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Manifest

Ihr (Sex)-Leben ist zu langweilig, um darüber zu schreiben

Ich schrieb über etwas, das ich kannte. Überflüssig zu sagen: Es war nicht viel, was ich kannte.


Tausende von Autoren wollen sich ein Denkmal setzen, und sie glauben, das eigene Leben sei dafür geeignet. Fast immer handelt es sich dabei um einen Trugschluss: Das eigen Leben ist langweilig für andere. Ob Sie nun einen Entwicklungsroman, einen Liebesroman oder einen erotischen Roman planen: Lassen Sie das eigene Leben draußen. Ihre Heldinnen und Helden müssen wesentlich beherzter leben als Sie selbst. Und was die Lust betrifft: Die Heldin sollte wesentlich lüsterner sein und mehr wagen als Sie es jemals tun würden.


Fragen wir uns doch einmal: Warum sind die meisten Schilderungen des Geschlechtsakts so langweilig, so hausbacken und so blutleer? Weil die meisten Autorinnen und Autoren ein langweiliges, hausbackenes und blutleeres Sexleben haben. Ihnen fehlen die Varianten, die Spitzlichter und Sahnehäubchen. Mir ist eine Autorin bekannt, die ständig davon schreibt, wie der „Zipp“ geöffnet wird. Dieser Vorgang muss die Damen einmal ausgesprochen beeindruckt haben. Als ich die Geschichte las, musste ich hell auflachen: Kaum hat die Heldin mit „ihren geschickten Fingern“ den Reißverschluss geöffnet, da springt der Penis heraus wie ein Kastenteufel, der von einer Stahlfeder getrieben wird. Bei andern Autorinnen hat man den Eindruck, sie hätten sich niemals bei Licht und vollem Bewusstsein mit einem Penis beschäftigt.

Verstehen Sie sich bitte mal in die Situation der Leserin, und bleiben wir beim Penis: Wie viele Penisse hat ihre Leserin bewusst gesehen? Wie viel davon hat sie mit der Hand oder den Lippen berührt? Ich will gar nicht davon reden, wie viele sie zum Besuch ihrer Vagina eingeladen hat … es sind immer nur wenige, und diese wenigen wurden zumeist nicht einmal intensiv erlebt.

Die Leserin erwartet von Ihnen als Autorin, dass Ihnen kein Penis fremd ist und dass sie davon schon reichlich gekostet haben. Natürlich ist dies nicht er Fall – Sie haben so wenig Erfahrung wie ihre Leserinnen. Aber Sie haben mehr Fantasie (das hoffe ich jedenfalls). Deshalb – und nur deshalb – schreiben Sie erotische Romane.

Ihre Heldinnen sind entweder Expertinnen oder begierig lernende Novizinnen der Lust. Sie wissen oder lernen, wie man – um im Beispiel zu bleiben - einen Penis behandelt. Ihre Leserin wird mitgehen. Wird sich freuen, dass sie in ihrem Roman endlich einmal nachlesen kann, wie sich ein Penis anfühlt, wenn man ihn in die Hand nimmt – oder in den Mund.

Was ihre Heldin auch tut – sie muss die Leserin gewinnen und sie dabei mitreißen, auch die eigenen Grenzen zu überwinden. Wie wir hier bereits mehrfach andeuteten, sollten Sie sich an den Möglichkeiten Ihrer Heldin orientieren – und nicht umgekehrt. Sonst wirkt der Sex fad und abgestanden.

Die Heldin soll also erleben, was der Autorin oft verwehrt ist: ein Leben in der Vielfalt der Lust. Um im Beispiel zu bleiben: Ihre Heldin kann einen Penis hassen oder lieben oder gemischte Gefühle bei der Berührung mit dem Penis haben. Sie kann die Eichel, die Vorhaut oder den Schaft in vielfältiger Wiese liebkosen, umstreicheln oder massieren. Selbstverständlich kann sie ihre Lüste vor dem Einführen des Penis oder beim Einführen schildern. Ja, sie kann, solange sie nicht völlig von der Wollust überwältigt wird, die Bewegungen ihres Körpers und die Schwingungen ihrer Nerven beschreiben. Aber eines sollten Sie nicht tun: Plötzlich eine „Lanze“, einen „Speer“ oder einen „Pfahl“ in Ihre Heldin „hineinbohren“ lassen. Dergleichen kann man immer wieder lesen – und leider nicht nur bei Schreib-Anfängern.

Oftmals wird man als Kritiker gefragt: „Ja, kann man denn über etwas schreiben, was man nicht selbst erlebt hat?“ Natürlich geht es. Denken Sie, ein Schauspieler hätte das „erlebt“, was er auf der Bühne verkörpert? Nein? Warum glauben Sie dann, dass ein Schriftsteller immer alles „Selbst erlebt“ haben müsste?

Worum geht s wirklich? Nein, niemals darum, dass sie es selbst erlebt haben. In Wahrheit will Ihre Leserin staunen über das, was alles möglich wäre, wenn sie sich trauen würde.

Gestatten Sie Ihrer Heldin also ein erheblich aufregenderes Sexleben als sich selbst – ihre Leserinnen werden es Ihnen danken.

Hinweis: Geschrieben nach einer Anregung von Malin James, von der auch das Zitat stammt.

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