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Fragen und Antworten zu „Shades of Grey“

Was der Boulevard zu den "Shades of Grey" meint, interessierte unseren Redakteur nicht. Vielmehr waren es die literarischen und psychologischen Hintergründe, die er untersuchte - vom Marquis bis zur Masturbation nach literarischer Vorlage.

Schon im 19. Jahrhundert: die Lüste der Frauen werden durch Bücher geweckt und verstärkt
1. Haben die Shades of Grey etwas mit Sadismus nach dem Marquis de Sade zu tun?
Nein. Erstens war der Marquis ein bedeutender Schriftsteller, der den Finger in die Wunden seiner Zeit legte, und kein Groschenroman-Schreiber, und zweitens hat das Geplänkel zwischen Mr. Grey und Ms. Steele wenig mit Sadismus zu tun.

2. Und wie ist es mit dem Masochismus?
Der Masochismus (nach Leopold von Sacher-Masoch) wurde ausführlich im Roman „Venus im Pelz“ beschrieben. Sicher gib es ein paar Anklänge, aber das ist auch alles. Masochistisch zu sein oder eine solch Neigung zu haben, ist ein sehr kompliziertes innerpsychisches Phänomen, zumal wenn es mit Lust und Leidenschaft verwoben ist. Das Buch „Shades of Grey“ zeigt diese Neigungen nicht einmal in Ansätzen.

3. Wie ist es mit der Psychologie von Mr. Grey?
Die Autorin des Buches verwendet ein billiges Klischee: Wer in der Jugend, insbesondere in der Pubertät, Lust und Schläge kennengelernt hat, wird entweder zum Sadisten oder zum Masochisten oder zum Sadomasochisten. Das hat bisher niemand bewiesen – entsprechende „klinische Fälle“ zählen nicht, da nur Extremfälle beim Psychiater oder Psychotherapeuten landen.

4. Und was bewegt eine Frau wie Mrs. Steele, sich zu unterwerfen?
Die Psychologie von Frau Steele versinkt in dem Grauschleier von Kitsch, der das ganze Buch einnebelt. Dabei wäre sehr interessant, darauf einzugehen. Im Grundsatz ist die Steele im Buch ein Sugar Baby, das genießt, von einem reichen Mann begehrt zu werden – und eben auch ein bisschen unter seien Wünschen leidet. Man könnte dies durchaus als „nuttenhaftes Verhalten“ bezeichnen, was die Autorin allerdings geschickt zu verhindern weiß. Ohne die sogenannte „BDSM“-Einlage und das Brimborium um die Beziehung und den „Kontrollfreak“ Grey würde aber deutlich: Da schläft sich eine Cinderella in die Welt der Reichen.

5. Welche psychologischen Grundlagen hat die Unterwerfung?
Das ist in diesem Fall ganz einfach zu beantworten: Es ist die Lust vieler Frauen, sich in etwas „hinziehen“ zu lassen und sich hernach als „nicht verantwortlich für das Geschehene“ zu erklären. Die Feministinnen lehnen solche Betrachtungsweisen allerdings im Grundsatz ab, sodass sich diese einfache Wahrheit nicht überall durchsetzen kann.

6. Die BDSM-Community kritisiert die Shades of Grey – warum?
Die BDSM-Community kritisiert, dass im Buch nicht alles nach ihren Regeln verläuft und teilweise unsägliche Szene (zum Beispiel der Hieb auf die Vulva) geschildert werden. Die Probleme liegen aber vor allem darin, dass die „Shades of Grey“ ein Flickwerk aus verschiedenen Sex- und SM-Elementen ist – und ein Teil davon ist der Sklavenvertrag. Er ist das Hauptangriffsziel der SM-Leute. Allerdings ist die Frage, warum sich die Szene überhaupt einmischt – sie überschätzt sich offenbar in ihrer Bedeutung.

7. Ist das Buch frauenfeindlich?
Diesen lächerlichen Vorwurf hört man oft – er kommt weitgehend von akademisch-feministischer Seite. Wie kann ein Buch „frauenfeindlich“ sein, dass von einer Frau geschrieben wurde, nahezu ausschließlich von Frauen verschlungen wird und das offensichtlich Gefühle anspricht, die diese Frauen haben?

