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Au Contraire, Mademoiselle - das Wagnis, in die Haut des anderen zu schlüpfen

Denke nochmal - das Wort ist nicht das, was es bedeuten könnte
Wer erinnert sich nicht an den Satz von Hercule Poirot, jene etwas arrogante belgische Detektiv-Gestalt, die durch Agatha Christies Romane zu Weltruhm kam?

Im Gegenteil, Mademoiselle – das waren oft seine charmantesten Worte. Und für das Gegenteil will ich euch heute interessieren. Ich wähle einige Ideen aus, zu denen du selber Plots kreieren kannst. Einige der Themen eignen sich auch zur Selbstüberwindung – ein wichtiger Punkt beim erotischen Schreiben.

1. Konträr: Schönheit oder soziale Stellung. Eine Geschichte, in der deine Figur mit einem hässlichen oder sozial absolut inadäquaten Menschen das Bett teilt. Dieser jedoch erweist sich erotisch als ausgesprochen talentiert.
2. Konträr: die bevorzugte sexuelle Orientierung. Deine Figur gerät in eine Situation, in der ein Mensch des gleichen Geschlechts ausgesprochen attraktiv wirkt – sei es durch sexuelle Entbehrung deiner Figur oder dadurch, dass sie getäuscht wird.
3. Konträr: die Erwartung bei einem Sex-Date. Nimm an, dein Held (diesmal geht nur M) sei völlig auf Analverkehr fixiert. Das wird auch vereinbart – aber nicht so, dass die Dame sich dafür hergibt – im Gegenteil.
4. Konträr: Ein Dreier wird erwartete. Deine Figur denkt, es ginge um einen Mann und zwei Frauen – tatsächlich hat die Initiatorin aber zwei Männer eingeladen. Das Thema gibt es in vielen Variationen, und jede davon hat ihren Reiz.
5. Konträr: Alter – aber ganz anders. Deine Heldin ist eine von jenen Frauen, die optisch nicht altern. Sie ist bereits über 50, aber sie zieht mit ihrem jugendlichen Aussehen ohnehin sehr junge Männer an. Bei einem Date gibt sie an, 30 zu sein.

Der Vorteil für sich ist, dass du bei dieser Art des Schreibens dazu gezwungen bist, die Beweggründe, Sehnsüchte, Lüste und Abweichungen vom „rechten Weg“ nachzuvollziehen. Lass dich von deiner Figur führen – beschreibe ihre Vorbehalte, Ängste, Lüste und Begierden.

Es geht dabei nicht um die Praktiken, sonder darum, wie deine Figuren emotional mit dem Ungewöhnlichen umgehen. Als Icherzähler wirst du dich möglicherweise schneller in sie einfühlen, als du es dir zugetraut hattest.

Wenn du dich fragst: „Was werden die jetzt machen?“, dann könntest du scheitern, weil dir die Praktiken fremd sind. Wenn du aber fragst: „Was werden die jetzt empfinden?“ dann kannst du dich tief in ihre Psyche bohren und dabei manches von dir selbst entdecken.

Ob das dir schadet? Au Contraire, Mademoiselle.

Haben deine Figuren einvernehmlichen Sex?

Offensichtliche Übereinstimmung - oder doch nicht?
Schon lange, bevor es Diskussionen über einvernehmlichen Sex gab, gab es erotische Literatur. Man sprach die Worte „einvernehmlich“ oder „nicht einvernehmlich“ niemals aus, sondern schilderte die Situation, in der beide zusammenkamen. Dabei ergaben sich aus den Lüsten, Begierden, Ängsten und Zweifeln, aber auch aus besonderen Gelegenheiten zahllose Möglichkeiten, „es“ zu tun oder „es“ bleiben zu lassen. Der Klassiker ist eher harmlos: Zwei Personen sind auf Geschäftsreise, einsam und schon länger sexlos – da ergibt sich, dass der Hotelier nur noch über ein Doppelzimmer verfügt. Und schon beginnt das Spiel damit, die Möglichkeit der Nähe zu nutzen oder sie verstreichen zu lassen.

Sind Verführungen "einvernehmlich"?

