (1), Elisabeth Benedict (2) oder Werner Fuld (3) – alle reden von schriftstellerisch hochwertigen Werken. Möglichst sollen sie „Sex und noch etwas anderes“ darstellen, und jährlich einmal wird der Teil der „edlen Literatur“, der sinnliche Lüste enthält, gezielt verhöhnt. (4) Leider werden darüber hinaus vor allem Frauen öffentlich diffamiert, die wagen, sich mit Sex detailliert und hautnah auseinanderzusetzen. Von ihnen und ihrer Lust am Schreiben soll hier die Rede sein.

Sex und kaum etwas anderes?

Wer sich nur für sinnliche Episoden interessiert, wer nur kurze, aber heftige Szenen seiner Fantasie schildern will oder wer sich nicht die Mühe machen will, die Sexszenen noch mit Lametta zu schmücken, wird meist abgelehnt. Der Vorwurf, dabei Pornografie zu produzieren, trifft hart, und er ist durchaus so gemeint. Die „Wohlanständigen“ erregen sich öffentlich und meinen sinngemäß: „Die Säue, die so schreiben, müssen gezüchtigt werden.“ (5)

Das Geseire über die weibliche Psyche

Einige Bücher über „das Weibliche“ und „die weibliche Psyche“ betonen immer wieder, dass Frauen erotisch anders denken, und zwar so „völlig anders“, dass es ein Mann gar nicht erfassen kann. Sogar in „Klick Mich An“ (6) werden diese Meinungen wiederholt. Frauen wird ein detektivischer erotischer Geist unterstellt, und er mündet in einen vierfachen Prozess: einer für Gefühle, einer für das Soziale, einer für das Kulturelle und einer für das Körperliche. Kurz: „Vier verschiedene Arten mentaler Software“ bewerten bei Frauen – nach Meinung der Autoren - ihr erotisches Bewusstsein. Offenbar fiel niemandem auf, dass diese Aussagen aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten.

Emanzipiert, aber nicht frei - das Prinzip „schamvoll“

Inzwischen ist das 21. Jahrhundert angebrochen. Frauen interessieren sich deutlicher als jemals zuvor für heftige, teils ekstatische Erlebnisse in Körper, Geist und Psyche. Doch immer noch schwanken sie zwischen Schamhaftigkeit und Schamlosigkeit, wobei kaum deutlich wird, dass „beide Seelen in derselben Brust“ wohnen. Das heißt: Entweder sie bleiben (als Person oder als Autorin) schamhaft und entsprechen damit den sozialen und kulturellen Anforderungen. Oder aber sie entwickeln ihre Schamlosigkeit, sowohl privat wie auch in ihren Schriften, und gelten fortan mindestens als „Schlampe“, wenn nicht gar als „Abartig“. Die dritte Variante: Die Autorin trennt ihr „Selbst“ in einen Teil, das sich dem Alltag als respektable Person zeigt, und einen anderen Teil, der sinnliche Figuren mit lustvollen Gedanken schafft. Wer das will, braucht ein gutes Pseudonym und mehrfach abgesicherte Wege für eine geplante Veröffentlichung.

Was spricht gegen "Einseitig und schamlos"?

Ein Teil der heutigen erotischen Literatur wie auch der „kleinen“ erotischen Werke ist einseitig und schamlos. Das heißt, die Lust steht im Mittelpunkt und wird auch kaum infrage gestellt. Der Körper spricht, und die Psyche folgt seinen Befehlen. „Das Soziale“ schwindet, wenn die Heldin unter Orgasmen zuckt und stöhnt, und auf „Kultur“, sprich: „Konventionen“, kann jede westliche Autorin nötigenfalls verzichten.

Eine Erotik-Autorin, von der ich jüngst hörte (7), sagte, sie denke nur an ihren Körper, ihre Lust, ihre vergangenen Abenteuer und gegenwärtigen Fantasien, wenn sie schriebe – und an nichts anderes. (Sie gab ihr Alter mit 45 Jahren an). Dieses Sichtweise ist neu. Sie entspricht nicht dem Bild der sorgfältig kalkulierenden, schriftstellerisch versierten, aber erotisch unterbelichtete Autorin, die sich derzeit aufmacht, über Sex zu schreiben.

