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Weiberherrschaft – ein Meisterwerk der Viktorianischen Erotik

Symbolische Unterwerfung - Korsett und Frauenkleider
In der Viktorianische Ära (1837 bis 1901), wahrscheinlich sogar bis zum Ersten Weltkrieg, schien das Vereinigte Königreich eine Oase des Konservativismus zu sein. Aber gerade in dieser Zeit wuchs unter der Fassade des aufrechten Bürgertums eine ungeheure sexuelle Begierde, die als „erste sexuelle Revolution“ in die Geschichte einging. Und sie spülte allerlei hervor, was sich im konservativen England kaum vorstellen konnte: außerehelicher Geschlechtsverkehr, Flagellationsbordelle, diverse Arten von Prostitution, gleichgeschlechtliche Beziehungen und alle Arten von Geschlechtsverwirrungen.


Begonnen hatte diese Entwicklung in englischsprachigen Ländern bereits gegen Ende des 18.Jahrhunderts begonnen: Zitat (1)

Im späten 18. Jahrhundert entwickelte sich ein reger Handel mit englischer Erotik. Obgleich die Veröffentlichung von Pornografie immer noch illegal war, war sie doch sehr verbreitet. Nun war es auch für Schulmädchen und ländliche Geistliche möglich, kommerziell produzierte erotische Bücher und Illustrationen von nackten Männern und Frauen in fleischlichen Verbindungen mit anderen zu erwerben, und dies in unterschiedlichen Situationen: stehend, liegend, sitzend.


Die erotische Weiberherrschaft

Die erste vollständige deutsche Ausgabe - Privatdruck
Etwa 100 Jahre später erschienen dann Abhandlungen über "sexuelle Abweichungen". Genau in diese Zeit fällt fällt der dreiteilige Roman „Weiberherrschaft“. Um ihn zu verstehen, muss man die Gesellschaftsordnung jener Zeit begreifen: Erotik und Gesellschaftssatire gingen oft eine Verbindung ein, und so ist es auch im vorliegenden dreiteiligen Buch. Der adlige Held wird nach einem peinlichen häuslichen Vorfall einer strengen Gouvernante übergeben, die ihm zum Wohlanstand zurückbringen soll. Ihr Name ist Mademoiselle Hortense de Chambonnard, und sie weiß sehr genau, was sie mit aufsässigen, neugierigen, aber sexuell unerfahrenen jungen Männern tun kann: Frustrieren, Abwerten, Peitschen und Feminisieren einerseits. Und anderseits, sie zu verführen, sie geschlechtlich zu verwirren und mit ihnen die körperliche Liebe auf beiderlei Art zu vollziehen: als Mann und als Frau.

Das Buch - Naivität, sexuelle Neugierde, Geschlechterverwirrung, Flagellation

Es war nicht das erste Werk, das sich der erotischen Flagellation bediente – kurz zuvor (1870) hatte Ritter von Sacher-Masoch sein Buch „Venus im Pelz“ veröffentlicht, und kurz danach hatte Krafft-Ebing (1886) den Autorennamen benutzt, um den Begriff „Masochismus“ in die Welt zu setzen. Das Buch Gynecocracy (Weiberherrschaft) wurde 1893 veröffentlicht (2) – das genaue Erscheinungsdatum ist allerdings nicht eindeutig belegt, da erotische Romane jener Zeit bewusst mit falschen Erscheinungsdaten und unter falschen Verlagsnamen in den Verkehr gebracht wurden. Behauptet wird, es sei von Leonhard Smithers (3) verlegt worden und sei im Buchhandel von Robson & Kerslake (4) erhältlich gewesen. Beide Behauptungen sind sehr wahrscheinlich korrekt, da alle genanten Firmen tatsächlich existierten und für Erotika bekannt waren. Zu erwähnen wäre noch, dass sich die Menschen der damaligen Zeit auf für psychische Phänomene zu interessieren begannen, von der Siegmund Freude erstmals 1896 sprach.

Der Autor - oder waren es gar mehrere?

Das Buch soll 1893 geschrieben und verlegt worden sein. Als Autor gilt der englische Anwalt Stanislas Matthew de Rhodes (2) (1857-1932). Seine Autorenschaft ist zwar nicht unumstritten, jedoch kann man davon ausgehen, dass die drei Bände des Romans von einem intelligenten Menschen mit überschäumender Fantasie und einem Schuss bittere Satire geschrieben wurden. Das deutet wieder auf einen Kreis von gleichgesinnten hin, der ebenfalls typisch für die viktorianische Epoche war, von der wir reden. Um diese Zeit waren Versammlungen von Männern, die gemeinsam tranken, sich an nackten Tänzerinnen ergötzten und erotische Literatur lasen schon sehr etabliert. (3). All diese Männer waren angesehen Bürger und größtenteils Intellektuelle. Es ist möglich, dass Stanislas Matthew de Rhodes das Buch nicht alleine schrieb – darauf deuten stilistische Unterschiede in den drei Teilen hin, wie einige der Herausgeber (2) hervorgehoben haben. Das Kernstück, das die höchste literarische Qualität beinhaltet, ist ohne Zweifel der erste Teil der Trilogie. Der ursprüngliche Titel lautete:

Gynecocracy: A Narrative of the Adventures and Psychological Experiences of Julian Robinson (afterwards Viscount Ladywood) Under Petticoat-Rule, Written by Himself.