Manche Zeitgenossen behaupten, Verführungen seien kein „einvernehmlicher“ Sex. Doch die Frage ist nicht, wer den letzten Impuls gab, die Kleider abzulegen und sich dem anderen anzubieten. Die Frage ist vielmehr: Welcher innere Konflikt zwischen Gelegenheit, Begierde und Furcht musste überwunden werden? Warum war die Situation so ungewöhnlich, und wie half die Verführerin oder der Verführer nach, um die letzten Ängste zu überwinden? Und warum willigten am Ende doch beide ein?

Illegaler Sex, leicht pervers angehauchte Praktiken

Zumeist geht es dabei nicht nur um die kleine Hürde, ob sich jemand dem anderen intim nähern sollte. Meist ist noch eine weitere Hürde zu überwinden: Die Sache hat einen Geschmack der Perversion oder Illegalität, des Ehebruchs oder der Unanständigkeit. Oder wie Elisabeth Benedict schreibt:

Gefühle der Hochstimmung, Befreiung, der Widerstände oder Erleichterung … (es endlich getan zu haben) … können von Schuldgefühlen begleitet sein.


Wir können sagen: Einvernehmlich ist vom Anfang bis zum Ende einvernehmlich, in jeder einzelnen Handlung und in allen Ergebnissen inklusive der Nachwirkungen. Einvernehmlichkeit kennt keine Reue.

Ganz einvernehmlich - völlig langweilig?

Aber mal Hand aus Herz - ist das eine Idee für eine spannende und erregende erotische Geschichte?

Wahrscheinlich nicht. Schon die Realität belehrt uns: Die grundsätzliche Einwilligung bedeutet nicht, dass der Partner „Carte blanche“ für alle sexuellen Aktivitäten hat. Immer wieder ergeben sich dabei Fragen, die sich die Teilnehmer im Inneren stellen, aber nicht an den Partner - und manchmal lassen sie etwas zu, was ihnen eigentlich widerstrebt. Hinzu kommt noch, dass der berühmte „freie Wille“ unter der Wirkung der körpereigenen, drogenähnlichen Botenstoffe von der Natur manipuliert wird. Das heißt, der Bewusstseinszustand vor dem Sex ist nicht der gleiche, wie während der sexuellen Aktivitäten, und beim Abklingen der Drogenweinwirkung kann, durchaus Scham über das auftreten, was man getan hat.

Doch während wir als real existierende Liebende nicht jede Phase und jede Facette solcher Vorgänge beschreiben können, kann es eine Autorin für ihre Figur tun. Um es mal einfacher zu sagen: Der ganze Weg von „das tut eine anständige Frau nicht“ über „ich lasse mich treiben und tue es dennoch“ bis hin zu „eigentlich schäme ich mich jetzt dafür“ lässt sich detailliert beschreiben und in Bilder wandeln.

Mehr oder weniger Einvernehmlichkeit?

Natürlich kannst du dahinter zurückbleiben oder noch weiter gehen. Du kannst fragen, wann überhaupt „Konsens“ gegeben ist. Muss, wie wir jüngst lasen, jeder einzelnen Aktivität zugestimmt werden, und wie detailliert muss diese Zustimmung sein? Ist ein „Ja“ nur etwas Wert, wenn genau beschrieben wird, wer mit was wohin eindringen darf? Wie spontan können Liebende sein? Und wie wird ein „stilles Einverständnis“ erzeugt? Was, wenn einer der Partner plötzlich sein Einverständnis widerruft? Oder müssen Paare gar Scripts erarbeite, wie die Abfolge der sexuellen Aktivitäten aussehen soll? Und wie geht die Person damit um, wenn sie schweigend zustimmend, aber dennoch gegen ihren Willen gehandelt hat?

Erotische Literatur ist nicht dazu da, Leser aufzugeilen. Sie soll auch Fragen stellen und sie – wenn möglich kontrovers – beantworten.

Übrigens haben wir die „typische“ Noncom-Literatur noch nicht einmal erwähnt – es wird an der Zeit, sie einmal gründlich zu untersuchen. „Noncom (1)“ heißt: Nicht einvernehmlich. Ob wir uns aufs Glatteis wagen sollten? Besser, wir tun es nicht.

Zitat: "Erotik Schreiben", New York 2002.
(1) Erklärungen zu "Noncom" und anderen Begriffen.
Bild: Buchillustration.

Ist Ethik in der erotischen Literatur scheißegal?

