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Was will deine Figur eigentlich?

Und wie entscheidet sich deine Figur jetzt?
Immer, wenn ich diesen Satz hier erwähne, spüre ich schon die Prügel, die ich von Schreibschulen und schreibenden Bloggern bekomme. Danach zu fragen, was eine Figur will, ist ungefähr das Letzte, was euch jemand raten würde.

Und nun kommt Sehpferd und will euch erzählen, dass ihr eurer Figur die Fesseln entreißen sollt, die sie an euch bindet? Euer Verstand sagt euch: „Diese Figuren sind meine Geschöpfe, Marionetten in meinen Händen – und sie sollen so handeln, wie ich es will.“

Dreht euch mal um – ich bin zwar Sehpferd, aber ich bin nicht allein.

Denn „Finde heraus, was deine Figur will“ ist ein Kernsatz erotischer Literatur. Er beruht darauf, dass die sexuelle Begierde nicht voraussehbar ist, sondern während der Handlung eigene Wege sucht. Das kommt der Realität verdächtig nahe, nicht wahr?

Eine Kollegin schrieb (stark gekürzt) :

Das Schöne beim Schreiben ist, dass sich die Dinge verändern werden … folge dem Weg, den deine Figur einschlägt, und höre darauf, was sie dir sagen will.

Es mag ein bisschen verrückt klingen, aber es funktioniert wirklich. (Du magst etwas für diesen Abschnitt geplant haben), aber deine Figur verschränkt die Arme, schüttelt den Kopf und sagt: "Nein, das mache ich nicht. Ich möchte stattdessen etwas andere machen.“

Kämpfe nicht dagegen an – mach mit. Hör hin, was deine Figur will.


Die Psychologie dahinter - nicht vorausgehen, sondern folgen

Psychologisch ist dies durchaus logisch. Wenn du schreibst, möchtest du, dass deine Figur die Grenzen überschreitet, die du dir in deinem Leben setzt. Und doch soll die Handlung noch lebensnah und glaubwürdig sein. Also ist es nötig, deine Figuren von der Leine zu lassen. Und das heißt: gehe nicht voraus, sondern folge ihnen.

Sind erotische Storys planbar?

Wenn jemand ein Haus baut, so ist die Statik unglaublich wichtig. Und die muss berechnet werden, ohne Zweifel. Und ganz sicher muss der Grundrisse so gestaltet werden, dass Singles, Paare oder Familien dort komfortabel leben können.

Müssen wir das auch, wenn wir Kurzgeschichten oder Novellen schreiben? Viele Schreibschulen und Schriftsteller-Webseiten wollen uns „verkaufen“, wie wichtig Plots sind.

Ich zitiere eine gewagte Meinung, die aber unter Schriftstellern verbreitet wird:

Der Plot fasst also die Aktionen der Leitfiguren zusammen, die auf ihren Motivationen und Zielen basieren, von Anfang bis zum Ende.

Ich denke nicht, dass ihr die Genesis neu schreiben wollt, denn nur dann würde ich dem Satz zustimmen. Wollte ich spotten, so fiele mir noch ein: „Oh, dort unten ist mein kleines Marionettentheater, wo ich die Puppen nach meinem Willen tanzen lassen kann.

Nun, ich rede vielleicht von etwas anderem: von sinnlicher, lustgeprägter Literatur. Nicht von den konstruierten Liebes- und Leidensgeschichten, die wie Märchen klingen.

Zwei Beispiele - erste Sätze und was darauf folgt

Stell euch mal diese Situation vor: Da ist ein Mann in T-Shirt und Jeans, und er besucht eine Frau. Als sie ihm öffnet, lächelt sie ihn an. Ist sie schon leicht beschwipst, und für einen Besuch etwas zu leicht bekleidet. Und nun? Was wird jetzt geschehen?

Oder dieses: Der Besucher trägt nun einen Nadelstreifen-Anzug und eine Krawatte. Die Frau öffnet, sieht ihn ausdruckslos von oben bis unten an und nickt dann. Sie selbst trägt eine weiße Bluse zu einem strengen Kostüm und verhält sich ungewöhnlich reserviert. Was wird passieren?

Das Offensichtliche? Das Planbare? Was wird geschehen?

Beide Geschichten werden damit enden, dass der Mann nach einiger Zeit wieder durch die Tür gehen wird, aber in entgegengesetzter Richtung. Dabei wird sich zumindest für eine der Personen etwas verändert haben – und es wird nicht das sein, was „zu erwarten war“. Und es war auch nicht „planbar“.