Der Autor spelt mit der Geschlechtlichkeit

Der Autor spielt vor allem damit, Geschlechtlichkeit nicht als etwas Gegebenes zu betrachten, sondern als Ausdruck des Verhaltens, der Gesten, der Bekleidung und dergleichen. Wenn der Held von Mademoiselle zu sexuellen Handlungen verführt wird, darf er ein Mann sein, wird er von der Zufallsbekanntschaft Fräulein Stormont verführt, so wir verbal suggeriert, hier fände ein Inzest statt. Und wenn Lord Alfred ihn verführt, werden Anklänge an Homosexualität deutlich, die freilich ebenso willkürlich sind: In Wahrheit ist der „Lord“ eine verkleidete Lady. Hinzu kommen noch erotische Wünsche an und von drei Cousinen (Maud, Beatrice und Agnes) sowie einige strenge Bestrafungen durch die Zofe von Mademoiselle, Elise. Die Titelbilder der Romane täuschen oftmals über den Inhalt, und wer ein sinnliches Werk ohne Homoerotik, skurrile Beziehungen oder Flagellation sucht, sollte es meiden.

Vielleicht kann man sich vorstellen, was in diesem Druckkessel der befremdlichen Erotik alles möglich ist, und in der Tat zieht der Autor alle Register des Sinnlichen, Heftigen und Ungebührlichen … jedenfalls verglichen mit dem, was in in ehelichen Schlafzimmern passierte.

Ausgaben in Deutschland

In Deutschland erschien das Werk angeblich bereits 1906, jedoch ist eine Ausgabe von 1909 bekannter. Man verwendete den Originaltitel, in dem man lediglich den in Deutschland unbekannten Begriff „Under Petticoat-Rule“ (unter der Herrschaft des Rockes) in „unter dem Pantoffel“ ersetzte.

Weiberherrschaft. Die Geschichte der körperlichen und der seelischen Erlebnisse des Julian Robinson nachmaligen Viscount Ladywood. Von ihm aufgezeichnet zu einer Zeit wo er unter dem Pantoffel stand.


Die Ausgabe in der Übersetzung von Erich von Berini-Bell erschien dreibändig und mit Illustrationen versehen 1909 in Leipzig als Privatdruck. Sie wurde als „erste vollständige Übersetzung aus dem Englischen und in gleicher Weise aber auch als „Originalausgabe“ bezeichnet. In einigen der Neuauflagen wird auf die Original-Übersetzung verwiesen, während andere behaupten, überarbeitete Versionen der Übersetzung zu verwenden.

Viele Ausgaben in deutscher Sprache - und immer wieder Indizierungen

Ich bin weit davon entfernt, alle Ausgaben zu kennen. Die erste Neuauflage der Übersetzung von 1909 erschien im Jahr 1969 und wurde wurde offenbar sofort indiziert. Sehr bekannt wurde eine Ausgabe der Heyne EXQUISIT BÜCHER aus dem Jahre 1973, das 288 Seiten stark war und offenbar bis 1979 in siebter Auflage im Handel war. Andere bekannte Ausgaben sind die von Moewig/Playboy (1982) als Gesamtwerk (253 Seiten) und 1991 von Ullstein, wo alle drei Bände separat erschienen. Warum einzelne Ausgaben indiziert wurden und andere nicht, ist mir unbekannt.

Merkwürdigerweise werden in nahezu allen Neuauflagen keine Übersetzer genannt, obgleich die mir bekannten Übersetzungen des Originals recht gut gelungen sind. Es mag sein, dass Änderungen in manchen Ausgaben dazu dienen sollten, der Zensur zu entgehen, denn alle drei Bände, wie auch das Gesamtwerk wurde mehrfach indiziert 5). Die recht detaillierten Beschreibungen der erotischen Vorgänge sprechen jedoch dafür, dass keine Überarbeitung so „weich gespült“ werden konnte, dass sie den Kriterien der Moralwächter entsprach.

Im Grunde ein zeitgeschichtliches Dokument mit überhitzter Erotik

Das Werk sollte heute als zeitgeschichtliches Dokument gelten. Es mag erotisch überhitzten Hirnen entstammen, aber es ist dennoch – oder gerade deswegen - ein Zeitdokument. Und es wurde so oft kopiert (6) und umgeschrieben wie kaum ein anderes erotisches Werk - sogar vom mutmaßlichen Schöpfer selbst, der als „M. Le Comte Du Bouleau“ 1898 die Novelle „The Petticoat Dominant“ schrieb.

Quellen:

(1) The Origins of Sex, London 2012, Seite 348.
(2) Gynecocracy, Neuauflage des Originals, erschienen 2011, Vorwort.
(3) The Origins of Sex, London 2012, Seite 344.
(3)Leonhard Smithers. https://en.wikipedia.org/wiki/Leonard_Smithers
(4) Robson & Kerslake waren bekannt dafür, erotische Übersetzungen und Originalwerke zu vertreiben.
Weitere Erwähnungen in: Clandestine Erotic Fiction in English 1800–1930: A Bibliographical Study by Peter Mendes
(5) Erich von Berini-Bell, Weiberherrschaft, indiziert 1969
(6) z.B. Don Brennus Aléra: Fred / Frederique
Der Urheber des Titelbilds ist unbekannt.




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