Die unendliche Lust der Fantasien – und die Realität

Leserinnen sehen dies ähnlich. Das Bild der einseitig lustbetonten, durchaus auf wenige erotische Spielarten fixierten Frau wird immer beliebter. Jüngst wurde eine recht junge Frau (32) zu ihren Fantasien befragt. Sie sagte, sie sähe sich in ihren Fantasien „eher in der sexkonsumierenden Rolle“ und weiter (8):

Darauf bezogen wäre es mir egal, ob mich ein Mann oder eine Frau oral beziehungsweise manuell stimuliert – solange es für mich gut ist.


Um das Thema explizit erotischer Literatur anzugehen, ist es nötig, die Schamgrenzen beim Schreiben über Bord zu werfen. Ich sage bewusst „beim Schreiben“ – nicht in der Realität. Denn wenn du schreibst, lässt du eine andere Person für dich handeln. Es ist eine Spiegel-Persönlicheit: seitenverkehrt, vergrößert oder verkleinert und manchmal gar absurd verzerrt. Du kannst sie erscheinen und verschwinden lassen, wie du willst. Und wenn du aus dem Haus gehst, bist du wieder Sekretärin, Personalchefin oder Bäckereiwarenfachverkäuferin.

(1) Geschichte der erotischen Literatur, zuerst Leipzig 1931.
(2) Erotik Schreiben, zuerst New York, 2002.
(3) Eine Geschichte des Sinnlichen Schreibens, Berlin 2014.
(4) Beim "Bad Sex Award", teils berechtigt.
(5) Siehe: Konflikt um Talkshow-Moderatorin.
(6) "Klick Mich An!, zuerst New York 2011,deutsch München, 2012.
(7) Privat und Anonym.
(8) "Sex im Kopf", Reinbek 2014.
Bild: Historische erotische Fotografie, koloriert


Wie ordnet die Literaturszene Frauenerotik ein?

lesen, anschauen, abwenden?
Die Literaturbranche wurde ganz offensichtlich von der weiblichen Erotik-Welle überrollt – was einerseits nicht verwundert, wenn man die Prüderie der Branche in Betracht zieht. Andererseits jedoch folgt genau diese Erotikwelle einer Tradition, denn Frauen haben ihre Informationen über die Sexualität auch schon in vergangenen Zeiten überwiegend oder gar ausschließlich aus der erotischen Literatur bezogen. Dies behauptet jedenfalls Werner Fuld in seinem Buch „Die Geschichte des sinnlichen Schreibens“.

Doch weder Literaturkritiker, noch Verleger, noch Buchhändler würden zugeben, dass die erotische Literatur noch (oder wieder?) eine so große Rolle für die Frauen des 21. Jahrhunderts spielt. Schließlich fühlt man sich als Kulturelite und redet auch so. Und Kultureliten sprechen nicht über „Schweinkram“.

Immerhin versuchte Wikipedia (englisch), die Sache anzugehen:

Viele Leserinnen sind inzwischen von Pornografie begeistert, sei es traditionelle Pornografie oder maßgeschneiderte Frauenerotik. Liebesromane werden manchmal als „Erotik“ vermarkte – und umgekehrt. Erotische Liebesromane sind ein relativ neues Genre der Liebesromane mit einem betont erotischen Thema und eindeutigen Sexszenen. Im Kern folgen sie jedoch dem Genre der Liebesromanze.


(Nur im englischen Wikipedia, frei übersetzt)

Die Sache hat durchaus Brisanz, denn wenn wer lebensnahe und begeisternde erotische Literatur will, darf im Grunde nicht erwarten, dass die Liebesschnulzen-Fließbandschreiberinnen die richtigen Autorinnen für diese Aufgabe sind. Möglicherweise muss der Weg zu wirklich sinnlicher, unverkitschter Erotik-Frauenliteratur noch gefunden werden.

Ich gehe noch einen kleinen Schritt darüber hinaus: Wie das Körperliche bis ins Detail in Farbe und Bewegung funktioniert, kann heute jede Frau im Internet sehen. Aber wie es sich anfühlt, wie die Sinne dabei mitgehen oder sich verweigern - das kann sie nicht sehen. Das muss sie lesen und dabei erfühlen. Natürlich könnet man nun sagen: „Bei Männern ist das aber auch so“. Aber die Männer wollen es zumeist nicht vorab wissen, sondern einfach nur erleben.