8. Ist das Buch erotisch oder pornografisch?
Nur sinnliche Bücher können erotisch sein, und nur Bücher, in denn Sexszenen aneinandergereiht werden, sind pornografisch. Beides trifft auf die „Shades of Grey“ nicht zu. Das Buch ist, im Gegenteil kitschig-romantisch – echte Emotionen, gleich, welcher Art, werden kaum deutlich. Insofern ist das Buch nicht einmal „begrenzt erotisch“ – und selbstverständlich kein Soft-Porno, wie man oft liest.

9. Warum regt das Buch dann Frauen dazu an, sich in SM-Szenen hineinzuträumen und über den Inhalt zu masturbieren?
Ganz einfach – weil das Buch manche verdeckte Fantasie freilegt, so absurd sie auch sein mag. Man Frauen jahrhundertelang eingeredet, dass keine Frau dieser Erde Unterwerfungsfantasien hat. Die Feministinnen haben die fantasievolle Bereitschaft zur Unterwerfung sogar als eine bösartige Männererfindung bezeichnet. Sie ist aber da - auch wenn sie unerwünscht ist.

10. Versuchen Frauen, die Fantasien in die Realität umzusetzen?
Manchmal – und je intellektueller und selbstbewusster die Frauen sind, umso mehr. Aber das alles hat nicht viel mit den „Shades of Grey“ zu tun. Dieser Wunsch war schon vorher da. Ein Aschenbrödel wie Ms. Steele passt eher nicht in die Rolle einer Frau, die versucht, SM-Szenen zu realisieren.

Bild: Antoine Wiertz, Die Lesende, unterer Ausschnitt, in dem der Teufel der nackten Lesenden die wollüstigen Bücher anreicht, unter anderem die "Antonine" (1849)von Alexandre Dumas, das damals als höchst unsittlich galt.

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1. Keine Jungfrauen, bitte

Bitte sorgen Sie dafür, dass keine ihrer Heldinnen Jungfrau ist. Eine Jungfrau und s/m (d/s) ist so albern, dass die Hühner gackern. Sagen sie jetzt nicht: „Das sind doch alle Hühner, die so etwas lesen.“ Selbst wenn Sie recht damit haben sollten.

2. Keine Albernheiten mit „Chinesischen Liebeskugeln“

Eine der lächerlichsten Stellen in den „Shades of Grey“ ist der Mega-Orgasmus mit Liebeskugeln. Dass diese Kugeln den Orgasmus akut fördern, glauben vielleicht ein paar gefrustete Mamis in mittleren Jahren, aber keine Frau, die es ausprobiert hat.

3. Keine Psycho-Rechfertigungen

Wenn Sie Psychologie in Ihren Romanen verwenden, dann bitte solche, die aktuelle Gefühle betreffen. Den Trick mit dem Rückgriff auf Väterchen Freud haben Autoren schon immer verwendet – sozusagen als wissenschaftliche Adelung des Verhaltens. Das ist Bullshit – jedenfalls für Leserinnen und Leser, die in die Charaktere hineinkriechen wollen. Klar – E .L. James schreibt für Frauen, namentlich für Frauen, die über Unterwerfungen fanatisieren. Da kann sie das Verhalten von Mr. Grey mal auf Mr. Freud abwälzen. Wie billig – und niederträchtig zugleich.

4. Freude, Lust, Wollust?

Die Schwäche von E. L. James ist bekannt: Es ist der Umgang mit Gefühlen. Offenbar sind die Muttchen, die sich an den „Shades“ ergötzen, so fasziniert von dem Cinderellamärchen, dass sie gar nicht merken, wie sie verarscht werden: keine Gefühle von niemandem – keine Gefühle für jemanden. Wenn man schon über s/m oder d/s schreibt, dann bitte so, dass man von den Gefühlen sanft und hart angehaucht oder eben auch durchgerüttelt wird.

