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Romantik und Erotik – unvereinbar?

Die verlogene Romantik: Kitsch in einer bürgerlichen Zeitschrift von 1913
Was die Liebe betrifft, ist selten schriftstellerisch „unvereinbar“. Nicht einmal die beiden Gegensätze der menschlichen Lust, die Liebe zueinander und der Sex miteinander, werden von uns getrennt. Wir stehen auf und machen ein Rührei daraus: Eigelb und Eiweiß werden mit etwas Milch und einer geheimen Gewürzmischung verquirlt, und es schmeckt unseren Leserinnen so am besten. Doch Romantik und Erotik, die müssen getrennt serviert werden.

Worte, abgegriffen und entwertet

Jeder, der sich mit der Sprache beschäftigt, weiß, wie sie sich wandelt. Und so vermischten sich im Laufe unserer Geschichte die Begriffe bunt miteinander. Mal war die Liebe das Edle, mal war es die Minne, dann wieder wurde die Liebe von der Philosophie besetzt, und übrig blieb uns die profane Verliebtheit. Und sehr ähnlich verhält es sich mit der „romantischen Beziehung“. Mal ist sie der Inbegriff der sinnlichen Liebe, dann wieder wird die Sinnlichkeit bis auf eine kaum merkbare „Spur von Sinneslust“ entfernt. Und die Machwerke daraus ließen sich einst bestens verkaufen. Dabei ist eine „romantische Beziehung“ kaum etwas anders als eine „erotische Beziehung“ – beide werden von der Verliebtheit dominiert, von was denn eigentlich sonst?

Wir können also durchaus behaupten: Liebe ist nur ein abgegriffenes Wort, das wir so dahinlabern. Von der „heißen Liebe“ für „erregtes Vögeln“ bis hin zum Etikett „Liebe“ für den gleichnamigen menschlichen Sozial-Kitt haben wir alles geschrieben, um das Wort verpuffen zu lassen.

Romantik und Erotik - ein hübsches Paar für den, der nicht lügt

Wenn wir nun fragen: „Vertragen sich Romantik und Erotik“, dann sitzen wir schon in der Falle – denn da fragen wir eigentlich: Vertragen sich verklärte Liebe und sinnliche Liebe? Ist verklärte Liebe (Romantik) etwa nicht sinnlich? Und ist sinnliche Liebe etwa nicht verklärt?

Unser Widerwille, Romantik und Erotik zusammenzubringen, ist fast unerklärlich. Möglicherweise wird unser Denken durch Märchen, Kitschromantik und einfältige Mädchenromane gespeist. Wer heute die romantische Profanliteratur des Spätbürgertums liest, wird eher auf verklärte Seufzer im bürgerlichen Wohlanstand stoßen als auf Sinnlichkeit. Und obwohl kaum noch einer der Autoren jener Zeit bekannt ist, blieb von ihnen doch die Unvereinbarkeit von Lust und Romantik.

Manche Autorinnen glauben, der feenhafte Zauber der zarten Lust, die sie über ihre Szenen legen, könne durch Erotik zerstört werden. Sie verkennen dabei aber, dass auch sie Erotik schreiben, nur eine relativ verlogene Version davon. Und da schient der Hasse im Pfeffer zu liegen: Viele Autorinnen fürchten offenbar, von ihrer eigenen Verlogenheit eingeholt zu werden, sobald sie eine einzige realistische erotische Textstelle schreiben würden.

Dieser Vorwurf ist übrigens nicht neu. Die sogenannte „romantische Schule“ hatte sich zur Aufgabe gemacht, das Märchenhafte, das Wunderbare, das Fantastische, das Mittelalterliche und das Orientalische zu verknüpfen, um der Realität zu entfliehen.

Die Realität und die romantische Lust – kein Widerspruch

Wer nicht vor der Realität fortläuft, darf dennoch sinnlichen träumen. Natürlich wie künstliche Düfte, aus der Retorte erzeugte Stimmungseffekte wie auch Naturstimmungen werden immer noch als romantisch empfunden. Und sie führen oftmals ganz selbstverständlich zu erotischen Szenen, die ihrerseits auch wieder in heftige Sexszenen einmünden können – das mag jeder so schreiben, wie wer will und kann.

Erotik und Romantik sind Schwestern, die einander umarmen. Wer etwas anderes behauptet, mag das tun, doch denke ich, dass er oder sie versucht, sich selbst und andere damit zu betrügen.

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