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Der schlechteste Sex und der Gewinner 2018

Schriftsteller sind bekannt dafür, extravagante Begriffe zu verwenden, um einen Umstand zu beschreiben, der sich verständlicher und nachdrücklicher mit einfachen Worten beschreiben ließe. Sie glauben, dass sie sich tiefer ins Hirn, in die Psyche und in die Genitalien hineinbohren können, wenn sie deren Gefühlsbereiche indirekt ansprechen. Das kann durchaus gelingen.

Im Bereich der Sexualität kann man Vieles „ganz anders ausdrücken“, und dies führt gelegentlich zu einer blumig-verwirrenden Sprache. Wer dabei übertreibt, wird jährlich mit dem „Bad Sex Award“, also einem Preis für den schlechtesten geschriebenen Sex ausgezeichnet. Weil Pornografie und Groschenromane in Bücherform ausgeschlossen sind, zeichnet man nur Autoren aus, denen man literarische Qualität unterstellt.

Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr das Werk „Katerina“ von James Frey. Frey ist ein Bestsellerautor, der 1996 sein Buch „Titel Tausend kleine Scherben“ zu schreiben begann, das zunächst als reines Fantasieprodukt erscheinen sollte, aber keinen Erfolg hatte. Als es 2003 dann aber als „Autobiografie“ herauskam, hatte es einen gigantischen Erfolg und begründete seinen Ruhm.

Nun also „Katerina“ – ein Werk, das nunmehr bewusst zwischen Realität und Fiktion schwankt und dabei zeitlich einen Sprung von 1992 in Paris und 2018 in Los Angeles wagt.

Die Schlüsselszene, die mit dem „Bad Sex Award“ bedacht wurde, lautet in etwa:

Ich bin hart und tief in ihr und vögel sie über dem Wachbecken im Badezimmer. Sie trägt immer noch ihr enges schwarzes Kleid, aber ihr Slip liegt auf dem Boden. Meine Hose hab ich nur bis zu den Knien runtergezogen. Unser Augen sind verschlossen, und unsere Körper, unsere Seelen und unsere Herzen sind miteinander verriegelt.


Das Originalzitat mag Ihnen zeigen, dass diese Stelle außerordentlich dramatisiert wurde, um ihr den Nachdruck zu verleihen, den sie im Grunde nicht besitzt:


I’m hard and deep inside her fucking her on the bathroom sink her tight little black dress still on her thong on the floor my pants at my knees our eyes locked, our hearts and souls and bodies locked.
Cum inside me.
Cum inside me.
Cum inside me.
Cum inside me.
One.
White.
God.
Cum.
Cum.
Cum.
I close my eyes let out my breath.
Cum.


Was ist daran so schlecht? Zunächst vor allem der Versuch, von der reinen bildhaften Beschreibung (Kleid bleibt angezogen, Hose bis zu den Knien heruntergezogen, nur der Slip liegt auf dem Boden) auf Gefühle überzugehen, die gar keine sind. Das Stakkato und die fehlende Zeichensetzung im Original-Absatz soll die wilde, animalische Begierde ausdrücken, die aber schnell verpufft.

Nun weißt du also, wie du mit „schlechtem Sex“ berühmt werden kannst. Leider geht das nur, wenn du schon berühmt bist. Und nun sag – wie hättest Du die Szene beschrieben?

(Der Artikel enthält Extrakte aus dem Buch „Katerina“ 320 Seiten, herausgegeben von Gallery/Scout Press.)

Die Genauigkeit – an der Grenze zwischen Zensur und erotischer Bereicherung

Wo ist dein Platz? Denke daran, dass er auch auf der Fläche sein kann
Jede Autorin, die, wenn auch nur sanft, die Grenzen zu sexuellen Handlungen berührt hat, wird dies bestätigen: Werden die Handlungen mit sinnlicher Genauigkeit beschrieben, gelten sie als frivol. Werden sie hingegen ausreichend verschleiert, so gelten sie als romantisch. Übertreibt die Autorin in Richtung „Sinnliche Genauigkeit“, das heißt, geht sie zu sehr ins Detail, dann gelten sie darüber hinaus als pornografisch. Übertreibt sie hingegen beim „Verschleiern“, so driftet sie schnell in den Erotik-Kitsch ab.