5. Ein wenig Realitätssinn

Klar – fast alle erotischen Romane sind Märchen für Erwachsene. Warum auch nicht? Aber das bedeute nicht, dass Sie die Realität beim Schreiben ganz in die Ferien schicken sollten. Ob Ihre Heldin nun schlicht und einfach nach Herzenslust vögelt, sich vögeln lässt oder ob sie sich mit den härteren Wonnen der Lust beschäftigt: Irgendwie muss noch nachvollziehbar sein, was im Bett, in der Badewanne oder am Andreaskreuz passiert. Schmerz bedeutet nicht, mal richtig „Aua“ zu schreien – es ist ein Prozess, der durch „Mark und Bein“ geht.

Kreativ schreiben in der erotischen Literatur?

Kreativ schreiben: die Charaktere entwickeln die Geschichte ...

Sollten Sie "kreativ schreiben" in der erotischen Literatur? Und falls ja, was bedeutet das für Sie?

Erster Teil: Theorie - warum Gefühle (fast) unbeschreiblich sind

Wer sich fragt, was „kreatives Schreiben“ für einen erotischen Schriftsteller bedeutet, sollte sich zuvor die Frage beantworten können, was „Schreiben“ im Sinne eines gedanklichen Prozesses sein könnte.

Um eine Antwort zu finden, will ich Ihnen einen Satz zum Überdenken geben, der zwar sehr alt ist, heute aber noch seine gesamte ursprüngliche Bedeutung behalten hat (1):

Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen!
Spricht die Seele so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.


Sie erkennen daraus: Über die Psyche, also denjenigen Teil unseres Gehirns, der die Emotionen beinhaltet, vermochten sogar Goethe und Schiller kaum zu schreiben.

Nun stelle ich Ihnen die Frage: Warum ist das so, und wie kann ich es als Autor dennoch ändern?

Um das zu erklären, müssen wir die Nachrichtentechnik bemühen, weil uns die Psychologie die Antworten verweigert. Kybernetiker hingegen haben wissenschaftlich recht gut definiert, was beim Schreiben geschieht. Ich zitiere hier aus einem meiner Kommunikationsseminare:

Das geschriebene Wort steht digital (in Zeichen), der Gedanke aber vorerst nicht. Wir können sagen, dass Gedanken im Ansatz, vor allem aber Empfindungen, zunächst gar nicht in Zeichen (Worten) stehen, sondern „analog“, also in „sich ständig ändernden Größen“ steht.

Beim Schreiben beginnt also ein Umsetzungsprozess, den der Nachrichtentechniker Analog-Digitalwandlung nennt.

Sie bezweifeln dies? Sehen Sie, auf einer CD befindet sich nichts, was mit Musik auch nur die geringste Ähnlichkeit hat. Ein Analog-Digitalwandeler hat bewirkt, dass die Musik auf die CD wanderte, ein Digital-Analogwandeler bewirkt bei Ihnen zuhause, dass etwas erklingt, was Sie für Musik halten.

Wie ist es beim Schreiben? Etwas problematischer, fürchte ich.

Ihr „eingebauter“ Gedankenwandler ist nämlich einmalig. Die Art, wie Sie ihrer Gefühle in Ihre Worte wandeln, ist typisch für Sie. Viele Autorinnen und Autoren können es gar nicht. Sie scheitern also daran, Gefühle in Sprache zu verwandeln. Ihnen bleibt nur übrig, Gefühle auszuspannen oder auf Klischees (gegebenenfalls Kitsch) zurückzugreifen.

Nehmen wir an, Ihr persönlicher Gefühlswandler funktioniere perfekt. Sie würden genau das Schreiben, was ihre Heldinnen und Helden fühlen, und sie würden sich dabei wirklich an authentischen Empfindungen entlanghangeln. Wäre das ideal?

Möglicherweise. Vielleicht aber auch nicht. Denn nun gehen Sie, wie wir alle, davon aus, dass die Rückwandlung, also der Digital-analog-Wandler ihrer Leserschaft, genau das Gleiche wieder abbildet, was Sie sich an zutreffenden Gefühlen erdacht hatten. Tut er aber nicht, denn er arbeitet genau so individuell unterschiedlich wie Ihr eigener Wandler.