Warum ich dir das ans Herz lege?

Weil „das Gewöhnliche“, „das Wahrscheinliche“ oder „das Planbare“ langweilig ist. Als du selbst die beiden Eingangssituationen gelesen hast, sind dir Assoziationen gekommen – entweder mit etwas, das du erlebt hast oder mit etwas, von dem du gelesen hast. Vielleicht hast du auch an eine deiner persönlichen Sehnsüchte oder Befürchtungen gedacht.

Nun erkennst du wahrscheinlich, was ich meine. Statte deine Figur mit einer dieser Erlebnisse, Befürchtungen, Wünsche oder Träume aus - und dann lass sie frei, um ein erotisches Abenteuer zu erleben.

Denn deine Leserin oder dein Leser folgt nur dann deiner Figur, wenn sie/er von ihr überrascht wird, nicht, wenn sie vorhersehbar handelt.

Phönix steigt wieder auf - aus dem Staub der Archive

Wie schnell sich doch das Leben verändert – gestern noch dachte ich, dass ich dies Blog einfach seinem Schicksal überlassen sollte. Jeden Tag neue Ideen zu produzieren, mit dem Risiko, wegen des Stils oder der Inhalte angegriffen zu werden? Von Schreibschulen gehasst, vor Verleger(innen) und Autor(innen) ignoriert oder verachtet werden? Viel Aufwand und kein Ertrag?

Indessen fand ich eine kleine Goldgrube: alles, was „Die Erzählerin“ vor vielen Jahren schrieb. Und außerdem das Archiv von Johann Fürchtegott Gramse, das ich schon seit Jahren nicht mehr gesichtet hatte. Hinzu kamen noch einige kleinere Geschichten, die das Leben der bürgerlichen und adligen „höheren Töchter“ um die 1900er Jahrhundertwende schilderten, sowie einige nachempfundene Geschichten ähnlicher Art aus den frühen 1930er Jahren. Leider habe ich die vielen maschinengeschriebenen oder "hektografieren" erotischen Geschichten aus den 1950er Jahren verloren – aber vielleicht hat ja noch jemand einzelne Exemplare – oder kann sie nacherzählen.

Die Person in deiner Geschichte - kritisch betrachtet

Und am Ende füge man die Figur hinzu ...
Was wichtig ist? Das Thema? Na gut. Das Plot? Na ja. Die „Dramatik“? Großes Wort, aber was denn nun? Ach, der Hauptkonflikt etwa? Die Person? Wie, es gibt da auch noch eine Person? Ja, es gibt sie – die Hauptfigur, vorzugsweise die Person, die erzählt. Es ist die Figur, um die sich alles dreht – jedenfalls zumeist.

Alles durchplanen, dann Figuren erfinden?

Ich habe jüngst gelesen, dass sich Schriftsteller erst um „alles andere“ kümmern sollten, bevor sie ihre Figur entwickeln. Na schön, jeder darf eine Meinung haben. Ich muss dabei unwillkürlich lächeln – und glaube kein Wort davon. Du kannst keine Handlung entwickeln, wenn du deine Person nicht ganz genau im Auge hast – schließlich soll sie ja die Geschichte erzählen, durchleben und gegebenenfalls durchleiden.

Ach, das soll sie gar nicht?

Marionette oder Protagonistin?

An dieser Stelle entgleitet mir die Welt professioneller Schreibschulen. Wenn die Person erst ziemlich weit hinten steht, wie glaubwürdig ist sie dann noch? Und warum denke ich da zum Beispiel an Anastasia Rose Steele, die von ihrer Schöpferin wie eine Marionette im Roman spazieren geführt wird? Nein, ich habe den Erfolg dieser Bücher nicht vergessen. Und dennoch darf ich sie für mies halten – das gestatte ich mir einfach.

Also gut, das war die Kritik. Doch immerhin – auch Schreiblehrer(innen) und Schreibschulen brauchen Figuren. Man nennt die Hauptfigur auch den Protagonisten, also denjenigen, der „zuerst handelt“. Die Klassiker benötigen noch einen Antagonisten, also einen Gegenspieler. „Protagonistin“ ist ein großes Wort für eine kleine Figur, die noch nicht mit Leben befüllt wurde..