Ganz generell ergibt sich darauf ein Viereck, bestehend aus „detailliert“ oder „verschleiert“ in der Grafik neutraler als „ungenau“ bezeichnet und „sachlich“ oder „sinnlich“.

Details in der Erotik können tückisch sein

Einer der bekanntesten und verrufensten „Pornografen“, der Brite Henry Spencer Ashbee (aka Pisanus Fraxi), dem das erotische Monumentalwerk „Walter“ (1) zugeschrieben wird, war detailvernarrt. In einem Vorwort heißt es, er könne sich zwar nicht mehr an alle Motive seines Handelns erinnern, doch erinnere er sich genau an die Frauen, die er beschlief: „ihr Gesicht, Teint, Figur, Schenkel, Hintern, Muschi …“, Ebenso wie an die Details der Räume, in dem beide ihre Lust vollzogen, zum Beispiel die „Anordnung von Bett und Möbeln.“ (2)

Die Liebe zum Detail lockt den Zensor

Die Liebe zum Detail ruft stets den Zensor auf den Plan, vor allem dann, wenn sie das sinnliche Erleben oder den sinnlichen Kontakt zu Penissen, Vulven, Brüsten oder dergleichen beschreibt und dabei die erotische Fantasie anheizt. Dies ist zum Beispiel auch der Grund, warum die „Gynecocracy“ (Deutsch meist; „Die Herrschaft der Frauen) ständig auf dem Index landete. In ähnlicher Weise werden die erotisch-flagellantischen Szenen in der „Geschichte der O“ so detailliert beschrieben, dass sich jede Leserin sofort in die Lage der „O“ begeben konnte, um ihre Lüste und Schmerzen nachzuempfinden. Auch dies war dem Zensor ein Dorn im Auge, und daran änderte auch der literarische Wert des Romans nichts. Ich kann mir nicht verkneifen, dabei auf die Oberflächlichkeit der „Shades of Grey“ hinzuweisen.

Wie gehst du mit den Details um?

Wie gehen nun die Autoren damit um? Verklärte Erotik finden wir sogar in Märchen, in denen sie eigentlich keinen Platz hat – weil aber viele Märchen in romantisch behauchten Zeiten entstanden sind, haben selbst die Grimms „verklärte“ sinnliche Szenen in ihre Märchen eingebaut.

Verschleiert wird die Erotik auch im „Hohelied des Salomon“ (3):

Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. Bis es Tag wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.


Versachlicht und gänzlich von der Erotik befreit würde es heißen:

Deine Brüste stehen unter deinen Dessous hervor. Ich will noch vor dem Morgen dein Schamhaar berühren und deine Vulva.

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Wir können aus beiden Texten entnehmen: Sinnliche Verklärungen und detaillierte Versachlichungen werden vom Leser (und der Zensur) hingenommen. Doch sobald du sinnliche Details beschreibst, zum Beispiel, wie sich die Schamlippen öffnen und welches Bild sich dem Liebhaber oder der Geliebten dabei zeigt, werdet ihr beargwöhnt, Pornografie zu schreiben. Die vierte Möglichkeit, sachlich zu verschleiern, wird selten genutzt, weil sie nichts nützt. Ältere „Aufklärungsbücher“ sind voll davon, und früher wurde im Kino „abgeblendet“, sobald Heldin und Held „zur Sache kamen“ – das mögen zwei Beispiele für „verklärende Sachlichkeit“ sein.

Einfach schreiben ... wie man atmet, wie man träumt ...

Wie sieht es aus mit deinen Leserinnen? Wenn sie nicht vor Lust und Begierde die Stelle deines Romans aufschlagen, die bereits markiert ist, werden sie langsam und bedächtig in die Lust hineingezogen, bis sie sich der Faszination deiner Worte nicht mehr entziehen können. Was bleibt dir also übrig, als dich detailliert und bewusst sinnlich in ihr Hirn hineinzuarbeiten? Schau noch mal auf die Grafik: Du musst dich nicht in der unteren rechten Ecke einnisten, sondern hast die gesamte rechte Hälfte zur Verfügung, um dich zu positionieren.