Wer von Literatur redet, der meint das geschriebene Wort. Indem wir es niederschreiben, definieren wir nicht nur unser eigenes Universum, wir versuchen auch, in die Universen unserer Leser(innen) einzudringen.

Wie gehen wir dabei mit „Geschlecht und Identität“ um? Schludrig? Verantwortlich? Oder sagen wir uns einfach: „Lasst mich bitte in Ruhe mit dem Ethikkrempel, ich will meine Leser(innen) unterhalten?

Ich interessiere mich wahrhaftig für eure Antworten.

Es wäre gut, auch diesen Artikel zu lesen.

Gebunden sein zwischen "Tu es!" und "Wehe, du tust es!"

Widersprüche zwischen Lüsten, Normen und Verhaltensweisen
Ein altes Thema holte mich dieser Tage wieder ein: Doppelbindung. Wer das googlen sollte, wird schneller verwirrt, als dass er korrekte Information bekommen würde.

Tu es, aber wehe du beginnst wirklich damit

Sagen wir’s mal so: Wenn du etwas tun sollst, aber es eigentlich lieber lassen solltest, dann sitzt du in der Klemme. Da sagt die Mutter zur Tochter: „Gehe endlich mal deine eigenen Wege und spiel nicht dauernd mit dem Handy herum – aber wehe, du lässt dich da draußen auf Männer ein.“ Das ist eine häufige Version des alten Themas: „Tu endlich etwas – aber wehe, es hat Konsequenzen“.

Bei Dates ist die Methode „Doppelbindung“ beliebt

Bei Dates wird häufig eine Methode angewendet, die aus einem inneren Konflikt einen äußeren macht. Die Frau hat sich mit viel Mühe die Zeit für ein Date erkämpft, war beim Friseur und bei der Kosmetikerin, hat sich sexy Wäsche als letzte Hülle besorgt und zeigt mit jeder Faser, dass sie erwartet, verführt zu werden. Sagt ihr in Aussicht genommener Lover aber zu früh: „Komm lass uns zu mir gehen, du hast doch nichts anderes vor?“, wird sie vielleicht antworten: „Hältst du mich für eine Schlampe, die gleich mit jedem mitgeht?“

Ein sehr populäres Beispiel aus jüngster Zeit: Sie gilt als emanzipiert und ist auffällig feministisch orientiert. Er fragt politisch korrekt, ob er sie küssen darf. Sie sagt: „Mann, was bist du für ein Schlappschwanz … wenn du so fragst, kannst du gleich in den Wind schießen!“

Bindung an Begierde und Bedenken zugleich

Die Doppelbindung ist also eigentlich keine „Doppelte Bindung“, sondern eine Bindung an zwei Teile eines offenkundigen Widerspruchs, so wie im Schlager „Komm“ (1):

Sie denken sicher weiß Gott was,
weil ich Sie eingeladen hab’,
und Sie sind jetzt mit mir allein!

Vielleicht ist’s besser, dass Sie geh’n,
Sie glauben sonst wohlmöglich noch,
das ist so üblich hier bei mir.


Vielleicht hat der Schlagertext euch den letzten Kick gegeben, um den Widerspruch zu verstehen. „Verführ mich um Himmel willen endlich, aber glaub ja nicht, dass ich die Absicht dazu hatte.“

Doppelte Bindungen im erotischen Roman

Im erotischen Roman kannst du diesen Umstand jederzeit verwenden, und viele Autorinnen tun es auch schon. Dabei kannst du von verschiedenen Widersprüchen ausgehen:

1. Was sie sagt, passt nicht zu ihrer Körperhaltung. Üblicherweise sagt sie, dass sie keinen Sex will, kann aber die Beine nicht zusammenhalten und ihre Augen strahlen Bedürftigkeit aus.
2. Das Gegenteil: Sie sagt etwas sehr Sinnliches. Ihre Körperhaltung ist dabei aber steif und unnahbar.
3. Sie weist ihn ab, als er sie küssen will. Als er sie später fragt, ob er sie küssen darf, sagt sie: „So geht es schon gar nicht.“
4. Ihre Kleidung passt nicht zu ihrem Anliegen. Sie wünscht, dass er ihr Buch beurteilt, aber sie ist so aufregend angezogen, dass er völlig abgelenkt wird.