Die mit Eigenschaften ausstaffierte Figur

Zu meiner Freude erfuhr ich auf einigen schriftstelleraffinen Seiten: Ja, irgendwie ist der der Protagonist ja nun doch wichtig, der Held, die Heldin, die Figur … denn sie verändert sich im Laufe der Geschichte am meisten. Hübsch, dass man ihr wenigstens zutraut, „sich“ zu verändern. Im Übrigen, auch das las ich, sei es nun ganz wichtig, diese Person „auszustatten“. Vorzugsweise mit etwas Ungewöhnlichem, und ich frage mich: ja, mit was denn sonst? Wird sich jemand für einen Buchhalter interessieren, der Tag für Tag in sein Kontor geht, sich jeden Tag von seiner Ehefrau ein Fleischgericht kochen lässt und sie am Samstag Abend in Missionarsstellung vögelt?

Na gut, ich entschuldige mich für das Vögeln. Für den Rest, so denke ich, muss ich mich nicht entschuldigen. Wer alles andere an den Anfang stellt, bevor er die Person überhaupt erwähnt, muss sich gefallen lassen, das man so lapidare Sätze wie „statte deine Person mit etwas Interessantem aus“, mit Spott überzieht.

(Oh, ich weiß, dass ich in diesem Punkt angreifbar bin, danke für die Brennnesseln und Rosen).

Die Person in den Mittelpunkt stellen

Gut, gut … also, für mich gehört die Person in den Mittelpunkt. Ob sie ein echtes Schicksal durchlebt oder ob du sie als verlängerte Spielwiese deines erotischen Dranges benutzt, ist ziemlich gleichgültig. Deine Leserin muss ihr später unter die Haut kriechen können und mit ihr weinen, mit ihr lüsten und mit ihr leiden.

Die Person, von der du nicht weißt, wozu sie fähig ist

Wenn du zu schreiben anfängst, dann beschäftige dich mit einer Person an, die du kennst, von der du aber noch nicht alles weißt. Die geeignetste Person bist du wahrscheinlich selbst. (1) Wenn du das nicht so siehst, dann suche dir eine Person, die dich schon immer fasziniert hat: eine, die wesentlich selbstbewusster ist als du. Oder wesentlich unterwürfiger. Es ist sehr günstig, das Milieu zu kennen, in dem sie lebt oder nach dem sie sich sehnt. Erstaunlicherweise ist das Alter nicht ganz so wichtig, und manchmal nicht einmal das Geschlecht. Ich denke, die meisten Menschen erkennen, wenn eine soziale Umgebung, eine erotische Praxis oder ein Ort falsch beschrieben wird. Sie erkennen hingegen kaum, ob ein inneres Gefühl exakt dargestellt wird. Wieder mal sind die „Shades of Grey“ ein „gutes“ Beispiel für das Schlechte: Ach, Miss Steel durfte die Peitsche zwischen den Beinen spüren? Da sagt sie „Aua“. Ja was sagt eine naive Leserin denn sonst …?

Die Person - anders definiert

Na ja, also wir waren bei der Person, nicht wahr?

Das Wichtigste ist, dass deine Person, dein Protagonist, dein Held oder deine Figur zum Leben erwacht. Auch, wenn es schon andere tausendfach geschrieben haben, sage ich es noch einmal:

Deine Figur ist keine Bauchrednerpuppe, die du an der Hand führst. Sie ist eine Person, und sie will hinaus auf die Bühne ihrer bescheidenen kleinen Existenz, die du ihr gibst.

Nimm einmal an, du würdest die Geschichte einer Schriftstellerin schreiben, die gerade ihr erstes erotisches Werk beginnt, und die eine Figur entwickelt, die so viel freier und sinnlicher ist als sie selbst. Das Schreiben über diese Figur würde das Leben ihrer Autorin verändern, sodass sie selbst freier und sinnlicher würde, und dies wiederum würde die Figur zu noch sinnlicheren Höhepunkten führen.

Hast du das ganze Szenario noch vor Augen? Dann ahnst du vielleicht, warum Figuren in sinnlichen Geschichten nicht einfach Marionetten sind, und warum du sie nicht nach festgelegten Handlungsabläufen agieren lassen solltest.

(1) Die Person, die du beschreibst, und die Person, die du bist gehen eine Beziehung ein. Und wenn du aufgefordert wirst, ein „psychologisches Profil“ deiner Person zu beschreiben, dann überlege dir mal, ob du es überhaupt schaffst, ein „psychologisches Profil“ von dir selbst zu entwerfen.
Zeichnung: Historisch, ca. 1818

Erotische Literatur: Den Reaktionen des Körpers folgen

Dieser Artikel rät dir, in der Erotik den Signalen zu folgen, die dir dein Körper sendet - oder eben der Körper deiner Figur, der du folgst.