Hinzu kommt noch, dass sich Frauen viel intensiver vom geschriebenen Wort tragen lassen als Männer. Sie erwarten also auch von der Literatur über erotische Fantasien, dass sie „mitgenommen“ werden.

Was das alles bedeutet?

Vor allem dies: Wir müssen erotische Literatur viel ernster nehmen.

Die Fassaden des Bürgerlichen - und die Leserinnen

schämen oder fasziniert sein?
Die Damen und Herren,
die Du hier siehst,
sie tragen so ganz nebenbei...
... ein Engelsgesicht,
doch die Sünde besticht.


Musical Jekyll & Hyde - "Fassade"

Ich lese gerade ein einem Magazin aus dem Jahre 1988 (1) warum Frauen ihre heftigen erotischen Fantasien unter Verschluss hielten – und ich dachte mir: dreißig Jahre später oder dreißig Jahre früher was das nicht wesentlich anders.

Damals ging es um Pornografie, aber es hätte ebenso gut um „erotische Schriften“ gehen können. Die auf Forschungen basierende Behauptung ging davon aus, dass sich die Frauen von Pornografie „zugleich abgestoßen und angezogen“ fühlten. Was letztlich hieß: Heimlich wurde schon mal in ein Pornoheft geglotzt, und wenn es möglich war, wurde schon mal geguckt, was denn im Bücherregal hinter Schillers gesammelten Werken in zweiter Reihe stand.

Erotische Schuldgefühle sind am Erregendsten

Die Forscher damals nannten „Schuldgefühle und Sexualängste, die die Abwehrreaktion (auf Pornografie) auslösen.“ Übrigens nicht ausschließlich bei Frauen, auch bei Männern. Je moralfester sie im Vordergrund taten, umso mehr interessierte sie das „Schmutzige“.

Noch etwas präziser wird Dr. P. Gorssen in seinem Buch „Das Prinzip Obszön“ (2), übrigens bereits 1969:

In jedem für obszön gehaltenen Objekt … steckt ein Stück von uns selber, die wir es ablehnend oder zustimmend verstanden haben.


Wie die Bürger ihre Fassaden hochhielten

Der wirklich aufgeklärte Mensch kann etwas sehen, beschreiben und einordnen – unabhängig davon, ob es seinem Geschmack entsprechen mag oder ob er darin eine Lust oder eine Gefahr sieht. Doch das Bürgertum, von der Blütezeit bis zum Kleinbürgertum in der Bundesrepublik Deutschland, handelte anders. Es sah in allem, was seine Fassade störte, eine Gefahr für das mühsam zusammengezimmerte Gebäude der Wohlanständigkeit. Nicht, dass es sie nicht gab, die bösen Verführungen: In Antiquariaten wurde historische Pornografie unter dem Ladentisch gehandelt, der Toilettenmann im erotischen Cabaret belieferte seien Kundschaft mit verbotenen (echt frivolen) Fotobänden. Und der wahre Pornograf schrieb damals auf klapprigen Vorkriegsschreibmaschinen erotische Texte - teils auch auf Wachsmatrizen, die sich dann vervielfältigen ließen und im Freundeskreis verteilt wurden.

Nur: das alles ging still und heimlich vonstatten, ebenso wie die Bordellbesuche des Hausherrn oder die Aktivitäten der Damen, die hinausgingen, um sich das Nadelgeld aufzubessern. So hieß jedenfalls die vornehme Umschreibung für die Hausfrauenprostitution. Übrigens benannte man niemals die Geschlechtsteile oder sprach auch nur über das Geschlechtliche - „es gehörte sich nicht", darüber zu reden.

Das Obszöne und die Damen der 1950er Jahre

Bei Frauen scheint der Ekel beim Lesen von Pornografie, der in der Presse immer gerne angeführt wurde, überwindbar gewesen zu sein. Von den viktorianischen Damen bis hin zur Hausfrau der 1950er Jahre wussten viele, welche Stellen in verfügbaren und nicht indizierten Büchern die Lust anregten.