Wahrscheinlich wirst du diesen Weg gehen müssen – und dich an die Worte der Autorin der „O“ erinnern (4):

Ich könnte auch Geschichten schreiben, die Ihnen gefallen …“ … und dann schrieb sie, „zum ersten Mal in ihrem Leben, ohne zaudern, rastlos … sie schrieb, wie man atmet, wie man träumt.“

Vielleicht – solltest du das auch einfach tun?

(1) Walter - Mein geheimes Leben. Ein erotisches Tagebuch aus dem Viktorianischen England.
(2) (Zitiert nach Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens) , Berlin 2014
(3) In mehreren Bibelübersetzungen zu finden, oft auch in prachtvoll gestalteten Büchern.
(4) Wer es tat: Anne Desclos (bekannter als Dominique Aury), die unter dem Pseudonym Pauline Réage im Juni 1954, gut 50 Jährig, den Roman „Geschichte der O“ schrieb. Erst 40 Jahre später, 1994, bekannte sie sich zu diesem großen Werk der Weltliteratur. In verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich. Daraus ist auch das Zitat entnommen.

Weiberherrschaft – ein Meisterwerk der Viktorianischen Erotik

Symbolische Unterwerfung - Korsett und Frauenkleider
In der Viktorianische Ära (1837 bis 1901), wahrscheinlich sogar bis zum Ersten Weltkrieg, schien das Vereinigte Königreich eine Oase des Konservativismus zu sein. Aber gerade in dieser Zeit wuchs unter der Fassade des aufrechten Bürgertums eine ungeheure sexuelle Begierde, die als „erste sexuelle Revolution“ in die Geschichte einging. Und sie spülte allerlei hervor, was sich im konservativen England kaum vorstellen konnte: außerehelicher Geschlechtsverkehr, Flagellationsbordelle, diverse Arten von Prostitution, gleichgeschlechtliche Beziehungen und alle Arten von Geschlechtsverwirrungen.


Begonnen hatte diese Entwicklung in englischsprachigen Ländern bereits gegen Ende des 18.Jahrhunderts begonnen: Zitat (1)

Im späten 18. Jahrhundert entwickelte sich ein reger Handel mit englischer Erotik. Obgleich die Veröffentlichung von Pornografie immer noch illegal war, war sie doch sehr verbreitet. Nun war es auch für Schulmädchen und ländliche Geistliche möglich, kommerziell produzierte erotische Bücher und Illustrationen von nackten Männern und Frauen in fleischlichen Verbindungen mit anderen zu erwerben, und dies in unterschiedlichen Situationen: stehend, liegend, sitzend.


Die erotische Weiberherrschaft

Die erste vollständige deutsche Ausgabe - Privatdruck
Etwa 100 Jahre später erschienen dann Abhandlungen über "sexuelle Abweichungen". Genau in diese Zeit fällt fällt der dreiteilige Roman „Weiberherrschaft“. Um ihn zu verstehen, muss man die Gesellschaftsordnung jener Zeit begreifen: Erotik und Gesellschaftssatire gingen oft eine Verbindung ein, und so ist es auch im vorliegenden dreiteiligen Buch. Der adlige Held wird nach einem peinlichen häuslichen Vorfall einer strengen Gouvernante übergeben, die ihm zum Wohlanstand zurückbringen soll. Ihr Name ist Mademoiselle Hortense de Chambonnard, und sie weiß sehr genau, was sie mit aufsässigen, neugierigen, aber sexuell unerfahrenen jungen Männern tun kann: Frustrieren, Abwerten, Peitschen und Feminisieren einerseits. Und anderseits, sie zu verführen, sie geschlechtlich zu verwirren und mit ihnen die körperliche Liebe auf beiderlei Art zu vollziehen: als Mann und als Frau.