Stark vergröbert könnten wir daraus dies entnehmen:

- Was im Kopf geil ist, kann auf Papier lustlos wirken.
- Was auf Papier als lustvoll erscheint, kann im Kopf des Lesers Unbehagen auslösen.
- Je mehr wir es schaffen, die Psyche unsere Leser anrühren, umso mehr Chancen haben wir – unabhängig von der beabsichtigten Wirkung – in ihnen Emotion auszulösen.

Wenn Sie dies verinnerlicht haben, können Sie zu Schritt zwei gehen: Was macht eigentlich „kreatives Schreiben“ aus? Und wie schreibt man „kreativ“ über erotische Themen?

(1) Wahlweise Goethe oder Schiller zugeschrieben, fällt in jedem Fall in deren Zeit.

Die Psychologie des inneren Konflikts - und seine erotische Darstellung

Erotische Konflikte - streben nach Wollust und Angst davor, sie zu genießen

Ein Teil der Spannung in guten erotischen Romanen entsteht aus den Konflikten, die im Inneren der Person ablaufen, nicht in den äußeren Umständen. Gewiss kann man beide kombinieren, doch wir wissen aus kitschigen Liebesromanen, wie oft solche Situationen unnötigerweise effektheischend dramatisiert werden. Sobald etwas „Entscheidendes auf dem Spiel steht“ oder „ein unausgesprochenes Geheimnis zwischen beiden steht“ ist der dramatisierend Kitschfaktor nicht weit, der dem „Schicksalsroman“ anhaftet.

Ich rate sehr dazu, ein anderes Verhältnis zur „Spannung“ zu finden als beispielsweise in üblichen Schicksalsromanen, in der eine ziemlich willkürliche „Bedrohung von außen“ als Stilmittel verwendet wird.

Sehen Sie, wenn Sie eine „äußere Bedrohung“ durch das Schicksal in Ihre Geschichte einbauen, dann „fiebern“ die Leserinnen und Leser vielleicht mit der Heldin, bleiben aber als Person „außen vor“. Sie können sich schon deshalb nicht mit der Heldin identifizieren, weil die Geschichte zu unirdisch, zu fantastisch und vor allem zu dramatisch ist. Man sagt, wenn eine Geschichte zu sehr aufgebauscht wird, dann weicht das Innere selbst der Leserin vor der Heldin zurück. Sie distanziert sich also, obgleich sie die Spannung liebt. Kann sie aber in die Lüste der Heldin hineingleiten, weil ihr der geschilderte Konflikt Ansätzen vertraut ist, so lässt sie zu, dass sie das Geschehen tatsächlich berührt.

Erotische Konflikte: Mehr als nur Treue und Untreue

Überwiegend wird das Konfliktpaar Treue-Untreue behandelt, weil eine große Anzahl der Leserinnen verheiratet ist und nahezu jede Ehefrau schon mal in Versuchung stand, sich einem zufälligen Bekannten hinzugeben.

Spannender und hinreißender ist jedoch, den Konflikt zwischen moralischen Wertvorstellungen und dem zügellosen Ausleben der Lust zu schildern. Recht gut gelungen ist dies im Film „der Untergang des amerikanischen Imperiums“, einer bizarren Studie über Ehe und Beziehung in kanadischen Intellektuellen-Kreisen.

Ein anderer Weg, der recht häufig begangen wird, ist den Konflikt zwischen der bürgerlichen Ehe und der bizarren Welt der SM-Gruppen oder der Swinger- und Partnertauschkreise darzustellen. Nicht nur die „Shades of Grey“ sind dafür ein Beweis, sondern bereits viele vorausgegangen Bücher, de aber weniger bekannt wurden.

Erotische Konflikte psychologisch

Der Konflikt an sich ist zumeist, wenn nicht gar immer, ein Konflikt aus folgendem Dreigestirn:

- Was ich tun sollte (nach Freud das Über-Ich).
- Was ich tun will, aber noch nicht wagte (nach Freud das ICH).
- Was ich mich niemals trauen würde, wenn ich nicht dazu gebracht werde. (Nach Freund das ES).

