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Erotik und Pornografie des Schreibens

Keine Pornografie - sondern Gefühle

„Deshalb nicht Häufung von Wollustszenen, sondern Steigerung, vom zartesten Pianissimo bis zum kräftigsten Fortissimo, vom andante con moto bis zum presto vivace.“ (1)

Mit dem zitierten Satz beschreibt der Kritiker Dr. Paul Englisch ganz grob den Unterschied zwischen einer pornografischen Schrift und einer erotischen Schrift.

Zu der Zeit, als Englisch dies schrieb, waren nahezu alle erotischen Schriften „Märchen für Erwachsene“, die sich an der Lust ihrer Protagonisten ergötzen wollten. Deshalb bemerkt er auch, dass alles, was in den Schriften geschieht, völlig problemlos vor sich geht – die „Objekte der Lust“ sind stets vorhanden, verführbar und höchst zufrieden mit dem, was an ihnen getan wird.

Erotik neu angestrichen, aber mit altem Putz

Alles, was Dr. Englisch einst beschrieb und bemängelte, existiert noch heute, wird ständig neu abgekupfert, aufgelegt und modernisiert. Da wäre einmal die „Aneinanderreihung sexueller Vorgänge“, die schon bald darin mündet, dass die Autoren in Formulierungsnot geraten.

Zum Zweiten hätten wir die sinnlichen Verführungen, die nahezu schrankenlos zum Ziel führen. Relativ neu, jedenfalls, was die Menge der Schriften anbelangt, sind all die zarten oder gar groben Verführungen zu allem, was das Lexikon der Perversionen hergibt. Und ganz hinten, sozusagen am Ende der Warteschlange, stehen die wenigen Werke, die literarische Qualitäten haben.

In ihnen wird der Zugang zu Liebe, Lust, Leidenschaft und Wollust nicht ausschließlich „barrierefrei“ geschildert. Grob gesprochen könnten wir dies als „Zwiespalt der Gefühle“ beschreiben, in denen insbesondere die jungfräuliche, zurückhaltend und konservativ erzogene junge Frau in einen Konflikt zwischen Tugend und Wollust gerät, doch auch andere Paarungen des Zwiespalts sind möglich: Angst kontra Abenteuerlust. Schamhaftigkeit kontra Begierde, Fantasie kontra Realität.

Was können wir als Autorinnen und Autoren tun, um dem „Pornografievorwurf“ zu entgehen? Wie können wir vermeiden, Sexszenen aneinanderzureihen? Wie schaffen wir eine Literatur, in der sinnliche Konflikte und Widerstände eher die Regel als die Ausnahme sind?

Dazu müssen wir uns mit unserer eigenen Rolle auseinandersetzen, aber auch mit der Technik, die wir beim Schreiben vorwenden.

Die Rolle des Voyeurs

Der Schriftsteller übernimmt im erotischen Roman oftmals die Rolle eines Voyeurs, der gewissermaßen wie durch ein Schlüsselloch auf die Szenerie blickt. Dadurch entsteht, wie könnte es anders sein, der „pornografische Blick“. Wesentlich günstiger wäre es nun, wenn er seinen Gestalten „unter die Haut“ kriechen würde und uns einen Einblick in das bewegte Gefühlsleben während der Beobachtungen geben würde. Damit würde er nicht nur dem Pornografievorwurf entgehen, sondern dem Leser auch „auf die Pelle rücken“, sodass sich dieser mit den Personen identifizieren könnte. Am besten aber wäre, er würde höchstselbst in die Rolle seiner Heidinnen und Helden schlüpfen, um uns teilhaben zu lassen an dem, was diese sehen, fühlen und empfinden.

Pornografie: das reine sexuelle Geschehen

Der Schilderungen des reinen sexuellen Geschehens begegnen uns immer wieder bei den jungen Leuten, die heute versuchen, erotisch Literatur zu schreiben. Ich bin mir nicht sicher, woher diese Einstellung rührt: Mag sie einerseits auf den schlechten Umgang der Schule mit dem Medium „Aufsatz“ zurückzuführen sein, so kann sie andererseits aber auch aus der Verbalisierung virtueller Inhalte herrühren, die Jugendliche wohl aus pornografischen Filmen adaptieren.

Kurz und schlecht: In diesen Geschichten wird der „Schlüsselloch-Voyeur“ aktiviert, der „eine geile Szene“ lesen will, die sich durch kaum mehr auszeichnet, als dass Münder, Zungen, Brüste, Vaginen, Penisse und Rosetten in immer neuen Variationen zueinanderfinden.