Das Buch - Naivität, sexuelle Neugierde, Geschlechterverwirrung, Flagellation

Es war nicht das erste Werk, das sich der erotischen Flagellation bediente – kurz zuvor (1870) hatte Ritter von Sacher-Masoch sein Buch „Venus im Pelz“ veröffentlicht, und kurz danach hatte Krafft-Ebing (1886) den Autorennamen benutzt, um den Begriff „Masochismus“ in die Welt zu setzen. Das Buch Gynecocracy (Weiberherrschaft) wurde 1893 veröffentlicht (2) – das genaue Erscheinungsdatum ist allerdings nicht eindeutig belegt, da erotische Romane jener Zeit bewusst mit falschen Erscheinungsdaten und unter falschen Verlagsnamen in den Verkehr gebracht wurden. Behauptet wird, es sei von Leonhard Smithers (3) verlegt worden und sei im Buchhandel von Robson & Kerslake (4) erhältlich gewesen. Beide Behauptungen sind sehr wahrscheinlich korrekt, da alle genanten Firmen tatsächlich existierten und für Erotika bekannt waren. Zu erwähnen wäre noch, dass sich die Menschen der damaligen Zeit auf für psychische Phänomene zu interessieren begannen, von der Siegmund Freude erstmals 1896 sprach.

Der Autor - oder waren es gar mehrere?

Das Buch soll 1893 geschrieben und verlegt worden sein. Als Autor gilt der englische Anwalt Stanislas Matthew de Rhodes (2) (1857-1932). Seine Autorenschaft ist zwar nicht unumstritten, jedoch kann man davon ausgehen, dass die drei Bände des Romans von einem intelligenten Menschen mit überschäumender Fantasie und einem Schuss bittere Satire geschrieben wurden. Das deutet wieder auf einen Kreis von gleichgesinnten hin, der ebenfalls typisch für die viktorianische Epoche war, von der wir reden. Um diese Zeit waren Versammlungen von Männern, die gemeinsam tranken, sich an nackten Tänzerinnen ergötzten und erotische Literatur lasen schon sehr etabliert. (3). All diese Männer waren angesehen Bürger und größtenteils Intellektuelle. Es ist möglich, dass Stanislas Matthew de Rhodes das Buch nicht alleine schrieb – darauf deuten stilistische Unterschiede in den drei Teilen hin, wie einige der Herausgeber (2) hervorgehoben haben. Das Kernstück, das die höchste literarische Qualität beinhaltet, ist ohne Zweifel der erste Teil der Trilogie. Der ursprüngliche Titel lautete:

Gynecocracy: A Narrative of the Adventures and Psychological Experiences of Julian Robinson (afterwards Viscount Ladywood) Under Petticoat-Rule, Written by Himself.


Der Autor spelt mit der Geschlechtlichkeit

Der Autor spielt vor allem damit, Geschlechtlichkeit nicht als etwas Gegebenes zu betrachten, sondern als Ausdruck des Verhaltens, der Gesten, der Bekleidung und dergleichen. Wenn der Held von Mademoiselle zu sexuellen Handlungen verführt wird, darf er ein Mann sein, wird er von der Zufallsbekanntschaft Fräulein Stormont verführt, so wir verbal suggeriert, hier fände ein Inzest statt. Und wenn Lord Alfred ihn verführt, werden Anklänge an Homosexualität deutlich, die freilich ebenso willkürlich sind: In Wahrheit ist der „Lord“ eine verkleidete Lady. Hinzu kommen noch erotische Wünsche an und von drei Cousinen (Maud, Beatrice und Agnes) sowie einige strenge Bestrafungen durch die Zofe von Mademoiselle, Elise. Die Titelbilder der Romane täuschen oftmals über den Inhalt, und wer ein sinnliches Werk ohne Homoerotik, skurrile Beziehungen oder Flagellation sucht, sollte es meiden.

Vielleicht kann man sich vorstellen, was in diesem Druckkessel der befremdlichen Erotik alles möglich ist, und in der Tat zieht der Autor alle Register des Sinnlichen, Heftigen und Ungebührlichen … jedenfalls verglichen mit dem, was in in ehelichen Schlafzimmern passierte.