Heimlich verschlungen: Strafen und Internats-Erotik

Und heute? Es ist erst wenige Jahrzehnte her (3), als im Vereinigten Königreich die Flagellationsliteratur wiederentdeckt wurde – und sie war durchaus in seriösen Buchhandlungen zu haben. Allerdings ging es dabei überwiegend um die erotischen Fantasien aus Internaten. Dabei lebten die Schilderungen aus viktorianischer Zeit wieder auf – offenkundige oder verdeckte lesbische Beziehungen sowie heftige oder sinnliche Körperstrafen waren die Themen.

Mütterchenpornografie

Und erst im neuen Millennium kamen die „50 Shades of Grey“ auf den Markt, die abermals einen Dammbruch auslösten. Plötzlich wurde eine bestimmte Art von Pornografie zum Zeitgeist, die man später „Mütterchenpornografie“ nennen sollte. Und nun war etwas möglich, woran kaum jemand geglaubt hätte: Wenigstens untereinander und im kleinen Kreis bekannten sich Frauen zu diesen und anderen Fantasien.

Die Lust am Obszönen ist noch nicht vorbei

Solange bestimmte Themen immer noch sowohl Ablehnung als auch Zustimmung auslösen, machen sie neugierig und mischen die Farben der chargierenden Fantasien. Nach wie vor wird das Heftige im Schönen gesucht, das vorgeblich Schmutzige im Natürlichen, die Begierde am sauren Beigeschmack im Süßen. Mögen die Themen inzwischen auch „irgendwie“ akzeptiert werden, so werden sie nach wie vor nicht in Büchern mit eindeutigem Einband im ICE gelesen.

(1) DER SPIEGEL, online verfügbar.
(2) Das Prinzip Obszön, Reinbek 1969.
(3) Die meiste Bücher dieser Art erschienen zwischen 1990 und 1999.

Wie glaubwürdig sind die Zahlen über sexuelle Fantasien?

Das Thema gab es immer - die Akzeptanz allerdings nicht
Bei der Bewertung erotischer Fantasien taucht immer wieder die Frage auf: Wie zuverlässig sind denn eigentlich die Zahlen, die wir einzelnen Forschungen entnehmen können?

Zahlen zu Erotik-Fantasien sind nur bedingt glaubwürdig

Die erste Antwort: Nur ganz wenige Projekte wurden von seriösen Forscherinnen und Forschen durchgeführt. Die meisten Zahlen stammen aus Erhebungen, die sozusagen „quick and dirty“ von Mitgliedern erotischer Foren oder erotischer Dating-Plattformen erhoben wurden. Manche Studien wurden auch von Herrenmagazinen und Frauenzeitschriften in Auftrag gegeben. Einige stammen sogar von Besuchern spezifischer Pornografie-Seiten. Von einigen Befragungen darf angenommen werden, dass sie von vornherein einen bestimmten Zweck erfüllen sollten und dass die Fragen deshalb manipuliert wurden.

Die vereinfachte Antwort: Die Zahlen sind so unterschiedlich, weil die Methoden der Befragung höchst unterschiedlich waren.


Eine zweite Antwort ist noch weitaus überraschender: Bei besonders heiklen Themen spielt der Zeitgeist oder der „Mainstream“ in die Ergebnisse herein. Ist ein Thema noch nicht „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen, so leugnen die Teilnehmer von Befragungen gerne, jemals selbst betroffen gewesen zu sein.

Die vereinfachte Antwort: Wenn’s alle tun, geben Befragte eher zu, dass es auch sie betrifft.


Ich gebe dazu ein Beispiel: Laut einer seriösen britische Erhebung von 2006 fantasierten 58 Prozent der Männer über eine Dreierkonstellation, während es bei einer kanadischen Befragung 2014 fast 85 Prozent waren. Das allein aber wäre noch kein Grund, den veränderten Zeitgeist zu bemühen. Die Zahlen sollen nur als Vergleich dienen. (Frauen 2006 - 28 Prozent, 2014 – 37 Prozent).

Ein plötzlicher Wandel, der „vom Himmel fiel“

Zwischen 2006 und 2014 ereignete sich allerdings etwas, das den „Mainstream“ erheblich veränderte: Im Jahr 2011 erschien die erste Ausgabe der „50 Shades of Grey“. Schon kurz nach Erscheinen des Buches war das Thema „Schläge und Unterwerfung“ in aller Munde. Auf Partys und Kaffeekränzchen von Frauen aus dem Mittelstand wurde ganz offen über das Buch gesprochen – und das hatte einen enormen Einfluss auf weitere Befragungen zu sexuellen Fantasien.