Erotisch: Komponenten des Sinnlichen hinzufügen

Besser schon sind sinnliche Schilderungen einer kompletten erotischen Szenerie, die ebenfalls noch voyeuristisch geprägt sind. Da schieben sich lüsterne Hände nach und nach unter ein langes, gleichwohl geschlitztes Abendkleid, dort wird die Berührung einer Frauenbrust plastisch und zeitenlupenhaft geschildert. Am Ende wird viel Zeit darauf verwendet, den eigentlich recht kurzen Liebesakt möglichst sinnlich und ausgiebig zu beschreiben. Der optimale Zustand wird dann erreicht, wenn der Leser sich vollständig in die Szene hineinfühlt. Diese Vorgehensweise ähnelt dem erotischen Tanz einer Striptease-Tänzerin, die sich den BH in einer Weise absteift, dass der männliche Voyeur glauben soll, es seien seine eigenen Hände, die die Brüste berühren dürfen.

Das reicht möglicherweise aus, um „erotische Geschichten“ zu schreiben, aber nicht, um literarische Ansprüche zu erfüllen, wie sie Kritiker und Zensoren haben.

Wie entsteht nun in den Augen der Zensur (hierzulande gerne als „Jugendschutz“ bezeichnet), aber auch bei Literaturkritikern, der Eindruck eines kulturell hochwertigen Werkes?

Literarische Lust: Gefühlsebenen aktivieren

In der Regel dadurch, dass eine neue Ebene aktiviert wird, die unmittelbare Gefühlsebene der handelnden Person. Dann erlebt der Leser nicht mehr, wie eine Hand unter einen Rock geführt wird, sondern wie es sich anfühlte, wenn „seine kalte Hand langsam, aber unnachgiebig an der Innenseite meines linken Oberschenkels nach oben kroch, stetig und fordernd. (5)“

Das könnte textlich dann so fortgesetzt werden:

Es war nicht die Hand selbst, die da langsam zu erforschen versuchte, ob sich meine Schenkel spreizen oder schließen würden. Es war die Kälte und Heimlichkeit, mit der sie sich bewegte, so, als würde sie nicht zu der Person gehören, die neben mir saß. Eine Person, die ich mir ins Haus geholt hatte, die ich begehrte … nein, nicht nur. Ich war geil auf sie.


Wenn du die Autorin bist, kannst du nun beschreiben, wie du den inneren Konflikt auflöst. Dadurch wird die erotische Spannung erhöht, zugleich aber auch die Beteiligung der Leserin erzwungen: Denn nun fragt sie sich: Oh, was würde ich wohl tun? Würde ich die Hand nun schroff zurückweisen, das langsame Vordringen trotz meines Unbehagens zulassen oder eigene Wünsche anmelden?

Du siehst, du hast viele Möglichkeiten, erotisch zu schreiben und dich doch auf einer lebensnahen, so gar nicht pornografischen literarischen Ebene zu bewegen. Der Zwiespalt der Gefühle ist dabei ein wundervolles Stilmittel, um dem Pornografievorwurf zu entgehen.


Übrigens müssen deine Heldinnen und Helden nicht immer sofort ihre Ziele erreichen – eine Verzögerung im Ablauf oder gar ein Wandel eignet sich sehr gut, um die Spannung zu steigern und die erotische Geschichte auf ganz andere Art fortzuführen.

Nicht gradlinig, sondern mit erotischem Sinneswandel

Vielleicht kannst du dir vorstellen, wie diese Situation ist: Du amüsierst dich innerlich trotz einer gewissen Erregung über den noch jungen Mann, der so heimlich, still und unbeholfen versucht, dich intim zu berühren. Du könntest dies alles schildern und warten, bis er auf Fingernagelnähe an sein Wunschobjekt herankommt - und dann bekommt er eine Ohrfeige, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Der junge Mann wird dies nicht verstehen und sich nun selber in einem Zustand des Zwiespalts befinden. Auf dieser Basis kannst du nun verschiedene Wechselbäder der Gefühle beschreiben, denn was er von jetzt an auch tun wird: Recht machen kann er es deiner Heldin nie mehr.

Trick und Kunst: Psychologie in die Erotik einführen

Übrigens sind ständige Zwiespalte und Gefühlsschwankungen ebenfalls ein sehr beliebtes Thema jener erotischen Literatur, die nicht unter „Pornografieverdacht“ steht. Sobald du dein erotisches Thema mit Psychologie verschleierst, steigst du in eine neue Liga erotischer Autoren auf. Eines dieser Themen heißt „durch Doppelbindung ständig unsicher über die eigenen Gefühle zu sein.“ Darüber zu schreiben, setzt so gut wie keine fundierten psychologischen Kenntnisse voraus.

(1) Andate con moto - bewegt voranschreiten, hier als sinnlicher Einstieg gemeint. Presto Vivace - schnell und lebendig, hier als erotischer Höhepunkt gemeint.
(2) "die "selbsttätige Hand" wird hier als Stilmittel benutzt, wie aus dem Folgetext hervorgeht)
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in der "Liebeszeitung" unter einem anderen Titel. Er wurde im November 2014 völlig neu bearbeitet.