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Haben deine Figuren einvernehmlichen Sex?

Offensichtliche Übereinstimmung - oder doch nicht?
Schon lange, bevor es Diskussionen über einvernehmlichen Sex gab, gab es erotische Literatur. Man sprach die Worte „einvernehmlich“ oder „nicht einvernehmlich“ niemals aus, sondern schilderte die Situation, in der beide zusammenkamen. Dabei ergaben sich aus den Lüsten, Begierden, Ängsten und Zweifeln, aber auch aus besonderen Gelegenheiten zahllose Möglichkeiten, „es“ zu tun oder „es“ bleiben zu lassen. Der Klassiker ist eher harmlos: Zwei Personen sind auf Geschäftsreise, einsam und schon länger sexlos – da ergibt sich, dass der Hotelier nur noch über ein Doppelzimmer verfügt. Und schon beginnt das Spiel damit, die Möglichkeit der Nähe zu nutzen oder sie verstreichen zu lassen.

Sind Verführungen "einvernehmlich"?

Manche Zeitgenossen behaupten, Verführungen seien kein „einvernehmlicher“ Sex. Doch die Frage ist nicht, wer den letzten Impuls gab, die Kleider abzulegen und sich dem anderen anzubieten. Die Frage ist vielmehr: Welcher innere Konflikt zwischen Gelegenheit, Begierde und Furcht musste überwunden werden? Warum war die Situation so ungewöhnlich, und wie half die Verführerin oder der Verführer nach, um die letzten Ängste zu überwinden? Und warum willigten am Ende doch beide ein?

Illegaler Sex, leicht pervers angehauchte Praktiken

Zumeist geht es dabei nicht nur um die kleine Hürde, ob sich jemand dem anderen intim nähern sollte. Meist ist noch eine weitere Hürde zu überwinden: Die Sache hat einen Geschmack der Perversion oder Illegalität, des Ehebruchs oder der Unanständigkeit. Oder wie Elisabeth Benedict schreibt:

Gefühle der Hochstimmung, Befreiung, der Widerstände oder Erleichterung … (es endlich getan zu haben) … können von Schuldgefühlen begleitet sein.


Wir können sagen: Einvernehmlich ist vom Anfang bis zum Ende einvernehmlich, in jeder einzelnen Handlung und in allen Ergebnissen inklusive der Nachwirkungen. Einvernehmlichkeit kennt keine Reue.

Ganz einvernehmlich - völlig langweilig?

Aber mal Hand aus Herz - ist das eine Idee für eine spannende und erregende erotische Geschichte?

Wahrscheinlich nicht. Schon die Realität belehrt uns: Die grundsätzliche Einwilligung bedeutet nicht, dass der Partner „Carte blanche“ für alle sexuellen Aktivitäten hat. Immer wieder ergeben sich dabei Fragen, die sich die Teilnehmer im Inneren stellen, aber nicht an den Partner - und manchmal lassen sie etwas zu, was ihnen eigentlich widerstrebt. Hinzu kommt noch, dass der berühmte „freie Wille“ unter der Wirkung der körpereigenen, drogenähnlichen Botenstoffe von der Natur manipuliert wird. Das heißt, der Bewusstseinszustand vor dem Sex ist nicht der gleiche, wie während der sexuellen Aktivitäten, und beim Abklingen der Drogenweinwirkung kann, durchaus Scham über das auftreten, was man getan hat.

Doch während wir als real existierende Liebende nicht jede Phase und jede Facette solcher Vorgänge beschreiben können, kann es eine Autorin für ihre Figur tun. Um es mal einfacher zu sagen: Der ganze Weg von „das tut eine anständige Frau nicht“ über „ich lasse mich treiben und tue es dennoch“ bis hin zu „eigentlich schäme ich mich jetzt dafür“ lässt sich detailliert beschreiben und in Bilder wandeln.

Mehr oder weniger Einvernehmlichkeit?

Natürlich kannst du dahinter zurückbleiben oder noch weiter gehen. Du kannst fragen, wann überhaupt „Konsens“ gegeben ist. Muss, wie wir jüngst lasen, jeder einzelnen Aktivität zugestimmt werden, und wie detailliert muss diese Zustimmung sein? Ist ein „Ja“ nur etwas Wert, wenn genau beschrieben wird, wer mit was wohin eindringen darf? Wie spontan können Liebende sein? Und wie wird ein „stilles Einverständnis“ erzeugt? Was, wenn einer der Partner plötzlich sein Einverständnis widerruft? Oder müssen Paare gar Scripts erarbeite, wie die Abfolge der sexuellen Aktivitäten aussehen soll? Und wie geht die Person damit um, wenn sie schweigend zustimmend, aber dennoch gegen ihren Willen gehandelt hat?

Erotische Literatur ist nicht dazu da, Leser aufzugeilen. Sie soll auch Fragen stellen und sie – wenn möglich kontrovers – beantworten.

Übrigens haben wir die „typische“ Noncom-Literatur noch nicht einmal erwähnt – es wird an der Zeit, sie einmal gründlich zu untersuchen. „Noncom (1)“ heißt: Nicht einvernehmlich. Ob wir uns aufs Glatteis wagen sollten? Besser, wir tun es nicht.

Zitat: "Erotik Schreiben", New York 2002.
(1) Erklärungen zu "Noncom" und anderen Begriffen.
Bild: Buchillustration.

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