Dazu die Zahlen:

18 Prozent der Männer fantasierten 2006 darüber, eine Frau erotisch zu schlagen. 2014 waren es bereits 46 Prozent.

Nur sieben Prozent der Frauen fantasierten 2006 darüber, einen Mann erotisch zu schlagen, doch 2014 waren es schon 24 Prozent.

Geschlagen werden wollten in ihren Fantasien 2006 nur 13 Prozent der Frauen, während es 2014 bereits 36 Prozent waren.

Nur 11 Prozent der Männer erträumten sich 2006, von ihrer Partnerin geschlagen zu werden, 2014 waren es rund 30 Prozent.


Die Verdreifachung der Werte ist höchst ungewöhnlich. Selbst, wenn man unterstellt, dass die Kriterien in der kanadischen Studie etwas toleranter aufgefasst wurden, ist eine Steigerung auf das Dreifache undenkbar – der Zeitgeist hatte also zugeschlagen. (Die Steigerung beim Vergleichsthema betrug nicht einmal das 1,5-fache).

Aus Deutschland liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Das Buch „Sex im Kopf“, dass dieses Thema in deutscher Sprache ventiliert, bringt ausschließlich Interviews mit betroffenen Personen.

Zahlen 2014: What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy?
Christian C. Joyal, PhD, Amélie Cossette, BSc, and Vanessa Lapierre, BSc, Department of Psychology, Université du Québec à Trois-Rivières, Trois-Rivières, Québec, Canada; Philippe-Pinel, Institute of Montreal, Montreal, Québec, Canada.

Zahlen 2006: „Sex im Kopf: Alles über unsere geheimsten Phantasien“, im Original Sex and the Psyche: The Truth About Our Most Secret Fantasies.

Ohne Zahlen: Sex im Kopf – die erotischen Fantasien der Deutschen, Reinbek 2014.

Illustration: nach einer Zeichnung von Herric. (Chéri Hérouard)

Solltest du sadomasochistische Literatur schreiben?

Wanda - die Venus im Pelz - ist die Heldin bei Sacher-Masoch
Was ist das eigentlich, „Sadomasochistische Literatur“? Man kann sich’s wirklich einfach machen und Etiketten draufkleben. Dann ist es so:

Sadomasochistische Literatur beschäftigt sich mit Themen zur sadomasochistischen Sexualität und zur Partnerschaft von Personen mit entsprechender sexueller Disposition. Hierbei kann es sich um Erotik, Pornografie, fiktive Geschichten, Erlebnisberichte, wissenschaftliche/pseudowissenschaftliche Abhandlungen, Ratgeber und Aufklärungsbücher handeln.


Das mag aus der Sicht eines Lexikons richtig sein. Aber wenn wir wirklich wissen wollen, wie Literatur und Sadismus, Literatur und Masochismus, und schließlich Literatur und „Sadomasochismus“ zusammenkommen, hilft uns das nicht viel. Denn in der erotischen Literatur bedarf es stets einer Liebesgeschichte, in die (in diesem Fall) Elemente der Beherrschung und Unterwerfung einfließen.

Vergiss de Sade und Sacher-Masoch

Es nützt wenig, sich mit den Namensgebern und ihrer Literatur zu beschäftigen – nämlich dem Marquis de Sade, einem französischen Schriftsteller und dem österreichischen Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch. Ebenso wenig nützt es uns, den deutschen Psychiater zu lesen, der den Knoten zwischen beiden hervorbrachte: Richard Fridolin Joseph Freiherr Krafft von Festenberg auf Frohnberg, besser bekannt als Richard von Krafft-Ebing.

Weg von den albernen Psychiatrie-Begriffen

Das Problem all dieser Begriff besteht darin, dass sie psychologisch und/oder psychiatrisch besetzt sind. Und dies verhindert, sie neutral als menschliche Züge zu bezeichnen, die in Verbindung mit der Sexualität zu ekstatischer Lust führen können. „Krankheiten“, „Perversionen“ und selbst die abgemilderten „Paraphilien“ sind kein gutes Omen für die pure Sinneslust.

