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Wie glaubwürdig sind die Zahlen über sexuelle Fantasien?

Das Thema gab es immer - die Akzeptanz allerdings nicht
Bei der Bewertung erotischer Fantasien taucht immer wieder die Frage auf: Wie zuverlässig sind denn eigentlich die Zahlen, die wir einzelnen Forschungen entnehmen können?

Zahlen zu Erotik-Fantasien sind nur bedingt glaubwürdig

Die erste Antwort: Nur ganz wenige Projekte wurden von seriösen Forscherinnen und Forschen durchgeführt. Die meisten Zahlen stammen aus Erhebungen, die sozusagen „quick and dirty“ von Mitgliedern erotischer Foren oder erotischer Dating-Plattformen erhoben wurden. Manche Studien wurden auch von Herrenmagazinen und Frauenzeitschriften in Auftrag gegeben. Einige stammen sogar von Besuchern spezifischer Pornografie-Seiten. Von einigen Befragungen darf angenommen werden, dass sie von vornherein einen bestimmten Zweck erfüllen sollten und dass die Fragen deshalb manipuliert wurden.

Die vereinfachte Antwort: Die Zahlen sind so unterschiedlich, weil die Methoden der Befragung höchst unterschiedlich waren.


Eine zweite Antwort ist noch weitaus überraschender: Bei besonders heiklen Themen spielt der Zeitgeist oder der „Mainstream“ in die Ergebnisse herein. Ist ein Thema noch nicht „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen, so leugnen die Teilnehmer von Befragungen gerne, jemals selbst betroffen gewesen zu sein.

Die vereinfachte Antwort: Wenn’s alle tun, geben Befragte eher zu, dass es auch sie betrifft.


Ich gebe dazu ein Beispiel: Laut einer seriösen britische Erhebung von 2006 fantasierten 58 Prozent der Männer über eine Dreierkonstellation, während es bei einer kanadischen Befragung 2014 fast 85 Prozent waren. Das allein aber wäre noch kein Grund, den veränderten Zeitgeist zu bemühen. Die Zahlen sollen nur als Vergleich dienen. (Frauen 2006 - 28 Prozent, 2014 – 37 Prozent).

Ein plötzlicher Wandel, der „vom Himmel fiel“

Zwischen 2006 und 2014 ereignete sich allerdings etwas, das den „Mainstream“ erheblich veränderte: Im Jahr 2011 erschien die erste Ausgabe der „50 Shades of Grey“. Schon kurz nach Erscheinen des Buches war das Thema „Schläge und Unterwerfung“ in aller Munde. Auf Partys und Kaffeekränzchen von Frauen aus dem Mittelstand wurde ganz offen über das Buch gesprochen – und das hatte einen enormen Einfluss auf weitere Befragungen zu sexuellen Fantasien.

Dazu die Zahlen:

18 Prozent der Männer fantasierten 2006 darüber, eine Frau erotisch zu schlagen. 2014 waren es bereits 46 Prozent.

Nur sieben Prozent der Frauen fantasierten 2006 darüber, einen Mann erotisch zu schlagen, doch 2014 waren es schon 24 Prozent.

Geschlagen werden wollten in ihren Fantasien 2006 nur 13 Prozent der Frauen, während es 2014 bereits 36 Prozent waren.

Nur 11 Prozent der Männer erträumten sich 2006, von ihrer Partnerin geschlagen zu werden, 2014 waren es rund 30 Prozent.


Die Verdreifachung der Werte ist höchst ungewöhnlich. Selbst, wenn man unterstellt, dass die Kriterien in der kanadischen Studie etwas toleranter aufgefasst wurden, ist eine Steigerung auf das Dreifache undenkbar – der Zeitgeist hatte also zugeschlagen. (Die Steigerung beim Vergleichsthema betrug nicht einmal das 1,5-fache).

Aus Deutschland liegen keine verlässlichen Zahlen vor. Das Buch „Sex im Kopf“, dass dieses Thema in deutscher Sprache ventiliert, bringt ausschließlich Interviews mit betroffenen Personen.

Zahlen 2014: What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy?
Christian C. Joyal, PhD, Amélie Cossette, BSc, and Vanessa Lapierre, BSc, Department of Psychology, Université du Québec à Trois-Rivières, Trois-Rivières, Québec, Canada; Philippe-Pinel, Institute of Montreal, Montreal, Québec, Canada.

Zahlen 2006: „Sex im Kopf: Alles über unsere geheimsten Phantasien“, im Original Sex and the Psyche: The Truth About Our Most Secret Fantasies.

Ohne Zahlen: Sex im Kopf – die erotischen Fantasien der Deutschen, Reinbek 2014.

Illustration: nach einer Zeichnung von Herric. (Chéri Hérouard)

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