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Tipps für erotisches Schreiben: Finger davon lassen oder Finger reinstecken?

Lust - zum Finger abschlecken ...

Wer in Internet unterwegs ist und nach den besten Tipps für das Schreiben erotischer Literatur sucht, kommt am "Freitag" nicht vorbei. Oder an Susann Rehlein. Die Autorin und Lektorin hat im Internet Tipps veröffentlicht, wie man besser nicht schreiben sollte: von „gar nicht“ über „besser nicht so“ bis „um Himmels willen, ja!“ Daraus resultierte ein Spektrum der 61 Tipps, von denen nur 13 beschreiben werden – der Rest steht unter dem Motto „Lassen Sie lieber die Finger davon“.

Falls Sie doch zur Feder, zum Griffel oder zur Tastatur greifen, lassen Sie sich doch lieber von der Weisheit des bekannten, aber nicht existierenden Autors Johann Fürchtegott Gramse inspirieren, der an dieser Stelle stets den Satz fallen lassen würde (1):

Nicht ist so, wie es ist, es sei denn, es wäre so.


Mich fasziniert bei Frau nach wie vor der Tipp Nummer sieben, der da heißt (2):

Ein Großteil aller Leser ist weiblich. Schreiben Sie also Sex, wie Frauen ihn mögen.


Sehen sie, dieser Satz hat zwei Teile: „Der Großteil der Leser ist weiblich“. Dieser Satzteil beruht mit größter Wahrscheinlichkeit auf Fakten. Und der zweite Teil? „Schreiben Sie also Sex, wie Frauen ihn wünschen.“

Für mich ergibt sich daraus die Frage: „Wie wünschen sich Frauen denn nun eigentlich Sex?“ Und daraus folgt gleich die zweite Frage. Nehmen wir einmal an, ich ahnte es: Wäre es dann der Sex, von dem sie träumt, den sie schon einmal mit einem Callboy hatte, oder jenen, den sie haben könnte, wenn sie sich heute noch in der Hotelbar einen Manager angelte?

Wahrscheinlich wäre ich nie auf die korrekte Antwort gekommen. Wie Sie vielleicht wissen, studiere ich mit Akribie wissenschaftlich gestützte Volksbefragungen zu weiblichen Fantasien. Wer sie kennt, wird vermutlich eine andere Antwort darauf geben, welchen Sex sich Frauen wünschen, als eine Pastorengattin. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Wenn wir Kuschelsex einmal weglassen, steht Fellatio (Blowjob, Mundverkehr am Penis) an dritter Stelle und „sexuell dominiert werden“ bereits an siebter Stelle. Spitzenreiter ist „Sex an ungewöhnlichen Orten“ und selbst „Orgien mit mehreren Männern“ kommen noch auf über 50 Prozent.

Sex, wie Frauen "ihn mögen"?

Was ist also „Sex, wie Frauen ihn mögen“?

Selbst wenn die oft zitierten „50 Shades of Grey“ in jedem beliebigen Lektorat durchgefallen wären, so lernen wir daraus immerhin, dass an diesem Buch zunächst „gegen alle Regeln“ geschrieben wurde. Es enthält zwar „Sex, wie ihn sich Frauen wünschen“, nur stimmen die Wünsche eben nicht mit den Vorgaben überein, die man sich in Vanillekuckucksheim vorstellte. Dies noch mal in Zahlen:

Fellatio geben würden in ihren Fantasien (3) gerne 72 Prozent der Frauen, sexuell dominiert werden wollen 65 Prozent und nach Fesselungen gieren immerhin noch 52 Prozent.

Sie sehen, dass auch Unsinnsätze wahr sein können, wie dieser, den ich bereits zitierte:

Nicht ist so, wie es ist, es sei denn, es wäre so.

Wir alle leben mit unbewiesenen Annahmen

Das heißt übersetzt: Wir nehmen im Grunde alle an, dass Dinge so sind, wie wie wir von ihnen gehört oder gelesen haben. Wir halten also Regeln ein, von denen wir vernuten, dass sie gültig sind, weil alle anderen, die wir kennen etwas Ähnliches annehmen. Derjenige aber, der diese Regeln als Erster erfolgreich bricht, landet (mit etwas Glück) Welterfolge. Egal, ob er nun Marquis de Sade heißt oder Sacher-Masoch, Erika Leonard, Charlotte Roche oder gar Dominique Aury heißt.


Autorinnen und Autoren sollten sich kein Zaumzeug anlegen lassen

Ach, wagen Sie doch einfach das Ungewöhnliche. Nehmen Sie Negerküsse, die man heute „Schaumküsse“ nennt, zerdrücken Sie diese auf den Brustwarzen ihrer Heldin, damit sich ein Leckermäulchen findet, der sie abschlabbert. Oder lassen sie ihre Heldin den Finger in einen Berliner Pfannkuchen stecken und sie süffisant fragen: „Willst du vielleicht das?“ Übrigens hat der ehemals berühmte Sänger Billy Eckstein einen seiner größten Erfolge („Good Jelly Blues“) mit dieser Verschleierung besungen: „Aber was mich wirklich anmachte, war ihr wundervoller Berliner.“ (Jelly Roll, 4).

Ein letzter Satz zur Süße

Noch ein Satz, und er soll für heute der Letzte sein: Lust ist am süßesten, wildesten und und am anrüchigsten, wenn sich ihre Protagonistin am Ende die Finger abschleckt – oder abschlecken lässt. Es kommt immer nur darauf an, worin der Finger zuvor steckte.


(1) "Johann Fürchtegott Gramse" ist das Internet-Pseudonym eines "Autors, den es niemals gab".
(2) Der Artikel in FREITAG (Zitat)
(3) Nach einer seriösen wissenschaftlichen Erhebung der Universität von Quebec, Kanada, von 2014. "Université du Québec à Montréal."
(4) Eine "Jelly Roll" ist nicht unbedingt ein Berliner, kommt dem aber am nächsten: Außen Kuchenteig, innen eine süße Füllung.
(Plus) Das eigene Buch von Susann Rehlein bei Ullstein.

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