Ausgaben in Deutschland

In Deutschland erschien das Werk angeblich bereits 1906, jedoch ist eine Ausgabe von 1909 bekannter. Man verwendete den Originaltitel, in dem man lediglich den in Deutschland unbekannten Begriff „Under Petticoat-Rule“ (unter der Herrschaft des Rockes) in „unter dem Pantoffel“ ersetzte.

Weiberherrschaft. Die Geschichte der körperlichen und der seelischen Erlebnisse des Julian Robinson nachmaligen Viscount Ladywood. Von ihm aufgezeichnet zu einer Zeit wo er unter dem Pantoffel stand.


Die Ausgabe in der Übersetzung von Erich von Berini-Bell erschien dreibändig und mit Illustrationen versehen 1909 in Leipzig als Privatdruck. Sie wurde als „erste vollständige Übersetzung aus dem Englischen und in gleicher Weise aber auch als „Originalausgabe“ bezeichnet. In einigen der Neuauflagen wird auf die Original-Übersetzung verwiesen, während andere behaupten, überarbeitete Versionen der Übersetzung zu verwenden.

Viele Ausgaben in deutscher Sprache - und immer wieder Indizierungen

Ich bin weit davon entfernt, alle Ausgaben zu kennen. Die erste Neuauflage der Übersetzung von 1909 erschien im Jahr 1969 und wurde wurde offenbar sofort indiziert. Sehr bekannt wurde eine Ausgabe der Heyne EXQUISIT BÜCHER aus dem Jahre 1973, das 288 Seiten stark war und offenbar bis 1979 in siebter Auflage im Handel war. Andere bekannte Ausgaben sind die von Moewig/Playboy (1982) als Gesamtwerk (253 Seiten) und 1991 von Ullstein, wo alle drei Bände separat erschienen. Warum einzelne Ausgaben indiziert wurden und andere nicht, ist mir unbekannt.

Merkwürdigerweise werden in nahezu allen Neuauflagen keine Übersetzer genannt, obgleich die mir bekannten Übersetzungen des Originals recht gut gelungen sind. Es mag sein, dass Änderungen in manchen Ausgaben dazu dienen sollten, der Zensur zu entgehen, denn alle drei Bände, wie auch das Gesamtwerk wurde mehrfach indiziert 5). Die recht detaillierten Beschreibungen der erotischen Vorgänge sprechen jedoch dafür, dass keine Überarbeitung so „weich gespült“ werden konnte, dass sie den Kriterien der Moralwächter entsprach.

Im Grunde ein zeitgeschichtliches Dokument mit überhitzter Erotik

Das Werk sollte heute als zeitgeschichtliches Dokument gelten. Es mag erotisch überhitzten Hirnen entstammen, aber es ist dennoch – oder gerade deswegen - ein Zeitdokument. Und es wurde so oft kopiert (6) und umgeschrieben wie kaum ein anderes erotisches Werk - sogar vom mutmaßlichen Schöpfer selbst, der als „M. Le Comte Du Bouleau“ 1898 die Novelle „The Petticoat Dominant“ schrieb.

Quellen:

(1) The Origins of Sex, London 2012, Seite 348.
(2) Gynecocracy, Neuauflage des Originals, erschienen 2011, Vorwort.
(3) The Origins of Sex, London 2012, Seite 344.
(3)Leonhard Smithers. https://en.wikipedia.org/wiki/Leonard_Smithers
(4) Robson & Kerslake waren bekannt dafür, erotische Übersetzungen und Originalwerke zu vertreiben.
Weitere Erwähnungen in: Clandestine Erotic Fiction in English 1800–1930: A Bibliographical Study by Peter Mendes
(5) Erich von Berini-Bell, Weiberherrschaft, indiziert 1969
(6) z.B. Don Brennus Aléra: Fred / Frederique
Der Urheber des Titelbilds ist unbekannt.




Erotische Geheimbünde – ein Thema für dich?

Dieser Artikel handelt davon, wie du „heftige“ erotische Themen in einem anderen Gewand präsentieren kannst und damit dem Vorwurf entgehst, eine „Pornografin“ zu sein.