In nahezu allen erotischen Konflikten spielt das innere „Über-Ich“ mit dem inneren ES, wobei im Sinne der Transaktions-Analyse auch Verschiebungen während des gemeinsamen Spiels entstehen. Das kann ich Ihnen etwas einfacher erläutern.

Wenn Sie selbst einmal etwas ausgesprochen „Verbotenes“ wollten, dann hörten Sie auch im frühen Erwachsenenalter noch Mutters Stimme hinter dem Ohr, die sagte „Tu’s nicht mein Kind.“ Sie haben es dann aber trotzdem getan, und manchmal war es unglaublich schön für Sie.

Psychologische Thesen langweilen, Psycho-Spiele begeistern

Der moderne Psychologe fragt an dieser Stelle: „Was könnte denn schlimmstenfalls passieren?“, und die Antwort, die normalerweise darauf gegeben wird, ist „eigentlich gar nichts“. Das ist die rationale Seite der Medaille, und sie langweilt ihre Leserschaft.

In Wahrheit aber wühlt der Konflikt in Ihnen, und erst nach und nach siegt der Mut, das Risiko dennoch anzugehen – gegen den inneren Widerstand, der als einziges Risiko im Raum stand.

Bi-Frau als Beispiel: tiefe Eruptionen nach langem Zögern

So sollte es auch bei Ihren Heldinnen sein. Im folgenden Beispiel ist sich die Heldin mehrfach unsicher, ob sie tatsächlich ein erotisches Verhältnis zu einer anderen Frau eingehen soll. Alls in ihr strebte seit Monaten danach, die Gelegenheit ergab sich mehrfach, aber ihre Erziehung sprach dagegen. Ihre Verführerin aber entdeckt, dass sich die Heldin „ihren Bürzel wie ein Mäuschen aus dem Kabarett“ bewegt, und sagt ihr auf den Kopf zu, dass ihre ablehnenden Worte nicht zu ihrem lustvollen, lasziven Verhalten passen.

Du trägst dieses Kleid, das dir kaum den Hintern bedeckt, und das jede Gelegenheit benutzt, um dein Höschen freizulegen … und du weißt selbst, dass (deine Brüste) neugierig machen, deshalb lässt du sie auch fast frei …


Obgleich die Heldin ihre Neigungen schon in mehreren Situationen andeutete, bedurfte es neben dem klassischen Trio „Verführbarkeit, Gelegenheit und Verführer(in)“ in dieser Szene noch einer Provokation seitens der Verführerin. Der Heldin wird sozusagen die geschäftsmäßige Fassade, aber auch die aufgesetzte Heterosexualität „vom Leib gerissen“.

Spannung zwischen möglichem Rückzug und Hingabe aufbauen

Das Interessante an solchen Szenen besteht darin, dass es ein Dutzend Auswege gegeben hätte, dass mehrfach ein Rückzug möglich gewesen wäre. Wenn Sie dies aber wirklich glaubwürdig schildern wollen, sollten sie das „äußere Spiel“ und das „innere Spiel“, also den Inneren der Person ablaufenden Konflikt, ausführlich schildern. Im angesprochenen Roman ziehen die entlarvenden Worte verlangende Reaktionen des Körpers der Heldin nach sich, die dann unausweichlich zu einer auch äußerlich heftigen, vulgären und emotionsgeladenen Liebesnacht führte.

Warum ich eine lesbische Szenerie gewählt habe? Erstaunlicherweise wissen sich Frauen direkter und „hautnaher“ auszudrücken, wenn sie erotische Szenen beschreiben, an denen ausschließlich oder überwiegend Frauen beteiligt sind, während es Frauen offenbar äußert schwerfällt, die männliche Sexualität ausführlich zu beschreiben. Doch davon werde ich Ihnen vielleicht demnächst etwas mehr berichten.

Zitat aus: "Fuchsia", 1981

Gewalt in der erotischen Literatur: notwendig, gefährlich oder sinnlos?