Keine Klassifizierung – sondern Lust pur

Echte Liebesromane mit stark sinnlichen Zügen benötigen keine Klassifizierung, auch dann nicht, wenn deine Figur es entweder liebt, ihren Partner in vielfältiger Weise zu dominieren, von ihr dominiert zu werden oder mal das Eine, dann wieder das Andere zu tun. Grundsätzlich sollten wir bedenken:

1. Wir schreiben über die Liebe, und zwar über eine besonders intensive, ekstatische Liebe.
2. Innerhalb der Geschichte schreiben wir über Sexualität, also über eine sinnliche Urkraft des Menschen, die rauschähnliche Zustände erzeugt.
3. Zur Steigerung der Lust werden verschiedene Elemente verwendet – hier zumeist Dominanz, Fesselungen, Bisse, Kratzer und Schläge – aber auch andere, die hier keine Rolle spielen sollen.
4. Parallel zu den körperlichen Reaktionen (Schmerz) sollen damit zumeist auch psychische Sensationen ausgelöst werden, die ihrerseits wieder zum Teil auf drogenähnlichen Botenstoffen basieren.
5. Wenn all dies nicht als Spiel aufgefasst wird, kommen wir an die Grenze zur Psychiatrie, die von manchen Autoren auch erreicht wird.

Damit wäre die Frage zu stellen, ob es (außerhalb der Pornografie und der Psychiatrie) überhaupt notwendig ist, den Handlungen ein Etikett zu verpassen.

Die Antwort ist: Nein, es sei denn, du würdest für die „Kaste“ der BDSM-Anhänger schreiben.

Der alberne Streit um „echte“ BDSM-Literatur

Die ganze Angelegenheit um „Sado“ und „Maso“ wurde ad absurdum geführt, als die Trilogie „50 Shades of Grey“ erschien. Die Autorin hatte ihre Protagonistin mit einer erbärmlichen Gefühlswelt ausgestattet. Das erkannten die BDSM-Anhänger sofort und schrieben erboste Kommentare, weil sie keinen „korrekten“ Sadomasochismus dahinter erkennen konnten. Das allerdings war auch kaum die Absicht: die Geschichte sollte mit den BDSM-ähnlichen Szenen nur „aufgehübscht“ werden.

Damals ergab sich sehr schnell, dass mit dem Aua-Effekt eine neue Richtung der unterhaltenden Literatur, die „Mütterchen-Pornografie“ erschaffen wurde, die weder Pornografie noch Literatur war. Seither gibt es Varianten dieses Themas in Hülle und Fülle, aber auch der „harte“ Sadismus oder der entsprechende Masochismus existierte in zahllosen Schriften weiter. Beide sind nicht unbedingt empfehlenswert.

Verwende die Elemente wie alle anderen auch

Inzwischen wäre die Frage, ob die drei Hauptelemente des Genres nicht in jedem beliebigen erotischen Roman erscheinen könnten, die da sind:

1. Psychische Unterwerfung, Gehorsam.
2. Körperliche Züchtigungen, nicht notwendigerweise als Strafen.
3. Fesselungen und andere Bewegungshemmungen.

Voraussetzung wäre, dass sie Teile des normalen Liebesspiels würden – was heute schon recht häufig der Fall ist.

Zum besseren Verständnis sollte ich noch sagen, dass solche Liebesszenen, ebenso wie manche Verführungen, lustvolle Spiele der Erwachsenen sind, die keinen „ideologischen Überbau“ benötigen. Oder mit anderen Worten: Kenntnisse in Psychologie und Anatomie sowie ein klarer Sinn dafür, wie sich Schmerzen „anfühlen“ und wann Menschen in Schreie und Tränen ausbrechen, sind immer sinnvoll.

Fazit - die Antwort auf die Frage

Solltest du sadomasochistische Literatur schreiben? Nein, solltest du nicht. Schreibe gute Texte, in denen besonders farbenprächtige Fantasien vorkommen. Schreibe über Lust und Schmerz und lass dabei nichts aus – aber schreibe auf keinen Fall „sadomasochistische Literatur“.

Bild: Umwandlung eines Fotos in ein Symbolfigur, © 2019 by liebesverlag.de