Erotisches Femegericht
Es gibt zahlreiche Romane aus alten wie aus neuen Zeiten, bei denen es an der Oberfläche um Mystik oder Esoterik geht, die in Wahrheit aber erotische Praktiken darstellen, die ohne diese Umhüllung aber zweifellos als Pornografie eingestuft würden. Soweit diese Romane nicht in der Gegenwart spielen, handeln sie zumeist von verbotenen oder weitgehend verpönten Aktivitäten, am häufigsten von Gruppen, die von „freier Liebe“, meist weiblicher Homosexualität oder erotischer Flagellation geprägt sind. Dazu kommen wirkliche oder vermeintliche Geheimbünde, die erotische Gericht (Pseudo-Femegerichte) betrieben und sich in diesem Zusammenhang auch mit schweren Körperstrafen oder der Folter beschäftigen.

Die Gegenwart - es gibt noch Geheimbünde

In der Gegenwart sind religiöse, esoterische und psychologisch orientierte Geheimbünde bekannt geworden, die teils rigide, teils aber auch sanft-erotische Rituale praktizieren. Auch abgespaltene Teile der BDSM-Szenerie haben sich wieder in den Untergrund zurückgezogen.

Rituale - verbreitet bei sogenannten "Hexen" und im Voodoo-Kult

Außerdem gelten manche nicht-erotische, aber rituell geprägte Gemeinbünde, wie Voodoo oder Hexenkult, als Brutstätten erotischer Fantasien. In dem Zusammenhang, den wir hier betrachten, spielt keine Rolle, ob es sich dabei um Tatsachen oder Behauptungen handelt. Schließlich befinden wir uns im Bereich der erotischen Literatur, in der manches erlaubt ist, was in der Realität eher befremdlich wäre.

Insbesondere Geheimkulte, die von sogenannten „Hexen“ oder allgemein von Göttinnen und ihren Dienerinnen ausgehen, haben eine magische Anziehungskraft auf Leserinnen. Die liegt vermutlich an den Ritualen, die in ihnen praktiziert werden. Erstaunlicherweise hat auch „Voodoo“ wieder an Bedeutung gewonnen, als bekannt wurde, dass aus Afrika stammende junge Frauen sich unter Einwirkung des Voodoo-Zaubers prostituierten.

Die "üblichen Verdächtigen": Internate und Erziehungsanstalten

Mysterien und Gerüchte gehen aber auch von Internaten, geschlossenen Frauen- und Männerzirkeln, Erziehungsanstalten und Zuchthäusern aus. Werden die erotischen Komponenten geschickt verpackt, entgehen sie so der Kritik. Das „Picknick am Valentinstag“ ist so ein Buch, bei dem die lesbische Grundtendenz soweit mystifiziert wurde, dass sie sogar manchen Literaturkritikern kaum auffiel.

Wie geheim ist der erotische Geheimbund?

Zunächst einmal sind Geheimbünde deswegen geheim, weil kein Außenstehender etwas von den dort vollzogenen Praktiken wissen soll. Deine Geschichte kann also so unglaubwürdig sein, wie du sie anlegst: Weil ein Geheimbund eben „geheim“ ist, weiß niemand etwas davon außer deiner Figur, die mitten drin steckt. Dennoch kannst du gelegentlich auf ähnliche mysteriöse Fälle in Gegenwart und Vergangenheit hinweisen.

Öffentlich sichtbare Organisationen mit inneren Geheimbünden

Manche Organisationen hüten Geheimnisse, die nur einem inneren Kreis offen stehen, die aber auch einen öffentlichen zugänglichen Teil haben. Im Inneren besteht dann eine geheime „Schnittstelle“, über die neue Mitglieder für einen „inneren Zirkel“ rekrutiert werden. Diese Themen sind aus der Esoterik- und Psycho-Bewegung bekannt.

Nicht geheim, aber dennoch verborgen

Nicht alle Geheimbünde haben tiefe, alte Wurzeln. Der Sinn neugegründeter Gruppen besteht zumeist darin, gewisse Rituale und erotische Praktiken auszuüben, mit denen die Mitglieder in der Öffentlichkeit nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Dagegen spricht nichts, solange sie nicht gegen Gesetze verstoßen oder versuchen, Außenstehende zu rekrutieren und für ihre Zwecke zu nutzen.

