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Was ist denn eigentlich „Schreiben“?

Was ist eigentlich "Schreiben"?
Was ist denn eigentlich „Schreiben“? Ach, das wisst ihr schon lange? Ich bezweifle es. Und ihr seid in jedem Fall schlauer, wenn ihr bis zum Ende lest.

Die Beziehungen zwischen Schreiben und Denken sind vielfältig und wechselseitig. Um das Verhältnis zwischen beiden zu verstehen, muss man verschieden Funktionen des Schreibens und die Art der dabei involvierten kognitiven Prozesse betrachten.


Sylvie Molitor-Lübbert

Wem das Wissenschaftsdeutsch zu kompliziert ist, der kann es auch so ausrücken:

Zwischen Schreiben und Denken besteht eine Wechselbeziehung. Um dieses Verhältnis zu verstehen, muss man wissen, was dabei zwischen Feder und Gehirn abläuft.

Warum fangen wir so an? Weil das angebliche „Wissen“ über das Schreiben total veraltet ist. Die Literaturpäpste haben – ebenso wie die Deutschlehrer – eine eigene, im Grunde nicht mehr tragfähige Einstellung zu Wort und Schrift. Sie beruht auf Traditionen, in denen der Wandlungsprozess vom Denken ins Schreiben ein Mysterium ist. Und viele Jahre, nachdem Norbert Wiener, Paul Watzlawick und viele andere erklärt haben, wie Regelkreise, dynamische Prozesse und Kommunikation vor sich gehen, haben sie davon weder etwas gehört noch haben sie es verstanden.

Was letztlich bedeutet: Schreiben bedeutet nicht, sich etwas zu erdenken, um es dann niederzuschreiben. In Wahrheit bedeutete es, mit dem Geschriebenen zu kommunizieren. Ich erklär es einmal für alle, die sich davon ein Bild machen wollen:

Schreiben bedeutet mehr als Wörter aneinanderzureihen

Unsere Gedanken bestehen aus einem Gemisch aus analoger Sprache und digitaler Sprache. Ist nicht so kompliziert, wie es scheint. Denn es bedeutet nur, dass ein gewaltiger Teil in unvollkommenen, bildhaften Vorstellungen im Gehirn steht, während nur ein kleiner Teil bereits „in Worte gefasst“ ist. Wenn wir schreiben, müssen wir aber oft auch den „bildhaften Teil“ in Zeichen setzen, sehr schwer fällt uns dies vor allem, wenn wir über Gefühle schreiben wollen. Auch im besten Fall sind die ausgeschriebenen Gefühle nicht wirklich authentisch. Nun lesen wir also, was wir geschrieben haben, und denken: Oh, das ist eigentlich nicht genau das, was ich ausdrücken wollte. Heißt: Erst beim Wiederlesen erkennen wir, was wir tatsächlich geschrieben haben – und das würde zu einem Prozess ohne Ende führen, wenn wir nicht irgendwann sagen würden: „Ja, nun stimmt alles für mich.“

Lass deine Figuren von der Leine

Aus ähnlichen Gründen empfehlen viele moderne Schreibtrainer, die Figuren „von der Leine zu lassen“, sodass sie „selbstständig handeln“ können. Auf den ersten Blick wird euch das vielleicht ein wenig entsetzen, denn „wie kann eine Figur, die ich erschaffen habe, selbstständig werden?“

Wir lesen zunächst einmal bei Christine Pepersack:

Wir unterscheiden bei der Figurenkonzeption zwischen solchen Charakteren, die aktiv handeln und entscheiden, und solchen, die durch äußere Ereignisse bestimmt werden und Entscheidungen vermeiden. Unsere Figuren sind dafür verantwortlich, dass die Handlung vorangeht, kurzum: Sie sorgen dafür, dass etwas passiert.


Ist damit schon die Frage beantwortet, warum sie überhaupt selbstständig handeln können, also, ohne dass sie von uns geführt werden?

Selbstverständlich, denn unsere aktiven Figuren müssen ständig handeln. Und sobald es um eine neue Handlung geht, vielleicht um eine Entscheidung, macht sich deine Figur selbstständig und entscheidet anders, als du es im Leben tätest. Sie zeigt dir den Weg, den sie gehen muss, will du ihn ja nicht gehen wolltest. Das liegt daran, dass jede Figur ein Teil von dir ist (du hast sie ja erschaffen), aber auch ein Teil der Welt, in die du sie hineinsetzt. Der britische Psychiater Roland D. Laing hat sehr viel zu diesem Thema gesagt, und leider ist es schwer zu verstehen – aber er sagt letztendlich, dass in deinem Kopf außer dem, was du denkst, auch noch das rotiert, was andere denken.

Sind wie alle Meschugge, weil wir schreiben?

Oh Schreck – da kommen wir in den Bereich, dessen, was Psychiater „Bipolare Störungen“ nennen. Das solle eigentlich eine Krankheit sein, aber es ist eben auch ein Zustand, in dem viele Schriftsteller leben. Wer Welten erschafft, wer Figuren in seinem Hirn tanzen lässt, die es gar nicht gibt – der hat in der Denkweise der Lieschen Müllers eben nicht „alle Tassen im Schrank“.

Und du? Du schreibst einfach, siehst dann deinen Figuren nach und folgst ihren Spuren … mal kreidebleich und mal errötend, mal lächelnd und mal besorgt.