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Die Fassaden des Bürgerlichen - und die Leserinnen

schämen oder fasziniert sein?
Die Damen und Herren,
die Du hier siehst,
sie tragen so ganz nebenbei...
... ein Engelsgesicht,
doch die Sünde besticht.


Musical Jekyll & Hyde - "Fassade"

Ich lese gerade ein einem Magazin aus dem Jahre 1988 (1) warum Frauen ihre heftigen erotischen Fantasien unter Verschluss hielten – und ich dachte mir: dreißig Jahre später oder dreißig Jahre früher was das nicht wesentlich anders.

Damals ging es um Pornografie, aber es hätte ebenso gut um „erotische Schriften“ gehen können. Die auf Forschungen basierende Behauptung ging davon aus, dass sich die Frauen von Pornografie „zugleich abgestoßen und angezogen“ fühlten. Was letztlich hieß: Heimlich wurde schon mal in ein Pornoheft geglotzt, und wenn es möglich war, wurde schon mal geguckt, was denn im Bücherregal hinter Schillers gesammelten Werken in zweiter Reihe stand.

Erotische Schuldgefühle sind am Erregendsten

Die Forscher damals nannten „Schuldgefühle und Sexualängste, die die Abwehrreaktion (auf Pornografie) auslösen.“ Übrigens nicht ausschließlich bei Frauen, auch bei Männern. Je moralfester sie im Vordergrund taten, umso mehr interessierte sie das „Schmutzige“.

Noch etwas präziser wird Dr. P. Gorssen in seinem Buch „Das Prinzip Obszön“ (2), übrigens bereits 1969:

In jedem für obszön gehaltenen Objekt … steckt ein Stück von uns selber, die wir es ablehnend oder zustimmend verstanden haben.


Wie die Bürger ihre Fassaden hochhielten

Der wirklich aufgeklärte Mensch kann etwas sehen, beschreiben und einordnen – unabhängig davon, ob es seinem Geschmack entsprechen mag oder ob er darin eine Lust oder eine Gefahr sieht. Doch das Bürgertum, von der Blütezeit bis zum Kleinbürgertum in der Bundesrepublik Deutschland, handelte anders. Es sah in allem, was seine Fassade störte, eine Gefahr für das mühsam zusammengezimmerte Gebäude der Wohlanständigkeit. Nicht, dass es sie nicht gab, die bösen Verführungen: In Antiquariaten wurde historische Pornografie unter dem Ladentisch gehandelt, der Toilettenmann im erotischen Cabaret belieferte seien Kundschaft mit verbotenen (echt frivolen) Fotobänden. Und der wahre Pornograf schrieb damals auf klapprigen Vorkriegsschreibmaschinen erotische Texte - teils auch auf Wachsmatrizen, die sich dann vervielfältigen ließen und im Freundeskreis verteilt wurden.

Nur: das alles ging still und heimlich vonstatten, ebenso wie die Bordellbesuche des Hausherrn oder die Aktivitäten der Damen, die hinausgingen, um sich das Nadelgeld aufzubessern. So hieß jedenfalls die vornehme Umschreibung für die Hausfrauenprostitution. Übrigens benannte man niemals die Geschlechtsteile oder sprach auch nur über das Geschlechtliche - „es gehörte sich nicht", darüber zu reden.

Das Obszöne und die Damen der 1950er Jahre

Bei Frauen scheint der Ekel beim Lesen von Pornografie, der in der Presse immer gerne angeführt wurde, überwindbar gewesen zu sein. Von den viktorianischen Damen bis hin zur Hausfrau der 1950er Jahre wussten viele, welche Stellen in verfügbaren und nicht indizierten Büchern die Lust anregten.

Heimlich verschlungen: Strafen und Internats-Erotik

Und heute? Es ist erst wenige Jahrzehnte her (3), als im Vereinigten Königreich die Flagellationsliteratur wiederentdeckt wurde – und sie war durchaus in seriösen Buchhandlungen zu haben. Allerdings ging es dabei überwiegend um die erotischen Fantasien aus Internaten. Dabei lebten die Schilderungen aus viktorianischer Zeit wieder auf – offenkundige oder verdeckte lesbische Beziehungen sowie heftige oder sinnliche Körperstrafen waren die Themen.

Mütterchenpornografie

Und erst im neuen Millennium kamen die „50 Shades of Grey“ auf den Markt, die abermals einen Dammbruch auslösten. Plötzlich wurde eine bestimmte Art von Pornografie zum Zeitgeist, die man später „Mütterchenpornografie“ nennen sollte. Und nun war etwas möglich, woran kaum jemand geglaubt hätte: Wenigstens untereinander und im kleinen Kreis bekannten sich Frauen zu diesen und anderen Fantasien.

Die Lust am Obszönen ist noch nicht vorbei

Solange bestimmte Themen immer noch sowohl Ablehnung als auch Zustimmung auslösen, machen sie neugierig und mischen die Farben der chargierenden Fantasien. Nach wie vor wird das Heftige im Schönen gesucht, das vorgeblich Schmutzige im Natürlichen, die Begierde am sauren Beigeschmack im Süßen. Mögen die Themen inzwischen auch „irgendwie“ akzeptiert werden, so werden sie nach wie vor nicht in Büchern mit eindeutigem Einband im ICE gelesen.

(1) DER SPIEGEL, online verfügbar.
(2) Das Prinzip Obszön, Reinbek 1969.
(3) Die meiste Bücher dieser Art erschienen zwischen 1990 und 1999.

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