Die Attraktion der erotischen Geheimbünde - heute

Die erotischen Geheimbünde der Vergangenheit standen unter dem Verdacht, für ihre Zwecke Mitglieder aus niederen Ständen zu rekrutieren, die vom Luxus oder der Magie geblendet waren. Hingegen versuchen Psycho- und Esoterik-Sekten besonders attraktive Personen aus der guten Gesellschaft zu überreden, Mitglieder zu werden. Einige der neu entstandenen heutigen Geheimbünde werden verdächtigt, kriminelle Machenschaften zu decken – auf dieses Feld begebt ihr euch besser nicht – es sei denn, ihr schreibt Krimis, die voll davon sind.

Es gibt zwei wichtige Fragen, die ihr beantworten müsst, bevor ihr einen erotischen Roman in das Milieu der Geheimbünde verlegt:

1. Welche dieser Gruppen sind euch bekannt, oder wie könnt ihr Informationen über die wirklichen oder vermeintlichen Rituale bekommen?
2. Wie kommt eure Figur in die Nähe dieser Gruppen, und auf welche Weise wird sie in den „inneren Zirkel“ aufgenommen?

Wenn ihr auf beide Fragen eine Antwort wisst, kann es losgehen. Eure Story kann vom langsamen Untergang (möglicherweise mit später Errettung) handeln, eventuell auch davon, das Leben in der Geheimgesellschaft zu genießen oder gar vom Aufstieg in der Hierarchie der Gruppe.

Bild: (Femegericht) by Jim Blake (Pseudonym)

Dieser Artikel muss hier nicht beendet werden – ihr allein entscheidet mit euren Klicks, ob wir die Hintergründe oder gar Textbeispiele veröffentlichen. Eines kann ich euch schon jetzt verraten. Die Hintergründe sind höllisch heiß – und wir kommen dabei in die Nähe von Sadistinnen, Foltermägden, Geheimdienstmitarbeiterinnen, gleichgeschlechtlichen Verführerinnen und den Priesterinnen vorgeschichtlicher Gottheiten. (Wen die weibliche Form stört – denkt daran, dass ihr überwiegend für Leserinnen schreibt).

Peinlichkeiten, Schmerzgrenzen und Denkverbote

Sex ist normalerweise nicht tabuisiert - oder etwa doch?
Die eigentliche Pornografie in den Medien findet dort statt, wo man sie nicht vermutet: in Kriminalromanen und Fernsehkrimis. Der Tod und der Sex scheinen zwei der Komponenten zu sein, aus dem sich eine heiße Suppe kochen lässt. Und dies natürlich besonders dann, wenn sich entweder der Kommissar und das Opfer kannten oder der Kommissar die Hauptverdächtige intensiv vögelt. Ganz moderne Autoren verbinden sogar den neuen, ansonsten sexresistenten Sherlock Holmes mit einer Domina – ähnlich wie sich die Autoren von „Professor T.“ eine solche einfallen ließen.

Die Autorin Ines Witka schreibt:

Erotik … wird gepaart mit Aggressivität, Sadismus, mit Wahn, mit Religiosität, mit Spiritualität, mit Tragik, mit Schmerz … (es folgen weitere Begriffe).


Gut, war es das schon?

Nein, Frau Witka hat festgestellt:

Gewalt und Sexualität werden häufig in der Genre-Literatur der historischen Romane, der Horrorgeschichten, Science-Fiction- und Fantasy-Romane miteinander verbunden.


Es geht nicht darum, was du schreibst - sondern wie du es nennst, was du schreibst

Und nun kommt es ganz dick: Wenn du einen Sex-Roman schreibst, und dort gewisse Grenzen überschreitest, wirst du beschimpft, diffamiert und möglicherweise auch heute noch zensiert. Schreibst du jedoch über „etwas anderes“, dann „darfst“ du Versklavungen, Nötigungen, Vergewaltigungen und Folter als Stilmittel einbauen.

