Skip to content
Werbung

Die Person in deiner Geschichte - kritisch betrachtet

Und am Ende füge man die Figur hinzu ...
Was wichtig ist? Das Thema? Na gut. Das Plot? Na ja. Die „Dramatik“? Großes Wort, aber was denn nun? Ach, der Hauptkonflikt etwa? Die Person? Wie, es gibt da auch noch eine Person? Ja, es gibt sie – die Hauptfigur, vorzugsweise die Person, die erzählt. Es ist die Figur, um die sich alles dreht – jedenfalls zumeist.

Alles durchplanen, dann Figuren erfinden?

Ich habe jüngst gelesen, dass sich Schriftsteller erst um „alles andere“ kümmern sollten, bevor sie ihre Figur entwickeln. Na schön, jeder darf eine Meinung haben. Ich muss dabei unwillkürlich lächeln – und glaube kein Wort davon. Du kannst keine Handlung entwickeln, wenn du deine Person nicht ganz genau im Auge hast – schließlich soll sie ja die Geschichte erzählen, durchleben und gegebenenfalls durchleiden.

Ach, das soll sie gar nicht?

Marionette oder Protagonistin?

An dieser Stelle entgleitet mir die Welt professioneller Schreibschulen. Wenn die Person erst ziemlich weit hinten steht, wie glaubwürdig ist sie dann noch? Und warum denke ich da zum Beispiel an Anastasia Rose Steele, die von ihrer Schöpferin wie eine Marionette im Roman spazieren geführt wird? Nein, ich habe den Erfolg dieser Bücher nicht vergessen. Und dennoch darf ich sie für mies halten – das gestatte ich mir einfach.

Also gut, das war die Kritik. Doch immerhin – auch Schreiblehrer(innen) und Schreibschulen brauchen Figuren. Man nennt die Hauptfigur auch den Protagonisten, also denjenigen, der „zuerst handelt“. Die Klassiker benötigen noch einen Antagonisten, also einen Gegenspieler. „Protagonistin“ ist ein großes Wort für eine kleine Figur, die noch nicht mit Leben befüllt wurde..

Die mit Eigenschaften ausstaffierte Figur

Zu meiner Freude erfuhr ich auf einigen schriftstelleraffinen Seiten: Ja, irgendwie ist der der Protagonist ja nun doch wichtig, der Held, die Heldin, die Figur … denn sie verändert sich im Laufe der Geschichte am meisten. Hübsch, dass man ihr wenigstens zutraut, „sich“ zu verändern. Im Übrigen, auch das las ich, sei es nun ganz wichtig, diese Person „auszustatten“. Vorzugsweise mit etwas Ungewöhnlichem, und ich frage mich: ja, mit was denn sonst? Wird sich jemand für einen Buchhalter interessieren, der Tag für Tag in sein Kontor geht, sich jeden Tag von seiner Ehefrau ein Fleischgericht kochen lässt und sie am Samstag Abend in Missionarsstellung vögelt?

Na gut, ich entschuldige mich für das Vögeln. Für den Rest, so denke ich, muss ich mich nicht entschuldigen. Wer alles andere an den Anfang stellt, bevor er die Person überhaupt erwähnt, muss sich gefallen lassen, das man so lapidare Sätze wie „statte deine Person mit etwas Interessantem aus“, mit Spott überzieht.

(Oh, ich weiß, dass ich in diesem Punkt angreifbar bin, danke für die Brennnesseln und Rosen).

Die Person in den Mittelpunkt stellen

Gut, gut … also, für mich gehört die Person in den Mittelpunkt. Ob sie ein echtes Schicksal durchlebt oder ob du sie als verlängerte Spielwiese deines erotischen Dranges benutzt, ist ziemlich gleichgültig. Deine Leserin muss ihr später unter die Haut kriechen können und mit ihr weinen, mit ihr lüsten und mit ihr leiden.

Die Person, von der du nicht weißt, wozu sie fähig ist

Wenn du zu schreiben anfängst, dann beschäftige dich mit einer Person an, die du kennst, von der du aber noch nicht alles weißt. Die geeignetste Person bist du wahrscheinlich selbst. (1) Wenn du das nicht so siehst, dann suche dir eine Person, die dich schon immer fasziniert hat: eine, die wesentlich selbstbewusster ist als du. Oder wesentlich unterwürfiger. Es ist sehr günstig, das Milieu zu kennen, in dem sie lebt oder nach dem sie sich sehnt. Erstaunlicherweise ist das Alter nicht ganz so wichtig, und manchmal nicht einmal das Geschlecht. Ich denke, die meisten Menschen erkennen, wenn eine soziale Umgebung, eine erotische Praxis oder ein Ort falsch beschrieben wird. Sie erkennen hingegen kaum, ob ein inneres Gefühl exakt dargestellt wird. Wieder mal sind die „Shades of Grey“ ein „gutes“ Beispiel für das Schlechte: Ach, Miss Steel durfte die Peitsche zwischen den Beinen spüren? Da sagt sie „Aua“. Ja was sagt eine naive Leserin denn sonst …?

Die Person - anders definiert

Na ja, also wir waren bei der Person, nicht wahr?

Das Wichtigste ist, dass deine Person, dein Protagonist, dein Held oder deine Figur zum Leben erwacht. Auch, wenn es schon andere tausendfach geschrieben haben, sage ich es noch einmal:

Deine Figur ist keine Bauchrednerpuppe, die du an der Hand führst. Sie ist eine Person, und sie will hinaus auf die Bühne ihrer bescheidenen kleinen Existenz, die du ihr gibst.

Nimm einmal an, du würdest die Geschichte einer Schriftstellerin schreiben, die gerade ihr erstes erotisches Werk beginnt, und die eine Figur entwickelt, die so viel freier und sinnlicher ist als sie selbst. Das Schreiben über diese Figur würde das Leben ihrer Autorin verändern, sodass sie selbst freier und sinnlicher würde, und dies wiederum würde die Figur zu noch sinnlicheren Höhepunkten führen.

Hast du das ganze Szenario noch vor Augen? Dann ahnst du vielleicht, warum Figuren in sinnlichen Geschichten nicht einfach Marionetten sind, und warum du sie nicht nach festgelegten Handlungsabläufen agieren lassen solltest.

(1) Die Person, die du beschreibst, und die Person, die du bist gehen eine Beziehung ein. Und wenn du aufgefordert wirst, ein „psychologisches Profil“ deiner Person zu beschreiben, dann überlege dir mal, ob du es überhaupt schaffst, ein „psychologisches Profil“ von dir selbst zu entwerfen.
Zeichnung: Historisch, ca. 1818

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Um einen Kommentar hinterlassen zu können, erhalten Sie nach dem Kommentieren eine E-Mail mit Aktivierungslink an ihre angegebene Adresse.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Formular-Optionen