Der Leser hat kein Bild wie dieses - du musst beschreiben, wie die Haut unter der Berührung erschauert
Im Lehrbuch für angehende Schriftsteller würde wahrscheinlich stehen:

Du kannst zustandsorientiert, eigenschaftsorientiert, ergebnisorientiert, personenorientiert, dialogorientiert oder handlungsorientiert schreiben.

Was uns das sagt? Zunächst einmal zeugt es davon, dass sich jemand große Mühe gemacht, alle Möglichkeiten aufzuzählen, ohne uns etwas Genaues darüber mitzuteilen. Manche Schreib-Lehrer ziehen zwei Möglichkeiten heraus: handlungsorientiert und personenorientiert. Einige von ihnen behaupten, dass alle guten handlungsorientierten Geschichten zwangsläufig auch personenorientiert sein müssten, weil es ja die Personen sind, die für die Handlungen verantwortlich sind. Und sie sagen auf der anderen Seite: Die personenorientierte Geschichte benötige letztlich eine spanende Handlung, und dies bedeute, dass sie ebenfalls handlungsorientiert seien.

Das Bekannteste wird herausgegriffen, um es zu lehren

Dahinter steht eine sehr simple Tatsache: Von Kindesbeinen an hat man uns gelehrt, wir sollten handlungsorientiert Schreiben – und wir sind dabei geblieben. Also ist es auch für Schreib-Trainer am einfachsten, zu sagen: Schreibt doch bitte handlungsorientiert, also schreibt darüber, was Personen „machen“.

Dialoge, Gefühle, Körperreaktionen

Besser wäre, wir würden Dialog- Gefühls- oder Körperorientiert schreiben lernen. Wenn wir die Erotik-Geshichten von Afroamerikanern lesen, finden wir viel mehr Dialoge, Wünsche und Gefühle, die in Sprache umgesetzt werden konnten. Gefühle lassen sich wesentlich tiefer, detaillierte und auch kompromissloser beschreiben. Und der Körper? Bereits der bekleidete Körper spricht zu uns und zu anderen. Männer versuchen sich so hinzusetzen, dass man ihre Erektion nicht sieht (oder sie möglichst deutlich sieht, je nach Situation), Frauen versuchen, die Beine geschlossen zu halten und streben oft zugleich danach, sie aufzuspreizen. Dabei müsste man gar nicht bei den Genitalien anfangen: Die Gesichtszüge, Augen, Mund und Brustspitzen sprechen Bände.

Der nackte Körper ist ein offenes Buch – bei Männern ohnehin, weil ihre Wollust stets hervorsticht. Bei Frauen muss der Mann etwas genauer „hinlesen“, und vielleicht muss sie ihm etwas mehr „Einblick“ gewähren, um ihm den Grad der Erregung zu signalisieren.


Wenn es nur darum geht, die Reaktion des Partners in seiner Nacktheit zu ergründen, ist vielleicht dieses Zitat hilfreich:

Unter deiner Kleidung liegt eine verborgene, endlose Geschichte. Dort befinden sich deine Geheimnisse, und ich werde sie erforschen.

Den Körper erforschen und seine Reaktionen beschreiben

Ob du die Reaktionen „seines“ oder „ihres“ Körper lustvoll erforscht, spielt kaum eine Rolle. Es ist ein Spiel mit der Frage „Was passiert, wenn?“ Wann lacht, wann lechzt, wann leidet die Person? Wann zittert sie vor Lust, wann schreit sie auf vor Schmerz?

Natürlich müsstest du „im richtigen Leben“ dazu eine Vereinbarung treffen, was du versuchen darfst und was nicht. Deine Figuren können dennoch immer etwas Gewagteres tun als die Menschen in der Realität. Deine Leserinnen und Leser dürfen aber nicht dadurch befremdet werden, sonder das, was die Figuren tun, muss sie erregen.

Manche Frauen und Männer wollen nur ihr Wohlbefinden steigern, wenn sie nackt „behandelt“ werden, andere wollen durch Berührungen zu Orgasmen und Ejakulationen kommen, und wieder andere wollen lachen, schreien oder weinen.

In jedem Fall aber ist es eine Möglichkeit, die Lustmöglichkeiten und Lustgrenzen plastisch zu beschreiben.

Und DU? Schreibst du schon darüber? Dann sag es uns. Und - wir bedauern, keine Beispiele der "intimen Art" veröffentlichen zu können.