Wo die Tabus und Stolpersteine liegen

Peinliches, Gewaltsames, Bisexuelles - alles tabu?

Beginnen wir mal bei den Peinlichkeiten: Was dir als Autorin „peinlich“ ist, kann für andere sehr erhellend sei – oder deine Leser(innen) auch anregen – sie müssen nicht das Gleiche fühlen wie du. Dabei kannst du es so halten: Wenn du dich schämst, über etwas zu schreiben, kannst du diese Schamhaftigkeit auch auf deine Figur übertragen. Der kleine Unterschied: Du würdest dich schämen, „es“ zu tun, aber deine Figur wird es tun, nachdem sie ihre Scham überwunden hat. Es ist schreibtechnisch völlig unerheblich, ob es sich dabei um die „Aufnahme“ bei Fellatio oder um den Einsatz von „Natursekt“ handelt.

„Peinlich“ kann alles sein, was einen gewissen Widerstand in uns erzeugt – es kann sich dabei um eine Lappalie im Verhalten handeln oder um eine große Herausforderung. Und unsere Leser(innen)? Sie sind neugierig, wie Scham, Zurückhaltung und Peinlichkeit überwunden und in Lust verwandelt wird.

Geistiger Stacheldraht: Hürden, zu deren Überwindung Mut gehört

Es gibt zwei Tabus, die mit Vorliebe gebrochen und deren Tabubruch teils genossen, und teils verteufelt wird: körperliche Gewalt (auch spielerische) jeder Art und homosexuelle Kontakte unter Heterosexuellen.

Auch für diese Themen gilt: Falls du einen Roman über „etwas Anderes“ schreibst und die eine oder andere sexuelle Gewaltszene darin vorkommt, bist du entlastet. Das Gleiche gilt für zufällige männlich-homosexuelle (im Volksmund auch „bisexuell“ genannte) Aktionen in einem heterosexuellen geprägten Umfeld.

Solltest du aber einen Roman schreiben, in dem du deine Figuren ausschließlich am „sexuellen Abgrund“ wandeln lässt, giltst du als „Pornograf(in)“ und wirst entsprechend abgewertet. Dabei muss dein Roman nicht einmal „Sex- oder Gewaltszenen“ aneinanderreihen. Es reicht völlig aus, wenn deine Kritiker ein paar Haare in der Suppe finden – meistens Schamhaare.

Frauen und Männer – die neue Spaltung mit neuen Tabus

Seit das moderne „Neusprech“ mit seiner sozialen Korrektheit und dem Wort “Sexismus“ in Mode gekommen ist, gibt es Neo-Tabus, die zumindest für hocherotische Liebesromane oder bewusst pornografische Romane gelten. Eines davon ist, weibliche Figuren nicht durch Männer in Körper, Geist und Emotionen verletzen zu dürfen. Sicher gibt es Schlupflöcher, aber zunächst entsteht ein neues Tabu. Im Gegenzug wurden Romane enttabuisiert, in denen Männer durch Frauen geistig, körperlich oder emotional bezwungen werden. Dieser Prozess ist immer noch nicht beendet. Ähnlich kontrovers verhält es sich übrigens mit der homosexuell geprägten Literatur: Was zwischen Männern geschieht, solltest du nicht unbedingt heftig und konsequent schildern – es stört immer och viele Menschen (nicht nur Männer). Hingegen kannst du inzwischen jede Art von lesbischen Begegnungen in hellen und dunklen Farben ausmalen – es stört niemanden mehr.

Bekanntermaßen moralisiere ich nicht – und Tendenzen in der erotischen Literatur gab es schon immer. Es ist einfach so: Das glatteste Parkett, das du gegenwärtig betreten kannst, ist der eindeutig erotische Roman, in dem es um Sadismus, Masochismus, verschiedene Formen körperlicher und emotionaler Gewalt oder um bisexuelle Kontakte geht.

Bild oben: nach einer französischen Zeichnung, retuschiert.
Zitate: Ines Witka: "Dirty Writing", Tübingen 2015.