Gewalt erzeugt gewaltige Emotionen



Gestatten Sie mir bitte zunächst, dass ich den Begriff der „Gewalt“ ein wenig zurechtrücke – denn dieser Begriff ist im Deutschen wahrhaftig unter die Räder gekommen. Wir benutzen ihn in erster Linie, wenn wir von „brutaler Gewalt“ reden und er kommt in „Vergewaltigung“ vor. Beides macht ihn zum Unwort. Dabei spielt die Gewalt in der Liebe eine größere Rolle, als Sie denken. Denn in der Liebe geben wir die „Gewalt über uns“ ja ganz bewusst ab – wir wollen sie gar nicht mehr, sondern wir wollen uns der Lust oder dem Partner „hingeben“. Der Verlust der Gewalt über sich selbst im Lieberausch ist legendär, und ebenso die Übergabe der Gewalt an den Partner: „Du kannst alles mir mir machen, alles, was du willst“, ist eine der üblichen Formeln.

Gewalt ist nicht an ein Geschlecht gebunden

Gewalt im erotischen Roman ist nicht an das Geschlecht gebunden, es sei denn, durch die „Schere im Hirn“. Mit Recht verpönt ist brutale körperliche Gewalt, um den Beischlaf zu erzwingen, weil sie einen Straftatbestand erfüllt – sie kommt allerdings umso häufiger im Kriminalroman vor. Im erotischen Roman hingegen ist die Szenerie von zahllosen Konflikten durchzogen. Sie zeigt sich darin, wie viel Gewalt die Protagonisten ausüben oder erdulden wollen und wie viel davon zu erwarten war und wie viel nicht.

Keine "glatt gebügelte" Sprache verwenden - keine Schere im Kopf

Ganz generell sollten sich Autorinnen und Autoren erotischer Romane ohnehin nicht an der „glattgebügelten“ Sprache der „sozialen Korrektheit“ orientieren. In der modernen Weichspül-Sprache sind Frauen beispielsweise immer „Opfer“, und sie tragen nichts dazu bei, in die jeweilige Situation zu kommen. Anders im erotischen Roman: Hier beginnt die Situation, die später eskalieren wird, nicht selten mit einer Provokation. Die Heldin will beweisen, wie sinnlich, begehrenswert, mutig, lustvoll oder gar leidensbereit ist. (Erinnern Sie sich bitte daran, dass «Die Geschichte der „O“») allein aus diesem Grund geschrieben wurde). Besonders deutlich wird dies im Roman „Lulu“ von Almudena Grandes, in dem die Heldin ihren Partner sogar damit reizt, dass sie vor seinen Augen einen Vibrator benutzt und darüber klagt, dass dieser keine „schnellen Stöße“ produzieren könne. Dann aber wird sie von seinen Wünschen überfordert und windet sich beim darauf folgenden Analverkehr unter Schmerzen.

Die Szenen werden also häufig so aufgebaut:

1. Die Frau provoziert, und hofft damit Lüste auszulösen.
2. Die Provokation gelingt, aber der Partner will etwas anderes, als sie sich gedacht hat.
3. Sie leidet unter dem, was er fordert, und fühlt sich am Ende ratlos, missbraucht oder auf merkwürdige Art zwiespältig.
4. Oftmals wandelt sich die Demütigung in ein lustvolles Schwelgen oder in plötzlich wieder einsetzende Lust.

Ist es eine heterosexuelle Szene, so bauen Sie die Szene mit Rücksicht auf Ihre empfindsamen Leserinnen besser so auf, dass die Heldin nicht absehen konnte, was mit ihr geschehen würde. Diese Regel gilt nicht in gleichem Maße für die lesbisch orientierte Beziehung, weil sich in ihr manche Frau auch mit der gewaltbereiten Verführerin identifizieren könnte.

