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Die Genauigkeit – an der Grenze zwischen Zensur und erotischer Bereicherung

Wo ist dein Platz? Denke daran, dass er auch auf der Fläche sein kann
Jede Autorin, die, wenn auch nur sanft, die Grenzen zu sexuellen Handlungen berührt hat, wird dies bestätigen: Werden die Handlungen mit sinnlicher Genauigkeit beschrieben, gelten sie als frivol. Werden sie hingegen ausreichend verschleiert, so gelten sie als romantisch. Übertreibt die Autorin in Richtung „Sinnliche Genauigkeit“, das heißt, geht sie zu sehr ins Detail, dann gelten sie darüber hinaus als pornografisch. Übertreibt sie hingegen beim „Verschleiern“, so driftet sie schnell in den Erotik-Kitsch ab.

Ganz generell ergibt sich darauf ein Viereck, bestehend aus „detailliert“ oder „verschleiert“ in der Grafik neutraler als „ungenau“ bezeichnet und „sachlich“ oder „sinnlich“.

Details in der Erotik können tückisch sein

Einer der bekanntesten und verrufensten „Pornografen“, der Brite Henry Spencer Ashbee (aka Pisanus Fraxi), dem das erotische Monumentalwerk „Walter“ (1) zugeschrieben wird, war detailvernarrt. In einem Vorwort heißt es, er könne sich zwar nicht mehr an alle Motive seines Handelns erinnern, doch erinnere er sich genau an die Frauen, die er beschlief: „ihr Gesicht, Teint, Figur, Schenkel, Hintern, Muschi …“, Ebenso wie an die Details der Räume, in dem beide ihre Lust vollzogen, zum Beispiel die „Anordnung von Bett und Möbeln.“ (2)

Die Liebe zum Detail lockt den Zensor

Die Liebe zum Detail ruft stets den Zensor auf den Plan, vor allem dann, wenn sie das sinnliche Erleben oder den sinnlichen Kontakt zu Penissen, Vulven, Brüsten oder dergleichen beschreibt und dabei die erotische Fantasie anheizt. Dies ist zum Beispiel auch der Grund, warum die „Gynecocracy“ (Deutsch meist; „Die Herrschaft der Frauen) ständig auf dem Index landete. In ähnlicher Weise werden die erotisch-flagellantischen Szenen in der „Geschichte der O“ so detailliert beschrieben, dass sich jede Leserin sofort in die Lage der „O“ begeben konnte, um ihre Lüste und Schmerzen nachzuempfinden. Auch dies war dem Zensor ein Dorn im Auge, und daran änderte auch der literarische Wert des Romans nichts. Ich kann mir nicht verkneifen, dabei auf die Oberflächlichkeit der „Shades of Grey“ hinzuweisen.

Wie gehst du mit den Details um?

Wie gehen nun die Autoren damit um? Verklärte Erotik finden wir sogar in Märchen, in denen sie eigentlich keinen Platz hat – weil aber viele Märchen in romantisch behauchten Zeiten entstanden sind, haben selbst die Grimms „verklärte“ sinnliche Szenen in ihre Märchen eingebaut.

Verschleiert wird die Erotik auch im „Hohelied des Salomon“ (3):

Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. Bis es Tag wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.


Versachlicht und gänzlich von der Erotik befreit würde es heißen:

Deine Brüste stehen unter deinen Dessous hervor. Ich will noch vor dem Morgen dein Schamhaar berühren und deine Vulva.

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Wir können aus beiden Texten entnehmen: Sinnliche Verklärungen und detaillierte Versachlichungen werden vom Leser (und der Zensur) hingenommen. Doch sobald du sinnliche Details beschreibst, zum Beispiel, wie sich die Schamlippen öffnen und welches Bild sich dem Liebhaber oder der Geliebten dabei zeigt, werdet ihr beargwöhnt, Pornografie zu schreiben. Die vierte Möglichkeit, sachlich zu verschleiern, wird selten genutzt, weil sie nichts nützt. Ältere „Aufklärungsbücher“ sind voll davon, und früher wurde im Kino „abgeblendet“, sobald Heldin und Held „zur Sache kamen“ – das mögen zwei Beispiele für „verklärende Sachlichkeit“ sein.

Einfach schreiben ... wie man atmet, wie man träumt ...

Wie sieht es aus mit deinen Leserinnen? Wenn sie nicht vor Lust und Begierde die Stelle deines Romans aufschlagen, die bereits markiert ist, werden sie langsam und bedächtig in die Lust hineingezogen, bis sie sich der Faszination deiner Worte nicht mehr entziehen können. Was bleibt dir also übrig, als dich detailliert und bewusst sinnlich in ihr Hirn hineinzuarbeiten? Schau noch mal auf die Grafik: Du musst dich nicht in der unteren rechten Ecke einnisten, sondern hast die gesamte rechte Hälfte zur Verfügung, um dich zu positionieren.

Wahrscheinlich wirst du diesen Weg gehen müssen – und dich an die Worte der Autorin der „O“ erinnern (4):

Ich könnte auch Geschichten schreiben, die Ihnen gefallen …“ … und dann schrieb sie, „zum ersten Mal in ihrem Leben, ohne zaudern, rastlos … sie schrieb, wie man atmet, wie man träumt.“

Vielleicht – solltest du das auch einfach tun?

(1) Walter - Mein geheimes Leben. Ein erotisches Tagebuch aus dem Viktorianischen England.
(2) (Zitiert nach Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens) , Berlin 2014
(3) In mehreren Bibelübersetzungen zu finden, oft auch in prachtvoll gestalteten Büchern.
(4) Wer es tat: Anne Desclos (bekannter als Dominique Aury), die unter dem Pseudonym Pauline Réage im Juni 1954, gut 50 Jährig, den Roman „Geschichte der O“ schrieb. Erst 40 Jahre später, 1994, bekannte sie sich zu diesem großen Werk der Weltliteratur. In verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich. Daraus ist auch das Zitat entnommen.