Umsetzung des Widerspruchs

Die Widersprüche können deiner Figur bewusst sein oder auch nicht – sie können aber auch ein Trick sein, um die Partner(innen) zu täuschen. Oder sie können Teil eines verborgenen psychischen Problems sein, dass durch eine Provokation gelöst werden soll oder eben auch zufällig gelöst wird.

Ein Beispiel aus einem Roman – die Entlarvung

In einem sehr erotischen Roman (2), der in Deutschland kaum bekannt ist, entlarvt die lesbische Verführerin ihre unschlüssige Partnerin, in dem sie die Widersprüchlichkeit aufdeckt:

Du bewegst jedenfalls deinen Bürzel wie ein Mäuschen vom Kabarett mit dem kleinen Fummel zwischen den Beinen, ohne den kleinsten Hintergedanken … oder? Aber es gibt einen Unterschied zwischen der Art, wie du dienen Hintern bewegst und dem, was dein verführerisches Mündchen hervorbringt.


Entsprechen geht es weiter. Nach und nach verliert sich die Fassade, und die Verführerin wird noch deutlicher:

Du bist eine heilige Kokotte. Du liebst es, wenn man dir in den Schritt schielt, und dabei tust du so, als ob du es gar nicht bemerkst.


Andere Möglichkeiten

Die „Entlarvung“ ist nicht unbedingt nötig, macht sich als Stilmittel aber gut, weil nun die Fassade bröckelt und die zur Schau getragene Schicht (in diesem Fall der heterosexuellen, distanzierten Journalistin) ganz von der Person abfällt.

Wichtiger ist, die Gegensätze, an die deine Figur innerlich gebunden ist, deutlich zu machen. Die naturgegebene Wollust gegen die gesellschaftliche Konvention, die Furcht vor Entlarvungen gegen die Begierde, die religiöse Bindung gegen den liberalen Anspruch. Das „warnende Mäuschen hinter dem Ohr“ gegen den Anspruch auf eigenständige Lüste. Es mögen nicht alles wirkliche „Doppelbindungen“ sein – immerhin aber es sind bekannte Konflikte, die „an die Nieren gehen“, und sie quälen deshalb die Figuren erotischer Romane immer wieder.

(1) Gerog Kreisler, gesungen von Topsy Küppers)
(2) Fuchsia (Autorin Anne Félix)
Bild: Carouchet, Teilansicht (1904) in: La Flagellation à travers le monde

Die Frau, die sich nicht traut - ihn zu fragen

Sie errötet bei der Ausführung - und beim Gedanken errötet jede Frau, oder?
Ob du schreibst oder nicht schreibst: Hast du schon mal stundenlang überlegt, ob du deinen Partner nach etwas sexuell Ungewöhnlichem fragen solltest? Warst du schon mal so verlegen, dass du es einfach nicht gewagt hast?

War es eine sexuelle Praxis, die du schon lange an dir oder an ihm ausprobieren wolltest? War es ein Toy, das du dir ja leicht selber bestellen konntest – aber dann musstest du es ihm ja beichten, bevor du es an ihm einsetzt? Oder er an dir?

Verlegenheit, Angst vor der Reaktion? Und diese Fragen:

Wie könnte ich danach fragen? Was würde er von mir denken?


Die Botschaft für Autorinnen

Nun, was ist meine Botschaft? Ganz einfach. Wenn du oder deine Figur so etwas planen würde (egal, um was es sich handelt), dann würdet ihr (also du oder deine Figur) eine Weile nachdenken müssen. Wie sag ich es ihm? Wann sag ich es ihm? Ist es überhaupt so wichtig, dass wir darüber reden müssen? Kann ich nicht auch „ohne“ leben? Und was, wenn er ablehnt, eventuell sogar brüsk, oder wenn er mich gar verdammt, solche Dinge zu fordern?

Du kannst sicher sein, dass sich viele Frauen schon ähnliche Fragen gestellt haben: Von „darf ich das überhaupt wagen“ bis „wie bringe ich ihn dazu, es mit mir zu probieren?“

Bringe deine Figur nun ins Spiel … lass sie schwitzen, zweifeln und erröten. Spürst du, wie ihre Hände feucht werden, ihr das Blut in die Wangen steigt, sie schnell noch mal aufs Klo geht, weil sie so aufgeregt ist? Ja, sie wird ihn fragen … gleich, wenn er heimkommt.

Bild: Ca. 1936, Illustration, Ausschnitt