Im Beispiel (nochmals Lulu“) sagt die Heldin, nachdem sie die Gewalt ertragen hatte und bei einer anderen Form des Geschlechtsverkehrs wieder Lust empfand:

«Die Erinnerung an die Gewalt verlieh meiner Lust eine unwiderstehliche Nuance, die mich überwältigte und ein furioses Ende auslöste.“


Gewalt, die von Frauen ausgeht

Während es relativ einfach ist, Männer als gewaltbereite Verführer darzustellen, sei es in heterosexuellen oder homosexuellen Beziehungen, so ist es meist schwieriger, die Gewaltbereitschaft von Frauen zu schildern. Dennoch wird es gelegentlich erfolgreich getan, wie beispielsweise in „Fuchsia“, bei der die dämonische Verführerin keinerlei Rücksicht auf die Verletzlichkeit ihres Opfer nimmt, sondern sie in abstoßend-faszinierender Weise erniedrigt. Dabei wird ohne jegliche Rücksicht das ansonsten unter Frauen bekämpfte Rezept: „Nimm sie dir – sie will es doch auch“ durchgesetzt.

Auch die Erniedrigung von Männern durch Frauen ist ein häufiges Thema, das am besten in Gigi Martins Erzählung „Die Herrin“ zum Ausdruck kommt. Hier ist das Opfer ein Mann, der von der eher zufällig zur „Herrin“ gewordenen Heldin auf bestialische Weise gequält wird, weil er ihr „hörig“ geworden ist. Interessant ist dabei allerdings –wie auch in fast allen anderen Werken dieser Art – dass zwischen den beiden Hauptpersonen keine Liebesaffäre, ja nicht einmal eine wirklich tiefe erotische Beziehung aufgebaut wird.

Über den Wert der Psychologie und Psychiatrie in erotischen Romanen

Viele Autorinnen fühlen sich veranlasst, nach einem Grund für die Handlungsweise der gewalttätigen oder unterwürfigen Helden zu suchen. Interessanterweise wird beim männlichen Opfer sogar Verständnis für die Unterwürfigkeit geweckt – bei Gigi Martin ebenso wie bei E.L. James. Dabei bemüht man sich, sich an der Psychologie von Sigmund Freud und an der Psychiatrie von Krafft-Ebing zu orientieren, die in Kombination Folgendes sagt:

Wer als Jugendlicher in sexuellem Zusammenhang geschlagen oder gedemütigt wurde, wird als Erwachsener versuchen, dies entweder aktiv oder passiv zu wiederholen. Er wird also Sadist, Masochist oder Sadomasochist.


Ob diese Theorien nun richtig sind oder nicht – das Volk hat sie verinnerlicht und glaubt an den „späten Fluch der bösen Tat“. Als Autor/Autorin können Sie deshalb aus der Jugenderinnerung entweder ein „ach, der arme Junge“, oder ein „blödes Schwein, er soll an seiner Neigung ersticken“ machen. Ich weise jedoch darauf hin, wie unsinnig es ist, in der erotischen Literatur auf psychologischen Theorien aufzubauen. Entscheidend sind die Gefühle der Handelnden – nicht der psychologische Hintergrund.

Kommen wir noch einmal zurück zur Gewalt. Sie ist, ich sagte es zu Anfang, nicht das, was die Leserinnen und Leser oberflächlich wahrnehmen. Wer sich hingibt, gleich, in welchem Zustand und unter welchen Umständen, lässt zu, dass ein Anderer „Gewalt über sie/ihn“ gewinnt. Wer aktiv verführt, übt immer auch Gewalt aus. Die einzige Frage, die Sie sich als Schriftsteller nun stellen sollten, ist die, wie sie damit umgehen. Dies ist sicherlich eine Herausforderung, die Sie nur dann meistern können, wenn sie sich ganz sicher sind, Gefühle „aus dem Innersten“ heraus zu schildern. Nehmen wir einmal an, das gelänge Ihnen nicht, so wären sie auf Klischees angewiesen, die Sie aus der Psychologie übernehmen können.

Konnte ich Ihnen damit helfen? Dann sagen Sie es Anderen. Wenn nicht, dann sagen Sie es mir.

Bild (leicht koloriert und retuschiert) nach einer Zeichnung von Topfer.

Hinweis: der Artikel erschien bereits zuvor in zahlreichen unserer Publikationen.